Flugzeugentführungen eignen sich für maximale Propaganda
Der Vorfall im Flydubai-Flug 1073 am 30. September 2026 hat sofort zu Spekulationen geführt: Handelte es sich um einen gezielten Terroranschlag, oder hatten israelische Geheimdienste ihre Finger im Spiel?
Letztere Überlegung wird in dem englischen Wikipedia-Eintrag, der zu dem Ereignis vorliegt, als „antisemitische Desinformation“ sowie „Verschwörungstheorie“ bezeichnet:
Antisemitic tropes, anti-Zionist disinformation and conspiracy theories circulated online, claiming that the incident was an Israeli-planned or staged false flag operation. Monitoring of social media by the Combat Antisemitism Movement and the Antisemitism Research Center showed conspiracy theories being spread as early as 67 minutes after the plane squawked an emergency signal (i.e., while the plane was still in the air). More than 3,000 posts claiming Jewish or Israeli involvement in the incident were posted in a twelve-hour period after the news was first reported, including nearly 4,000 using the term "false flag".
Bemerkenswert ist in jedem Fall, wie Premierminister Benjamin Netanyahu noch am selben Tag mit offensichtler Begeisterung den Bericht eines der Helden von Flug Flydubai-Flug 1073 entgegennahm.
Aber lassen wir das so stehen und stellen uns stattdessen die Frage: Gibt es Vorläufer solcher Terroroperationen, bei denen es einen begründeten Verdacht gibt, dass westliche Geheimdienste als Mittäter im Boot – oder besser gesagt Flugzeug – saßen?
Dazu schauen wir uns im Folgenden das Drama von Entebbe aus dem Jahre 1976 an. Es handelt sich um eine Flugzeugentführung und deren spektakuläres Ende, das indirekt – aber doch sehr persönlich – mit dem jetzigen israelische Premierminister Benjamin Netanyahu zu tun hat und das den legendären Ruf Israels bei der Bekämpfung des Terrorismus begründete.
Jahrzehnte später tauchten Dokumente auf, die nahelegen, dass israelische Geheimdienste bei diesem Akt des Terrors nicht nur Vorwissen hatten, sondern aktiv daran beteiligt waren.
Der Artikel stammt von Ende Februar 2024 und ist bislang unveröffentlicht. Er ist eingebettet in die Ereignisse, die sich nach dem Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023 entwickelten.
Kategorische Verneinung und Wahrheitsfindung
Eine wichtige Lektion, die sich einem aufdrängt, wenn man Artikel wie diese schreibt, lautet: Verneint ein Politiker kategorisch und mit Vehemenz einen Tatbestand, darf man davon ausgehen, dass das Verneinte stimmt. Vehemenz braucht es nämlich nur dann, wenn ein Politiker fest entschlossen ist, jegliche Diskussion im Keim zu ersticken, weil die Wahrheit nicht auf seiner Seite steht. Ansonsten könnte er gelassen bleiben; auf jede Frage sollte er eine probate Antwort wissen. Die kategorische Verneinung kommt erst dann ins Spiel, wenn es peinsam zu werden droht und keine andere Option mehr offen zu stehen scheint.
Schauen wir uns zwei Beispiele an, die diese Einsicht bestätigen können.
Drei Monate nach dem Terrorangriff der Hamas auf Militärstützpunkte, Kibbuzim und andere Orte in Israel, bei dem über 1.000 Menschen getötet und fast 250 verschleppt wurden, beginnt die Regierung um Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, Pläne für die Zukunft des Gazastreifens zu entwerfen. Was soll nach dem Ende der Militäroperation, die auf den Terrorangriff folgte, mit den Menschen in dem völlig zerbombten Gebiet geschehen?
Dazu schreibt die Times of Israel am 3. Januar 2024:
The `voluntary´ resettlement of Palestinians from Gaza is slowly becoming a key official policy of the government, with a senior official saying that Israel has held talks with several countries for their potential absorption.
Die anonyme Quelle im Sicherheitskabinett sagt der Zeitung wörtlich: “Congo will be willing to take in migrants, and we’re in talks with others.”
Hinter dieser Politik stünde Ministerpräsident Netanyahu, so die Times of Israel, „he is working to facilitate the voluntary migration of Gazans to other countries“. Er selber wird wie folgt zitiert: „Our problem is [finding] countries that are willing to absorb Gazans, and we are working on it.”
Weiter heißt es im Text:
Ministers and lawmakers from Netanyahu’s Likud have also been advocating the policy. On Tuesday, Intelligence Minister Gila Gamliel told Zman that `voluntary migration is the best and most realistic program for the day after the fighting ends´.
Die Ministerin macht ferner deutlich, dass das Gebiet nicht wieder unter palästinensische Kontrolle kommen dürfe:
Gamliel said that Gaza must not be handed over to the Palestinian Authority, and Gazans must not be left in the Strip to be educated to hate, as that would mean that further attacks on Israel are only a matter of time. While rejecting the PA’s return, the government has offered few details on what political entity it wants to rule Gaza.
Die Sache scheint klar: Die Geschichte ist sauber recherchiert und wird untermauert mit direkten Zitaten aus höchster Regierungsebene.
Sie ist zudem plausibel, denn Israel verfolgt laut den Vereinten Nationen seit Jahren eine Politik, die den Gazastreifen „unbewohnbar“ machen soll. Bei erfolgreicher Exekution dieser mutmaßliche Pläne bliebe für die Menschen in Gaza logischerweise nur noch die Auswanderung als Alternative.
Indes, jetzt könnte die Gelegenheit gekommen sein, Nägel mit Köpfen zu machen und die Sache zu beschleunigen – eine bessere wird sich den israelischen Strategen kaum bieten. Als neutraler Beobachter gibt es deswegen keinen Grund, den Wahrheitsgehalt der Geschichte zu hinterfragen.
Nur eine Woche später hört sich die Sache jedoch ganz anders an. Benjamin Netanyahu stellt sich vor die Weltpresse und versucht, die Wogen zu glätten:
I want to make a few points absolutely clear (..). Israel has no intention of permanently occupying Gaza or displacing its civilian population. Israel is fighting Hamas terrorists, not the Palestinian population, and we are doing so in full compliance with international law.
Der Grund für die kategorische Verneinung („I want to make a few points absolutely clear“) ist die scharfe Kritik, die aus den USA kam, nachdem die „freiwillige Migration“ eine Woche vorher in den Medien zur offiziellen Regierungspolitik erklärt worden ist.
Denn letztlich ist der Begriff eine nette Umschreibung für „ethnische Säuberung“, die der wertebasierte Westen kaum dulden kann, zumindest dann nicht, wenn sie so offen diskutiert wird.
Tatsächlich ließ die israelische Regierung bereits im November 2023 einen Testballon starten, ob sie mit dieser Idee durchkommen könnte. Danny Dannon, ein Knesset-Mitglied der Likud-Partei, stellte im Wall Street Journal einen detaillierten Plan für die „palästinensische Auswanderung“ vor. Das löste schon damals Empörung in der arabischen Welt aus, der jordanische Außeminister sprach von „systematischen Versuchen“, den Gazastreifen zu entvölkern.
Regierungssprecher Eylon Levy sah sich genötigt, auf entsprechende Journalistenfragen wie folgt zu antworten:
These are outrageous and false accusations. Israel is fighting to defend itself from the monsters who perpetrated the massacres of October 7th and the purpose of our campaign is to bring those monsters to justice and insure that they can never again hurt our people (..).
Gleiches Thema, ähnlicher Hintergrund – und wieder eine kategorische Verneinung, diesmal der vehementen Art („outrageous and false accusations“). Das Wort „ungeheuerlich“ (outrageous) sollten wir im Hinterkopf behalten, es ist ein gern benutzter Begriff bei dieser Art von Krisenmanagement.
Die maximale Ausschlachtung des Terrors
Für das zweite Beispiel gehen wir einige Jahrzehnte zurück, wir schauen also in die Geschichte und holen ein wenig aus. Der Fall ist viel brisanter als der erste, für unbedarfte Beobachter des Weltgeschehens dürfte er im wahrste Sinne des Wortes unglaublich sein. Anders gesagt: Sie werden es kaum glauben können, dass so etwas tatsächlich geschieht.
Am 27. Juni 1976 startet am Vormittag vom Flughafen Tel Aviv ein Airbus des Typs A300 in den Himmel. Ziel der Air-France-Maschine ist Paris.
Doch das Schicksal meint es nicht gut mit den Reisenden: Auf dem Zwischenstopp in Athen steigt ein deutsch-palästinensisches Terrorkommando zu, das den Airbus in seine Gewalt bringt und über Libyen nach Entebbe umleitet, der Hauptstadt Ugandas.
Dem Kommando gehören Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann von den Revolutionären Zellen an sowie Mitglieder der Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP), einer radikalen Untergruppe der PLO, die jegliche Friedensverhandlungen mit Israel ablehnt. In der Maschine befinden sich 246 Passagiere und 12 Crewmitglieder, sie kommen aus den unterschiedlichsten Nationen, die meisten aus Israel.
Was nach der Landung in Entebbe passiert, beschreibt die Online-Enzyklopädie Wikipedia wie folgt:
In der Transithalle `selektierten´die Terroristen die jüdischen Passagiere von den anderen. Neben den israelischen Staatsbürgern waren dies 22 Franzosen, ein Staatenloser sowie das amerikanische Ehepaar Karfunkel, ungarisch-jüdischer Herkunft. Die übrigen Geiseln wurden freigelassen. Die verbliebenen Geiseln ohne israelischen Pass wurden aufgrund ihrer vermeintlich jüdischen Namen oder anderer Indizien – teilweise fälschlich – als Juden identifiziert. Diese Selektion wurde von den deutschen Terroristen Böse und Kuhlmann übernommen. Als ein Holocaustüberlebender Böse dabei seine eintätowierte Häftlingsnummer zeigte und ihn so an die Selektion in den Konzentrationslagern erinnerte, erwiderte Böse auf den darin implizierten Vorwurf, er sei kein Nazi, sondern Idealist.
Die Geiseln sollten gegen in Israel, der Schweiz und der Bundesrepublik inhaftierte Terroristen ausgetauscht werden, doch die Regierung in Tel Aviv entschied anders: Sie stellte ein Kommando von über hundert Elitesoldaten zusammen, das per Flugzeug in einer tollkühnen Aktion nach Uganda verbracht wurde und in der Nacht zum 4. Juli 1976 das Hauptgebäude des Flughafens in Entebbe erstürmte. Dort waren die Opfer gefangengehalten worden.
Bei der wilden Schießerei kamen sämtliche Terroristen sowie mindestens zwanzig ugandische Soldaten ums Leben, außerdem bezahlten drei Geiseln die Aktion mit ihrem Leben. Das israelische Elitekommando hingegen hatte nur ein Todesopfer zu beklagen: den Oberstleutlant Yonatan Netanyahu, ein älterer Bruder von Benjamin Netanyahu, der Jahre später die Politik seines Landes nachhaltig prägen sollte.
Der israelische Sicherheitsapparat schlachtete das Ereignis binnen kürzester Zeit maximal aus.
Noch in der Nacht der Befreiung telefonierte Uri Dan, ein gut verdrahteter Reporter der Zeitung Maariv, mit Präsident Idi Amin. Der Diktator war mit Hilfe des israelischen Militärs 1971 an die Macht gekommen, später jedoch – so besagt die Legende – habe er sich mit seinen Gönnern überworfen. Bei der Entführung hatte Idi Amin offensichtlich mit den Terroristen kooperiert.
Dem israelischen Reporter jammerte er am Telefon vor, dass die Erstürmung des Flughafens ganz schrecklich sei und er die Geiseln doch so gut behandelt hätte.
Nur acht (!) Tage später veröffentlichte ein israelischer Verlag die über 130 Seiten umfassende Heldenchronik, Ende Juli folgte die amerikanische Version, die postwendend ins Deutsche übersetzt wurde.
Wie wahrscheinlich ist es, dass ohne Vorwissen der Ereignisse binnen kürzester Zeit ein Buch über dieselben erscheint?
Zahlreiche weitere Bücher sowie Filme folgten im Stakkato-Takt. In einem der Filme spielen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und Verteidigungsminister Shiman Peres sich selbst.
Die Operation von Entebbe wurde zu einem Wendepunkt im Kampf gegen den Terrorismus erklärt, der die westliche Zivilisation nach damaliger Lesart existenziell bedrohte. Israel habe der Welt gezeigt, wie man dieser Art von Erpressung entgegenzutreten habe: mit Entschlossenheit und ohne Furcht.
Ein Alptraum namens „Frieden“
Anfang Juni 2007 veröffentlichte das British Archive ein Memo des britischen Diplomaten DH Colvin, das er am 30. Juni 1976 verfasst hatte. Es erzählt eine ganz andere Geschichte von den dramatischen Ereignissen in Entebbe; genau genommen zündete er eine kleine Bombe, die alles hätte durcheinander wirbeln können, wenn sie in Echtzeit an die Öffentlichkeit gelangt wäre.
Die Jerusalem Post eröffnete ihren Artikel dazu am 7. Juni 2007 mit folgenden Worten:
The Shin Bet (Israel Security Agency) may have been involved in the hijacking of an Air France plane in 1976 by Palestinian terrorists, according to newly declassified British government documents released Friday.
Auch die BBC schenkte dem Dokument Aufmerksamkeit:
An unnamed contact from the Euro-Arab Parliamentary Association told a British diplomat in Paris that the Israeli Secret Service, the Shin Bet, and the Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP) collaborated to seize the plane.
Man darf annehmen, dass die Quelle, auf die sich der britische Diplomat berief, eine hochwertige war, ansonsten hätte er sich kaum getraut, sein explosives Memo nach London zu schicken.
Wenn aber das, was DH Covin erfuhr, tatsächlich der Wahrheit entspricht oder ihr auch nur nahe kommt, heißt das im Klartext: Der israelische Sicherheitsapparat kollaborierte mit seinen Todfeinden und nahm wissentlich den Tod vieler seiner Staatsbürger in Kauf, um bestimmte Ziele zu erreichen.
Was aber könnten die Ziele gewesen sein, die solch einen Terrorakt rechtfertigten?
In dem Memo, aus dem der Guardian zitiert, heißt es:
The operation was designed to torpedo the PLO's (Palestine Liberation Organization) standing in France and to prevent what they see as a growing rapprochement between the PLO and the Americans.
Sorgen bereitete den Israelis die Vorstellung, so der britische Diplomat, dass der kommende amerikanische Präsident ernstzunehmende Friedensverhandlungen starten könnte.
Diese Sorge teilten sie mit der PFLP und anderen radikalen Palästinenserorganisationen, die jegliche Normalisierung mit Israel ablehnten:
Their nightmare is that after the November elections, one will witness the imposition in the Middle East of a Pax Americana, which will be the advantage of the PLO (who will gain international respectability and perhaps the right to establish a state on evacuated territories) and to the disadvantage of the Refusal Front (who will be squeezed right out in any overall peace settlement and will lose their raison d'etre) and Israel (who will be forced to evacuate occupied territory). Hence the unholy alliance of the hijacking.
Das Memo legt nahe, dass die Führung der PFLP diese „unheilige Allianz“ nicht bewusst einging, sondern angetrieben wurde von bestimmten „Elementen“:
My contact said the PFLP had attracted all sorts of wild elements, some of whom had been planted by the Israelis.
Anzumerken ist ferner, dass der britische Diplomat bereits ahnte, wie tief Idi Amin offensichtlich in die Entführung verwickelt gewesen war:
On balance it seems that there was a culpable degree of collusion between President Amin and the hijackers, and that the president's attitude made it much easier for the hijackers to persist in their demands.
Während der Verhandlungen hielt der ugandische Präsident engen Kontakt zu seinem Freund und Mentor, dem ehemaligen israelischen Militärattaché in Entebbe, Col. Bar Levi.
Der britische Guardian, der als erstes Medium über das Memo berichtete, thematisierte eine weiteren, nicht unwichtigen Aspekt:
The document said France was being sent the message that a pro-Palestinian policy was "no guarantee" it would not be targeted by Palestinian terrorists. (..) Particularly if it ends in bloodshed, "the incident will have damaged the Palestinian cause with French public opinion", the document noted.
Bemerkenswert ist, wie der britische Diplomat die vermeintliche Terrorkooperation zwischen Israel und seinen Todfeinden bewertete:
The diplomat drew several lessons from the incident, including the need for international collaboration to counter international terrorism and the blow that had been dealt to the theory that a western country could in any sense be a terrorist-free sanctuary.
Anders ausgedrückt: Man müsse sich künftig gegen diese Art von False-Flag-Terrorism besser schützen.
Shimon Peres, der die Befreiungsaktion dreißig Jahre vorher zu verantworten hatte, lebte im Juni 2007 noch. Die Jerusalem Post wollte von ihm wissen, was er von dem Memo hielt:
Shimon Peres, who was defense minister at the time of the hijacking and Entebbe rescue, said over the weekend that the claims were so outrageously baseless that they did not merit comment.
Die Vorwürfe seien also „ungeheuerlich“ und entbehrten „jeglicher Grundlage“. Mit großer Wahrscheinlichkeit bestätigte Shimon Peres damit das genaue Gegenteil.
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