Westliche Strategen planen einen langsamen Kollaps der Islamischen Republik Iran. Haben sie sich verkalkuliert?
Im Nebel des Krieges ist es oft schwer, die wahren Ziele der Kontrahenten zu erkennen, zumal wenn auf der einen Seite die Vereinigten Staaten von Amerika stehen (wie fast immer in diesem Jahrhundert).
Beim vollumfänglichen Angriffskrieg der USA auf den Irak im Jahre 2003 ging es erst darum, die nichtexistenten Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein zu eliminieren, später ging es darum, den dschihadistischen Terrorismus zu bekämpfen, der durch den amerikanischen Angriffskrieg existent geworden war.
Die Rettung unterdrückter muslimischen Frauen spielt meist auch eine Rolle, wenn die Entsendung von Flugzeugträgern und anderem Kriegsgerät gerechtfertigt werden soll.
Im Falle des Iran, der am 28. Februar 2026 von den USA und Israel in einem „Präventivschlag“ angegriffen wurde, scheint die Sache klarer zu sein: Sehr wahrscheinlich geht es um die langsame, möglicherweise sich Jahre hinziehende Zerstörung des Landes, ohne dass die USA ihre Soldaten riskieren müssen.
Ob das gelingen wird, steht auf einem anderen Blatt.
Nicht alle Experten in Deutschland stimmen mir zu. So zum Beispiel Hasnain Kazim.
Laut Wikipedia erregte er „besondere Aufmerksamkeit“ durch seine „kritische Berichterstattung“ als Südasien- und Türkei-Korrespondent für SPIEGEL Online, ferner zeichne sich seine Arbeit durch „Engagement gegen Rassismus und Populismus“ aus.
Am Tag des Angriffskriegs auf den Iran schreibt er folgende Analyse:
Der ehemalige FDP-Mann hofft also, dass die USA und Israel – dessen Armee als die „humanste“ der Welt gilt – die Menschen im Iran vor dem Mullah-Regime befreien werden. Die lang versprochene Hilfe sei da.
Um dagegen meine These zu untermauern, möchte ich zwei Texte referieren, die ebenfalls am Tag des Angriffskriegs von Autoren verfasst wurden, die durch Fachwissen besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.
Zum einen handelt es sich um Yezid Sayigh, der zahlreiche akademische Posten in England bekleidete und heute „Senior Fellow“ am Carnegie Middle East Center in Beirut ist. Zum anderen um Hamidreza Azizi, der seit 2023 als Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin arbeitet.
Beginnen wir mit Yezid Sayigh. Ausgangspunkt seiner Analyse ist die Aufforderung von US-Präsident Donald Trump an die „iranische Öffentlichkeit“, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Wörtlich sagte Trump am 28. Februar 2026:
When we are finished, take over your government. It will be yours to take. This will be probably your only chance for generations.
Viele Beobachter, so Yezid Sayigh, interpretierten diese Aufforderung falsch. Sie glaubten, den USA ginge es um „Regime Change“ im Iran, doch das Gegenteil sei der Fall: Indem er den Sturz der Islamischen Republik in die Verantwortung der Iraner selbst lege, mache er genau das unwahrscheinlich.
Das Regime sitze fest im Sattel und würde auch dann überleben, wenn seine Führungsfiguren getötet würden:
Regardless of one’s view of the Iranian regime, it has deeply embedded paramilitary networks and a significant social constituency, who will very likely fight back against any domestic opponents even if the regime is decapitated.
Hinzu komme, dass die iranische Opposition im Land schlecht organisiert und nicht in der Lage sei, die Macht zu übernehmen, während die Opposition im Ausland zerstritten sei. Wenn Leute wie Reza Pahlevi, der Sohn des 1979 gestürzten Shahs, glaubten, sie würden eines Tages an Bord eines US-Flugzeuges als die neuen Führer im Iran einfliegen, so hätten sie sich getäuscht.
Das US-Militär werde das Land nicht besetzen, anders als im Irak 2003:
There will be no magic carpet ride for the Iranian exiles: the U.S. is not going to take physical control of Iran, which requires a massive commitment of ground troops, in order to hand power to them.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass Yezid Sayighs Szenario an Syrien in den Jahren 2011-12 erinnert, als ein Volksaufstand gegen das Baath-Regime begann und die USA wiederholt aufgefordert wurden, direkt einzugreifen.
Auch damals bemängelten Experten, dass die interne Opposition schlecht organisiert sei und einem formidablen Sicherheitsapparat gegenüberstünde, der bis zum bitten Ende kämpfen werde; zudem sei die Opposition im Ausland zerstritten.
Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen dem Iran und Syrien, zum Beispiel die Bevölkerungsgröße, die strategische Tiefe sowie die militärische Stärke des Iran. Trotzdem kann die Parallele dabei helfen zu verstehen, in welche Richtung die aktuelle US-Strategie wahrscheinlich geht: nämlich in eine über Jahre hin andauernde Zermürbung des Regimes, bis es in sich zusammenfällt.
Klar ist: Wenn das gelingt, werden Ströme von Blut fließen und Millionen Menschen auf die Flucht gehen.
In Syrien gelang dieser Zermürbungsprozess durch den Einsatz dschihadistischer Terroristen und anderer bewaffneter Kräfte, die vom Westen und seinen Partnern in der Region unterstützt wurden.
Es dauerte fast 14 Jahre, bis diese Kräfte den Sieg der syrischen Revolution deklarieren konnten – mit Abu Muhammad al-Julani an ihrer Spitze, dem Führer des Qaida-Netzwerks in Syrien. Vom Irak aus wurde er im August 2011 in seine Heimat geschickt, um das Netzwerk aufzubauen und den bewaffneten Kampf zu organisieren. Heute fungiert er unter dem Namen Ahmad al-Sharaa als Präsident des Landes.
We continue to work with determination to achieve the goals of our revolution … We are determined to complete the path we started in 2011.
Für den Iran sieht Yezid Sayigh ein anderes Szenario am Horizont: Die permanente Bombardierung durch die USA und Israel werden aus dem Land einen Failed State machen, der – so die offensichtiche Kalkulation – keine Gefahr mehr für den Westen darstellen wird:
U.S. military action could degrade the Iranian regime’s ability to control its population and govern the country to the point where it breaks down. (..) Coupled with an already parlous economic situation, water scarcity, and socio-political polarization, this will leave Iran looking more like any one of a number of countries in chronic post-conflict breakdown—Afghanistan post-US withdrawal, Syria in Assad’s final years, and Libya and Yemen post-2014 all come to mind—than post-2003 Iraq.
Wichtig sei es zu verhindern, dass der Iran seine Abschreckungsfähigkeiten nach dem Ende der Bombardierungen wieder erlangt. Das könne zum Beispiel dann garantiert werden, wenn eine „gefügige Elite“ aus den Ruinen des Irans erwächst, die bereit ist, nachweislich das Atomwaffenprogramm aufzugeben (wenn es denn existiert…) und verbindlich erklärt, keine Mittelstreckenrakten mehr produzieren zu wollen.
Ansonsten schlägt Yezid Sayigh vor, den Iran über Jahre hinweg immer wieder zu bombardieren, so wie es die USA mit dem Irak zwischen 1991 und 2003 gemacht haben:
Failing that, the U.S., and possibly Israel or other Western allies, would conceivably selectively attack Iranian military facilities for years to come, much as they did in Iraq in 1991-2003 or as Israel has done against Hezbullah in Lebanon since their “big war” ended in November 2024.
Die Analyse von Hamidreza Azizi geht in eine ähnliche Richtung. Die ersten Angriffswellen der USA und Israels legten nahe, so der Autor, dass die militärischen Kapaziäten des Irans möglichst schnell zerstört werde sollten.
Ferner sollten diese Angriffswellen dafür sorgen, dass das Regime seine Kontrolle über das Land verliert. Beides würde den Weg eröffnen, um anschließend permanent militärisch Druck ausüben zu können:
The available evidence suggests that the operation is not designed as a limited punitive action intended to impose temporary costs. Rather, the targeting sequence and operational tempo point toward the opening phase of a structured campaign aimed at rapidly weakening Iran’s governing and military capacity, thereby creating conditions for sustained pressure in subsequent stages.
Der Angriff auf die Führungselite des Landes am ersten Tag müsse in diesem Licht gesehen werden, entsprechende Verlautbarungen aus den USA und Israel legten nahe, dass es darum geht, das Land in einen Schockzustand zu versetzen und zu paralysieren:
When viewed alongside the early focus on leadership and institutional nodes, these statements suggest that the campaign seeks to paralyze governance as much as to degrade military capability. In this sense, the operational design reflects an effort to create political shock.
Anders als Yezid Sayigh geht Hamidreza Azizi näher auf die geographische Verteilung der US-amerikanischen und israelischen Angriffe ein. Auffällig sei der Fokus auf den südlichen Iran. Das sei notwendig, um von dort die anschließenden dauerhaften Luftangriffe ungestört fliegen zu können:
From a military perspective, degrading defensive systems in southern regions would be a prerequisite for sustained air operations approaching from the Persian Gulf. The early focus on these targets therefore suggests that the current phase is preparatory rather than final. The war, in other words, appears structured to unfold sequentially rather than through a single overwhelming blow.
Ähnlich wie Sayigh stellt sich Hamidreza Azizi die Frage, was passiert, wenn das Regime nicht sofort kollabiert und eine anschließende, ungestörte Bombardierung des Landes unmöglich werde.
Dann, so seine Prognose, werde sich der Krieg regional und zeitlich ausdehnen, es werde ein „langwieriger Kampf“ um die Ordnung im Nahen Osten enststehen:
The central question now is whether the Islamic Republic can absorb the initial shock and maintain governing capacity. If it does, the war is likely to become longer, more regional, and far less predictable than its architects may have intended. The coming days will therefore determine whether this conflict evolves into a short campaign of regime collapse or the beginning of a protracted struggle reshaping the Middle Eastern order.
Drei Tage nach Beginn der Operation „Epic Fury“ scheint sich die Sorge der beiden Autoren zu bestätigen: Trotz der Ermordung von Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei und zahlreicher anderer Führungsfiguren des Regimes gleich am ersten Tag, feuert der Iran weiter Raketen in Richtung Westen.
Israel und die Golfstaaten, aber auch US-Basen in der Region, sind die Ziele.
Der Ausgang ist ungewiss, die Lage besorgniserregend. Denn die „messianische“ Führung in Israel könnte geneigt sein, Atomwaffen einzusetzen, um den Prozess zu verkürzen oder den eigenen Kollaps zu verhindern.
Aber so weit sind wir noch nicht.
Das war´s für heute. Als geübter SPIEGEL-Leser weiß ich, dass man an dieser Stelle immer an den Anfang der Geschichte zurückkommen sollte.
Deswegen schauen wir noch einmal darauf, was der ehemalige FDP-Mann Hasnain Kazim zu den weiteren Entwicklunge zu sagen hat.
In einem Posting auf Facebook bietet er folgenden Nachruf auf den getöteten Revolutionsführers Ayatollah Khamenei an:
Wir stellen fest: Wieder ist es ihm gelungen, Aufmerksamkeit für seine kritische Berichterstattung und sein Engagement gegen Rassismus und Populismus zu gewinnen.
Die westliche Hilfe für die Menschen im Iran kommt bestimmt, und sei es in 3, 5 oder 10 Jahren.
NATO-Generalsekretär Rutte betont: „Wir brauchen eine Demonstration amerikanischer Macht auf der Weltbühne“
Am 20. Juni 2025, ein Tag vor dem US-amerikanischen Angriff auf die Islamische Republik Iran, veröffentlichte die New York Times eine Analyse, in der sie erklärte, dass ein Krieg gegen den Iran die Schwäche Chinas und Russlands offen legen würde.
Beide seien nicht in der Lage, ihren Alliierten im Nahen Osten vor dem US-Militär zu schützen (siehe hier).
NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat das Ergebnis dieser Analyse nun in einem Interview mit dem US-Sender Newsmax am 25. Juni 2025 bestätigt.
Auf die Frage, was die größte Bedrohung für die NATO sei, sagte er:
The largest threat, at present, clearly, is Russia. There's no doubt. But we are all very worried about North Korea now fighting in Europe, a war, the Russians against Ukraine.
We see China, which is massively building up its military capabilities. They have now the same amount of ships sailing as the US. They will have 1000 nuclear warheads by 2030.
Of course, we have the mullahs in Iran and we know what they're up to. And Iran, North Korea, China are supporting Russia in the war effort against Ukraine. So this is all interconnected.
Russland sei die größte Gefahr, wegen des Krieges in der Ukraine, aber auch Nordkorea und der Iran, die Russland unterstützen würden. China rüste massiv auf und stünde ebenfalls an der Seite Russlands, alles sei miteinander verbunden.
Aus diesem Grund, so Rutte, begrüße er es, dass die USA ihre militärische Stärke beim Angriff auf den Iran gezeigt hätten, diese Botschaft werde in Moskau und Peking sicher verstanden werden:
I think what happened now is Iran is projecting American power on the world stage, saying, here's a president who has the strength to do what is necessary. He's willing to use it, but in a very measured way. But this is a signal.
If I was in Beijing or in Moscow, Putin, I would be sitting there and seeing that footage [and] I would not be happy. I would think, okay, they are really serious, these Americans. And this is exactly what we need: Projecting American power on the world stage.
Der letzte Satz verdient gesonderte Beachtung. Auf Deutsch lautet er:
Und das ist genau das, was wir brauchen: Eine Demonstration amerikanischer Macht auf der Weltbühne.
Darum geht es also: Um eine Demonstration der Macht. Es gilt, die Ambitionen Chinas, Russlands und anderer aufmüpfiger Staaten des Südens (den BRICS) mit militärischer Gewalt zu arrestieren.
Interessant ist der Sender, dem der NATO-Generalsekretär sein Interview gab. Über Newsmax steht bei Wikipedia:
Man darf die Hoffnung hegen, dass Correctiv oder ein anderer politisch eingewiesener Watchdog den Umstand, dass der NATO-Generalsekretär mit Verschwörungstheoretikern Umgang pflegt, möglichst bald skandalisieren wird.
Ist doch laut Correctiv die Verbreitung rechtspopulistischer Verschwörungstheorien eine sehr gefährliche Sache!
Krieg ist wie Terrorismus: Er soll dem Feind zeigen, dass er schwach ist
Am 20. Juni 2025 veröffentlicht die New York Times einen Artikel unter folgender Überschrift:
A U.S. Attack on Iran Would Show the Limits of China’s Power
Untertitel:
China, which depends on Iran for oil and to counter American influence, has a lot to lose from a wider war. But there’s not much it can do about it.
Ein Angriff der USA auf den Iran, sagt die Zeitung, würde China seine Grenzen aufzeigen, weil es nicht in der Lage sei, einen seiner wichtigsten Partner in der Region zu schützen. China, der einzige wirkliche Rivale des US Empires, wäre demnach einer der großen Verlierer, sollte es zum Äußersten kommen.
Einen Tag später beginnt das Pentagon mit der Bombardierung der Islamische Republik Iran.
Das Timing des Artikels in der New York Times, dem wichtigsten Blatt im Land, macht deutlich, dass es bei diesem Angriffskrieg nicht nur um den Iran geht, sondern um das große Ganze. China breitet sich auf dem eurasischen Kontinent aus, es hat enorme geopolitische Ambitionen, die die USA mit aller Macht unterbinden wollen.
Ein Mittel auf diesem Weg ist die Zerstörung von Ländern, die in den chinesischen Plänen eine zentrale Rolle spielen. Dazu gehört der Iran. Bei der chinesischen Belt and Road Initiative (BRI), die den eurasischen Kontinent auf dem Land- wie Seewege verbinden soll, bildet das Land einen wichtigen Knotenpunkt. Wenn es ins Chaos stürzt, stockt auch die BRI.
Die New York Times führt weitere Gründe an, warum China im Falle eines Krieges der Verlierer sein könnte:
China has much to lose from a runaway conflict. Half of the country’s oil imports move in tankers through the Strait of Hormuz on Iran’s southern coast. And Beijing has long counted on Tehran, its closest partner in the region, to push back against American influence.
But despite those strategic interests, China, which has little sway over the Trump administration, is unlikely to come to Iran’s defense militarily, especially if the United States gets involved.
Genüsslich zitiert die Zeitung einen Experten des extrem bellikosen Think Tanks American Enterprise Institute, der schon bei der Ausarbeitung des War in Terror eine wichtige Rolle spielte:
“The reality is they don’t actually have the capability to insert Chinese forces to defend Iran’s installations,” said Zack Cooper, a senior fellow at the American Enterprise Institute in Washington. “What they would prefer to do is very quietly provide some material support, some rhetorical support and maybe some humanitarian aid.”
Ein anderer Experte aus dem Lager von Ex-Präsident Joe Biden stimmt dem zu:
“Beijing is scrambling to keep up with the rapid pace of events and is prioritizing looking after Chinese citizens and assets in the region rather than any sort of broader diplomatic initiative,” said Julian Gewirtz, who was a senior China policy official at the White House and the State Department during President Joseph R. Biden Jr.’s administration.
Die New York Times stellt zurecht fest, dass weder China noch Russland seinen Partnern in der Region zur Seite springt:
China’s tempered response resembles that of its like-minded partner, Russia, which has done little more than issue statements of support for Iran, despite having received badly needed military aid from Tehran for its war in Ukraine. Both Beijing and Moscow were also seen as bystanders last year when their shared partner, the Assad regime, was overthrown in Syria.
Die Zeitung wertet das als Schwäche:
Their relative absence raises questions about the cohesiveness of what some in Washington have called the “Axis of Upheaval” — the quartet of China, Russia, Iran and North Korea, which have drawn closer diplomatically and militarily around a common opposition to the U.S.-dominated world order.
Wenn wir die Kriege im Nahen Osten aus dieser geopolitischen Perspektive betrachten, so hat Bundeskanzler Friedrich Merz durchaus Recht, wenn er sagt: Israel erledigt die „Drecksarbeit“ des Westens.
Alleine ist das kleine Land mit dem ganzen Dreck allerdings überfordert, zumal der Iran ein größerer Happen ist als Syrien oder der Libanon. Folgerichtig fordert die Jerusalem Post Donald Trump am 18. Juni 2025 auf, zur Tat zu schreiten:
Die Zerstörungsphantasien anglo-amerikanischer und israelischer Strategen
Am 18. Juni 2025 wendet sich die Jerusalem Post mit einem Appell an Donald Trump:
Mr. President, this extreme theocracy needs to fall. Make its destruction as explicit a policy as the defeat of Nazi Germany or Saddam Hussein’s Iraq.
Die israelische Zeitung vergleicht also die Islamische Republik Iran mit Nazi Deutschland sowie Saddam Husseins Irak und fordert dessen Vernichtung.
Von Bedeutung ist vor allem der zweite Vergleich. Denn der US-amerikanische Angriffskrieg auf den Irak im März 2003 hatte nicht nur den Sturz des Diktators zur Folge, sondern führte zur Zersplitterung des Landes entlang ethnischer und religiöser Identitäten. Unfassbare Blutbäder fanden statt, an denen schiitische wie sunnitische Extremisten beteiligt waren. Der Irak als Nationalstaat existiert seitdem nicht mehr.
Das bedeutet für Israel wie die USA: ein feindlicher Staat weniger. Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass der Iran seitdem enorm an Einfluss im Irak gewonnen hat und diverse Milizen kontrolliert. Ein zersplittertes Land, dass jederzeit Gefahr läuft, in einen Bürgerkrieg zu verfallen, stellt keine vergleichbare Bedrohung dar wie ein (halbwegs) funktionierender, moderner Nationalstaat mit einer nationalistischen Ideologie.
Die Phantasie, nahöstliche Staaten bzw. Gesellschaften entlang ihrer religiösen und ethnischen Unterschiede zu zersplittern, ist tief in der Psyche israelischer wie anglo-amerikanischer Strategen verankert.
Sie glauben damit, den Nahen Osten besser kontrollieren zu können, aus den genannten Gründen: Ein zerstückelter Staat ist leichter zu manipulieren als ein funktionierender Nationalstaat, der die gesellschaftliche Heterogenität im Zweifelsfall durch ein hartes Geheimdienstregime im Zaum hält.
Hinzu kommt die Traumatisierung durch das massenhafte Blutvergießen, das mit dem Zersplitterungsprozess einhergeht. Es führt dazu, dass die davon betroffenen Gesellschaften auf lange Sicht kein Interesse mehr haben können, sich mit Israel und/oder den USA anzulegen
Tatsächlich hatten (und haben) Israel wie die USA Erfolg mit dieser Strategie – nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien und in abgewandelter Form in Libyen, wo regionale statt ethnische/religiöse Animositäten ausgenutzt wurden, um den Staat zu zerstören.
Nun ist der Iran an der Reihe. Zumindest ist das die Phantasie israelischer und anglo-amerikanischer Strategen.
Die Jerusalem Post kleidet das kommende Blutvergießen – wenn der Plan denn gelingt – natürlich in freundliche Worte. Denn die westliche Öffentlichkeit liest mit und kann sich für diese Art von Regime Change nur erwärmen, wenn er für eine „gute“ Sache ist. Anders ausgedrückt: Wenn es um die „Befreiung“ unterjochter Völker geht.
Die Zeitung fordert Donald Trump deswegen auf:
Forge a Middle East coalition for Iran’s partition. Encourage long-term plans for a federalized or partitioned Iran, recognizing that Khamenei’s theocratic regime cannot be reformed. Offer security guarantees to Sunni, Kurdish, and Balochi minority regions willing to break away.
Minderheiten sollten ermutigt werden, aus dem iranischen Nationalstaat auszubrechen, Donald Trump möge eine nahöstliche Koalition schmieden, die zur „Teilung“ des Irans führt.
Drei Tage später, am 21. Juni 2025, erscheint die britische Zeitung The Economist (sie nennt sich selbst „newspaper“, obwohl sie wöchentlich erscheint). Sie gehört zu den wichtigsten Leitmedien auf dem Globus, mit einer Tradition, die bis ins Jahr 1843 zurückreicht. Der Economist gibt Trends vor und entwirft auch langfristige Szenarien, die mitunter Realität werden.
Dieses Heft ist dünn, es umfasst gerade 78 Seiten und kostet schlappe 12.99 €. Jede elfte Seite ist dem Krieg gegen den Iran gewidmet. Es geht also um die Wurst.
Der Economist ist verhalten optimistisch, was die Chancen betrifft, die Islamische Republik in die Knie zu zwingen. Gleichzeitig beschreibt er etwas weniger idealistisch als die Jerusalem Post, was dem Land und seinen Nachbarn möglicherweise bevorsteht.
Iran could splinter, with ethnic separatists causing trouble near its borders with Iraq, Pakistan and Turkey. Or the clerical regime could give way to a military one, which might be tempted to make a clandestine dash for a nuclear bomb in order to deter future attacks. In the first scenario, Iran would come to resemble Libya; in the second it would be North Korea. Neither is an appealing choice for its neighbours.
In dem Artikel „Rotten or robust?“ (online nicht verfügbar) phantasiert der Economist erneut von einem Bürgerkrieg, als wolle er klar stellen, wohin die Reise geht:
Separatists may resurface in Kurdish and Azeri provinces, as they did aufter the shah´s fall. A civil war is possible, as in Syria and Iraq: a prospect that terrifies many Iranians.
Ein Bürgerkrieg sei „möglich“, so wie er in Syrien und dem Irak stattfand. Das versetze viele Iraner in Angst und Schrecken.
Diese Angst sollte jeder Beobachter, der ein Fünkchen Empathie für die Menschen in dem Land übrig hat, ernst nehmen und inständig hoffen, dass sich die Phantasien anglo-amerikanischer und israelischer Strategen diesmal nicht bewahrheiten.
Eine „friedliche“ Revolution mit hunderten Toten (März 2011 bis Sepember 2011)
Im Dezember 2024 eroberten verschiedene Milizen, angeführt von Hayat Tahrir al-Sham, dem ehemaligen syrischen Arm des Terrornetzwerkes al-Qaida, die Großstädte Syriens und brachten das Baath-Regime nach 60 Jahren Herrschaft zum Einsturz.
Seitdem wartet die Welt gespannt darauf, was passiert. Die „eingefrorene Revolution“ , wie sie ein deutscher Fachmann nannte, ist aufgetaut und muss nun zeigen, wes Kind sie ist.
Die Tatsache, dass Dschihadisten an den Hebeln der Macht sind – sie verfügen über die Kanonen, nicht die Zivilgesellschaft – lässt Spielraum für Skepsis. Denn innerhalb des transnationalen Dschihadismus ist insbesondere der syrische von einem virulenten Hass gegenüber heterodoxen islamischen Minderheiten geprägt, darunter den Alawiten, zu denen auch Ex-Präsident Bashar al-Assad gehört. Die entscheidende Stütze des Baath-Regimes war zudem ein sadistischer Sicherheitsapparat, in dem vielfach alawitische Offiziere die Strippen zogen.
Die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen gegen die alawitische Minderheit standen also seit dem „Sieg der großen syrischen Revolution“ im Raum. Zurecht, wie sich schnell herausstellte, auch wenn die Angriffe auf Alawiten und andere Minderheiten in den westlichen Medien zunächst kaum beachtet wurden.
Das änderte sich Anfang März 2025, als hunderte, wenn nicht tausende alawitische Zivilisten im Nordwesten des Landes von dschihadistischen Kämpfern getötet wurden.
Ein Bericht der Tagesschau vom 10. März 2025 trägt den Titel: „Massaker an Zivilisten in Syrien. Die Angst der Alawiten.“
Wir nehmen diese Entwicklung zum Anlass, uns noch einmal im Detail den Ursprung der „Syrischen Revolution“ anzuschauen. Denn diese Revolution ist von zahlreichen Mythen umrankt, die es zu hinterfragen gilt.
In den folgenden Woche stelle ich hier Artikel ein, die Teil eines Buchprojektes sind, das sich über Jahre hin entwickelt hat und im Jahre 2026 zum Abschluss kommen wird..
In dem Buch geht es darum, wie westliche Geheimdienste und militärische Spezialeinheiten Extremisten für ihre Zwecke einsetzen. Syrien ist nur ein Beispiel von vielen, allerdings eines, das so gut dokumentiert ist wie kaum ein anderes.
Es folgt nun Teil 1 des Kapitels: „Syrien: Das „versteckte Massaker“.“
Die Buchteile, die ich hier reinstelle, sollen 10.000 Zeichen nicht überschreiten, damit die Augen der Leser nicht vor dem Ende zufallen.
Kristin Helberg ist Politikwissenschaftlerin und arbeitete sechs Jahre beim NDR in Hamburg, im Jahre 2001 ging sie nach Damaskus, „wo sie lange Zeit die einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin war“.
Sie blieb bis 2008 und berichtete für Rundfunk, Print und Fernsehen. Ihre Artikel etwa in der taz geben wertvolle – und differenzierte – Einblicke in eine Zeit, als syrische Oppositionelle noch mit friedlichen Mitteln versuchten, Veränderungen herbeizuführen, aber regelmäßig von dem Baath-Regime ausgebremst wurden. Kristin Helberg gilt nicht zu Unrecht „als eine der besten Syrien-Kennerinnen im deutschsprachigen Raum“.
Als im März 2011 der Aufstand in Deraa losbrach, wandelte sich die Journalistin zu einer scharfen Regimekritikerin, die seitdem kein grau mehr kennt. Für sie gibt es nur noch unschuldige Revolutionäre auf der einen und das böse Regime auf der anderen Seite. Die verdeckte Kriegsführung des Westens existiert bei ihr nicht, sehr wohl aber halbherzige Politiker aus Washington und Brüssel, die die Revolution im Stich gelassen hätten.
Durch zahlreiche Interviewauftritte in sämtlichen Medien sowie eigene Berichte und Bücher hat Kristin Helberg den Blick der deutschen Öffentlichkeit auf Syrien entscheidend mitgeprägt.
Zur Anschauung zitiere ich einige Passagen aus einem Aufsatz, den der Rowohlt Verlag im Jahre 2015 von ihr veröffentlichte. Sie stehen prototypisch für das Konsensnarrativ, das sich in deutschen Qualitätsmedien zur syrischen Tragödie im Laufe der Zeit entwickelte, sie könnten in dieser oder ähnlicher Form in jeder Zeitung stehen.
Foto: A. Metzger
Im Zentrum des Konsensnarrativs steht die mantrahaft vorgetragene Behauptung, der Aufstand gegen das Baath-Regime sei rein friedlicher Natur gewesen. Gewalt hätten nur Bashar al-Assad und seine Schergen angewendet.
„Für Assad sind die Demonstranten von Anfang an Terroristen und ausländische Agenten. Um diese Propaganda wahr werden zu lassen, entlässt er Dschihadisten aus dem Gefängnis, schürt konfessionellen Hass und schickt Provokateure des Geheimdienstes, um den Aufstand in ein schlechtes Licht zu rücken.“ (S. 58.)
Das klingt nach Verschwörungstheorie, jedenfalls liefert sie weder Indizien noch Beweise. Lassen wir es zunächst so stehen.
Für den hässlichen Dschihad in Syrien – Stand: Herbst 2015 – hat sie folgende Erklärung:
„Viereinhalb Jahre lang hat das syrische Regime alles dafür getan, radikale Islamisten zu seinem mächtigsten Feind zu machen. Assads `Terroristen´waren aufmüpfige Schulkinder, Plakate malende Aktivisten, friedliche Demonstranten, Medikamente schmuggelnde Frauen, Journalisten, Ärzte und Sanitäter, christliche Filmemacher, alawitische Deserteure und national gesinnte Kämpfer. Diese gemäßigten Kräfte hat Assad mit größtmöglicher Brutalität bekämpft, während er die ab 2013 ins Land strömenden Dschihadisten geduldet, geschont und sogar gestärkt hat.“ (S. 64.)
Kristin Helberg verneint also die Möglichkeit, dass Islamisten und Dschihadisten von Beginn an Teil des Aufstandes gewesen sein könnten; sie nennt es eine fixe Idee des Regimes, das damit die „gemäßigten Kräfte“ in ein „schlechtes Licht“ hätte rücken wollen. Wichtiger noch: Sie verneint die Möglichkeit, dass „ausländische Agenten“ eine Rolle gespielt haben könnten, sie hält auch das für ein Hirngespinst des syrischen Sicherheitsapparates.
Bedeutsam ist ihre apodiktisch vorgetragene Behauptung, dass das Regime bewusst „konfessionellen Hass“ gesät hätte, um den Aufstand erst zu radikalisieren und dann militärisch bekämpfen zu können.
Schließlich verdient ein Datum unsere Aufmerksamkeit: Kristin Helberg schreibt allen Ernstes, dass Dschihadisten erst seit 2013 ins Land „strömten“ und dann von Bashar al-Assad „geduldet, geschont und sogar gestärkt“ wurden!
Wie sie auf diese Idee kommt, bleibt bis auf Weiteres ein Mysterium…
Januar 2012: al-Qaida kündigt Selbstmordattentate in Syrien an. Foto: A. Metzger @Daily Telegraph
In den folgenden Kapiteln werde ich zeigen, dass kritische Beobachter geneigt sein könnten, die Entwicklung des syrischen Konflikte anders darzustellen als Kristin Helberg.
Ich werde das anhand einer Fülle von Material machen, das im Prinzip aus drei Elementen besteht: Zum einen aus Berichten und Analysen, die veröffentlicht wurden, während sich der Konflikt entwickelte. Sie geben das wieder, was jeder – zumindest Fachleute – in Echtzeit darüber wissen konnte.
Zum zweiten handelt es sich um durchgestochene Texte amerikanischer Offizieller (E-Mails, vertrauliche Berichte) aus jenen Tagen, die deren unverblümte Sichte auf die Dinge zeigen.
Schließlich handelt es sich drittens um Texte, die den Konflikt – vor allem den scheinbar überraschenden Aufstieg des ISIS – rückwirkend betrachten und einordnen.
In der Ukraine droht ein schrecklicher Guerilla-Krieg
Was will Putin? Das fragt sich die Welt seit Wochen und ringt um Antworten.
Mit dem Angriff auf die Ukraine hat er Russland in eine Ecke manöviert, aus der es keinen Ausweg gibt. Ihm droht der Zerfall seines Reiches und die Anklagebank in Den Haag.
Während die Suche nach Motiven weiter geht, ist es an der Zeit zu fragen:
Was will die NATO?
In den vergangenen Wochen sind diverse Berichte aufgetaucht, aus denen hervorgeht, dass die CIA seit Jahren ukrainische Spezialeinheiten ausgebildet hat, um im Falle einer russischen Invasion einen regelrechten Guerillakrieg in der Ukraine loszutreten.
Strategische Studien eines Pentagon-nahen Think Tanks legen nahe, dass die USA großes Interesse daran hatten, dass genau das eintritt.
Denn der russische Versuch, ein Land von der vierfachen Größe Englands zu kontrollieren, mit einer Bevölkerung von 40 Millionen, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, Russland militärisch und wirtschaftlich auszubluten.
Es lockt ein Afghanistan 2.0, geformt nach dem Vorbild der 1980er Jahre, als islamische Widerstandskämpfer sowjetische Flugobjekte mit amerikanischen Stinger-Raketen vom Himmel holten.
Es folgte der Zusammenbruch der Sowjetunion, der allerdings keinen wirklichen Abschluss fand: Nach zehn Jahren Chaos setzte sich Vladimir Putin 1999 im Kreml fest und entwickelte Ambitionen, sein gerupftes Heimatland wieder auf Augenhöhe zu bringen.
Jetzt könnte sich die Gelegenheit bieten, das zu vollenden, was nach 1989 auf halbem Wege stecken geblieben ist – nämlich die endgültige Zerschlagung des russischen Imperialismus.
Schauen wir uns einige Texte an, die diese These belegen könnten.
Im April 2019 veröffentlicht die RAND Corporation – einer der wichtigsten Think Tanks Amerikas, der dem Pentagon zuarbeitet – eine lange Studie mit dem Titel: „Extending Russia“, oder: „Wie lässt sich Russland überdehnen.“
(Anzumerken ist, dass die Kurzversion der Studie einen aggressiveren Titel trägt: „Overextending and Unbalancing Russia“, oder: „Wie lässt sich Russland bis zur Schmerzgrenze überdehnen und aus der Balance bringen.“)
Die alten Feinde des Kalten Krieges, stellt RAND in bürokratischer Militärsprache fest, befänden sich wieder im „Großmachtstreit“ und die USA müssten nach Wegen suchen, dem Rivalen Schmerzen zuzufügen:
In der Erkenntnis, dass ein gewisses Maß an Wettbewerb mit Russland unvermeidlich ist, führten RAND-Forscher eine qualitative Bewertung von `kostenauferlegenden Optionen´ durch, die Russland aus dem Gleichgewicht bringen und überfordern könnten.
Größte Schwachstelle sei die Wirtschaft, die mit umfassenden Sanktionen zu überziehen sei. Hier fehle jedoch die Kooperationsbereitschaft Europas, vor allem Deutschlands.
Außerdem spricht der Bericht von „geopolitischen Maßnahmen“ (geopolitical measures), die den Rivalen aus der Balance bringen könnten; dazu gehören Waffenlieferungen an syrische Rebellen sowie Regime-Change-Maßnahmen in Belarussland und Zentralasien.
Noch wichtiger sei jedoch der schwelende Konflikt im Donbass:
Eine Intensivierung der Militärberatung und vermehrte Waffenlieferungen an die Ukraine sind die praktikabelsten dieser Optionen mit der größten Wirkung (..) Das ukrainische Militär blutet Russland bereits in der Donbass-Region aus (..). Die Bereitstellung von mehr US-Militärausrüstung und Beratung könnte Russland dazu veranlassen, seine direkte Beteiligung an dem Konflikt und den Preis, den es dafür zahlt, zu erhöhen. Russland könnte mit einer neuen Offensive reagieren und mehr ukrainisches Territorium erobern.
Im Klartext heißt das: Es ist im Interesse der USA, genau das zu provozieren.
Auch der BND weiß um die Vorteile des Guerilla-Kriegs.
Zwei Jahre später. Nachdem Präsident Wolodimir Selenskij angekündigt hat, die Krim an die Ukraine zurückzuholen, schickt Russland im März 2021 tausende Truppen an die Grenze.
William Courtney, einer der Geschäftsführer der RAND Corporation, stellt am 26. April fest:
Ein erneuter Krieg könnte hohe Verluste bringen und würde damit der Präferenz des Kremls für risikoärmere Militäraktionen zuwiderlaufen.
Der Grund für die Risikoscheue:
In den 1980er Jahren starben bei jahrelangen Kämpfen in Afghanistan mindestens 15.000 einfallende sowjetische Soldaten. Das hatte demoralisierende Wirkung. (..) Der Kreml könnte in der Ukraine die gleichen Fehler begehen wie damals die sowjetischen Machthaber in Afghanistan.
Dezember 2021. Die Lage spitzt sich weiter zu. Der gleiche Autor legt offen, dass die USA seit 2014 2.5 Milliarden US Dollar in das ukrainische Militär investiert haben, für genau diesen Fall:
Während die Ukrainer möglicherweise nicht in der Lage sind, eine groß angelegte Invasion zu besiegen, könnten sie hohe Verluste verursachen, was ein heikles Thema in Russland ist. Die Besatzungstruppen könnten ausgedünnt werden und damit anfällig sein für Angriffe von Stay-behind-Truppen.
Zufrieden stellt er fest:
Die USA, ihre NATO-Verbündeten und die Ukraine könnten dem russischen Eindringling schmerzhafte Kosten verursachen. Und für viele Jahre danach könnte Russland einer verstärkten NATO-Militärmacht gegenüberstehen.
Am 19. Dezember 2021 veröffentlicht die Washington Post einen Artikel, der zeigt, dass entsprechende Vorbereitungen bereits laufen:
Die Biden-Regierung untersucht, ob und wie die Vereinigten Staaten einen antirussischen Aufstand in der Ukraine unterstützen könnten, wenn Präsident Wladimir Putin in dieses Land einmarschiert und beträchtliches Territorium erobert.
Ein ehemaliger russischer Helikopter in Afghanistan.
Sollte die ukrainische Regierung fallen, würde das US Militär Waffen und logistische Hilfe schicken, um einen Guerilla-Krieg anzufachen. Der Autor zieht Parallelen zum Afghanistan-Krieg:
Zu den Waffen, die die Vereinigten Staaten bereitstellen könnten, gehören schultergefeuerte Flugabwehrraketen. Diese Waffen, damals als `Stingers´ bekannt, wurden von der CIA geliefert und hatten während des 10-jährigen Krieges in Afghanistan von 1979 bis 1989 verheerende Auswirkungen auf die sowjetischen Streitkräfte.
Doch nicht nur der Kalte Krieg helfe den USA dabei, eine kluge Strategie gegen Putins Russland zu entwickeln, sondern auch die Erfahrungen, die das US-Militär im so genannten Krieg gegen den Terror gesammelt hat, kämen zur Geltung.
Um die Freiheit der Ukraine zu sichern, gehen die USA äußerst subversiv vor
Wichtig sei, so der Autor, dass sich die USA an Recht und Ordnung hielten:
Die Task Force umfasst ein Rechtsteam, das untersucht, wie Unterstützung für einen ukrainischen Aufstand geleistet werden könnte, ohne gegen US-amerikanische oder internationale Gesetze zu verstoßen.
Die Biden-Administration nutzt die Washington Post als Medium, um ihre Pläne offen zu legen. Vladimir Putin sollte spätestens nach diesem Artikel wissen, was ihn im Falle einer Invasion erwartet:
US-Beamte haben davor gewarnt, dass Amerika und seine europäischen Verbündeten schwere Wirtschaftssanktionen verhängen würden, die die russische Wirtschaft lahmlegen könnten. Und die NATO kündigte letzte Woche Pläne an, Truppen in Richtung Russland zu verlegen, falls Putin Warnungen ignoriert. Das würde Russland nach einer Invasion anfälliger für den militärischen Druck des Westens machen, das Gegenteil von dem, was Putin zu erreichen hofft.
Am 13. Januar 2022 folgt Yahoo! News mit einem detaillierten Bericht, aus dem hervorgeht, dass die CIA seit 2015 ukrainische Spezialeinheiten in den USA ausgebildet hat, um sie auf einen Guerilla-Krieg vorzubereiten.
Die CIA bildet seit 2015 ukrainische Spezialkräfte aus, ihre Sprecherin sagt aber, das stimmt gar nicht.
Der Bericht zitiert einen anonymen Insider:
Die Vereinigten Staaten trainieren einen Aufstand, um Russen zu töten.
Ein anderer sagt:
Wenn die Russen einmarschieren, werden diese [Absolventen der CIA-Programme] die entscheidende Miliz sein, sie werden die Führung des Aufstandes übernehmen (..). Wir bilden diese Jungs jetzt seit acht Jahren aus. Sie sind wirklich gute Kämpfer. Hier könnte das Programm der CIA ernsthaft Wirkung zeigen.
Tammy Thorp, eine Sprecherin der CIA, verneint diese vermeintliche Verschwörungstheorie, doch Yahoo! News scheint das nicht zu stören und bringt den Artikel trotzdem.
Fünf Tage später stattet eine Gruppe von US-Senatoren Wolodimir Selenskij einen Solidaritätsbesuch ab. Senator Richard Blumenthal sagt:
Ich denke, Wladimir Putin hat den größten Fehler seiner Karriere begangen, indem er unterschätzt hat, wie mutig die Menschen in der Ukraine gegen ihn kämpfen werden, wenn er einmarschiert. (..) Wir werden lähmende Wirtschaftssanktionen verhängen, aber was noch wichtiger ist, wir werden den Menschen in der Ukraine die Waffen geben, tödliche Waffen, die sie brauchen, um ihr Leben und ihren Lebensunterhalt zu verteidigen.
Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace kündigt an, nicht nur Waffen zu schicken, sondern auch militärische Ausbilder.
Der Kreml ist sich bewusst, dass amerikanische und britische Strategen einen Guerillakrieg vorbereiten. Ein Sprecher Putins beklagt sich am 18. Januar über die Waffenlieferungen und sagt:
Das ist extrem gefährlich und hilft nicht, Spannungen abzubauen.
(Sputnik ist mittlerweile in Deutschland verboten, um zu verhindern, dass diese Art von Fake-News unters Volk kommt. Der Link tot.)
Trotzdem greift Russland die Ukraine am 24. Februar an.
Einen Tag später veröffentlicht das einflussreiche amerikanische Magazin Foreign Affairsdas bislang ausführlichste Exposé über die Planungen der CIA.
Der Titel des Artikels lautet: „Der kommende ukrainische Aufstand: Die russische Invasion könnte Kräfte lostreten, die der Kreml nicht kontrollieren kann“.
Geschrieben ist er von Douglas London, der 34 Jahre für die CIA gearbeitet hat, als Experte für geheime Operationen. Er schreibt:
Die Ukrainer haben die letzten acht Jahre damit verbracht, den Widerstand gegen eine russische Besatzung zu planen, dafür zu trainieren und sich auszurüsten (..) Die Ukraine weiß, dass keine US- oder NATO-Truppen zu ihrer Rettung auf dem Schlachtfeld kommen werden. Ihre Strategie beruht nicht darauf, eine russische Invasion zurückzuschlagen, sondern darauf, Moskau auszubluten, um die Besetzung unhaltbar zu machen.
Die Geographie der Ukraine sei ein Vorteil, da sie an vier NATO-Staaten grenzt (Ungarn, Polen, Rumänien, Slowakei):
Diese langen Grenzen bieten den Vereinigten Staaten und der NATO eine dauerhafte Möglichkeit, den ukrainischen Widerstand und einen langfristigen Aufstand zu unterstützen und Unruhen in Belarus zu schüren, falls die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten beschließen, die Opposition gegen das Regime von Lukaschenko heimlich zu unterstützen.
Ähnlich wie die Washington Post einen Monat vorher verweist Douglas London auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, die nahe legten, dass Russland auf verlorenem Posten sei:
Wie die Vereinigten Staaten in Vietnam und Afghanistan gelernt haben, kann sich ein Aufstand, der über zuverlässige Versorgungswege, reichlich Reserven an Kämpfern und Zufluchtswege über die Grenze verfügt, auf unbestimmte Zeit erhalten, den Kampfwillen einer Besatzungsarmee schwächen und die politische Unterstützung für die Besatzung in der Heimat erschöpfen.
„Ein Aufstand ist unvermeidlich“
Dann kommt er zur Rolle der CIA:
Die Unterstützung eines Aufstands liegt in der DNA der CIA (…) Die jüngsten Erfahrungen der CIA bei der Unterstützung und Bekämpfung von Aufständen in Afghanistan, Irak und Syrien bereiten sie gut darauf vor, sich den modernen, konventionellen Streitkräften Russlands entgegenzustellen. Die Vereinigten Staaten können ukrainischen Aufständischen dabei helfen, Ziele mit dem größten militärischen Wert und der größten psychologischen Wirkung zu treffen.
Er vermutet, dass die CIA schon länger dabei ist, die Ukraine auf diesen Krieg vorzubereiten, zusammem mit ihren Geheimdienstkollegen aus Kiew.
Douglas London ist sich im klaren, dass russische Geheimdienste die Aufständischen bereits unterwandert haben und ihnen anfangs schwere Verluste beibringen könnten. Doch die Zeit spiele gegen die Russen:
Aufständische passen sich schnell an, viel schneller als die großen, strukturierten Armeen, gegen die sie kämpfen (..). Ihre Agilität wird zu einem enormen Vorteil.
Tatsächlich rechnet er damit, dass der Guerillakrieg sich nur langsam entwickeln werde:
Ein Aufstand gegen russische Streitkräfte in der Ukraine wird einige Zeit brauchen, um Fahrt aufzunehmen und seine Ziele zu erreichen. Widerstandsbewegungen können Jahre – nicht Monate – brauchen, um zu reifen, sich zu organisieren und ein offensives Tempo zu erreichen.
Abschließend stellt er fest:
Wenn seine (Putins) Ziele maximalistisch sind – Grenzen neu ziehen oder sogar die derzeitige Regierung stürzen – ist ein Aufstand unvermeidlich. Sowohl für Putin als auch für seine Feinde wird es schwer, die jetzt entfesselten Kräfte zu kontrollieren.
Kriegsbilder können die Öffentlichkeit schockieren, wenn sie gezielt eingesetzt werden.
Wenn es stimmt, was Douglas London schreibt, dann spielt die CIA auf Zeit. Ein schneller Erfolg ist bei einem Guerillakieg jedenfalls nicht zu erwarten, vielmehr handelt es sich um eine Abnutzungsschlacht, in der es darum geht, die Moral und die Ressourcen des Feindes langsam zu zermürben.
Die schrecklichen Bilder, die solch ein Krieg produziert, müssen dabei als Waffe gegen den Feind eingesetzt werden:
Eine Einflusskampagne, ausgestattet mit schrecklichen Bildern des Gemetzels – sowohl von ukrainischen Zivilisten wie russischen Soldaten – wird darauf abzielen, in Russland Antikriegsstimmung zu säen.
Tatsächlich berichtet CBS News ein paar Tage später, dass amerikanische und britische Strategen in Jahren denken, wenn nicht Jahrzehnten:
Angesichts der Beständigkeit des ukrainischen Widerstands und seiner langen Geschichte, Russland zurückzudrängen, glauben die USA und die westlichen Mächte nicht, dass dies ein kurzer Krieg sein wird (..) Die britische Außenministerin schätzt, dass der Krieg zehn Jahre dauern wird. Abgeordnete im Kapitol wurden am Montag darüber informiert, dass er wahrscheinlich 10, 15 oder 20 Jahre dauern wird und dass Russland letztlich verlieren wird.
Unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion lässt sich auf Twitter ein interessantes Phänomen beobachten: Amerikanische und britische Ex-Militärs geben konkrete Anweisungen für ukrainische Zivilisten, wie sie ihre Städte in geeignetes Terrain für urbane Kriegsführung unwandeln können.
Einer von ihnen ist John Spencer, Chair of Urban Warfare Studies am Madison Policy Forum, ein Major im Ruhestand:
Ich bin gefragt worden, was ich den zivilen Widerstandskämpfern in der Ukraine, insbesondere in Kiew, raten würde, also Leuten ohne militärische Ausbildung, die Widerstand leisten wollen. Hier sind ein paar Dinge: Du hast viele Möglichkeiten, aber du musst klug kämpfen. Die Stadtverteidigung ist die Hölle für jeden Soldaten. Normalerweise kommen 5 Angreifer auf 1 Verteidiger (..). Verwandele Kiew und jedes städtische Gebiet, das nach Kiew führt, in ein Stachelschwein.
Sieht schon ganz gut aus.
Dann erklärt er, wie der Widerstand die Infrastruktur der Stadt – also etwa Brücken – zerstören und die Häuser in Widerstandsnester verwandeln solle:
Steht nicht NICHT im Freien (..). Schießt aus Fenstern, hinter Autos, aus den Ecken von Gassen. Baut Stellungen (am besten aus Beton), um von dort aus zu schießen.
Irgendwann könnte es ruppig werden, so Spencer:
Du musst dich darauf vorbereiten, dass die Russen Artillerie einsetzen werden, um ihren Truppen zu helfen. Stelle sicher, dass die Orte, von denen du schießt, gut ausgebaut sind. Wenn du dich in einem Gebäude befindest, mache Löcher in die Wände.
Abgesehen von den Twitter-Instrukteuren befinden sich laut Berichten von Buzzfeed bereits Veteranen aus NATO-Spezialeinheiten auf dem Weg in die Ukraine, um den Aufständischen zu helfen und andere Freiwillige zur Anreise zu animieren:
Eine Gruppe von 10 Veteranen aus Spezialeinheiten hält sich in Polen auf und bereitet sich darauf vor, in die Ukraine einzudringen.
Es handele sich um sechs US-Amerikaner, drei Briten und einen Deutschen (der dann aus dem Kommando Spezialkräfte (KSK) stammen müsste):
Sie wollen zu den Ersten gehören, die offiziell der neuen Internationalen Legion der Territorialverteidigung der Ukraine beitreten, die Selenskyj am Sonntag angekündigt hat.
Sie sieht nicht mehr so frisch aus wie früher, aber ist kampfeslustig wie eh und je.
Als erste hochrangige Politikerin, die dem „Afghanistan“-Plan ihren Segen gibt, meldet sich Hillary Clinton zu Wort. Auf MSNBC sagt sie am 1. März:
Die Bereitstellung der notwendigen Waffen hat begonnen und muss beschleunigt werden. Die Ukrainer brauchen Stinger-Raketen, um russische Flugzeuge abzuschießen, sie brauchen Javelin-Raketen, um Panzer zu stoppen, sie brauchen viel Munition, sie brauchen so viel Unterstützung wie möglich.
Dann erinnert sie an das Beispiel Afghanistan, das den Ukrainer:innen Hoffnung machen sollte:
Denken Sie daran, dass die Russen 1980 in Afghanistan einmarschierten, und obwohl kein Land hineinging, gab es viele Länder, die Waffen und Berater für diejenigen lieferten, die für den Kampf gegen Russland rekrutiert wurden. Es endete nicht gut für die Russen, es gab andere unbeabsichtigte Folgen, wie wir wissen, aber Tatsache ist, dass ein sehr motivierter und gut finanzierter und bewaffneter Aufstand die Russen im Wesentlichen aus Afghanistan vertrieben hat.
Natürlich gebe es Unterschiede, so die ehemalige Außenministerin, aber letztlich gehe es um das gleiche Prinzip:
Natürlich sollte man die Ähnlichkeiten nicht überbetonen, weil das Terrain so unterschiedlich ist, aber ich denke, das ist das Modell, auf das die Leute jetzt schauen. (..) Ich denke, wir müssen das genau beobachten, wir müssen ausreichend militärische Ausrüstung für das ukrainische Militär und die Freiwilligen bereitstellen und wir müssen die Schrauben weiter anziehen.
Amerika wäre nicht Amerika, wenn es nicht auch kritische Stimmen gäbe.
Das linke Magazin Covert Action Quarterly, das seit Jahrzehnten über verdeckte Kriegsführung berichtet, erinnert am selben Tag, als Hillary Clinton ihr Interview gibt, an den legendären amerikanischen Strategen Zbigniew Brzezinski.
Zbigniew Brzezinski schaffte es bis ganz nach oben, obwohl sein Name fast nur aus Konsonanten besteht.
Er ist der Vater der „Afghanistan“-Strategie: Im Sommer 1979, sechs Monate vor dem sowjetischen Einmarsch, ließ er die Mudschahedin bewaffnen, um die Sowjets in die Falle zu locken und dann über Jahre hinweg militärisch ausbluten zu lassen.
Die Tatsache, dass anschließend die Taliban die Macht übernahmen, kommentierte er 1998 wie folgt:
Was ist wichtiger für die Geschichte der Welt? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetimperiums? Einige aufgeregte Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?
Das Covert Action Magazine befürchtet, dass wir an einem ähnlichen Punkt in der Geschichte angelangt sind:
Brzezinski starb im Mai 2017, aber sein Geist lebt in der Biden-Regierung weiter, die seiner Blaupause gefolgt zu sein scheint und Afghanistan durch die Ukraine ersetzt hat. Ihre Strategie scheint darin bestanden zu haben, eine russische Invasion in der Ukraine herbeizuführen, mit dem Ziel, Russland in einen Sumpf zu locken und gleichzeitig seine Wirtschaft durch Sanktionen zu lähmen, was die Aussicht auf einen Sturz von Wladimir Putin erhöht.
Vollkommen neu ist, dass sich die Bundeswehr offiziell an einer solchen Mission beteiligt. Bereits am 26. Februar kündigt Bundeskanzler Scholz an, 1000 Panzerfäuste und 500 Stinger-Raketen in die Ukraine zu schicken.
Ein ganz neues Gefühl ist es auch, dass Militärs im deutschen Fernsehen auftauchen und Kriegstaktiken erklären, wie der FOCUS anmerkt:
Man hat es bis vor ein paar Tagen nicht für möglich gehalten, dass ein Experte für Militärstrategie mal ein wichtiger Gesprächspartner in einem TV-Talk über Europa werden könnte. Nun sitzt der ehemalige deutsche Nato-General Hans-Lothar Domröse bei Frank Plasberg und darf gleich zum Auftakt des Abend ran.
General Domröse wird in der Sendung erstaunlich deutlich, das Wort „Partisan“ dürften viele Deutsche zum ersten mal in einer Talkshow gehört haben:
Das kann ein Afghanistan 2.0 für Putin werden (..) Die Ukraine muss partisanenartig kämpfen. Das ist die einzige Chance, um den Russen den Angriffsschwung zu nehmen.
Bald werde die Bevölkerung aus Kellern und Straßenschluchten auf Panzer schießen, zitiert FOCUS den General, dessen Auftreten dem Magazin Respekt abverlangt:
Wenn der General mit dem dicken grauen Schnäuzer spricht, schwingen keine Emotionen mit. Nüchtern erklärt Domröse die Welt des Krieges.
Die Waffenlieferung aus Deutschland, so Domröse, würde die Moral der ukrainischen Truppe und die Partnerschaft mit Deutschland stärken.
Eine Guerilla-Krieg mit deutschen Panzerfäusten
Im Morgenmagazin der ARD wird André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbands, gefragt, ob es zu einem Guerilla-Krieg kommen könnte. Seine Antwort:
Ja, davon gehe ich schon aus, denn in den Städten selbst, im Orts- und Häuserkampf, da sind natürlich Kräfte, wie sie die Ukraine hat, mit ihren Panzerfäusten und mehr überlegen, aber auf der anderen Seite könnte das Putin motivieren, mit Feuerwalzen über diese Städte herzufallen, vergleichbar Grozny, Aleppo, und deswegen besorgt mich die aktuelle Situation natürlich auch.
Der Moderator fragt, ob es angesichts dessen richtig war, Panzerfäuste in die Ukraine zu schicken:
Ich denke, die Entscheidung war richtig und sie sind ja auf dem Weg gerade an die Front (..) und das gleiche machen ja unsere Partner.
Noch sind die deutschen Lieferungen zaghaft, aber das dürfte sich ändern, je mehr sich die Bundeswehr daran gewöhnt hat, eine kämpfende Armee zu sein. Auch für die Deutschen ist es ein vollkommen neues Gefühl, plötzlich von einem „Kriegskanzler“ regiert zu werden.
Dabei beschränkt sich der Abnutzungskrieg gegen Russland nicht nur auf „geopolitische Maßnahmen“, sondern wird von harten wirtschaftlichen Sanktionen flankiert – ganz wie es die RAND Corporation in ihrem Bericht vom April 2019 anvisiert hatte.
Russland ist anscheinend gar keine Bedrohung für den Westen, es hat nicht genug Kohle (also Geld).
Die wirtschaftliche und finanzielle Isolierung seines Landes soll Vladimir Putin zum Einlenken bringen – sofern er bereit ist, den Ernst der Lage zu erkennen. Emily Haber, die deutsche Botschafterin in Washington, schreibt dazu auf Twitter:
Die Sanktionen des Westens werden Russland in den Ruin treiben.
Doch auch die Ukraine wird leiden, daran führt kein Weg vorbei. Immerhin winkt die vollständige Eingliederung in westliche Strukturen, wenn alles überstanden ist.
Kori Schake, eine einflussreiche Verteidigungsexpertin vom American Enterprise Institute in Washington, schreibt dazu:
Die Eroberung der Ukraine wird unaussprechliche Brutalität erfordern, und selbst wenn Moskau erfolgreich sein sollte, strömen bereits fremde Legionäre in die Ukraine, um den Aufständischen dabei zu helfen, die russische Besatzung auszubluten. Wenn die Ukraine den Angriff Russlands abwehrt, wird sie in die NATO und die EU aufgenommen.
Sollte der hier beschriebene amerikanische Plan tatsächlich der NATO-Strategie entsprechen, befinden wir uns erst am Anfang eines langen Guerillakrieges.
Um das zu verhindern, sollte Vladimir Putin – sofern ihm das Schicksal Russlands, aber auch das der Ukraine, am Herzen liegt – seine Truppen so schnell wie möglich wieder abziehen.
Denn die Vorbereitungen für diesen Krieg laufen auf Hochtouren, niemand wird ihn stoppen können.
Das Modern War Institute in West Point redet deswegen den westlichen Strategen, die all das seit langem planen, ins Gewissen:
Selbst wenn dies zu einer russischen Niederlage führen sollte, sollten sich die Ukrainer – und die westlichen Politiker, die sie unterstützen – nicht darüber täuschen, wie schrecklich ein aufständischer Krieg sein wird.