Denn sie wissen, was sie wollen

Schwere Waffen für einen langen Krieg

Die NATO will jetzt offiziell das umsetzen, was sie von Anfang an angekündigt hat: einen langen Abnutzungskrieg gegen Russland auf dem Territorium der Ukraine.

Deswegen schickt sie Waffen ohne Ende, schwere wie leichte, große wie kleine.

Eine Kriegschronik.

Foreign Affairs, 25. Februar 2022:

Zitat:

Weiter:

Und weiter:

27. Februar 2022, auf Twitter:


Politico, 1. März 2022, 4.41 AM:

Zitat:

Stellen Sie sich eine Schlagzeile aus dem Januar 2032 vor, wenn Sie so wollen. Sie lautet: „Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien in der Ukraine unterzeichnet, Ende der 10 Jahre andauernden Kämpfe um die Kontrolle von Kiew.“

Da der Krieg Russlands gegen die Ukraine weiter eskaliert, ist ein solcher Zeitplan weder unmöglich noch pessimistisch. Vielmehr ist dies der wahrscheinlichste Weg für die Ukraine, einen langwierigen Kampf mit Russland zu gewinnen, und dieser Sieg wird nur möglich sein, wenn die NATO-Mitglieder den Widerstand gegen eine russische Besetzung kontinuierlich unterstützen.

CBS News, 1. März 2022, 4.40 PM:

Zitat:

Mathias Döpfner in der BILD, 4.3.2022:

Zitat:

Die ersten Wochen des Krieges vergehen, ein Guerilla-Krieg entwickelt sich vorerst nicht. Vielmehr leistet die ukrainische Armee auf konventionellem Weg erbitterten Widerstand.

Die Stimmung heizt sich auf, es kommt zum vermeintlichen Massaker von Butscha.

Stimmen wie diese werden immer lauter:

ZDF, 11.4.2022.

Nach sechzig Tagen Krieg ist die Zeit reif, offiziell das anzukündigen, was ganz offensichtlich von Beginn an das Ziel war: eine Schwächung Russlands über einen Stellvertreterkrieg in der Ukraine.

Washington Post, 25. April 2022:

Zitat:

Die Vereinigten Staaten hoffen, dass der Krieg in der Ukraine zu einem „geschwächten“ Russland führen wird, das nicht mehr in der Lage ist, in seine Nachbarländer einzumarschieren, sagte Verteidigungsminister Lloyd Austin am Montag – eine Verschärfung der Rhetorik gegenüber Moskau, während sich der Konflikt in seinen dritten Monat hineinzieht.

„Wir wollen, dass Russland so weit geschwächt wird, dass es die Dinge, die es bei der Invasion der Ukraine getan hat, nicht mehr tun kann“, sagte Austin.

Die FAZ folgt diesem Narrativ. 27. April 2022:

Zitat:

8. Mai 2022: NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg legt in der Welt am Sonntag nach. Nun wissen wir endgültig Bescheid:


Zitat:

Wir müssen leider auf einen langen Krieg in der Ukraine vorbereitet sein, der Monate oder gar Jahre dauern kann. Auf lange Sicht kann die Ukraine ihre Verteidigung nicht nur mit Waffen, die noch aus der Ära der Sowjetunion stammen, durchführen, sondern sie muss zu modernen Waffen übergehen. Nur so kann Kiew die russische Invasion erfolgreich abwehren. Die Ukraine benötigt dringend weitere schwere Waffen, der Westen sollte seine Lieferungen intensivieren, noch mehr tun und sich auf ein langfristiges Engegament vorbereiten.

Das Ziel der ganzen Aktion hatte Emily Haber, deutsche Botschafterin in Washington, bereits am 25. Februar 2022 formuliert:


Mein Kommentar dazu:

AFP, 1.5.2022.

Selbst wenn die ukrainischen Soldaten ausgelaugt sind und ihre Regierung darüber nachdenken sollte, mit Russland zu verhandeln, scheint das kaum noch möglich.

Die Sache liegt nicht mehr in der Hand der Ukraine, vielleicht war das nie der Fall.

So gesehen ist sie kein souveräner Staat, obwohl das rauf und runter proklamiert wird:

Agnieszka Brugger, Partei Die Grünen.

Hier ist ein aufschlussreiches Zitat aus der Washington Post (5. April 2022), aus dem hervorgeht, dass die NATO diesen Krieg unbedingt verlängert sehen will, zur Not gegen den Willen der Ukraine:

Die Ukrainer sind (..) in einen umfassenderen Kampf für Europa verwickelt, so die NATO-Führung.

„Ich hoffe, sie werden hart wie Stahl sein. Ich unterstütze maximale militärische Unterstützung und maximale Sanktionen“, sagte der lettische Verteidigungsminister Artis Pabriks in einem Interview. „Russland muss verlieren und die Verbrecher sollten vor Gericht stehen.“

Selbst ein ukrainisches Versprechen, nicht der NATO beizutreten – ein Zugeständnis, das Zelensky öffentlich ins Spiel gebracht hat – könnte einigen Nachbarn Sorgen bereiten. Das führt zu einer unangenehmen Realität: Für einige in der NATO ist es besser, wenn die Ukrainer weiter kämpfen und sterben, als einen Frieden zu erreichen, der zu früh kommt oder zu einem zu hohen Preis für Kiew und das übrige Europa.

„Viele von uns wollen, und das ist absolut menschlich, dass der Krieg so schnell wie möglich beendet wird, dass die Menschen nicht leiden und nicht sterben und dass es keine Bombardierungen gibt“, sagte ein hochrangiger europäischer Diplomat, der wie andere unter der Bedingung der Anonymität sprach, um offen über sensible Sicherheitsfragen zu sprechen.

„Wir befinden uns in einem unglücklichen Dilemma. Das Problem ist, dass Russland, wenn es jetzt aufhört, eine Art Zeit hat, sich neu zu formieren, und es wird unter diesem oder einem anderen Vorwand wieder anfangen. Putin wird seine Ziele nicht aufgeben.“

Richard Haass, Präsident des Council on Foreign Relations, eine Institution, die maßgeblich für die Entwicklung und Formulierung amerikanischer Außenpolitik zuständig ist, hat dazu folgendes zu sagen:

Die Ziele des Westens werden unweigerlich von den Geschehnissen vor Ort beeinflusst werden, aber die Geschehnisse vor Ort sollten diese Ziele nicht bestimmen; vielmehr sollten die politischen Ziele das beeinflussen, was vor Ort angestrebt wird.

Sicherlich haben die Ukrainer jedes Recht, ihre Kriegsziele zu definieren. Aber das gilt auch für die Vereinigten Staaten und Europa.

Obwohl sich die Interessen des Westens mit denen der Ukraine überschneiden, sind sie umfassender, einschließlich der nuklearen Stabilität mit Russland und der Fähigkeit, die Entwicklung der iranischen und nordkoreanischen Atomprogramme zu beeinflussen.

Anders gesagt: Die Ukrainer können gerne anmelden, was sie wollen. Entschieden wird woanders.

Wenn es den „politischen Zielen“ des Westens entgegenkommt, dass der Krieg beendet wird, dann wird es wohl geschehen.

Wann wird dieser Zeitpunkt gekommen sein? Wahrscheinlich wird es noch Jahre dauern.

Denn sie wissen, was sie wollen. Und sie wussten es von Anfang an.

***

Die FAZ ahnt etwas…

Die Ukraine als Kanonenfutter

Langsam kommen auch deutsche Zeitungen dahinter, was in der Ukraine gespielt wird, es stört sie aber nicht weiter, wie mir scheint:


Die FAZ schreibt am 27. April 2022:

Die Ziele sind aber gar nicht neu, es stand von Anfang fest, hier nachzulesen (10. März 2022):

Und weiter:

Der Ton des FAZ-Artikels ist für mich unerträglich. Außenminister Blinken werde fast „schwärmerisch“, wenn er von seiner Reise nach Kiew erzählt:

Soll ich was sagen?

Das ist entweder dumm oder zynisch, beides finde ich das Letzte im Angesicht der jetzigen Lage.

Abgesehen davon sollte dieser blinde Washington-Korrespondent vielleicht die wichtigen amerikanischen Medien lesen, um besser im Bilde zu sein.

In Politico stand es bereits am 1. März geschrieben, dass sich die NATO auf einen jahrelangen Krieg vorbereite, Verfasser ist ein Sicherheitsstratege in einem wichtigen Think Tank:


Die russische Armee hat Kiew nicht erobert, möglicherweise um genau das zu vermeiden: einen jahrelangen Häuserkampf.

Aber Amerikaner und Briten sind unverdrossen, sie schicken weiter ihre Spezialeinheiten, die die Ukrainer im Häuserkampf ausbilden, wie FOCUS am 29. April schreibt:

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Von einer, die abbog

Ein paar Zeilen zu Ulrike Guérot

Den Werdegang dieser Frau finde ich sehr spannend.

Man muss bedenken: Die kommt aus dem außenpolitischen Establishment, sie hat u.a. 2013 bei diesem hochkarätig besetzten Projekt teilgenommen:

Ich hab dazu mal ein Radiofeature gemacht.
Die strategische Elite der Bundesrepublik hat etwas ausbaldowert…
Ulrike in dä house.

Dann kam Corona und sie war entsetzt, wie schnell Menschen mundtot gemacht werden können, wenn sie mit ihrer Meinung – oder noch schlimmer: mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen – quer zu dem liegen, was gerade angesagt ist.

Sie lässt sich mittlerweile von sämtlichen alternativen Medien interviewen, sie kennt da anscheinend kaum Tabus, was ich begrüße.

Sie lässt sich aber nicht nur interviewen, sondern verteidigt auch das Recht dieser alternativen Medien, gehört statt diffamiert zu werden.


Die liberale Moderne sieht ganz schön reaktionär aus, wenn Ihr mich fragt.



Ich finde das wirklich mutig, weil sie damit ihren Ruf aufs Spiel gesetzt hat. Zum Glück ist sie weiterhin Professorin an der Universität von Bonn, obwohl es Leute gibt, die gegen sie schießen.


Nicht zum Aushalten, dieses Geschwätz. Alles weiße alte Männer!

Außerdem wird sie weiter von etablierten Medien interviewt, finde ich Spitze.



Haben Brillenträger dickere Nasen? Frag ich mich gerade, auch aus Eigeninteresse..

Diesen Spagat zwischen Establishment und alternativer Sicht auf die Dinge hinzubekommen, ist nicht leicht und in der heutigen Zeit sehr wertvoll.

Es läuft da gerade einiges aus dem Ruder, die größten Tabus von gestern gelten überhaupt nichts mehr.



Manchen Typen wie diesem ZEIT-Redakteur reicht es nicht, verstrahlt zu sein, sie wollen darüber hinaus im Namen der Freiheit so richtig verstrahlt werden!

Alles klar, Alter. Vertrau mal weiter auf die USA, die meinen es voll gut mit uns.

Was ist los mit diesem Land?

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Was will Putin? Teil 2

Der Kampf um die Toiletten

Die Frage, was Putin will, habe ich noch nicht beantwortet, ich habe sie weiter im Hinterkopf und sammle fleißig Material.

Hier habe ich eine interessante Antwort auf diese Frage gefunden, und zwar bei Marina Weisband, ehemalige Politikerin von der Piratenpartei (jetzt Bündnis 90/Die Grünen):


Hier noch ein Kommentar von mir zu dem Thema in einer Facebook-Diskussion vom 23. April 2022:

Ich kann mir vorstellen, dass viele (manche..) der Klischees, die über Russland existieren, stimmen oder zumindest teilweise stimmen; das haben Klischees an sich, sie haben immer einen gewissen Wahrheitsgehalt.

Für mich ist es aber selbstverständlich, dass man sich diesen Klischees nicht einfach so hingebt, sondern versucht, sie in einem angemessenen Rahmen zu dekonstruieren und zu kontextualisieren.

Ich persönlich finde es sehr gefährlich, sich solchen Klischees einfach hinzugeben, auf diese Weise lassen sich Kollektive von Menschen ohne Weiteres „entmenschlichen“.

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Was heißt „unipolare“ Welt?

Ein britischer Kriminologe erklärt, warum der Ukraine-Krieg so außergewöhnlich ist

Ich habe eine Osterpause eingelegt, bald geht´s weiter.

Es wird im nächsten Artikel um diesen sehr interessanten Aufsatz eines britischen Kriminologen gehen, der mit dem Krieg in der Ukraine eigentlich nichts zu tun hat:


Ich bin über den Aufsatz gestolpert, als ich kürzlich eine Masterarbeit in Kriminologie schrieb:


Als ich darüber nachdachte, warum so viele Menschen im Westen den Krieg in der Ukraine als etwas außergewöhnliches betrachten, obwohl doch ständig Krieg ist, fiel mir der Aufsatz und sein Ansatz wieder ein.

Schauen wir mal, wo der Zusammenhang besteht.

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Der Krieg für den Krieg

Was Kunst mit Massenzerstörung zu tun hat

Warum werden Kriege geführt?

Neben vielen Gründen, die man nennen könnte, gibt es einen, der vielleicht der zynischste von allen ist:

Kriege werden geführt, um das Kriegführen nicht zu verlernen. Zudem werden sie geführt, um Waffensysteme zu testen.

Krieg erfüllt also einen Selbstzweck.

La guerre pour la guerre (der Krieg für den Krieg) – so ließe sich dieser Umstand beschreiben, frei nach dem aus der Kunst bekannten Konzept.

Das heißt, die Zivilisten, die Opfer dieser Kriege werden, sind die Versuchskaninchen, an denen die Waffensysteme ausprobiert werden; die Infrastruktur, die pulverisiert wird, ist die Kulisse in diesem Spektakel der Zerstörungskunst.


Sergej Schoigu, Siegesparade am 9. Mai 2014.

Hier zwei Zitate, die das belegen.

Beispiel 1

Der amerikanische Radiosender National Public Radio (NPR) schreibt am 23. Februar 2017:

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu machte sich am Abend vor dem „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ auf den Weg in die Duma, dem Unterhaus des Parlaments. Der Nationalfeiertag am 23. Februar war einst als Tag der sowjetischen Armee und Marine bekannt, und Schoigu, gekleidet in der Uniform eines Generals, prahlte mit den neuesten Errungenschaften des russischen Militärs.

„Wir haben 162 verschiedene Typen gängiger und modernisierter Waffen in Syrien getestet, sie haben ein hohes Maß an Wirksamkeit gezeigt“, sagte Shoigu. Nur 10 Waffensysteme hätten die Erwartungen nicht erfüllt, fügte er hinzu.



Der Kreml hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine Intervention im Namen der syrischen Regierung eine hervorragende Gelegenheit war, seine neuen militärischen Fähigkeiten zu demonstrieren.

Beispiel 2

Am 30. August 2021 schreibt die russische Nachrichtenagentur TASS:

Alle neuen russischen Waffensysteme seien bei der Anti-Terror-Operation in Syrien getestet worden, sagte Verteidigungsminister Sergej Shoigu am Montag in einem exklusiven Interview für den Youtube-Kanal Solovyov Live.

„In Syrien, wo wir über 320 [Waffentypen] getestet haben, haben wir letztlich alle Waffen getestet, die uns zur Verfügung stehen, mit Ausnahme derjenigen, die für jeden leicht verständlich sind“, sagte der Verteidigungschef.

Der zitierte Bericht von NPR konsultiert in der Angelegenheit den Militärexperten Aleksandr Golts, damals „Fellow“ am Kennan Institute in Washington D.C.

Er bringt die Sache in aller Nüchternheit auf den Punkt:

So zynisch es auch klingen mag, sagte Golts, aber echter Kampf [Krieg] ist für jedes Militär der beste Weg, um den Zustand seiner Waffen zu testen.

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Butscha, Ukraine, Teil 3

Eine fiktive Recherchereise

Heute ist der große Tag, an dem ich die Ergebnisse meiner fiktiven Butscha-Reise präsentieren wollte.



Ich habe die Reise abgesagt, warum, sage ich später.

Da alles im Fluss ist, verändert sich täglich mein Blick auf die Dinge.

Das ständige „laute Nachdenken“ über die Dinge bedeutet, dass ich mitten in einem Artikel wie ein fliehender Hase die Richtung wechseln kann. So ist das eben.

In Zeiten des Krieges ist das vielleicht der beste Weg, um sich nicht in eine Idee zu verbeißen, die nur funktioniert, wenn ich alles andere ausblende.

Die Gründe, warum ich diese fiktive Reise unternehmen wollte, werde ich trotzdem veröffentlichen, ich finde sie relevant.

Die Begründung macht den ersten Teil des Artikels aus, der nun folgt und so markiert ist:

Stand: 8. April 2022:

Stand: 8. April 2022, Ende.

Danach werde ich erklären, warum ich die fiktive Reise abgesagt habe.

Es geht los:

Stand: 8. April 2022:

Im dritten Teil der Serie, die sich um das „Massaker von Butscha“ dreht, arbeite ich die Punkte 3 und 4 ab, die ich bei Beginn der Serie niedergelegt hatte. Ich zitiere:

„Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte (als die Russen, A.M.) die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.“

In den vergangenen Tagen hat sich einiges getan, ich habe viele Informationen hinzugewonnen und heute Nacht, kurz vorm Schlafengehen, ist dann der Groschen gefallen bei der Frage nach der besten Methode, um Punkt 3 in den Griff zu kriegen.

Er ist ganz offensichtlich der heikelste Teil meines Versuches, dieses Massaker aus der Ferne aufzuklären.

Deswegen werde ich nun eine fiktive Recherchereise unternehmen, die sich an einem realistischen Szenario orientiert (das gleichzeitig eine Fiktion bleiben wird).

Die Reise geht nach Butscha (Ukraine), der Rechercheauftrag lautet:

„Ist es möglich, dass das Massaker von Butscha nicht von Russen begangen wurde, sondern ein inszeniertes Ereignis war?“

Er ist eine offene Recherche, das ist klar, allerdings würde ich dieser Fragestellung nie nachgehen, wenn ich nicht genügend Hebel hätte, um richtig anzusetzen.

Anders gesagt: Ich würde dieser Frage nie nachgehen, wenn es nicht genügend Gründe gäbe, es zu tun und wenn es nicht genügend Ansatzpunkte gäbe, um in dieser Frage substanziell weiter zu kommen.

Denn wenn es diese Gründe nicht gäbe, wäre es pietätlos, einfach nur aus Prinzip ein Massaker zu hinterfragen, statt die Toten ruhen zu lassen und die Täter in aller Ausdrücklichkeit zu verurteilen (man müsste ja nicht gleich in schamlosen Russenhass verfallen, um das zu tun).



Die Gründe, warum ich überhaupt auf die verrückte Idee komme, allein die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass dieses Massaker inszeniert sein könnte, sind zahlreich, aber gleich zu Anfang möchte ich einen sehr starken nennen, der nicht unbedingt offensichtlich erscheint.

Zu diesem Zwecke zitiere ich vollständig eine Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) vom 6. April 2022.

Sie lautet:

Butscha: Nicht auf Kreml-Lügen hereinfallen

Der Deutsche Journalisten-Verband mahnt die Öffentlichkeit, nicht auf die Propagandalügen des Kreml über das Massaker in der ukrainischen Kleinstadt Butscha hereinzufallen.

Alle bisher vorliegenden Erkenntnisse über den Massenmord, dem mehr als 300 Menschen zum Opfer gefallen sein dürften, legten russische Soldaten als Täter nahe.

Russische Spitzenpolitiker hingegen streiten das ab und behaupten, ukrainische Kräfte hätten ihre eigenen Landsleute umgebracht. Das wird unter anderem durch Satellitenaufnahmen eindeutig widerlegt.

DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall rät deshalb dazu, sich in den journalistischen Medien zu informieren und nicht auf Fake News der russischen Regierung hereinzufallen:

„Das gilt insbesondere für Social Media, wo sich auch die Kreml-Trolle austoben. Recherchierte journalistische Informationen hingegen gibt es bei den Angeboten der Nachrichtenportale.“

Ein Medienbericht koste weniger als ein Becher Coffee to go.

Der DJV-Vorsitzende lobt in dem Zusammenhang den Umgang der meisten deutschen Medien mit den Kriegsbildern aus Butscha und anderen Orten:

„Die Kolleginnen und Kollegen haben den Pressekodex verinnerlicht, der uns im Interesse der Mediennutzer zu einem behutsamen Umgang mit Kriegsbildern verpflichtet.“ (Siehe BILD-Zeitung oben, A.M.)

Einerseits dürfe nicht die Sensation in die Berichterstattung Einzug halten, andererseits dürften die Gräueltaten nicht verschwiegen werden. Überall:

„Das ist eine journalistische Gratwanderung, die wir jeden Tag aufs Neue bewältigen müssen.“

Aber das unterscheide den Qualitätsjournalismus von Propaganda.

Eine Formel für den Krieg

Dieser Text bringt in aller Deutlichkeit auf den Punkt, warum in Kriegen, in denen der Westen klar Stellung bezieht, diejenige Seite, die der Westen als die moralisch reine und verteidigenswerte deklariert hat, fast alles machen kann, was sie will.

Es gilt folgende Kriegsformel:

Ein moralisch reiner Akteur, der bedingungslos verteidigt werden muss, kann die schlimmsten Verbrechen begehen, ohne überführt zu werden, weil ihn niemand seiner Verbrechen überführen will. Denn der moralisch reine Akteur würde sich dann in einen moralisch befleckten Akteur verwandeln, dessen bedingungslose Verteidigung nicht mehr zu rechtfertigen wäre. Der Feind hätte gewonnen.

Dieser Umstand wird von genialen Strategen der psychologischen Kriegsführung in schamloser Weise ausgenutzt: Sie denken sich die verrücktesten Dinge aus, die sich keiner vorstellen kann oder will, um das Kriegsgeschehen zu lenken. (Hier ein eher harmloses Beispiel für diese Art psychologischer Kriegsführung.)

Solche Strategen haben freies Feld, niemand wird ihnen in die Quere kommen – selbst wenn sie in absolut zynischer Weise irgendwelche Massaker inszenieren, um sie dann dem Feind in die Schuhe zu schieben. (Hier ein Beispiel für diese Art der psychologischen Kriegsführung.)

Damit ist noch längst nicht gesagt, dass Butscha so ein Fall ist; es ist damit aber gesagt, dass niemand auch nur auf die Idee kommen würde, es für ein schmutziges Manöver zu halten.

Was der Pressetext des DJV im Kern besagt ist nämlich Folgendes:

In Butscha hat ein Massaker stattgefunden. Die Täter stehen fest: russische Soldaten. Wer das bezweifelt, entlastet die Täter und stellt sich auf ihre Seite. Er ist ein Agent des Kreml.

Anders ausgedrückt: Die Infragestellung der Wahrheit ist Verrat (frei nach George Orwell).

Tatsächlich gibt es namhafte Journalisten, die sich offen zu diesem Prinzip bekennen.

Ein Beispiel:

Russland steht seit Jahren am Pranger, allerdings gab es bis zum 24. Februar 2022 vereinzelte journalistische Stimmen, die sein Vorgehen in einen historischen Kontext stellten. Dazu gehörte Gabriele Krone-Schmalz, früher ARD-Korrespondentin in Moskau, deren Bücher im Beck Verlag erschienen.

Auch der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk veröffentlicht bei Beck. Am 27. Februar 2022 schreibt er seinem Verleger einen Brief, in dem er Gabriele Krone-Schmalz als „geistige Brandstifterin“ diffamiert.

Ein „Donaldist“ , der sich um Islamfragen und Russland kümmert.

Patrik Bahners, Redakteur bei der FAZ und in Islamfragen immerhin ein eigenständiger Kopf, kommentierte diesen Fall wie folgt:

Der wahre Gegenstand der Traktate von Krone-Schmalz ist der Westen, sind „wir“ (..). Die reißerisch aufgemachten Paperbacks redeten die nichtrussischen Mächtigen und vor allem die vermeintlich mächtigen Medien systematisch schlecht. Im schmutzigen Meinungskrieg gegen den Mainstream waren sie der Brückenkopf der verschwörungstheoretischen Gegenöffentlichkeit. Daran verdient zu haben sollte ein Grund für Rechenschaftslegung (!) sein.

Welcher investigative Journalist würde es wagen, in so einem Meinungsklima die „Wahrheit von Butscha“ auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen?

Selbst wenn er wollte, würde er es nicht können. Schon die Idee für seine Geschichte würde vom nächsthöheren Redakteur begraben werden.

Die folgende Recherchereise ist also nicht nur im physischen Sinne fiktiv – ich bin ja nicht hingereist -, sondern auch in anderer Hinsicht eine Fiktion: Sie könnte in dieser Form nie stattfinden und hat mit der medialen Realität in Deutschland nichts zu tun.

(Die oben verlinkte Dokumentation und dieser Monitor-Bericht strafen mich in gewisser Weise Lügen…)



Ungeachtet dessen lege ich jetzt los.

Am Anfang steht die Frage: Welche Zeitung wäre geeignet? Sie muss ein hohes Renommee haben, das ist Bedingung, ansonsten wird der Zugang zu Interviewpartnern in wichtigen Positionen schwerer.

Außerdem soll die Geschichte eine Wirkung erzielen, der Aufwand würde sich sonst nicht lohnen.

Zweitens muss die Zeitung ein „Buch“ (also eine Rubrik) haben, wo viel Platz ist, um die Geschichte aufzuschreiben. Das ist in diesem Fall ebenfalls Bedingung; wenn ich ein gängiges Narrativ hinterfragen will, brauche ich Platz für Argumente und Belege.

Aus meiner früheren Zeit als Journalist fällt mir das Dossier der ZEIT ein, das wäre der geeignete Ort für so ein Unterfangen (allerdings nur in der Fiktion, wie gesagt).

Stand: 8. April 2022, Ende.

Warum habe ich nicht weiter geschrieben? Weil mir Leute sagten: „Schau noch mal genauer hin.“

Es tauchten diverse Berichte auf, in denen Augenzeugen zitiert werden, die Gräueltaten der Russen beobachteten.

Der SPIEGEL machte seine Titelgeschichte daraus.


Der SPIEGEL, 9. April 2022.

Deswegen sehe ich mich gezwungen, erstmal einzulenken. Vielleicht ist es doch pietätlos, ein Massaker zu hinterfragen, das – scheinbar ohne Zweifel – die Russen begangen haben?

Im zweiten Teil der Serie schrieb ich diese Sätze:

Grundsatzlich ist klar: Die russische Armee muss als möglicher Schuldiger ins Auge gefasst werden, und zwar an erster Stelle: Sie hat die Waffen und kontrolliert die Städte, die sie erobert.

Sie führt Krieg und das Töten von Menschen gehört zur Essenz des Krieges (was pervers ist, anders kann man es nicht sagen, das nur als grundsätzliche Anmerkung).

Ferner ist es eine Tatsache, dass in Kriegssituationen Massaker passieren (können).

Trotzdem muss man sich fragen, welchen Grund die russische Armee gehabt haben könnte, diverse Menschen zu exekutieren und dann auf der Straße liegen zu lassen.

Vielleicht habe ich nicht lange genug darüber nachgedacht, was diese Gründe sein könnten?

Die Russen streiten nur ab, statt Gegenbeweise zu liefern

Florian Rötzer, Mitgründer des Online-Portals Telepolis, schreibt dazu auf dem Portal krass & konkret, das er im Januar 2022 für den Westend Verlag einrichtete:

Während vieles darauf hindeutet, dass russische Truppen in Bucha (Butscha) und wahrscheinlich in anderen Orten, wie auch amnesty international gerade in einem Bericht belegt, brutal gegen Zivilisten vorgegangen sind, ist der Grund für die Tötung hunderter Menschen weiterhin unklar. Sollte die ukrainische Zivilbevölkerung eingeschüchtert und Angst und Schrecken verbreitet werden, weswegen die Gräuel sichtbar zurückbleiben sollten? Sollte ein Exempel der „Denazifizierung“ stattfinden? Hatte man Angst vor Angriffen? Wollte man etwas rächen? War man verzweifelt wegen der hohen eigenen Verluste? Oder sollten die Morde und Exekutionen den Ukrainern in die Schuhe geschoben werden?

Weiter schreibt er:

Fassungslos macht jedenfalls, dass nur versucht wird, alles abzustreiten, als Fake zu erklären oder darauf hinzuweisen, dass auch ukrainische Soldaten Kriegsverbrechen begingen, anstatt Gegenbeweise etwa in Form von Satellitenbildern oder von Aussagen von in Buch anwesenden Soldaten anzutreten. Man hätte auch erwarten können, dass das Verteidigungsministerium wenigstens erklärt, dass die Vorfälle untersucht würden. Ist es der russischen Führung mittlerweile egal, dass Russland über den Angriffskrieg hinaus wegen der Kriegsgräuel immer weiter in die Isolation gedrängt wird?

Lassen wir das so stehen.

Betonen möchte ich, dass meine Vermutung, es könnte sich um eine schmutzige Operation der Ukrainer handeln – mithilfe westlicher Geheimdienste -, weiter Bestand hat, aber es bedürfte eines größeren Aufwandes, das plausibel zu erklären.

Die zahlreichen Ungereimtheiten dieses Falles müssten meiner Meinung nach Motivation sein für Reporter deutscher Leitmedien, die sich in Butscha aufhalten, einmal genauer nachzuhaken:

Was haben die ukrainischen Polizeitruppen genau gemacht, als sie am 31. März und 1. April die Stadt von „russischen Kollaborateuren“ säuberten?

Wie kommt es, dass erst am 3. April das Narrativ vom „russischen Massaker“ auftauchte? Diese Fragen sind relevant.

Hier ist ein Facebook-Eintrag von mir vom 6. April 2022, wo ich ein paar Dinge erwähne, die mir aufgefallen waren:

Hier das Video.

Ergänzend dazu ein Kommentar von Ivan Rodionov, der interessant und aufschlussreich ist – auch wenn die BILD-Zeitung den Ex-Chef von RT-Deutschland als „Putins langjährigen Propagandachef“ in Deutschland bezeichnet.

Wer selbst schamlos Propaganda betreibt oder sie zulässt, sollte bei anderen nicht so empfindlich sein.


Deutschlandfunk, 7.7.2021.

Lassen wir das so stehen.

Was jetzt noch fehlt, ist die Abarbeitung von Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Dieser Punkt ist sehr wichtig. Wir werden sehen, warum.

***

Update Butscha, Ukraine

Es tut sich was…

Ich schreibe gerade den dritten Teil in der Serie „Das Massaker von Butscha“ .

Dieser Teil ist aufwändiger als die anderen, deswegen bitte ich um etwas Geduld.



Ich mache nämlich eine fiktive Recherchereise nach Butscha und interviewe diverse Leute, zum Beispiel die Spezialeinheiten der Polizei, die am 1./2. April die Stadt von russischen Kollaborateuren „gesäubert“ haben.



Ich denke, am Sonntag, den 10. April, wird der Bericht vorliegen.

***

Butscha, Ukraine, Teil 2

Die russische Armee

Das „Massaker von Butscha“ bestimmt weiter die Schlagzeilen, mittlerweile werden Satellitenbilder als Beweise gegen die russische Armee herangezogen.

Je mehr Technik ins Spiel kommt, umso mehr besteht jedoch die Möglichkeit der Manipulation.

Wie soll ich die Authentizität von Satellitenbildern verifizieren?

Deswegen halte ich mich an die Analyse von Narrativen, sie können nicht weglaufen: Was geschrieben steht, steht geschrieben, was gesagt wurde, wurde gesagt.

Und das Narrativ von Butscha, wie ich es anhand von ukrainischen Nachrichten sowie Berichten aus westlichen Leitmedien rekonstruiert habe, ist etwas merkwürdig, um es vorsichtig auszudrücken.

Schauen wir, wie sich das auf meine weitere Vorgehensweise auswirkt.

Hier noch einmal die vier Aussagen, die ich an den Anfang meiner Analyse gestellt hatte und die wir nun nacheinander abarbeiten:

Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Punkt 2:

Ich halte es für möglich, dass die russische Armee dieses Massaker begangen hat.

Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.

Ich gehe folgendermaßen vor: Heute denke ich über Punkt 2 nach, morgen über Punkt 3 und 4, und als Abschluss übermorgen über Punkt 1.

Heute wird es etwas kürzer.

Betonen möchte ich noch einmal, dass ich das Ganze nüchtern betrachten werde.

Wer es geschmacklos findet, in dieser Weise über schreckliche Kriegsereignisse nachzudenken, möge diese Episode (also die Ereignisse von Butscha) überspringen.

Grundsätzlich ist es so, dass ich auf diesem Blog moderne Kriegsführung analysiere mit dem Ziel, Krieg als Mittel der Kontrolle zu verstehen, gerade auch die verdeckten Aspekte von Kriegsführung.

Es ist kein schönes Thema, aber ich halte es für wichtig. Und spannend finde ich es doch, dass gebe ich ehrlich zu.

Also, kommen wir zurück zu Butscha.

Punkt 2: Ich halte es für möglich, dass die russische Armee verantwortlich ist

Grundsatzlich ist klar: Die russische Armee muss als möglicher Schuldiger ins Auge gefasst werden, und zwar an erster Stelle: Sie hat die Waffen und kontrolliert die Städte, die sie erobert.

Sie führt Krieg und das Töten von Menschen gehört zur Essenz des Krieges (was pervers ist, anders kann man es nicht sagen, das nur als grundsätzliche Anmerkung).

Ferner ist es eine Tatsache, dass in Kriegssituationen Massaker passieren (können).

Trotzdem muss man sich fragen, welchen Grund die russische Armee gehabt haben könnte, diverse Menschen zu exekutieren und dann auf der Straße liegen zu lassen.

Als Einstieg in die Frage, möchte ich zunächste den Kriegsreporter Paul Ronzheimer um seine Meinung bitten.

Er war in in der Stadt und wurde daraufhin von seinen Kolleginnen bei BILD-TV gefragt:

Was glaubst Du, was steckt dahinter, warum tun die Russen das, ist das gezielt, Angstmacherei, was glaubst Du: Warum werden hier Zivilisten gezielt abgeschlachtet?



Seine Antwort:

Man muss davon ausgehen, dass das der Plan der russischen Armee war, wenn wir uns anschauen, welche Pläne man hatte bei der Übernahme von Städten, da ging es darum, ganz gezielt auch Menschen zu erschießen, da ging es darum, gezielt Städte zu übernehmen, ganz gezielt Leute auszulöschen, die nicht mehr in das passen, was die russische Armee aus Kiew, aus anderen Städten machen wollte, da ging es vor allem um politische Opposition, um Leute, die wichtig sind, die ukrainische Zivilgesellschaft, das ist ja alles niedergeschrieben. Es gibt diese Pläne, Geheimdienste haben davor gewarnt, die Geheimdienste haben vor dem Krieg davor gewarnt – mein Kollege Julian Röpcke hat das damals aufgeschrieben, im Dezember [die Pläne sind vom Dezember, aufgeschrieben von Röpcke im Februar, A.M.) -, die haben davor gewarnt vor Massentötungen, die passieren können, vor Massentötungen nach Übernahme der russischen Armee. Ob diese geheimienstlichen Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem stehen, was in Butscha passiert ist, das kann ich nicht sagen, das muss untersucht werden, was genau dort passiert ist und natürlich versuchen wir auch heute wieder, mehr darüber zu erfahren, weitere Augenzeugen zu sprechen, aber am Ende muss man davon ausgehen, dass das Ganze System hatte und einen Befehl.

Auf den Punkt gemacht: Man braucht die Sache nicht weiter aufzuklären, denn Geheimdienste (im Zweifelsfalle westliche) kennen die russischen Pläne, die vorsahen, in ukrainischen Städten Massentötungen vorzunehmen, um die politische Opposition und die Ziviligeschellschaft zu zerstören.

Wer erschießt gezielt Großmütter?

Wenn wir davon ausgehen, dass die russische Armee all diese Menschen gezielt getötet hat, dann erscheint mir das der plausibelste Grund zu sein: Es ging darum, politische Störenfriede auszuschalten und die Zivilgesellschaft durch Terror im Mark zu erschüttern.

Allerdings bräuchte man dazu mehr Informationen über die Identität der Geöteten. Zitieren wir noch einmal den Bürgermeister von Butscha in dem Bericht von AFP:

„In Butscha haben wir bereits 280 Menschen in Massengräbern beerdigt“, sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk der Nachrichtenagentur AFP telefonisch. Er sagte, die Straßen der stark zerstörten Stadt seien mit Leichen übersät. AFP sah am Samstag mindestens 20 Leichen – Männer in Zivilkleidung – in einer einzigen Straße in Butscha liegen. „All diese Leute wurden in den Hinterkopf geschossen, getötet“, sagte Fedoruk. Er sagte, die Opfer seien Männer und Frauen gewesen und er habe unter den Toten einen 14-jährigen Jungen gesehen. Viele der Leichen hätten weiße Bandagen, „um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren“, sagte er. In der Stadt würden immer noch Autos stehen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“, fügte er hinzu. Die Leichen lägen immer noch auf den Straßen, weil dort bislang die Pioniere ihre Arbeit nicht verrichtet hätten.

Die Kopfschüsse könnten darauf hindeuten, dass es sich hier um Politiker und wichtige Vertreter der Zivilgesellschaft handelte, die gezielt hingerichtet wurden. Wie wir allerdings wissen, konnten die Reporter von Reuters, die als erste am Ort des Geschehens waren, keine gezielten Kopfschüsse feststellen (bis auf möglicherweise einen).

Bei den anderen Opfern – ganze Familien, Kinder, Großmütter – erscheint dieses Narrativ fraglich. Sollte es stimmen, was der Bürgermeister sagt, klingt es eher nach Racheakten russischer Soldaten, die dann mit einiger Sicherheit nicht auf Befehl handelten.

Was hätte die russische Armeeführung davon, Kinder und Großmütter gezielt zu töten? Meiner Ansicht nach nichts. Willkürliche Tötungsakte vestärken eher den Willen zum Widerstand, als dass sie ihn brechen würden.

Dass die russische Armee tatsächlich von vornherein plante, „Massentötungen“ in den eroberten Städten zu veranstalten, halte ich grundsätzlich für eine gewagte These. Mir scheint es ein übertriebenes Szenario zu sein.

Es wird nicht dadurch glaubwürdiger, dass Ronzheimers Kollege Röpcke es von irgendwelchen Geheimdiensten gesteckt bekommen hat.

Eine der wichtigsten Aufgaben von Geheimdiensten besteht darin, falsche Narrative unters Volk zu bringen; Medien wie die BILD eignen sich sehr gut dafür, weil sie wissen, wo der Feind steht und sich gerne einbinden lassen in solche politischen Projekte.

Eine Frage bleibt bei all dem ohnehin unbeantwortet:

Was hat die russische Armee davon, Menschen gezielt zu töten, um die Zivilgesellschaft in Butscha zu terrorisieren, um dann die Leichen, nachdem der Rückzug beschlossene Sache ist, auf die Straße zu legen?

Mir fällt kein guter Grund ein. Es wäre einfach nur dumm.

Nun besagen die Satellitenbilder New York Times, dass die Leichen seit Wochen dort gelegen hätten.

Wirklich?

Dann bleibt trotzdem die Frage, warum diese schreckliche Geschichte erst drei Tage nach Abzug der russischen für Aufmerksamkeit sorgte; ferner bleibt die Frage, warum die ukrainische Armee die Toten tagelang auf der Straße liegen ließ

Wo waren die Pioniere?

Dieses Narrativ erscheint schwach.

Punkt 3: Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben

Es gibt zwei Hauptgründe, warum ich es für möglich halte, dass die Leichen gezielt auf die Yabluska-Straße gelegt wurden – und zwar nicht von der russischen Armee, sondern von ukrainischen Geheimdiensten/Militärs und möglicherweise Elementen, die sie beraten und unterstützen.

Einen Grund habe ich bereits oben erwähnt: Das Narrativ, das sich aus der Analyse der ukrainischen und westlichen Quellen ergibt, ist merkwürdig und widersprüchlich.

Es ist aus meiner Sicht eine konstruierte Geschichte, bei der die Geschichtenerzähler sich nicht immer ans Skript halten.

Hinzu kommt ein zweiter, sehr gewichtiger Faktor: In meiner Analyse macht es mehr Sinn für die ukrainische Seite, ein solches Massaker zu inszenieren, als es Sinn für die russische Armee macht, Kinder und Großmütter hinzurichten und auf der Straße liegen zu lassen.

Warum das so ist, werde ich morgen darlegen.

***

Butscha, Ukraine, Teil 1

2. April 2022

Ich werde nun etwas zu den Leichen schreiben, die nach Abzug der russischen Armee in dem Kiewer Vorort Butscha auf der Straße lagen (und möglicherweise noch liegen).

Es ist ein sehr schreckliches und gleichzeitig heikles Thema, zumindest dann, wenn man offene Fragen stellt und sich nicht sofort auf den Standpunkt der BILD-Zeitung stellt (und letztlich aller anderen deutschen Medien auch).



Warum es ein schreckliches Thema ist, ist offensichtlich und bedarf keiner Erklärung; heikel ist meine Herangehensweise deshalb, weil man mir leicht vorgeworfen kann, ich würde russische Grausamkeiten „relativieren“, weil ich sie nicht wie die BILD-Zeitung in aller Entschlossenheit verdamme und stattdessen offene Fragen stelle.

Anders als bei anderen Artikeln werde ich Flapsigkeiten und Witzeleien unterlassen, auch und gerade in den Bildunterschriften (ich werde irgendwann erklären, warum ich mitunter diesen flapsigen Stil wähle).

Ich werde alles sehr nüchtern analysieren, ohne jeglich Emotion.

Allein das werden manche als kaltherzig empfinden, aber sei´s drum. Es ist schlichtweg unmöglich, diese Dinge mit klarem Kopf zu analysieren, wenn man sich seinen Emotionen hingibt.

Für all jene, die sich ihren Emotionen hingeben wollen, empfehle ich die Ausgabe der BILD-Zeitung vom 4. April (siehe oben).

Zu Beginn meiner Analyse mache ich vier Aussagen, die mein weiteres Vorgehen bestimmen werden.

Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Punkt 2:

Ich halte es für möglich, dass die russische Armee dieses Massaker begangen hat.

Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.

Diese vier Punkte werde ich in nachfolgenden Teilen meiner Analyse abarbeiten, es wird sich zeigen, ob es insgesamt zwei oder drei Teile werden.

Im ersten Teil der Analyse werde ich die Dinge so gut rekonstruieren, wie es mir möglich ist. Ich gehe in Anbetracht der Brisanz des Themas ausführlich vor und zitiere viel.

Ich baue aus Pietätsgründen nur dann Bilder ein, wenn ich es für inhaltlich unbedingt nötig halte.

Dieser Bericht ist nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern es geht um knallharte Aufklärung.

Wer diese ohne Bilder nicht ertragen kann, kann sich den Artikel in Kürze per Audio anhören. Ich werde ihn einsprechen.

Eine Rekonstruktion

Ich beginne mit der ukrainischen Presse, die als erstes über die Befreiung von Butscha berichtet.

1. April 2022, 11.34 Uhr

Die ukrainische Nachrichtenplattform Ukrainska Pravda (Ukrainische Wahrheit) veröffentlicht eine Nachricht folgenden Inhalts:

Butscha bei Kiew wurde noch nicht vom russischen Militär befreit – dorthin zurückzukehren wäre gefährlich, da es in der Stadt viele Minen und Stolperdrähte gibt und Saboteure noch immer in der Stadt aktiv sein könnten.

Ukrainska Pravda zitiert Taras Shapravskyi, den Sekretär des Stadtrates:

„Die Stadt Butscha bleibt ein gefährlicher Ort, da sie immer noch besetzt ist. Wir haben Informationen vom Main Intelligence Directorate [ukrainischer Militärgeheimdienst, A.M.], die bestätigen, dass gepanzerte Fahrzeuge der „Ruschisten“ [russische Faschisten – Anm. d. Red.] und ein bedeutender Teil ihrer Streitkräfte abgezogen worden sind. Aber eine große Anzahl von Saboteuren und russisches Militär in ziviler Verkleidung ist zurückgeblieben. Daher ist es immer noch gefährlich, in die Stadt Butscha zurückzukehren. Und dies wird auch nach der Befreiung von Butscha der Fall sein. Wir gehen davon aus, dass bis zu einem Monat lang große Gebiete, darunter Häuser, Verwaltungsgebäude, zurückgelassenes militärische Gerät und sogar die Leichen, weiter vermint sein werden.“

1. April 2022, 19.26 Uhr

Rund acht Stunden später veröffentlicht Ukrainska Pravda eine Nachricht folgenden Inhalts:

Anatolii Fedoruk, Bürgermeister von Butscha in der Region Kiew, hat bestätigt, dass die Stadt am 31. März von den russischen Besatzern befreit wurde.

Die Plattform zitiert den Bürgermeister wie folgt:

„Der 31. März wird in die Geschichte unseres Ortes und der gesamten Region als Tag der Befreiung von der russischen Besatzungsmacht durch unsere ukrainischen Streitkräfte eingehen. Ich sage heute, dass dies ein Tag voller Freude ist, ein großer Sieg unserer Streitkräfte in der Region Kiew.“

3. April 2022, 12.06 Uhr

Am Samstag, den 2. April sind Reporter der Nachrichtenagentur Reuters in Butscha – so weit ich sehen kann die ersten eines westlichen Mediums.

Ihr Bericht wird am 3. April um 12.06 Uhr veröffentlicht. Sie schreiben:

Am Samstag, drei Tage, nachdem sich die einfallende russische Armee von ihrem gescheiterten Vormarsch auf Kiew (..) zurückgezogen hatte, (..) lagen noch immer tote Zivilisten verstreut auf den Straßen der ukrainischen Stadt Butscha (..). Bewohner sagten, sie seien während ihrer einmonatigen Besatzung von den russischen Truppen getötet worden.

Die Umstände dieses ungewöhnlichen Falls können sich die Reporter selbst nicht erklären, obwohl sie bis an den Ort des Geschehens vordringen konnten und offensichtlich mit dem Bürgermeister sprachen:

Verantwortliche aus der Gemeinde gewährten Reuters-Reportern Zugang zu dem Gebiet, und ein Polizist führte sie durch die Straßen, die jetzt von ukrainischen Panzern patrouilliert werden – bis zu der Straße, wo die Leichen lagen. Es war nicht klar, warum sie noch nicht beerdigt worden sind. Bürgermeister Anatoliy Fedoruk sagte, mehr als 300 Einwohner der Stadt seien getötet worden, und ein Massengrab auf einem Kirchengelände sei noch offen, Hände und Füße würden durch den roten Lehm ragen, der darauf aufgehäuft sei.

Ungewöhnlich ist, dass die Reuters-Reporter das Massengrab nicht aufsuchen (Butscha hat 36.000 Einwohner, wirklich weit weg konnte es nicht gewesen sein).

Es klingt zynisch: Aber für einen Journalisten ist es ein „Scoop“, wenn er als erstes an solch einem Ort ist und darüber berichten kann.

Die Reporter beschreiben aber die Szenerie in der Straße in einigem Detail:

Butschas noch unbeerdigte Tote trugen keine Uniformen. Es waren Zivilisten mit Fahrrädern, deren steife Hände immer noch Einkaufstüten umklammerten. Einige waren offensichtlich schon seit vielen Tagen tot, wenn nicht sogar seit Wochen. Ihnen fehlten keine Körperteile und es war unklar, ob sie durch Granatsplitter, eine Explosion oder eine Kugel getötet worden sind – bei einem aber fehlte das obere Kopfteil.

Die Reporter reden mit ein paar Anwohnern, darunter Mariya Zhelezova, 74 Jahre alt, Putzfrau in einer Fabrik, die wegen ihrer schlechten Gesundheit den Ort nicht verlassen konnte, bevor die Russen kamen. Reuters schreibt:

Auf einem Spaziergang mit ihrer 50-jährigen Tochter erinnerte sie sich unter Tränen daran, wie sie nur knapp dem Tod entkam: „Beim ersten Mal ging ich aus dem Zimmer und eine Kugel zerschmetterte das Fensterglass, sie blieb in der Kommode stecken“, sagte sie. „Beim zweiten Mal hat mein Bein fast ein paar Glassplitter abbekommen. Beim dritten Mal ging ich die Straße runter und wusste nicht, dass ein Mann mit einem Gewehr dastand, die Kugeln verpassten mich nur knapp. Als ich nach Hause kam, konnte ich nicht sprechen.“

Die Frau erzählt, dass alle Anwohner weiße Armbänder tragen mussten, das ihre habe sie abgelegt. („She removed a white cloth armband that she said residents had been ordered to wear.“)

3. April 2022, 15.06 Uhr

Die französische Nachrichtenagentur Agence France-Presse folgt mit ihrem Bericht. Sie schreibt:

Fast 300 Menschen wurden in einem Massengrab in Butscha begraben, einer Pendlerstadt außerhalb der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Das erfuhr AFP am Samstag vom Bürgermeister, nachdem die ukrainische Armee die Kontrolle über die Schlüsselstadt von den Russen zurückerobert hatte.

Der Bericht zitiert den Bürgermeister, der einige Details liefert, es ist allerdings unklar, ob der Reporter den Ort selbst aufgesucht hat:

„In Butscha haben wir bereits 280 Menschen in Massengräbern beerdigt“, sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk der Nachrichtenagentur AFP telefonisch. Er sagte, die Straßen der stark zerstörten Stadt seien mit Leichen übersät. AFP sah am Samstag mindestens 20 Leichen – Männer in Zivilkleidung – in einer einzigen Straße in Butscha liegen. „All diese Leute wurden in den Hinterkopf geschossen, getötet“, sagte Fedoruk. Er sagte, die Opfer seien Männer und Frauen gewesen und er habe unter den Toten einen 14-jährigen Jungen gesehen. Viele der Leichen hätten weiße Bandagen, „um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren“, sagte er. In der Stadt würden immer noch Autos stehen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“, fügte er hinzu. Die Leichen lägen immer noch auf den Straßen, weil dort bislang die Pioniere ihre Arbeit nicht verrichtet hätten.

Gründe für die Verzögerung gibt der Bürgermeister nicht an, es gebe aber Hoffnung, dass dieser schreckliche Zustand bald beendet ist:

Die Behörden werden die Leichen räumen, nachdem die Pioniere ihnen in „drei oder vier Tagen“ grünes Licht gegeben haben, sagte er.

3. April 2022, 19.06

Reuters berichtet über die ersten russischen Reaktionen. Zitiert wird eine Erklärung des Verteidigungsministeriums:

„Alle vom Kiewer Regime veröffentlichten Fotos und Videos, die die ‚Verbrechen‘ russischer Soldaten in der Stadt Butscha in der Region Kiew beweisen sollen, sind nur eine weitere Provokation.“

Es handele sich um eine „gestellte Veranstaltung“ („staged performance“).

Die russische Reaktion zeigt, dass Russland den Medienkrieg – der mindestens genau so wichtig ist wie der wirkliche – unwiederbringlich verloren hat, eigentlich schon von Anfang an (das gilt allerdings nur gegenüber einem westlichen Publikum).

Niemand in einem amerikanischen oder deutschen Leitmedium wird diesem Statement auch nur ein Jota Glauben schenken.

Reuters referiert trotzdem weiter die Position des Verteidigungsministeriums, die Agentur will sich nicht vorwerfen lassen, unausgewogen zu berichten:

Das russische Verteidigungsministerium sagte, dass alle russischen Militäreinheiten Butscha am 30. März verlassen hätten und dass Zivilisten sich frei in der Stadt bewegen konnten oder auch von dort evakuiert werden konnten, während sie unter russischer Kontrolle stand.

Untermalt ist der Bericht mit expliziten Bildern, auf einem ist ein zerschossenes Auto zu sehen mit der Aufschrift: „Kinder.“



Die Aussage des Bildes: Eine Familie mit Kindern hätte die Stadt verlassen wollen, sie hätte vergeblich versucht, mit der Aufschrift „Kinder“ an die Menschlichkeit der russischen Soldaten zu appellieren.

4. April 2022, gegen 9.00 Uhr

Der SPIEGEL stellt einen Bericht von 2.35 Minuten auf youtube ein, der wie folgt angekündigt wird:

Russische Soldaten haben in einem Vorort von Kiew offenbar viele Zivilisten getötet. Im zurückeroberten Butscha liegen Leichen auf offener Straße. Viele Überlebende sind traumatisiert.



In dem Bericht kommt Mariya Zhelezova vor, die Frau, die auch mit Reuters sprach, neben ihr steht vermutlich ihre Tochter Irina. Sie sagt unter Tränen:

Ich hatte solche Angst. Zweimal bin ich knapp dem Tod entkommen. Einmal schlug eine Kugel im Fenster ein, zerbrach das Glas und traf den Schrank. Beim zweiten Mal wurde ich fast von einem Granatsplitter am Bein getroffen. Und dann war ich mal zu Fuß unterwegs, ohne zu merken, dass einer mit einem Maschinengewehr in der Nähe war. Er schoss, verfehlte mich aber.

Es ist nicht klar, ob es sich um das gleiche Interview handelt, aus dem auch Reuters zitiert. Unterschiede in den Details („Glassplitter“, „Granatsplitter“) können auf Übersetzungsfehler zurückgehen.

Warum sie sagt, sie sei zwei mal knapp dem Tod entkommen und dann drei Fälle erzählt, könnte ihrer offensichtlichen Erregung geschuldet sein. Es ist weiter unklar, wer der Mann ist, der auf sie schoss.

Der SPIEGEL wählt für den Clip folgende Überschrift:

Augenzeugin über Gräueltaten in Butscha: „Zweimal bin ich dem Tod entkommen.“

Die Überschrift suggeriert, dass Mariya Zhelezova die Gräueltaten, die in dem Bericht erwähnt werden – also die Toten auf der Straße, die zu sehen sind -, selbst miterlebt hat.

Das geht aus ihren Worten allerdings nicht hervor, die „Gräueltaten“, die sie beschreibt, sind ihr selbst widerfahren (Gewehrkugel im Schrank, zersplittertes Glas, Mann mit Gewehr, der sie nur knapp verfehlt).

Die Straße, in der das Interview geführt wird, ist ganz offensichtlich nicht die Straße, in der die Leichen liegen und wo die zerstörten russischen Panzer herumstehen. Die Häuser, die zu sehen sind, sind jedenfalls völlig unversehrt.

Was immer das auch heißen mag.



Der SPIEGEL zeigt auch den Bürgermeister, der sagt:

„Auf der Yabluska-Straße liegen die Leichen hingerichteter Menschen. Ihre Hände sind mit weißen Tüchern auf dem Rücken gefesselt. Man hat ihnen in den Hinterkopf geschossen. Sie können sich vorstellen, welche Art von Kriegsverbrechen hier begangen wurde. Eines Tages wird das geschichtlich aufgearbeitet werden. Mehr möchte ich jetzt nicht sagen.“

Demnach handelt es sich um eine einzige Straße, wo Leichen liegen.

Das Narrativ

Ich fasse zusammen, was sich aus diesen unterschiedlichen Berichten für ein Narrativ ergibt, ich erzähle es im Indikativ:

Am 30. März 2022 ziehen russischen Truppen aus den Kiewer Vorort Butscha ab.

Zwei Tage später, am 1. April, warnt ein Mitglied des Stadtrates, dass die Stadt noch nicht befreit ist, weil Saboteure und russische Militärs in zivil weiter aktiv sind. Die Stadt ist wahrscheinlich vermint, auch die Leichen.

Ungeachtet dessen verkündet Bürgermeister Fedoruk am Abend desselben Tages, dass Butscha am 31. März (also am Vortag) befreit worden ist. Er nennt ihn deswegen den „Tag der Befreiung“.

Einen Tag später, am 2. April kommen Reporter von Reuters in Butscha an und berichten über die Lage.

Zum ersten Mal ist die Rede von vielen Leichen auf der Straße, es sind Zivilisten. Die Reporter werden von der Polizei zu der Straße geführt, wo die Leichen liegen. Obwohl sie vermint sein könnten, lässt die Polizei die Reporter die Verstorbenen inspizieren.

Warum sie nicht beerdigt worden sind, ist nicht klar. Ebenso unklar ist, wie die Menschen zu Tode gekommen sind: Ihnen fehlen keine Gliedmaßen, nur bei einem sehen die Reporter, dass der halbe Kopf weg ist.

Einige sind seit Tagen tot, wenn nicht sogar Wochen. Das bedeutet, dass sie die ganze Zeit dort gelegen haben müssen, oder sie wurden dorthin transportiert.

Wirkliche Augenzeugen gibt es keine.

Reuters zitiert die 74jährige Putzfrau Mariya Zhelezova, die erzählt, wie eine Kugel in ihre Wohnung eindrang und wie ein Mann auf sie schoss, aber daneben zielte.

Wer der Mann war und warum er auf sie schoss, ist unklar. Was sie mit den Toten auf der Straße zu tun hat, ist unklar.

Der Bürgermeister sagt, es gibt ein Massengrab bei der Kirche, das noch halb offen ist und wo Hände und Füße aus dem Boden ragen. Die Reporter interessiert das nicht, jedenfalls suchen sie den Ort nicht auf.

Wenige Stunden später folgt AFP mit ihrem Bericht. Bürgermeister Fedoruk sagt, dass bereits 280 Menschen in Massengräbern begraben wurden. Er sagt, die Straßen der Stadt sind mit Leichen übersäht.

AFP zählt zwanzig Leichen auf der Straße, macht zusammen 300. Bürgermeister Fedoruk sagt, dass die 20 Zivilisten alle durch Schüsse in den Hinterkopf hingerichtet wurden.

Schüsse in den Hinterkopf aus nächster Nähe verursachen für gewöhnlich schwere Verletzungen, es ist nicht klar, warum die Reporter von Reuters das nicht erkennen konnten (bis auf einen Fall).

Der Bürgermeister sagt, dass die Leichen nicht begraben wurden, weil die Pioniere in der Straße noch nicht aktiv waren (anders als die Reporter von Reuters).

Das Problem ist nun, dass die Toten vermint sein könnten und von den Räumkommandos gesichert werden müssen.

Warum die Pioniere nicht kommen, ist unklar, da die restlichen 280 Leichen, die vermint sein könnten, bereits in Massengräbern verschart worden sind. In drei oder vier Tagen ist es so weit, sagt der Bürgermeister.

Andere Militärs sind in der Straße bereits anwesend und passen auf.



Am 4. April berichtet auch der SPIEGEL über den Fall auf seinem youtube-Kanal.

Der Bürgermeister sagt, dass in der Yabluska-Straße schwere Kriegsverbrechen begangen wurden, mehr möchte er nicht sagen. Die Geschichte wird ihr Urteil abgeben.

Von Leichen in anderen Straßen spricht er nicht, das Massengrab am Friedhof bleibt unerwähnt.

Mariya Zhelezova kommt in dem Bericht vor, sie erzählt mit kleinen Abweichungen die Geschichte, die sie auch Reuters erzählt hat. Der SPIEGEL sagt, sie ist eine Augenzeugin der Gräueltaten – das ist aber nicht das, was sie selber von sich sagt.



In dem Bericht ist die Straße mit den Leichen zu sehen, um sie herum einige Zivilisten, die – so darf man vermuten – verzweifelt auf die Ankunft der Pioniere warten.

Die Szenarien

Ich werde nun Szenarien durchspielen für das, was sich in Butscha abgespielt haben könnte.

Im Vordergrund steht die Frage, warum es solche Gräueltaten im Krieg gibt, wie sie motiviert sind und welchen Zweck sie erfüllen können.

Ich fahre also mit meiner scheinbar kaltherzigen Analyse der Lage fort und bitte vorbeugend um Entschuldigung: Ich bin kein kaltherziger Mensch (den Rest siehe oben).

Punkt 2: Ich halte es für möglich, dass die russische Armee verantwortlich ist

Für westliche Leitmedien ist klar, dass die russische Armee für diese Gräueltaten verantwortlich ist.

Niemand würde auch nur auf die Idee kommen, das zu hinterfragen.

Was die möglichen Motive der russischen Armee betrifft, möchte ich stellvertretend Paul Ronzheimer zitieren, der für die BILD-Zeitung in Butscha war.



Was er sagt, werde ich dann morgen erzählen.

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