Neustart mit Rückblick, Teil 1

Was bisher geschah…

Im April 2020 habe ich diesen Blog gestartet, alles war sehr ambitioniert.

Ich wollte die „Tiefenstrukturen der Macht“ analysieren und sagte mir: Nichts leichter als das!

Die Kategorien waren erstellt, es konnte losgehen:

Klingt ja sehr kultiviert.

Doch dann kam Corona.

Ich hätte das Thema ignorieren sollen, denn von Viren habe ich keine Ahnung. Aber alle anderen sprachen jeden Tag – und dann den ganzen – davon, keiner konnte sich dem Sog vom Coronadialog entziehen.

So verpulverte ich meine Energie in den sozialen Medien und steckte gelegentlich richtig Prügel ein; denn nicht immer war ich auf Linie.

Masken, so sagte mir eine Ärztin im Mai 2020, könnten dem Immunsystem auch schaden, was sich jetzt zu bestätigen scheint.

Mittlerweile hat sich meine Einstellung zu Corona geändert.

Ich möchte endlich, dass die gesellschaftliche Polarisierung aufhört und weiß es zu schätzen, dass Forscherinnen, die an jeder Ecke gefährliche „Verschwörungstheoretiker“ am Werke sehen, gleichfalls auf verbale Abrüstung setzen, siehe hier (22. November 2021):

Katharina Nocun forscht über Verschwörungstheorien und versucht trotzdem, den Groll ihrer Follower gegen ungeimpfte Verschwörungstheoretiker zu zähmen.

Ich habe mich einzig aus Solidarität impfen lassen, tatsächlich glaube ich nämlich, dass mein Immunsystem resistent genug ist.

Es gibt Menschen wie mich, die jeden Tag Yoga machen und lange Rolltreppen hochlaufen und deswegen fast nie erkranken (außer in der Birne, dazu später mehr).

Wie dem auch sei.

Neben dem Corona-Desaster gab es einen zweiten, für mich persönlich gravierenderen Grund, warum ich die Aktivitäten auf diesem Blog einstellte.

Deswegen werde ich ihn jetzt in aller Ausführlichkeit referieren.

Es geht um ein Radio-Feature, in das ich viel Herzblut gesteckt hatte, das aber in letzter Minute abgesetzt wurde.

Es war nicht das erste Mal, dass kurz vor Zieleinlauf ein für mich wichtiges Werk aus möglicherweise politischen Gründen den Weg in den Mülleimer fand.


Eigentlich ist es kein Verdacht, sondern ein Fakt, aber was soll´s…

Dieser Fall wog schwerer als die anderen und stellte eine Zäsur für mich dar. Er spornte mich dazu an, endgültig einen eigenen Weg als Wissenschaftler und Journalist zu suchen.

Gleichzeitig handelt es sich um ein interessantes Beispiel, wie deutsche Medien mit schwierigen Themen umgehen und wie es ihnen – in meinem Fall mehr schlecht als recht – gelingt, sie im Nichts verschwinden zu lassen.

Diesen subtilen Vorgang, bei dem es eben nicht um bewusstes Lügen geht, sondern um eine unausgesprochene Zensur, die von selbst funktioniert, gilt es zu analysieren.

Die Erfahrung war schmerzlich, aber ich erlangte viele neue Erkenntnisse, die ich aufgeschrieben habe.

Heute kommt Teil 1, später folgen weitere – und dann langt es aber auch mit der Nabelschau!

Die Geschichte wird spannend, das kann ich versprechen, es ist ein Lehrstück in Sachen Meinungsvielfalt (und deren Grenzen…) in der bundesdeutschen Demokratie.

Ziel der Serie ist es, meinen ramponierten Ruf als scharfsinniger Beobachter des Zeitgenössischen zu rehabilitieren, damit ich anschließend voll durchstarten kann.

Es war einmal ein Mann…

Alles begann im Jahre 2019 n. Chr.

Ein Mann – nämlich ich – saß am Schreibtisch und sortierte die Interviews, die er in den vergangenen Jahrzehnten mit diversen Islamisten und ihren Kritikern geführt hatte. Er brauchte Kohle und wollte diesen Schatz vergolden.

Tatsächlich hatte ich seit langem die Idee, mein altes O-Tonmaterial in einem Radiofeature neu zu betrachten.

Manche der Gespräche haben historischen Wert:

Nicht wenige der Befragten sind in der Zwischenzeit durch Drohnen und andere Tötungsgeräte ermordet worden oder eine Krankheit beendete frühzeitig ihr Leben; weitere Interviewpartner sind für immer hinter Schloss und Riegel und werden so schnell kein Mikrofon mehr sehen.

Das Leben als Islamist ist kein Zuckerschlecken und ihre Kritiker müssen auch auf der Hut sein.

Abgesehen von den wertvollen Aufnahmen hatte ich in den vergangenen Jahren angefangen, den Islamismus und seine Hintergründe mit völlig anderen Augen zu betrachten.

Mich trieb also nicht nur Geldnot an, sondern auch die Gewissheit, alles durchschaut zu haben. Das wollte ich den Bundesbürgern übers Radio mitteilen.


Dschihadisten wie Omar Bakri schleusten seit 2011 Kämpfer nach Syrien ein.

Während ich nämlich früher glaubte, der Westen betrachte Leute vom Schlage al-Qaidas als seine Feinde, so muss ich heute sagen, dass es jenseits der Meere Geheimdienste gibt, die ganz gerne mit diesen Typen kooperieren.

Die Geopolitik treibt´s rein.

Ein Beispiel ist der so genannte „Tottenham Ayatollah“, den ich im Dezember 2000 in London traf und einen lustigen Kerl fand. Sein wirklicher Name ist Omar Bakri Mohammed, seine inzwischen verbotene Organisation nannte sich al-Muhajiroun.

Irgendwann wurde mir klar: Der ist gar nicht so witzig ist und die jungen Männer, die er zu Dschihadisten abgerichtet hatte, landeten tatsächlich im Kosovo und anderen Konfliktzonen.

Er selbst bezeichnete seine Kommunikationsorgane als „Mund, Augen und Ohren“ Osama bin Ladens.

Mit anderen Worten: Er war ein Sprecher al-Qaidas in London.

Damit nicht genug: In all diesen Jahren war der Ayatollah aus Tottenham offensichtlich ein Informant britischer Geheimdienste (und keinesfalls der einzige aus dem Milieu).

Zwei Tage nach den katastrophalen Anschlägen von Washington und New York (September 2001) rief ich ihn an und fragte ihn nach seiner Meinung. Er sagte, ab nun sei niemand mehr im Westen sicher, überall könnten Anschläge stattfinden – im Zug oder in der U-Bahn.

Im April 2004 wiederholte er diese fast prophetischen Worte: Die englische Hauptstadt sei bald dran, warnte er.


Ein Transkript des Interviews mit John Loftus auf FOX News findet sich hier.

John Loftus, ein früherer Ermittler im US-Justizministerium, behauptete am 29. Juli 2005 auf FOX News, der mutmaßliche Anführer der U-Bahnanschläge von London am 7. Tag desselben Monats sei ein Mitglied von al-Muhajiroun und werde vom MI6 gedeckt:

„He´s a double agent.“

Na sowas.

Erwähnenswert ist zudem, dass Omar Bakri im Januar 2012 als erster verkündete, al-Qaida werde nun in Syrien mit Selbstmordattacken beginnen (was dann auch geschah).

Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits im libanesischen Exil. Ob die Kontakte zu britischen Geheimdiensten deswegen abgebrochen sind, scheint mir fraglich – zumal er seinem Nachfolger in London weiter Ratschläge erteilte.

Diesen Nachfolger – sein Name ist Anjem Choudary – interviewte ich im Sommer 2012.

Ich wollte ihn mit einer Statistik in die Enge treiben, die seine Organisation als gewaltbereit erscheinen ließ. Aber das kratzte ihn gar nicht.

Hier die entscheidende Passage in meiner Radiosendung für den Deutschlandfunk:

Im September 2016 wurde Anjem Choudary zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er Kämpfer für den ISIS rekrutiert hatte. Die Polizei geht davon aus, dass er mit 500 bis 850 britischen Syrienfahrern in Kontakt stand.

Ein Ermittler, der ihn oft im Visier hatte, aber stets vom Inlandsgeheimdienst MI5 zurückgepfiffen wurde, sagte dem Daily Telegraph voller Empörung:

Einen ersten vorsichtigen Versuch, das etwas sensible Thema „Terroristen und ihre westlichen Busenfreunde“ einem deutschen Publikum näher zu bringen, unternahm ich 2015.

Jetzt sollte die große Nummer folgen.


Ich war baff und erfreut, dass der NDR – der immerhin die offiziöse Tagesschau produziert – mein Exposé für realisierbar hielt.

Im November 2019 schickte ich dem NDR – für den ich seit 2002 immer wieder gearbeitet hatte – ein Exposé, in dem ich vorschlug, in diesen Sumpf einzutauchen.

Zu meiner Überraschung stimmte der Sender zu.

Mein Freund Benno Köpfer, ein Islamwissenschaftler und Verfassungsschützer der frühen Stunde, erklärte sich bereit, bei laufendem Mikrofon mit mir über die gemeinsame Vergangenheit zu reden.

Er war dabei, als ich 1991 im Jemen das erste Mal einem Muslimbruder die Hand schüttelte.


Bevor ich den ersten richtigen Extremisten traf, trainierte ich mir jahrelang Mut an (Kairo, 1991).

Für den weiteren Verlauf der Geschichte ist folgendes wichtig zu wissen: Mein Exposé konzentrierte sich auf Syrien – was unschwer nachzulesen ist – , alles was später dazu kam, entwickelte sich aus dem Dialog mit den Redakteuren.

Über Jahre hatte ich Material zum Krieg in Syrien gesammelt, aus dem zweifelsfrei hervorgeht, dass die USA genau wussten, was sie taten, als sie internationalen Dschihadisten im Laufe des Jahres 2012 alle Möglichkeiten gaben, diesen Schauplatz zu ihrem neuen Afghanistan zu machen.

Die beiden Redakteure, mit denen ich über den Aufbau der Geschichte verhandelte, wünschten sich darüber hinaus einen Bezug zu Deutschland.

Sie selbst kamen auf die Idee, den Anschlag vom Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 zusätzlich zum Thema zu machen.

Das überraschte mich. Denn es ist ein sehr sensibler Stoff – zumindest, wenn man ihn unter dem Aspekt „Islamisten/Dschihadisten als Partner westlicher Geheimdienste“ betrachtet. Und das war schließlich das Anliegen meines Features.

Trotzdem stimmte ich zu, ich fand es sogar äußerst spannend!


Der Brief des NDR, den ich meinen Interviewanfragen an Behörden beilegte, die mit dem Fall Amri zu tun hatten. Wirkliches Interesse mit mir zu reden zeigte einzig Hans-George Maaßen, von 2012 bis 2018 Scheff des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Es gibt genügend Gründe, alles kritisch zu hinterfragen, was über diesen undurchsichtigen Terroranschlag an die Öffentlichkeit gelangt ist – auch und gerade die Rolle (internationaler) Geheimdienste betreffend.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich die Redakteure der Brisanz wirklich bewusst waren. Der in diesen Dingen weniger Erfahrene von beiden jedenfalls fand es vollkommen normal, dass man als Journalist versucht, Licht ins Dunkel solcher Dinge zu bringen.

Ich meldete leise Zweifel an…

Ungeachtet dessen trug ich ganz interessantes Material zusammen. So hatte ich die Möglichkeit, Einblick in Dokumente zu nehmen, die nicht für die Augen eines Investigativreporters gedacht waren.



Bei einem Dreiertreffen begutachteten wir alles, Joachim Dicks – der das Projekt im Sommer 2020 federführend übernahm – äußerte zumindest dem Anschein nach keine Bedenken.

Zu ihm möchte ich nun ein paar Worte sagen.

Zunächst eine Anmerkung: Es ist nicht alltäglich, die Hintergründe journalistischer Recherchen offenzulegen und dann auch noch Namen zu nennen. Diese Dinge sind vertraulich, wie soll man sich sonst auf eine Zusammenarbeit mit einem Autor einlassen?

Allerdings ist das hier ein Sonderfall: Wie wir sehen werden, hat sich der NDR mir gegenüber nicht nur unkollegial verhalten hat, sondern er hat mir ausdrücklich geschadet.

Noch deutlicher gesagt: Er hat mir Unrecht getan.

Auf diese Politik reagierte ich mit einem sehr ungewöhnlichen Verhalten, das erklärungsbedürftig ist.


Ich habe gerne mit ihm zusammengearbeitet, dann attackierte ich ihn schwer. Später tat es mir leid.

Dazu musss ich aber Ross und Reiter nennen, denn bliebe alles anonym, wäre die Erzählung schwer zu vermitteln.

Der NDR wird mich eh nicht mehr engagieren, das ist so sicher wie der Novemberregen in Hamburg.

Also: Kommen wir zu Joachim Dicks.

Ich erlebte ihn als sensiblen und klugen Menschen, der gleichwohl passiv aggressives Verhalten an den Tag legen konnte.

Wie mir erst im Nachhinein klar wurde, war er nicht nur ein erfahrener, sondern ein offensichtlich bundesweit anerkannter Feature-Redakteur. Das lässt sich zum Beispiel daran ablesen, dass er alleine drei der renommierten ARD-Radiofeatures betreute.

Ich hatte es also nicht mit einem heurigen Hasen zu tun. Ein Kollege von mir, der ihn kennt, sagte, Joachim Dicks könne sehr gut abschätzen, was man im öffentlich-rechtlichen Radio senden könne und was nicht.

Ungeachtet dessen hatte ich während der späteren Produktionsphase das Gefühl, dass Joachim Dicks nicht immer ganz wohl war bei dem Gedanken, als Redakteur für dieses Feature über Terrorismus und Geheimdienste am Ende gerade stehen zu müssen.

Ein Tiefschlag am Nachmittag

Zwischendurch ging er recht offen mit seinen Bedenken um, was mir gefiel. Zum Schluss aber wurden mir seine Versuche, den Inhalt zu entschärfen, zu viel. Ich musste mich gelegentlich am Riemen reißen, um nicht unwirsch zu werden.

Doch der Reihe nach.

In den ersten Monaten des Jahres 2020 führte ich diverse Interviews in Berlin, Bielefeld, Hannover, Düsseldorf, Köln, Stuttgart und Zürich. Die Sache war einigermaßen aufwändig.

Außerdem sortierte ich mein Material, das ich zum Dschihad in Syrien und Libyen gesammelt hatte. Daraus schmiedete ich ein Manuskript, das ich im August an Joachim Dicks schickte, mit folgendem Titel:


Wer Zeit und Lust, kann sich das Manuskript durchlesen, das alternative Magazin Free21 hat es später abgedruckt.

(Hier eine bösartig einseitige Beschreibung des Magazins. Ich schlage vor, dass sich jede Leserin ein eigenes Bild macht. Mir gefällt die Politik von Free21 nicht immer, aber die Ausgabe, in der ich vorkam, lohnt sich allemal. Empfehlen möchte ich ausdrücklich den Artikel des norwegischen Friedensforschers Ola Tunander.)

Ich war mächtig stolz auf das Produkt, hörte aber lange Zeit nichts vom NDR. Deswegen fuhr ich nach Hannover, um die Sache persönlich zu besprechen.

Es war ein sonnendurchfluteter Septembernachmittag, wir saßen im Garten des NDR-Geländes am Rande des Maschsees und Joachim Dicks verlor kein gutes Wort über mein Manuskript.

Das war ein echter Tiefschlag, auf den ich nicht vorbereitet war.


Unweit des Maschsees seifte mich Joachim Dicks ein. Anders gesagt: Ich ging baden.

Aber die Punkte, die er vortrug waren nachvollziehbar, sie betrafen sowohl Stil wie Inhalt.

Er sagte, ihm sei es wichtig, dass die Quellen für sich selbst sprächen, ich würde zu viel kommentierend eingreifen. Die Zuhörer müssten die Chance bekommen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Das leuchtete mir ein.

Außerdem war ihm der Text zu hart. Er bat mich um „Verwässerung“, es sei besser, bei solch kontroversen Themen in „homöopathischen“ Dosen vorzugehen, statt die Zuhörer mit dem Holzhammer zu erschlagen (es sind alles meine Worte, bis auf die in Anführungsstrichen).

Auch das konnte ich verstehen. Es war ungewöhnlich genug, dass der NDR dieses Thema aufgriff.

Das Spiel mit Tatsachen und Fiktion

Ferner bat er mich darum, über das Phänomen „Verschwörungstheorie“ zu reden, ich sollte bei Fachleuten nachfragen, wie sie meine Quellen einordneten.

Er schlug Michael Butter vor, Professor für amerikanische Literatur in Tübingen und ein großer Verschwörungsexperte.

Vom Stil her war Joachim Dicks das Manuskript zu wissenschaftlich und zu wenig künstlerisch, ihn störten die vielen Zeitungstexte, die ich zitierte, statt Musik, Atmosphäre und O-Töne sprechen zu lassen.

Einem erfahrenen Feature-Redakteur konnte ich in dieser Sache kaum widersprechen, also unterließ ich es.

Im Wikipedia-Eintrag steht – bezugnehmend auf Autoritäten des Genres – folgende Definition, die Joachim Dicks wohl recht gibt:

Das Feature lässt sich nicht streng definieren, denn es gibt vom Originalton-Feature, das im Wesentlichen aus Reportagen und Interviews besteht, bis zur Dokumentation, die auf Archivmaterial basiert, viele Spielarten.

Praktisch ist es ein Sammelbegriff für akustische Ausdrucksformen zur Übermittlung und Vertiefung von Information.

Die Übergänge zum Hörspiel sind fließend. Beim Feature überwiegen in der Regel die Tatsachen, beim Hörspiel die Fiktion. Jedoch enthalten viele Hörspiele dokumentarische und viele Features fiktive Elemente. Das Feature steht also im Spannungsfeld zwischen Information und ihrer künstlerischen Gestaltung.

Radio-Feature (Wikipedia)

Zum Schluss forderte Joachim Dicks vollkommen zurecht eine weitere Sache ein: Er sagte, es sei abgemacht gewesen, dass ich stärker in den Dialog mit Benno Köpfer gehen sollte, meinem Freund vom Verfassungsschutz in Stuttgart.

Dieser Dialog sollte atmosphärisch und akustisch untermauert sein, zum Beispiel dadurch, dass wir uns gemeinsam Clips aus dem Nahen Osten anschauten und darüber reden würden, während im Hintergrund der Sound läuft.

Tatsächlich hatten wir das abgemacht, mir war es aber nicht gelungen, das entsprechend in Szene zu setzen.


In diesem Buch lässt Benno die Katze aus dem Sack. Lest es Euch durch!

Wichtiger noch: Ich sollte Benno Köpfer stärker dazu bringen, sich inhaltlich zu äußern, er sollte die Thesen, die ich aufstellte, ausdrücklicher einordnen und möglicherweise bestätigen.

Der Sinn der Sache war natürlich klar: Wenn der NDR einen Autor darüber sinnieren lässt, ob westliche Geheimdienste mit Terroristen kooperieren, dann muss er sich von dritter Seite absichern. Benno Köpfer sollte diese Funktion übernehmen.

Das ist verständlich.

„Abgeschottet und öffentlichkeitsscheu“

Aber ich sagte von vornherein, dass Benno Köpfer meiner These niemals zustimmen könnte, selbst wenn er sie für plausibel hielte (wovon ich nicht ausgehe). Dafür ist die Bundesrepublik viel zu abhängig genau von jenen Geheimdiensten, die Thema meines Features sein sollten (CIA, MI6 + MI5).

Wie dem auch sei. Ich fragte bei Benno nach und er zeigte sich bereit, ein zweites Mal mit mir zu reden.

Wenn man bedenkt, dass die ZEIT die deutschen „Inlandsgeheimdienste“ als „öffentlichkeitsscheu“ bezeichnet und ihnen eine „abgeschottete Arbeitsweise“ attestiert, ist das alles andere als selbstverständlich.

Allein dieser Zugang hat, wie ich finde, einen gewissen Exklusivitätscharakter und lässt sich in solch einer Geschichte gut „verkaufen“.

Ich machte mich also erneut auf die Socken, ich fuhr nach Stuttgart, Tübingen, Freiburg und wieder nach Berlin.


Weiter, weiter, immer weiter!

Erwähnen möchte ich, dass ich diese zusätzlichen Recherchen aus der eigenen Tasche bezahlte, ganz abgesehen von dem enormen Zeitaufwand. Der NDR sieht für solche Features ein Reisehonorar von 200 Euro vor, das in meinem Fall auf sensationelle 300 erhöht wurde.

Was ich damit sagen will: Ein Feature ist nicht in erster Linie ein ökonomisches Unterfangen, es geht den Autoren oft um die Sache, sie stecken viel Herzblut rein.

Eine Feature-Redakteurin eines anderen ARD-Senders sagte ganz offen zu mir, dass die Arbeit an solchen Sendungen einer Art Selbstausbeutung gleichkommt (was sie selber nicht gut fand).

Als Gegenleistung erhält man ein sauber produziertes Radiostück, das im Idealfall ein kleines Kunstwerk ist und an dem man sich für lange Zeit erfreuen kann. Es ist zudem eine sehr gute Referenz – für einen freien Autor eine nicht zu unterschätzende Ressource.

Ich betone das deshalb, weil mir – wie wir im zweiten Teil sehen werden – der Kragen so richtig platzte, als der NDR mein Feature nonchalant absetzte, ohne mich vorher zu informieren.

Ich fühlte mich schlichtweg verarscht, und sowas kann ich nicht leiden.

Aber ich greife vor. Bleiben wir zunächst bei der Recherche.

Weil ich mich bei dem Thema „Verschwörungstheorie“ nicht allein auf den großen Verschwörungsexperten Michael Butter verlassen wollte, suchte ich in meiner Bibliothek nach entsprechender Literatur.

Ich entdeckte dieses Buch, das ich vor Jahren durchgeblättert hatte:

Eines der wenigen wissenschaftlich fundierten Werke zum Thema Verschwörungstheorie.

Alleine die Kapitelüberschriften bringen den Kopf zum Rauchen:


Andreas Anton ist aber ein sehr umgänglicher Typ, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg arbeitet. Bei Wikipedia steht:

Die Aufgaben des IGPP liegen in der interdisziplinären Erforschung von Phänomenen wie außersinnlicher Wahrnehmung, Veränderung von Bewusstseinszuständen, Psychokinese u. a.

Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (Wikipedia)

Das ist genau mein Ding!

Zwischen 2009 und 2010 war ich nämlich zwei mal in der Psychiatrie, zuerst hieß die Diagnose bipolare Störung, dann paranoide Schizophrenie.

Das klingt natürlich wahnsinnig wahnsinnig, für mich waren es aber interessante Erfahrungen, die beim zweiten Mal direkt mit einer Recherche im Islamistenmilieu zu tun hatten.

Also beschloss ich, die Sache im Gespräch mit Andreas Anton aufzubringen.

Der war ganz angetan, ein Reporter, der ein wandelndes Forschungsobjekt darstellt, ist ihm wahrscheinlich noch nicht untergekommen.

Er sagte Sachen, die ich gut verwenden konnte und auch Michael Butter leistete ganze Arbeit: Er brauchte gerade mal 10 Minuten (länger dauerte das Interview nicht), um sich fachlich selbst zu demontieren.


„Blühende Phantasien“ (Fresco). Frühwerke A. Metzger.

Auf Details werde ich im vierten Teil dieser Serie eingehen:

  • 24. Januar 2022

Mein Feature und seine Quellen, Teil 2 – Der ISIS und die USA

***

Ich schrieb das Manuskript größtenteils neu und war (wie immer) von mir begeistert.

Auch Joachim Dicks gefiel der Text und besonders eine Passage, in der ich darüber nachdachte, warum ich lange Zeit übersehen hatte, dass Geheimdienste offensichtlich gerne mit islamischen Extremisten kooperieren:

Der literarisch bewanderte Redakteur sagte, der plötzliche Schwenk von der Normalität ins Psychiatrische sei literarisch interessant.

Was sollte jetzt noch schiefgehen?


Ich kenne einen Redakteur im deutschen Mainstream, der waschechter Verschwörungstheoretiker ist. Arbeitet er vielleicht bei der Quick?

Trotzdem wollte ich die Lage ausloten und schickte das Manuskript an einen Freund, der Redakteur in einem nicht unbedeutenden Qualitätsmedium ist.

Er ist der einzige Journalist den ich kenne, der mitten im Mainstream hockt und trotzdem weiß, dass das Geschwafel von allgegenwärtigen „Verschwörungstheorien“ letztlich ein Ablenkungsmanöver ist, das auf eine PSYOP der CIA aus den späten sechziger Jahren zurückgeht.

(Was nicht heißen soll, dass destruktives Verschwörungsgerede keine fatale Wirkung haben kann. Ich werde irgendwann einen konkreten Fall anonymisiert erzählen.)

Früher war dieser Redakteur ganz normal.

Eines Tages beschloss er, die kritische wissenschaftliche Literatur zu den katastrophalen Anschlägen von New York und Washington aus dem Jahre 2001 unvoreingenommen anzuschauen, statt alles präventiv als „Verschwörungstheorie“ abzutun, wie es unter neugierigen Qualitätsjournalisten sonst üblich ist (hier eins von 50.000 Beispielen).


Wer der englischen Wissenschaftssprache mächtig ist….
…sollte diese Artikel lesen und danach…
..diesen Artikel über jenes Buch.

Seitdem sieht der einstmals brave Mann die Welt mit anderen Augen, er muss sich aber zurückhalten, sonst kann er seinen Dschob wohl an den Nagel hängen.

Er las sich mein Manuskript durch und schrieb:

Wenn der NDR dein Feature wirklich sendet, wäre das ja eine Sensation.

Du exponierst dich natürlich sehr, das bietet natürlich Angriffsfläche, kann aber vielleicht auch entwaffnend wirken.

Man müsste einmal die psychischen Defizite der Verschwörungstheorie-Gegner untersuchen, die glauben, dass in unserer offenen Gesellschaft alles mit rechten Dingen zugeht, das wäre sicher ein lohnendes Unterfangen.

Mainstream-Redakteur an Metzger, November 2020

Je näher der Produktionstermin rückte, umso mehr bekam ich den Eindruck, Joachim Dicks sei darum bemüht, das Manuskript weiter zu entschärfen, ohne es mich merken zu lassen.

Recht spät fing er mit der Redigatur an und markierte seine Änderungen nicht, was es mühsam machte, sie nachzuvollziehen.

Manche Veränderungswünsche fand ich absurd. So hatte ich in Bezug auf den Fall Amri folgenden Satz geschrieben (ich zitiere aus dem Kopf):

„Die Bundesregierung hält weiter an der Einzeltäterthese fest. Das ist nachweislich falsch.“

Joachm Dicks sagte, man könne nicht von „der Bundesregierung“ reden, die einzelnen Ministerien würden den Fall möglicherweise unterschiedlich bewerten.

Aber wenn ein Grünenpolitiker das macht, warum sollte ich es dann unterlassen?

„Wie gefährlich das Schweigen für Maaßen noch werden kann“, Der Tagesspiegel, 30.8.2018.

Diese Haarspalterei raubte mir die Nerven, ich hatte keine Lust mehr auf weitere „Verwässerungen“. Trotzdem gab ich nach.

Ein zweites, bedeutsameres Beispiel möchte ich etwas genauer erzählen.

Mir ist klar, dass Hans-Georg Maaßen mittlerweile als rechtsradikaler Neonazifaschist verschrien ist. Unabhängig davon fand ich es gut, dass er bereit war, sich von mir interviewen zu lassen.

In dem Brief, den ich ihm schrieb, erwähnte ich ausdrücklich die Causa Amri, er hätte also guten Grund gehabt, sich zu entschuldigen, wie es zum Beispiel Thomas de Maizière tat, der im Dezember 2016 Innenminister war.

Ich ging die Sache beim Interview vorsichtig an, zu viele kritische Fragen, so meine Befürchtung, würden ihn zum Schweigen bringen.

Eine Frage wollte ich ihm aber unbedingt stellen: Hielt er es für möglich, dass die CIA Anis Amri deckte, wie es der Grünenpolitiker Hans-Christian Ströbele vermutet?


Klingt nach übler Schwurbelei. Es liegt aber am Transkriptionsprogramm, das mein Stottern nicht richtig erfassen konnte – im Gegensatz zu Maaßens deutlichen, wengleich zweideutigen Worten (Interview Hans-Georg Maaßen, Juni 2020).

Mehr noch, könnte es tatsächlich sein, dass CIA und „andere Nachrichtendienste“ (Mossad, aber pssst!) ein Interesse daran gehabt haben konnten, dass in Deutschland endlich mal ein Anschlag stattfand, um den Leuten klar zu machen:

„Auch ihr seid direkt vom Terror bedroht, wir haben euch gewarnt. Kommt endlich mit ins Boot!“

Umständlich fabulierte ich herum und stellte mir selbst die Frage, ob „andere Nachrichtendienste“ ihren deutschen Kollegen vielleicht sogar Informationen vorenthalten könnten, damit so ein Anschlag gelingen würde.

Dann kam endlich die Frage:

„Ist das vollkommen abwegig, dass westliche Geheimdienste sowas überhaupt machen können?“

Allein darauf zu kommen, ist ungeheuerlich. Manche Dinge denkt man nicht mal, geschweige denn, dass man sie ausspricht…

Normalwerweise hätte Hans-Georg Maaßen so antworten müssen:

„Was fällt Ihnen ein, mir so eine Frage zu stellen? Natürlich ist das vollkommen abwegig. Die USA und Israel sind unsere engsten Verbündeten! Ich möchte mal wissen, was für ein Kraut Sie rauchen. Das Interview ist hiermit beendet.“



Stattdessen sagte er:

„Dazu möchte ich gar nichts sagen, das wäre reine Spekulation.“

Mir gefiel die Antwort, es war ein O-Ton, mit dem ich journalistisch arbeiten konnte, aus folgender Logik heraus:

Wenn Hans-Georg Maaßen auf die Frage mit einem klaren „Ja“ hätte antworten können, dann sah ich keinen Grund, warum er es nicht hätte tun sollen.

Wenn er aber nicht mit einem klaren Ja antworten konnte (oder wollte..), darf man vermuten, dass er auch „Nein“ hätte sagen können.

Klingt kompliziert, aber nach meiner Logik lautete seine Botschaft: „Lassen Sie mich mit dem Thema in Ruhe, es ist mir unangenehm.“

So gesehen ist es ein zitierwürdiger, weil aussagekräftiger O-Ton, jedenfalls wenn er aus dem Munde eines ehemaligen Scheffs der höchsten deutschen Verfassungsschutzbehörde kommt.

Slapstick statt Klartext

Diese Leute haben viel zu verbergen und müssen permanent überlegen, was sie wie sagen.

Gelegentlich müssen sie lügen, sonst hätten sie in dem Amt nichts verloren. Offensichtlich wollen sie es aber nicht ständig tun und wählen deswegen Zwischenwege.

Subtile Andeutungen – wie in diesem Fall – können im nachrichtendienstlichen Kontext eine größere Brisanz haben, als wenn sie aus dem Munde eines Ärztekammerscheffs kommen.

Offensichtlich hatte Joachim Dicks das auch verstanden und wollte partout vermeiden, dass Frage und Antwort in dieser Klarheit nacheinander zu hören waren.

Stattdessen baute er den Satz von Hans-Georg Maaßen wie in einer Art Slapsticknummer an verschiedenen Stellen ein, stets als Antwort auf Punkte, die Hans-Christian Ströbele vortrug.

Bei einem Feature ist das offensichtlich erlaubt.

Ich gebe zu: Das hatte was, kam aber, wenn man es genau nimmt, einer leichten Realitäsverzerrung gleich, weil Maaßens Satz in Zusammenhänge gestellt wurde, die mit ihm – dem Satz – nichts zu tun hatten.

Ein Beispiel:

Diesen speziellen O-Ton von Hans-Georg Maaßen in spielerischer Weise aus dem Zusammenhang zu reißen, kam einer weiteren Verwässerung meines Manuskripts gleich.

Aber irgendwie tat mir Joachim Dicks auf einmal leid.

Ich hatte den Eindruck, ihm sei unwohl bei der ganzen Geschichte geworden und er sah einen Shitstorm auf sich zukommen. Nebenbei hatte er angemerkt, dass mit Reaktionen aus dem Netz zu rechnen sei.

Wenn mein Eindruck stimmte, dann waren die fortlaufenden Verwässungsmaßnahmen nur verzweifelte Versuche, das scheinbar Unvermeidliche abzuwenden.

Am 18. November setzte ich mich spontan an den Rechner und schrieb folgende Nachricht:

Lieber Joachim,

ich bin ab jetzt bis morgen früh in Klausur und werde eine endgültige Fassung erstellen, versehen mit Fußnoten und sämtlichen Übersetzungen. Im Laufe des Tages werden die grob geschnittenen O-Töne folgen.

Mach Dir keine Sorgen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten:

1. Dir gefällt der Text und wir produzieren am 30. November.

2. Der Text bereitet Dir Bauchschmerzen, weil er dem NDR und vor allem Dir schaden könnte. In dem Fall wird er nicht produziert. Die Sache wird begraben.

Ich übernehme die volle Verantwortung. Eine Begründung, die plausibel ist und Dir hilft, das Gesicht zu wahren, wird mir einfallen. Zum Beispiel: Entscheidende O-Töne sind verloren gegangen. Das ist noch nicht mal gelogen: Das Interview mit Benjamin Strasser ist auf dem Gerät, das mir abhanden gekommen ist.

Ich werde Dir dann die Begründung schriftlich (und authentisch) mitteilen, so dass du etwas in der Hand hast.

Glaub mir. Ich stehe zu meinem Wort. Ich bin ein ehrlicher Mensch. Als erste Maßnahme habe ich die Ankündigung der Sendung von meinem Blog genommen.

Mein Eindruck ist: Du hast die politische Brisanz des Themas unterschätzt, möglicherweise auch meine Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit beim Recherchieren. Wie dem auch sei. Ich habe dafür Verständnis

Es gibt eine einzige Bedingung: Ich bekomme das volle Honorar ausbezahlt sowie 300 Euro Reisekosten.

Alles wird gut.

Metzger an Dicks, 18.11.2021, 14.51 Uhr

Hatte ich mich in etwas hineingesteigert? Jedenfalls war Joachim Dicks verdattert. Für ihn stand fest, dass wir die Sache durchziehen.

Für mich hieß das aber umgekehrt: Er steht ab jetzt voll hinter der Geschichte und verteidigt sie im Zweifelsfalle auch nach innen.

Zumal er sich – ungeachtet meiner gerade geäußerten Kritik – für das Stück ins Zeug legte. Er engagierte einen Regisseur, der einen besonderen Ruf in der Feature-Szene genießt: Nikolai von Koslowski.

Viel beschäftigt, aber von Joachim Dicks zum Mitmachen überredet.

Ein feiner Mensch, über den Folgendes bei Wikipedia steht:

Nikolai von Koslowski wuchs in Düsseldorf, Hannover und München auf.

Er studierte an der LMU München Kommunikationswissenschaften und begann parallel dazu in den frühen 1980er Jahren, für die Jugendfunkredaktion des Bayerischen Rundfunks „Zündfunk“ zu arbeiten.

Dort entwickelte er den für ihn später typischen Stil für Sprecherführung und Regie. Viele neue Konzepte des Zündfunks der 1980er Jahre gehen auf ihn zurück, unter anderem die Reihe „Blitzventil“.

Dabei fuhr der Journalist Lorenz Schröter mit dem Fahrrad um die Welt und schickte regelmäßig Tagebuchberichte auf Tonbandcassetten ins Funkhaus, die Koslowski dann radiophon aufbereitete.

Auch die erste Computersendung in der ARD, „Bit, byte, gebissen“ (BR 1983), war von Koslowskis Idee. Aus ihr entstand wenig später unter dem gleichen Titel ein wöchentliches Magazin über Computer für junge Hörer.

Nikolai von Koslowski (Wikipedia)

Ein echter Pionier, wie mir scheint, dazu mit Preisen überhäuft.

Nikolai von Koslowski las sich das Manuskript durch und machte einen phantasievollen Vorschlag: Er sagte, die Teile des Manuskripts, wo ich über meine persönliche Rolle in der Geschichte nachdenke, sollte ich frei ins Mikrofon sprechen, statt sie abzulesen.

Das gab dem Feature noch mal einen eigenen Rhythmus.

Am 30. November gegen 9:00 Uhr morgens traf ich im NDR Studio in der Hamburger Rothenbaumchaussee ein, um meine Passagen einzusprechen.

Es war ein nebeliger Wintertag, so wie ich ihn mag; oft sind diese Tage bedeutungsschwer und nachmittags isst man Lebkuchen.


Als ich am Tor ankam, stand ein Freak mit einem Plakat herum, auf dem sinngemäß stand: „Der NDR ist eine Fake-News-Schleuder.“ Ich war empört!

Ich freute mich auf das Zusammentreffen mit Dicks und von Koslowski. Nachdem alles fertig war, gingen wir raus und unterhielten uns ohne Maske.

Den beiden war klar, dass das Feature Wellen schlagen könnte. Nikolai von Koslowski sagte, Geheimdienste und ihr Bezug zu Terrorismus seien keine gern gesehenen Themen.

Wir phantasierten ein wenig: Wäre es vielleicht eine gute Idee, nach Ausstrahlung des Features zeitnah eine Talkrunde zu organisieren, wo einige Kontrahenten sich kritisch mit dem Inhalt auseinandersetzten?

Ich sagte, das wäre natürlich super für mich, woraufhin der Regisseur sagte: „Das wäre auch gut für den Sender.“

Was konnte er damit meinen?

Ich fragte nicht nach, aber ich denke es mir einfach: Es hätte gezeigt, dass der NDR bereit und in der Lage ist, kontroverse Themen anzugehen, ohne sich wegen eines möglichen Shitstorms gleich in die Hosen zu scheißen, wie es Mode geworden ist.

And so we parted.

Ein paar Tage später war die Produktion vollendet. Bevor ich mir das Stück anhören konnte, rief mich Joachim Dicks an, er war offensichtlich angetan.

„Das ist Deine Geschichte!“, sagte er. Auch die Musik, die ich rausgesucht hatte, gefiel ihm, es käme eine „gewisse Kuhlness“ rüber.

Spontan ging mir dieser Schnappschuss durch den Kopf:

„All we need is Radio Ga Ga, Radio Googoo, Radio Blabla…“

Wir plauderten ein wenig und waren uns einig, dass die Zusammenarbeit letztlich sehr fruchtbar war. Ich hatte viel Zeit aufgewendet, Joachim Dicks aber auch; er sagte, er würde das nicht bei jeder Geschichte machen.

Allerdings geschah schnell das, was er erwartet hatte: Es meldete sich ein anonymer Stinkstiefel, der seinen geistigen Schmutz auf der Seite von NDR Info hinterließ.

Sein Name war Roland und bereits am 9. Dezember, also drei Tage vor der Ursendung, schrieb er in die Kommentarspalte unter der Ankündigung meines Features:

Der Autor des NDR-Feature „Der Islamismus – Bin ich ein Verschwörungstheoretiker?“ hat auch einen Blogbeitrag über sein noch nicht veröffentlichtes Buch geschrieben. Zitat aus diesem Text:

„Menschen, die an die „heiligen Ereignisse“ 2001 und 2011 glauben, bezeichnen alle, die sie hinterfragen als „Verschwörungstheoretiker“, welche digital verbannt oder wenigstens korrigiert werden müssen (am besten von Correctiv).“ (Quelle: Blog von Albrecht Metzger)

Ich verbleibe in der Hoffnung, dass ihr kein Feature eines Autors veröffentlicht, dessen Halbwahrheiten und Verschwörungsmythen hinterher von den Faktencheckern u.a. von der Tagesschau und von Correctiv richtig gestellt werden müssen.

„Roland“ an den NDR, 9.12.2020, 23:01 Uhr

Ich war natürlich auf solche Kommentare vorbereitet und bereits in Kampfeslaune.

Eine wichtige Regel in der Online-Kommunikation lautet: Keinen Rückzieher machen, sondern nach vorne gehen. Wenn man dem Mob entgegenkommt und sich rechtfertigt, werden diese Leute erst richtig frech.

Also schrieb ich Roland eine Antwort und bedankte mich für seinen Kommentar. Ich bestätigte seine Befürchtungen und sagte, dass es demnächst auf meinem Blog richtig zu Sache gehen werde und zwar genau zu den Themen, die er so liebte.

Außerdem schrieb ich einen Beitrag für meinen Blog, wo ich Rolli und seine Verschwörungsinkontinenz erwähnte.

Der NDR gab meinen Kommentar nicht frei, aus mir unbekannten Gründen. Stattdessen stellten sie mein Feature am 10. Dezember online.

Ich konnte den Beitrag also endlich anhören:

Der Pressetext des NDR konzentrierte sich fast ganz auf den Fall Amri. Für mich aber war der Dschihad in Syrien mindestens genau so wichtig. In dem von mir formulierten Pressetext kam er deswegen selbstverständlich vor. Warum der NDR den Dschihad in Syrien ignorierte – und nicht nur an dieser Stelle – , hat einen wichtigen Grund, auf den ich später (24.1.2022) zurückkommen werde.

Nikolai von Koslowski schrieb mir am Abend eine nette Nachricht:

Lieber Albrecht,

ich hoffe, Du hast Dein Feature schon gehört.

Mich interessiert natürlich, wie es Dir gefällt. Bei allem ernst, finde ich es an einigen Stellen recht komisch, was ja auch mit der Thematisierung von Humor zu tun hat.

An einigen Stellen mussten wir kürzen. Bologna hat weh getan. Ansonsten hatte ich versucht in homeopathischen Dosen zu kürzen. Deine Sprecherpassagen fand ich gut gesprochen..

Du bist ein lustiger und intelligenter Typ. Das gefällt mir!

von Koslowski an Metzger, 10.12.2020, 18:59 Uhr

Meine Antwort, die ich an beide schickte:

Lieber Nikolai,

danke für deine E-Mail. Ich höre mir das Feature heute Abend gemeinsam mit einem Freund an, der es aus der Ferne mitbegleitet hat. Ich bin sehr gespannt!

Das mit dem Kürzen ist bedauerlich, aber es war abzusehen und ich habe alles in Eure Hände gegeben, also werde ich mich nicht beklagen.

Ich habe auch schon positives Feedback zur Musik bekommen, eine Frau sagte, sie war froh über die Musik, da hätte sie zwischendurch Luft holen können.

Das Feature weckt unterschiedliche Emotionen bei den Menschen, ein sehr alter Freund von mir musste weinen und sagte, vielleicht würden sich auch andere Menschen darin wieder finden mit ihren „Problemen“, bei Dir trat erstmal das „Komische“ in den Vordergrund.

Ich finde das gut, das zeigt die Vielschichtigkeit des Features. In jedem Fall finden die Leute die Sendung“komplex“, und auch das finde ich gut. Wenn so ein brisantes Thema „komplex“ rüber kommt, dann ist es eben das: komplex und nicht vereinfachend.

Das Einsprechen am Morgen in der Rothenbaumchaussee war für mich ein besonderer Moment, die ganze Szene hat mir gefallen, mit Dir, Joachim und den beiden Technikerinnen. Vielen Dank!

Es würde mich freuen, wenn sich noch einmal eine Zusammenarbeit ergäbe.

Metzger an von Koslowski und Dicks, 11.12.2020, 08:05 Uhr

Nun schaltete sich auch Joachim Dicks in die Konversation ein:

Lieber Albrecht,

dann bin ich sehr gespannt, wie Du es findest.

Die Erwartung bei einigen Kommentatoren auf unserer NDR-Feature-Seite sind jedenfalls groß; manche waren sogar ungeduldig, weil das Stück versehentlich erst einen Tag später online gestellt worden ist.

Seid beide herzlich gegrüßt

Dicks an Metzger und von Koslowski, 11.12.2020, 12:17 Uhr

Am Abend hörte ich mir das Feature gemeinsam mit zwei Freunden an. Sehr lustig ich fand ich, dass der Regisseur diese Passage mit bayerischer Blasmusik untermalt hatte:


Ich schrieb den beiden am nächsten Morgen:

Hab´s mir angehört.

Bin begeistert, gerade auch das Spielen mit der Musik. Kürzungen sind kein Problem für mich, der Stoff ist hart genug, das Bologna-Zitat hätte für endgültige Depression bei manchen Leuten sorgen können.

Mein Freund sagte, in Kollaboration sei ein Kunstwerk entstanden.

Metzger an von Koslowski und Dicks, 12.12.2020, 08:36 Uhr

Die Antwort des Regisseurs:

Ach, das freut mich!

Es ist wirklich ein sehr ungewöhnliches Stück Radio geworden!

Danke Dir, dass ich da mitmachen konnte.

Liebe Grüsse

Nikolai

von Koslowski an Metzger, 12.12.2020, 13:59 Uhr

Ich veröffentliche diese E-Mails ohne Genehmigung der beiden Kollegen, normalerweise wäre das moralisch fragwürdig.

Zum einen ist der Inhalt aber – zumindest aus meiner Sicht – durchweg positiv und in keiner Weise kompromittierend; zum anderen verfolge ich damit ein konkretes Ziel:

Ich möchte zeigen, wie erleichtert und froh ich war, dass alles reibungslos über die Bühne gegangen war, denn das Feature hatte Bedeutung für mich.

Ich wähnte den NDR – den ich logischerweise mit den Leuten gleichsetzte, mit denen ich zu tun hatte – auf meiner Seite.

Nur vier Stunden später wurde ich eines besseren belehrt. Der U-Turn des Senders kam wie aus heiterem Himmel. Bis heute weiß ich nicht, was in der Zwischenzeit passiert ist.

Gegen 18 Uhr rief mich ein Freund an und sagte, das Feature sei nicht mehr abrufbar. Ungläubig schaute ich auf die Webseite von NDR Info und fand das hier:

Hä?

Sofort schrieb ich den beiden eine E-Mail und bat um Aufklärung. Wenige Minuten später rief mich Joachim Dicks an und erzählte – offensichtlich selbst noch geschockt – was geschehen war:

Ihm sei vorgeworfen worden, die produzierte Fassung würde vom eingereichten Exposé abweichen, es hätte doch nicht um mich gehen sollen, sondern um den Fall Amri. Er hätte das vorher melden müssen.

So einen Schwachsinn hatte ich noch nie gehört!

Der NDR-Redakteur sagte, so etwas sei ihm auch noch nicht passiert, es sei aber richtig, dass er die Änderungen hätte melden müssen. Um mich offensichtlich zu beschwichtigen, sagte er, man könne aus neuen Situationen immer etwas lernen.

Ich sollte mich auf Veränderungen vorbereiten, möglicherweise müsste ich erneut ins Studio kommen, um neue Texte einzusprechen.

Ich war aber überhaupt nicht in Lernstimmung und nach monatelanger Arbeit in keiner Weise bereit, noch weiter an dem Stück rumzuwerkeln.


„Keine Angst, er will nur spielen!“ (Meistens jedenfalls…)

Für mich war ohnehin sofort klar: Es ging hier nicht um diese Lappalie, sie war nur vorgeschoben, weil ihnen auf die Schnelle nichts besseres eingefallen war.

Wegen eines „verfehlten“ Exposés sägt man nicht in letzter Sekunde ein Feature ab – schon gar nicht, wenn es die ganze Welt bereits hören konnte und der Download im Umlauf war!

Sowas ist richtig peinlich, warum sollte sich der NDR das antun?

Das Stück hatte alle regulären Prozesse durchlaufen: Die Feature-Redaktion war stets im Bilde gewesen und begleitete jeden Schritt, den ich tat, ich ging auf alle Veränderungswünsche ein. Zum Schluss gab der Justiziar sein Plazet und die Geschichte wurde veröffentlicht.

Es gab nichts mehr zu besprechen. Punkt.

Und überhaupt: Wann hätte denn das überarbeitete Feature gesendet werden sollen? Wir hatten Mitte Dezember, am 31. Dezember stellte NDR Info die Produktion solcher Stücke ein, mittlerweile gibt es nur noch Podcasts von weitaus geringerer Länge.

All das ist das Resultat von „Reformen“, die – so befürchten Mitarbeiterinnen des NDR – den Laden irgendwann obsolet machen werden. Ich werde darauf im letzten Teil dieser Serie ausführlich eingehen, er ist, wenn man so will, der traurigste von allen:

  • 31. Januar 2022

Der NDR als Symptom unserer Zeit – Ein Sender in Auflösung

***

Meine ganze aggressive Energie, die eigentlich für Armleuchter wie „Roland“ vorgesehen war, übertrug sich nun auf die Schisshasen vom NDR.

Ich sagte Joachim Dicks, ich werde die Sache auf allen Kanälen bekannt machen, und zwar rauf und runter.`

Eindringlich bat er mich, das zu unterlassen, es würde die Chancen mindern, das Stück noch zu retten.

So beendeten wir das Gespräch.

Als erstes kramte ich das Exposé hervor und las es mir durch. Dann schrieb ich Joachim Dicks eine Nachricht:

Lieber Joachim,  

im Anhang das Exposé vom November 2019. Es stimmt nicht, dass es von der jetzigen Geschichte signifikant abweicht. Die Begründung, das Feature müsse deswegen erneut geprüft werden, klingt für mich fadenscheinig.  

Ich möchte Dich bitten, diese E-Mail an diejenigen Personen weiterzuleiten, die auf diese merkwürdige Idee gekommen sind.  

Vielen Dank und viele Grüße

Albrecht

Metzger an Dicks, 12.12.2020, 18:53 Uhr

Eine halbe Stunde später schickte mir der Regisseur eine kurze Nachricht:

Bin gespannt, was der Justiziar dazu sagt, dass eine von ihm abgenommene Sendung noch gestoppt wird.

von Koslowski an Metzger, 12.12.2020, 19:27 Uhr

Meine Antwort:

Habe gerade mit Joachim telefoniert, hier ist die Begründung:

Das Exposé würde von der Sendung abweichen, das hätte Joachim den oberen Chargen mitteilen müssen (wer immer das ist..).

Das ist lächerlich!

Der NDR kriegt Druck von ganz oben, da bin ich mir sicher. Ich habe für so etwas ein gutes Gespür.

Wenn sie die Geschichte nicht senden, werde ich das rauf und runter bekannt machen (morgen wird sie jedenfalls nicht gesendet).

Anbei das Exposé vom 4. November 2019, mach dir selbst ein Bild.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Herzlich

Albrecht

Metzger and von Koslowski, 12.12.2020, 19:34 Uhr

Zwanzig Minuten später schrieb ich eine weitere Nachricht an den Redakteur:

Als weiteren Backup schicke ich Dir den Begleitbrief, den ich an alle Interviewpartner geschickt habe.

Dort steht, dass ich meine jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem Islamismus „reflektieren“ werde.

Ich möchte dich bitten, auch diese E-Mail plus Anhängen an die betreffenden Personen beim NDR weiterzuleiten.

Verbunden mit dieser Frage: Seit wann entwirft der NDR seine Geschichten am Reißbrett?

Ein Exposé ist ein Exposé, nicht die Geschichte. Es ist vollkommen klar, dass sich eine solch aufwändig recherchierte Geschichte im Laufe der Zeit entwickelt.

Hinzu kommt: Deine Intervention im September 2020 hat die Geschichte eigentlich erst zu dem gemacht, was sie ursprünglich sein sollte:

Eine persönliche Geschichte, in der ich meine Erfahrungen über das Thema reflektiere, gemeinsam mit meinem Freund, dem Verfassungsschützer Benno Köpfer.

In der ersten Fassung – die ich angehängt habe – war das gar nicht der Fall.

Insofern frage ich mich: Wo ist das Problem?

Metzger an Dicks, 12.12.2020, 19:57 Uhr

Ich bekam auf diese E-Mails keine Antwort, vielleicht weil es schon Abend war? Joachim Dicks hatte aber ohnehin die Angewohnheit, die meisten Dinge mündlich zu regeln.

Eine befreundete Redakteurin sagte mir, dieses Vorgehen sei wohl der Idee geschuldet, möglichst wenige schriftliche Dokumente zu hinterlassen, die später gegen einen selbst verwendet werden könnten. Auch das ein Resultat des digitalen Zeitalters.

Mag sein. Aber ob das in diesem Fall so klug war?

Jedenfalls blieb ich alleine mit meinen Überlegungen, wie ich weiter vorgehen sollte.

Als der nächste Tag angebrochen war, stand meine Entscheidung fest:

Attacke.


Dieser Autor scheint ein richtiges Arschloch zu sein. Aber so sind sie, die Strategen…
…ohne Skrupel, man kann viel von ihnen lernen und das Böse für das Gute einsetzen.

Wie die aussah, erfahrt Ihr in einer Woche:

  • 6. Dezember 2021

Neustart mit Rückblick, Teil 2 – Chronik eines Amoklaufs

***


Denn sie wissen, was sie wollen

Schwere Waffen für einen langen Krieg

Die NATO will jetzt offiziell das umsetzen, was sie von Anfang an angekündigt hat: einen langen Abnutzungskrieg gegen Russland auf dem Territorium der Ukraine.

Deswegen schickt sie Waffen ohne Ende, schwere wie leichte, große wie kleine.

Eine Kriegschronik.

Foreign Affairs, 25. Februar 2022:

Zitat:

Weiter:

Und weiter:

27. Februar 2022, auf Twitter:


Politico, 1. März 2022, 4.41 AM:

Zitat:

Stellen Sie sich eine Schlagzeile aus dem Januar 2032 vor, wenn Sie so wollen. Sie lautet: „Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien in der Ukraine unterzeichnet, Ende der 10 Jahre andauernden Kämpfe um die Kontrolle von Kiew.“

Da der Krieg Russlands gegen die Ukraine weiter eskaliert, ist ein solcher Zeitplan weder unmöglich noch pessimistisch. Vielmehr ist dies der wahrscheinlichste Weg für die Ukraine, einen langwierigen Kampf mit Russland zu gewinnen, und dieser Sieg wird nur möglich sein, wenn die NATO-Mitglieder den Widerstand gegen eine russische Besetzung kontinuierlich unterstützen.

CBS News, 1. März 2022, 4.40 PM:

Zitat:

Mathias Döpfner in der BILD, 4.3.2022:

Zitat:

Die ersten Wochen des Krieges vergehen, ein Guerilla-Krieg entwickelt sich vorerst nicht. Vielmehr leistet die ukrainische Armee auf konventionellem Weg erbitterten Widerstand.

Die Stimmung heizt sich auf, es kommt zum vermeintlichen Massaker von Butscha.

Stimmen wie diese werden immer lauter:

ZDF, 11.4.2022.

Nach sechzig Tagen Krieg ist die Zeit reif, offiziell das anzukündigen, was ganz offensichtlich von Beginn an das Ziel war: eine Schwächung Russlands über einen Stellvertreterkrieg in der Ukraine.

Washington Post, 25. April 2022:

Zitat:

Die Vereinigten Staaten hoffen, dass der Krieg in der Ukraine zu einem „geschwächten“ Russland führen wird, das nicht mehr in der Lage ist, in seine Nachbarländer einzumarschieren, sagte Verteidigungsminister Lloyd Austin am Montag – eine Verschärfung der Rhetorik gegenüber Moskau, während sich der Konflikt in seinen dritten Monat hineinzieht.

„Wir wollen, dass Russland so weit geschwächt wird, dass es die Dinge, die es bei der Invasion der Ukraine getan hat, nicht mehr tun kann“, sagte Austin.

Die FAZ folgt diesem Narrativ. 27. April 2022:

Zitat:

8. Mai 2022: NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg legt in der Welt am Sonntag nach. Nun wissen wir endgültig Bescheid:


Zitat:

Wir müssen leider auf einen langen Krieg in der Ukraine vorbereitet sein, der Monate oder gar Jahre dauern kann. Auf lange Sicht kann die Ukraine ihre Verteidigung nicht nur mit Waffen, die noch aus der Ära der Sowjetunion stammen, durchführen, sondern sie muss zu modernen Waffen übergehen. Nur so kann Kiew die russische Invasion erfolgreich abwehren. Die Ukraine benötigt dringend weitere schwere Waffen, der Westen sollte seine Lieferungen intensivieren, noch mehr tun und sich auf ein langfristiges Engegament vorbereiten.

Das Ziel der ganzen Aktion hatte Emily Haber, deutsche Botschafterin in Washington, bereits am 25. Februar 2022 formuliert:


Mein Kommentar dazu:

AFP, 1.5.2022.

Selbst wenn die ukrainischen Soldaten ausgelaugt sind und ihre Regierung darüber nachdenken sollte, mit Russland zu verhandeln, scheint das kaum noch möglich.

Die Sache liegt nicht mehr in der Hand der Ukraine, vielleicht war das nie der Fall.

So gesehen ist sie kein souveräner Staat, obwohl das rauf und runter proklamiert wird:

Agnieszka Brugger, Partei Die Grünen.

Hier ist ein aufschlussreiches Zitat aus der Washington Post (5. April 2022), aus dem hervorgeht, dass die NATO diesen Krieg unbedingt verlängert sehen will, zur Not gegen den Willen der Ukraine:

Die Ukrainer sind (..) in einen umfassenderen Kampf für Europa verwickelt, so die NATO-Führung.

„Ich hoffe, sie werden hart wie Stahl sein. Ich unterstütze maximale militärische Unterstützung und maximale Sanktionen“, sagte der lettische Verteidigungsminister Artis Pabriks in einem Interview. „Russland muss verlieren und die Verbrecher sollten vor Gericht stehen.“

Selbst ein ukrainisches Versprechen, nicht der NATO beizutreten – ein Zugeständnis, das Zelensky öffentlich ins Spiel gebracht hat – könnte einigen Nachbarn Sorgen bereiten. Das führt zu einer unangenehmen Realität: Für einige in der NATO ist es besser, wenn die Ukrainer weiter kämpfen und sterben, als einen Frieden zu erreichen, der zu früh kommt oder zu einem zu hohen Preis für Kiew und das übrige Europa.

„Viele von uns wollen, und das ist absolut menschlich, dass der Krieg so schnell wie möglich beendet wird, dass die Menschen nicht leiden und nicht sterben und dass es keine Bombardierungen gibt“, sagte ein hochrangiger europäischer Diplomat, der wie andere unter der Bedingung der Anonymität sprach, um offen über sensible Sicherheitsfragen zu sprechen.

„Wir befinden uns in einem unglücklichen Dilemma. Das Problem ist, dass Russland, wenn es jetzt aufhört, eine Art Zeit hat, sich neu zu formieren, und es wird unter diesem oder einem anderen Vorwand wieder anfangen. Putin wird seine Ziele nicht aufgeben.“

Richard Haass, Präsident des Council on Foreign Relations, eine Institution, die maßgeblich für die Entwicklung und Formulierung amerikanischer Außenpolitik zuständig ist, hat dazu folgendes zu sagen:

Die Ziele des Westens werden unweigerlich von den Geschehnissen vor Ort beeinflusst werden, aber die Geschehnisse vor Ort sollten diese Ziele nicht bestimmen; vielmehr sollten die politischen Ziele das beeinflussen, was vor Ort angestrebt wird.

Sicherlich haben die Ukrainer jedes Recht, ihre Kriegsziele zu definieren. Aber das gilt auch für die Vereinigten Staaten und Europa.

Obwohl sich die Interessen des Westens mit denen der Ukraine überschneiden, sind sie umfassender, einschließlich der nuklearen Stabilität mit Russland und der Fähigkeit, die Entwicklung der iranischen und nordkoreanischen Atomprogramme zu beeinflussen.

Anders gesagt: Die Ukrainer können gerne anmelden, was sie wollen. Entschieden wird woanders.

Wenn es den „politischen Zielen“ des Westens entgegenkommt, dass der Krieg beendet wird, dann wird es wohl geschehen.

Wann wird dieser Zeitpunkt gekommen sein? Wahrscheinlich wird es noch Jahre dauern.

Denn sie wissen, was sie wollen. Und sie wussten es von Anfang an.

***

Die FAZ ahnt etwas…

Die Ukraine als Kanonenfutter

Langsam kommen auch deutsche Zeitungen dahinter, was in der Ukraine gespielt wird, es stört sie aber nicht weiter, wie mir scheint:


Die FAZ schreibt am 27. April 2022:

Die Ziele sind aber gar nicht neu, es stand von Anfang fest, hier nachzulesen (10. März 2022):

Und weiter:

Der Ton des FAZ-Artikels ist für mich unerträglich. Außenminister Blinken werde fast „schwärmerisch“, wenn er von seiner Reise nach Kiew erzählt:

Soll ich was sagen?

Das ist entweder dumm oder zynisch, beides finde ich das Letzte im Angesicht der jetzigen Lage.

Abgesehen davon sollte dieser blinde Washington-Korrespondent vielleicht die wichtigen amerikanischen Medien lesen, um besser im Bilde zu sein.

In Politico stand es bereits am 1. März geschrieben, dass sich die NATO auf einen jahrelangen Krieg vorbereite, Verfasser ist ein Sicherheitsstratege in einem wichtigen Think Tank:


Die russische Armee hat Kiew nicht erobert, möglicherweise um genau das zu vermeiden: einen jahrelangen Häuserkampf.

Aber Amerikaner und Briten sind unverdrossen, sie schicken weiter ihre Spezialeinheiten, die die Ukrainer im Häuserkampf ausbilden, wie FOCUS am 29. April schreibt:

***

Von einer, die abbog

Ein paar Zeilen zu Ulrike Guérot

Den Werdegang dieser Frau finde ich sehr spannend.

Man muss bedenken: Die kommt aus dem außenpolitischen Establishment, sie hat u.a. 2013 bei diesem hochkarätig besetzten Projekt teilgenommen:

Ich hab dazu mal ein Radiofeature gemacht.
Die strategische Elite der Bundesrepublik hat etwas ausbaldowert…
Ulrike in dä house.

Dann kam Corona und sie war entsetzt, wie schnell Menschen mundtot gemacht werden können, wenn sie mit ihrer Meinung – oder noch schlimmer: mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen – quer zu dem liegen, was gerade angesagt ist.

Sie lässt sich mittlerweile von sämtlichen alternativen Medien interviewen, sie kennt da anscheinend kaum Tabus, was ich begrüße.

Sie lässt sich aber nicht nur interviewen, sondern verteidigt auch das Recht dieser alternativen Medien, gehört statt diffamiert zu werden.


Die liberale Moderne sieht ganz schön reaktionär aus, wenn Ihr mich fragt.



Ich finde das wirklich mutig, weil sie damit ihren Ruf aufs Spiel gesetzt hat. Zum Glück ist sie weiterhin Professorin an der Universität von Bonn, obwohl es Leute gibt, die gegen sie schießen.


Nicht zum Aushalten, dieses Geschwätz. Alles weiße alte Männer!

Außerdem wird sie weiter von etablierten Medien interviewt, finde ich Spitze.



Haben Brillenträger dickere Nasen? Frag ich mich gerade, auch aus Eigeninteresse..

Diesen Spagat zwischen Establishment und alternativer Sicht auf die Dinge hinzubekommen, ist nicht leicht und in der heutigen Zeit sehr wertvoll.

Es läuft da gerade einiges aus dem Ruder, die größten Tabus von gestern gelten überhaupt nichts mehr.



Manchen Typen wie diesem ZEIT-Redakteur reicht es nicht, verstrahlt zu sein, sie wollen darüber hinaus im Namen der Freiheit so richtig verstrahlt werden!

Alles klar, Alter. Vertrau mal weiter auf die USA, die meinen es voll gut mit uns.

Was ist los mit diesem Land?

***

Was will Putin? Teil 2

Der Kampf um die Toiletten

Die Frage, was Putin will, habe ich noch nicht beantwortet, ich habe sie weiter im Hinterkopf und sammle fleißig Material.

Hier habe ich eine interessante Antwort auf diese Frage gefunden, und zwar bei Marina Weisband, ehemalige Politikerin von der Piratenpartei (jetzt Bündnis 90/Die Grünen):


Hier noch ein Kommentar von mir zu dem Thema in einer Facebook-Diskussion vom 23. April 2022:

Ich kann mir vorstellen, dass viele (manche..) der Klischees, die über Russland existieren, stimmen oder zumindest teilweise stimmen; das haben Klischees an sich, sie haben immer einen gewissen Wahrheitsgehalt.

Für mich ist es aber selbstverständlich, dass man sich diesen Klischees nicht einfach so hingebt, sondern versucht, sie in einem angemessenen Rahmen zu dekonstruieren und zu kontextualisieren.

Ich persönlich finde es sehr gefährlich, sich solchen Klischees einfach hinzugeben, auf diese Weise lassen sich Kollektive von Menschen ohne Weiteres „entmenschlichen“.

***

Was heißt „unipolare“ Welt?

Ein britischer Kriminologe erklärt, warum der Ukraine-Krieg so außergewöhnlich ist

Ich habe eine Osterpause eingelegt, bald geht´s weiter.

Es wird im nächsten Artikel um diesen sehr interessanten Aufsatz eines britischen Kriminologen gehen, der mit dem Krieg in der Ukraine eigentlich nichts zu tun hat:


Ich bin über den Aufsatz gestolpert, als ich kürzlich eine Masterarbeit in Kriminologie schrieb:


Als ich darüber nachdachte, warum so viele Menschen im Westen den Krieg in der Ukraine als etwas außergewöhnliches betrachten, obwohl doch ständig Krieg ist, fiel mir der Aufsatz und sein Ansatz wieder ein.

Schauen wir mal, wo der Zusammenhang besteht.

***

Der Krieg für den Krieg

Was Kunst mit Massenzerstörung zu tun hat

Warum werden Kriege geführt?

Neben vielen Gründen, die man nennen könnte, gibt es einen, der vielleicht der zynischste von allen ist:

Kriege werden geführt, um das Kriegführen nicht zu verlernen. Zudem werden sie geführt, um Waffensysteme zu testen.

Krieg erfüllt also einen Selbstzweck.

La guerre pour la guerre (der Krieg für den Krieg) – so ließe sich dieser Umstand beschreiben, frei nach dem aus der Kunst bekannten Konzept.

Das heißt, die Zivilisten, die Opfer dieser Kriege werden, sind die Versuchskaninchen, an denen die Waffensysteme ausprobiert werden; die Infrastruktur, die pulverisiert wird, ist die Kulisse in diesem Spektakel der Zerstörungskunst.


Sergej Schoigu, Siegesparade am 9. Mai 2014.

Hier zwei Zitate, die das belegen.

Beispiel 1

Der amerikanische Radiosender National Public Radio (NPR) schreibt am 23. Februar 2017:

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu machte sich am Abend vor dem „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ auf den Weg in die Duma, dem Unterhaus des Parlaments. Der Nationalfeiertag am 23. Februar war einst als Tag der sowjetischen Armee und Marine bekannt, und Schoigu, gekleidet in der Uniform eines Generals, prahlte mit den neuesten Errungenschaften des russischen Militärs.

„Wir haben 162 verschiedene Typen gängiger und modernisierter Waffen in Syrien getestet, sie haben ein hohes Maß an Wirksamkeit gezeigt“, sagte Shoigu. Nur 10 Waffensysteme hätten die Erwartungen nicht erfüllt, fügte er hinzu.



Der Kreml hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine Intervention im Namen der syrischen Regierung eine hervorragende Gelegenheit war, seine neuen militärischen Fähigkeiten zu demonstrieren.

Beispiel 2

Am 30. August 2021 schreibt die russische Nachrichtenagentur TASS:

Alle neuen russischen Waffensysteme seien bei der Anti-Terror-Operation in Syrien getestet worden, sagte Verteidigungsminister Sergej Shoigu am Montag in einem exklusiven Interview für den Youtube-Kanal Solovyov Live.

„In Syrien, wo wir über 320 [Waffentypen] getestet haben, haben wir letztlich alle Waffen getestet, die uns zur Verfügung stehen, mit Ausnahme derjenigen, die für jeden leicht verständlich sind“, sagte der Verteidigungschef.

Der zitierte Bericht von NPR konsultiert in der Angelegenheit den Militärexperten Aleksandr Golts, damals „Fellow“ am Kennan Institute in Washington D.C.

Er bringt die Sache in aller Nüchternheit auf den Punkt:

So zynisch es auch klingen mag, sagte Golts, aber echter Kampf [Krieg] ist für jedes Militär der beste Weg, um den Zustand seiner Waffen zu testen.

***

Butscha, Ukraine, Teil 3

Eine fiktive Recherchereise

Heute ist der große Tag, an dem ich die Ergebnisse meiner fiktiven Butscha-Reise präsentieren wollte.



Ich habe die Reise abgesagt, warum, sage ich später.

Da alles im Fluss ist, verändert sich täglich mein Blick auf die Dinge.

Das ständige „laute Nachdenken“ über die Dinge bedeutet, dass ich mitten in einem Artikel wie ein fliehender Hase die Richtung wechseln kann. So ist das eben.

In Zeiten des Krieges ist das vielleicht der beste Weg, um sich nicht in eine Idee zu verbeißen, die nur funktioniert, wenn ich alles andere ausblende.

Die Gründe, warum ich diese fiktive Reise unternehmen wollte, werde ich trotzdem veröffentlichen, ich finde sie relevant.

Die Begründung macht den ersten Teil des Artikels aus, der nun folgt und so markiert ist:

Stand: 8. April 2022:

Stand: 8. April 2022, Ende.

Danach werde ich erklären, warum ich die fiktive Reise abgesagt habe.

Es geht los:

Stand: 8. April 2022:

Im dritten Teil der Serie, die sich um das „Massaker von Butscha“ dreht, arbeite ich die Punkte 3 und 4 ab, die ich bei Beginn der Serie niedergelegt hatte. Ich zitiere:

„Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte (als die Russen, A.M.) die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.“

In den vergangenen Tagen hat sich einiges getan, ich habe viele Informationen hinzugewonnen und heute Nacht, kurz vorm Schlafengehen, ist dann der Groschen gefallen bei der Frage nach der besten Methode, um Punkt 3 in den Griff zu kriegen.

Er ist ganz offensichtlich der heikelste Teil meines Versuches, dieses Massaker aus der Ferne aufzuklären.

Deswegen werde ich nun eine fiktive Recherchereise unternehmen, die sich an einem realistischen Szenario orientiert (das gleichzeitig eine Fiktion bleiben wird).

Die Reise geht nach Butscha (Ukraine), der Rechercheauftrag lautet:

„Ist es möglich, dass das Massaker von Butscha nicht von Russen begangen wurde, sondern ein inszeniertes Ereignis war?“

Er ist eine offene Recherche, das ist klar, allerdings würde ich dieser Fragestellung nie nachgehen, wenn ich nicht genügend Hebel hätte, um richtig anzusetzen.

Anders gesagt: Ich würde dieser Frage nie nachgehen, wenn es nicht genügend Gründe gäbe, es zu tun und wenn es nicht genügend Ansatzpunkte gäbe, um in dieser Frage substanziell weiter zu kommen.

Denn wenn es diese Gründe nicht gäbe, wäre es pietätlos, einfach nur aus Prinzip ein Massaker zu hinterfragen, statt die Toten ruhen zu lassen und die Täter in aller Ausdrücklichkeit zu verurteilen (man müsste ja nicht gleich in schamlosen Russenhass verfallen, um das zu tun).



Die Gründe, warum ich überhaupt auf die verrückte Idee komme, allein die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass dieses Massaker inszeniert sein könnte, sind zahlreich, aber gleich zu Anfang möchte ich einen sehr starken nennen, der nicht unbedingt offensichtlich erscheint.

Zu diesem Zwecke zitiere ich vollständig eine Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) vom 6. April 2022.

Sie lautet:

Butscha: Nicht auf Kreml-Lügen hereinfallen

Der Deutsche Journalisten-Verband mahnt die Öffentlichkeit, nicht auf die Propagandalügen des Kreml über das Massaker in der ukrainischen Kleinstadt Butscha hereinzufallen.

Alle bisher vorliegenden Erkenntnisse über den Massenmord, dem mehr als 300 Menschen zum Opfer gefallen sein dürften, legten russische Soldaten als Täter nahe.

Russische Spitzenpolitiker hingegen streiten das ab und behaupten, ukrainische Kräfte hätten ihre eigenen Landsleute umgebracht. Das wird unter anderem durch Satellitenaufnahmen eindeutig widerlegt.

DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall rät deshalb dazu, sich in den journalistischen Medien zu informieren und nicht auf Fake News der russischen Regierung hereinzufallen:

„Das gilt insbesondere für Social Media, wo sich auch die Kreml-Trolle austoben. Recherchierte journalistische Informationen hingegen gibt es bei den Angeboten der Nachrichtenportale.“

Ein Medienbericht koste weniger als ein Becher Coffee to go.

Der DJV-Vorsitzende lobt in dem Zusammenhang den Umgang der meisten deutschen Medien mit den Kriegsbildern aus Butscha und anderen Orten:

„Die Kolleginnen und Kollegen haben den Pressekodex verinnerlicht, der uns im Interesse der Mediennutzer zu einem behutsamen Umgang mit Kriegsbildern verpflichtet.“ (Siehe BILD-Zeitung oben, A.M.)

Einerseits dürfe nicht die Sensation in die Berichterstattung Einzug halten, andererseits dürften die Gräueltaten nicht verschwiegen werden. Überall:

„Das ist eine journalistische Gratwanderung, die wir jeden Tag aufs Neue bewältigen müssen.“

Aber das unterscheide den Qualitätsjournalismus von Propaganda.

Eine Formel für den Krieg

Dieser Text bringt in aller Deutlichkeit auf den Punkt, warum in Kriegen, in denen der Westen klar Stellung bezieht, diejenige Seite, die der Westen als die moralisch reine und verteidigenswerte deklariert hat, fast alles machen kann, was sie will.

Es gilt folgende Kriegsformel:

Ein moralisch reiner Akteur, der bedingungslos verteidigt werden muss, kann die schlimmsten Verbrechen begehen, ohne überführt zu werden, weil ihn niemand seiner Verbrechen überführen will. Denn der moralisch reine Akteur würde sich dann in einen moralisch befleckten Akteur verwandeln, dessen bedingungslose Verteidigung nicht mehr zu rechtfertigen wäre. Der Feind hätte gewonnen.

Dieser Umstand wird von genialen Strategen der psychologischen Kriegsführung in schamloser Weise ausgenutzt: Sie denken sich die verrücktesten Dinge aus, die sich keiner vorstellen kann oder will, um das Kriegsgeschehen zu lenken. (Hier ein eher harmloses Beispiel für diese Art psychologischer Kriegsführung.)

Solche Strategen haben freies Feld, niemand wird ihnen in die Quere kommen – selbst wenn sie in absolut zynischer Weise irgendwelche Massaker inszenieren, um sie dann dem Feind in die Schuhe zu schieben. (Hier ein Beispiel für diese Art der psychologischen Kriegsführung.)

Damit ist noch längst nicht gesagt, dass Butscha so ein Fall ist; es ist damit aber gesagt, dass niemand auch nur auf die Idee kommen würde, es für ein schmutziges Manöver zu halten.

Was der Pressetext des DJV im Kern besagt ist nämlich Folgendes:

In Butscha hat ein Massaker stattgefunden. Die Täter stehen fest: russische Soldaten. Wer das bezweifelt, entlastet die Täter und stellt sich auf ihre Seite. Er ist ein Agent des Kreml.

Anders ausgedrückt: Die Infragestellung der Wahrheit ist Verrat (frei nach George Orwell).

Tatsächlich gibt es namhafte Journalisten, die sich offen zu diesem Prinzip bekennen.

Ein Beispiel:

Russland steht seit Jahren am Pranger, allerdings gab es bis zum 24. Februar 2022 vereinzelte journalistische Stimmen, die sein Vorgehen in einen historischen Kontext stellten. Dazu gehörte Gabriele Krone-Schmalz, früher ARD-Korrespondentin in Moskau, deren Bücher im Beck Verlag erschienen.

Auch der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk veröffentlicht bei Beck. Am 27. Februar 2022 schreibt er seinem Verleger einen Brief, in dem er Gabriele Krone-Schmalz als „geistige Brandstifterin“ diffamiert.

Ein „Donaldist“ , der sich um Islamfragen und Russland kümmert.

Patrik Bahners, Redakteur bei der FAZ und in Islamfragen immerhin ein eigenständiger Kopf, kommentierte diesen Fall wie folgt:

Der wahre Gegenstand der Traktate von Krone-Schmalz ist der Westen, sind „wir“ (..). Die reißerisch aufgemachten Paperbacks redeten die nichtrussischen Mächtigen und vor allem die vermeintlich mächtigen Medien systematisch schlecht. Im schmutzigen Meinungskrieg gegen den Mainstream waren sie der Brückenkopf der verschwörungstheoretischen Gegenöffentlichkeit. Daran verdient zu haben sollte ein Grund für Rechenschaftslegung (!) sein.

Welcher investigative Journalist würde es wagen, in so einem Meinungsklima die „Wahrheit von Butscha“ auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen?

Selbst wenn er wollte, würde er es nicht können. Schon die Idee für seine Geschichte würde vom nächsthöheren Redakteur begraben werden.

Die folgende Recherchereise ist also nicht nur im physischen Sinne fiktiv – ich bin ja nicht hingereist -, sondern auch in anderer Hinsicht eine Fiktion: Sie könnte in dieser Form nie stattfinden und hat mit der medialen Realität in Deutschland nichts zu tun.

(Die oben verlinkte Dokumentation und dieser Monitor-Bericht strafen mich in gewisser Weise Lügen…)



Ungeachtet dessen lege ich jetzt los.

Am Anfang steht die Frage: Welche Zeitung wäre geeignet? Sie muss ein hohes Renommee haben, das ist Bedingung, ansonsten wird der Zugang zu Interviewpartnern in wichtigen Positionen schwerer.

Außerdem soll die Geschichte eine Wirkung erzielen, der Aufwand würde sich sonst nicht lohnen.

Zweitens muss die Zeitung ein „Buch“ (also eine Rubrik) haben, wo viel Platz ist, um die Geschichte aufzuschreiben. Das ist in diesem Fall ebenfalls Bedingung; wenn ich ein gängiges Narrativ hinterfragen will, brauche ich Platz für Argumente und Belege.

Aus meiner früheren Zeit als Journalist fällt mir das Dossier der ZEIT ein, das wäre der geeignete Ort für so ein Unterfangen (allerdings nur in der Fiktion, wie gesagt).

Stand: 8. April 2022, Ende.

Warum habe ich nicht weiter geschrieben? Weil mir Leute sagten: „Schau noch mal genauer hin.“

Es tauchten diverse Berichte auf, in denen Augenzeugen zitiert werden, die Gräueltaten der Russen beobachteten.

Der SPIEGEL machte seine Titelgeschichte daraus.


Der SPIEGEL, 9. April 2022.

Deswegen sehe ich mich gezwungen, erstmal einzulenken. Vielleicht ist es doch pietätlos, ein Massaker zu hinterfragen, das – scheinbar ohne Zweifel – die Russen begangen haben?

Im zweiten Teil der Serie schrieb ich diese Sätze:

Grundsatzlich ist klar: Die russische Armee muss als möglicher Schuldiger ins Auge gefasst werden, und zwar an erster Stelle: Sie hat die Waffen und kontrolliert die Städte, die sie erobert.

Sie führt Krieg und das Töten von Menschen gehört zur Essenz des Krieges (was pervers ist, anders kann man es nicht sagen, das nur als grundsätzliche Anmerkung).

Ferner ist es eine Tatsache, dass in Kriegssituationen Massaker passieren (können).

Trotzdem muss man sich fragen, welchen Grund die russische Armee gehabt haben könnte, diverse Menschen zu exekutieren und dann auf der Straße liegen zu lassen.

Vielleicht habe ich nicht lange genug darüber nachgedacht, was diese Gründe sein könnten?

Die Russen streiten nur ab, statt Gegenbeweise zu liefern

Florian Rötzer, Mitgründer des Online-Portals Telepolis, schreibt dazu auf dem Portal krass & konkret, das er im Januar 2022 für den Westend Verlag einrichtete:

Während vieles darauf hindeutet, dass russische Truppen in Bucha (Butscha) und wahrscheinlich in anderen Orten, wie auch amnesty international gerade in einem Bericht belegt, brutal gegen Zivilisten vorgegangen sind, ist der Grund für die Tötung hunderter Menschen weiterhin unklar. Sollte die ukrainische Zivilbevölkerung eingeschüchtert und Angst und Schrecken verbreitet werden, weswegen die Gräuel sichtbar zurückbleiben sollten? Sollte ein Exempel der „Denazifizierung“ stattfinden? Hatte man Angst vor Angriffen? Wollte man etwas rächen? War man verzweifelt wegen der hohen eigenen Verluste? Oder sollten die Morde und Exekutionen den Ukrainern in die Schuhe geschoben werden?

Weiter schreibt er:

Fassungslos macht jedenfalls, dass nur versucht wird, alles abzustreiten, als Fake zu erklären oder darauf hinzuweisen, dass auch ukrainische Soldaten Kriegsverbrechen begingen, anstatt Gegenbeweise etwa in Form von Satellitenbildern oder von Aussagen von in Buch anwesenden Soldaten anzutreten. Man hätte auch erwarten können, dass das Verteidigungsministerium wenigstens erklärt, dass die Vorfälle untersucht würden. Ist es der russischen Führung mittlerweile egal, dass Russland über den Angriffskrieg hinaus wegen der Kriegsgräuel immer weiter in die Isolation gedrängt wird?

Lassen wir das so stehen.

Betonen möchte ich, dass meine Vermutung, es könnte sich um eine schmutzige Operation der Ukrainer handeln – mithilfe westlicher Geheimdienste -, weiter Bestand hat, aber es bedürfte eines größeren Aufwandes, das plausibel zu erklären.

Die zahlreichen Ungereimtheiten dieses Falles müssten meiner Meinung nach Motivation sein für Reporter deutscher Leitmedien, die sich in Butscha aufhalten, einmal genauer nachzuhaken:

Was haben die ukrainischen Polizeitruppen genau gemacht, als sie am 31. März und 1. April die Stadt von „russischen Kollaborateuren“ säuberten?

Wie kommt es, dass erst am 3. April das Narrativ vom „russischen Massaker“ auftauchte? Diese Fragen sind relevant.

Hier ist ein Facebook-Eintrag von mir vom 6. April 2022, wo ich ein paar Dinge erwähne, die mir aufgefallen waren:

Hier das Video.

Ergänzend dazu ein Kommentar von Ivan Rodionov, der interessant und aufschlussreich ist – auch wenn die BILD-Zeitung den Ex-Chef von RT-Deutschland als „Putins langjährigen Propagandachef“ in Deutschland bezeichnet.

Wer selbst schamlos Propaganda betreibt oder sie zulässt, sollte bei anderen nicht so empfindlich sein.


Deutschlandfunk, 7.7.2021.

Lassen wir das so stehen.

Was jetzt noch fehlt, ist die Abarbeitung von Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Dieser Punkt ist sehr wichtig. Wir werden sehen, warum.

***

Update Butscha, Ukraine

Es tut sich was…

Ich schreibe gerade den dritten Teil in der Serie „Das Massaker von Butscha“ .

Dieser Teil ist aufwändiger als die anderen, deswegen bitte ich um etwas Geduld.



Ich mache nämlich eine fiktive Recherchereise nach Butscha und interviewe diverse Leute, zum Beispiel die Spezialeinheiten der Polizei, die am 1./2. April die Stadt von russischen Kollaborateuren „gesäubert“ haben.



Ich denke, am Sonntag, den 10. April, wird der Bericht vorliegen.

***

Butscha, Ukraine, Teil 2

Die russische Armee

Das „Massaker von Butscha“ bestimmt weiter die Schlagzeilen, mittlerweile werden Satellitenbilder als Beweise gegen die russische Armee herangezogen.

Je mehr Technik ins Spiel kommt, umso mehr besteht jedoch die Möglichkeit der Manipulation.

Wie soll ich die Authentizität von Satellitenbildern verifizieren?

Deswegen halte ich mich an die Analyse von Narrativen, sie können nicht weglaufen: Was geschrieben steht, steht geschrieben, was gesagt wurde, wurde gesagt.

Und das Narrativ von Butscha, wie ich es anhand von ukrainischen Nachrichten sowie Berichten aus westlichen Leitmedien rekonstruiert habe, ist etwas merkwürdig, um es vorsichtig auszudrücken.

Schauen wir, wie sich das auf meine weitere Vorgehensweise auswirkt.

Hier noch einmal die vier Aussagen, die ich an den Anfang meiner Analyse gestellt hatte und die wir nun nacheinander abarbeiten:

Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Punkt 2:

Ich halte es für möglich, dass die russische Armee dieses Massaker begangen hat.

Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.

Ich gehe folgendermaßen vor: Heute denke ich über Punkt 2 nach, morgen über Punkt 3 und 4, und als Abschluss übermorgen über Punkt 1.

Heute wird es etwas kürzer.

Betonen möchte ich noch einmal, dass ich das Ganze nüchtern betrachten werde.

Wer es geschmacklos findet, in dieser Weise über schreckliche Kriegsereignisse nachzudenken, möge diese Episode (also die Ereignisse von Butscha) überspringen.

Grundsätzlich ist es so, dass ich auf diesem Blog moderne Kriegsführung analysiere mit dem Ziel, Krieg als Mittel der Kontrolle zu verstehen, gerade auch die verdeckten Aspekte von Kriegsführung.

Es ist kein schönes Thema, aber ich halte es für wichtig. Und spannend finde ich es doch, dass gebe ich ehrlich zu.

Also, kommen wir zurück zu Butscha.

Punkt 2: Ich halte es für möglich, dass die russische Armee verantwortlich ist

Grundsatzlich ist klar: Die russische Armee muss als möglicher Schuldiger ins Auge gefasst werden, und zwar an erster Stelle: Sie hat die Waffen und kontrolliert die Städte, die sie erobert.

Sie führt Krieg und das Töten von Menschen gehört zur Essenz des Krieges (was pervers ist, anders kann man es nicht sagen, das nur als grundsätzliche Anmerkung).

Ferner ist es eine Tatsache, dass in Kriegssituationen Massaker passieren (können).

Trotzdem muss man sich fragen, welchen Grund die russische Armee gehabt haben könnte, diverse Menschen zu exekutieren und dann auf der Straße liegen zu lassen.

Als Einstieg in die Frage, möchte ich zunächste den Kriegsreporter Paul Ronzheimer um seine Meinung bitten.

Er war in in der Stadt und wurde daraufhin von seinen Kolleginnen bei BILD-TV gefragt:

Was glaubst Du, was steckt dahinter, warum tun die Russen das, ist das gezielt, Angstmacherei, was glaubst Du: Warum werden hier Zivilisten gezielt abgeschlachtet?



Seine Antwort:

Man muss davon ausgehen, dass das der Plan der russischen Armee war, wenn wir uns anschauen, welche Pläne man hatte bei der Übernahme von Städten, da ging es darum, ganz gezielt auch Menschen zu erschießen, da ging es darum, gezielt Städte zu übernehmen, ganz gezielt Leute auszulöschen, die nicht mehr in das passen, was die russische Armee aus Kiew, aus anderen Städten machen wollte, da ging es vor allem um politische Opposition, um Leute, die wichtig sind, die ukrainische Zivilgesellschaft, das ist ja alles niedergeschrieben. Es gibt diese Pläne, Geheimdienste haben davor gewarnt, die Geheimdienste haben vor dem Krieg davor gewarnt – mein Kollege Julian Röpcke hat das damals aufgeschrieben, im Dezember [die Pläne sind vom Dezember, aufgeschrieben von Röpcke im Februar, A.M.) -, die haben davor gewarnt vor Massentötungen, die passieren können, vor Massentötungen nach Übernahme der russischen Armee. Ob diese geheimienstlichen Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem stehen, was in Butscha passiert ist, das kann ich nicht sagen, das muss untersucht werden, was genau dort passiert ist und natürlich versuchen wir auch heute wieder, mehr darüber zu erfahren, weitere Augenzeugen zu sprechen, aber am Ende muss man davon ausgehen, dass das Ganze System hatte und einen Befehl.

Auf den Punkt gemacht: Man braucht die Sache nicht weiter aufzuklären, denn Geheimdienste (im Zweifelsfalle westliche) kennen die russischen Pläne, die vorsahen, in ukrainischen Städten Massentötungen vorzunehmen, um die politische Opposition und die Ziviligeschellschaft zu zerstören.

Wer erschießt gezielt Großmütter?

Wenn wir davon ausgehen, dass die russische Armee all diese Menschen gezielt getötet hat, dann erscheint mir das der plausibelste Grund zu sein: Es ging darum, politische Störenfriede auszuschalten und die Zivilgesellschaft durch Terror im Mark zu erschüttern.

Allerdings bräuchte man dazu mehr Informationen über die Identität der Geöteten. Zitieren wir noch einmal den Bürgermeister von Butscha in dem Bericht von AFP:

„In Butscha haben wir bereits 280 Menschen in Massengräbern beerdigt“, sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk der Nachrichtenagentur AFP telefonisch. Er sagte, die Straßen der stark zerstörten Stadt seien mit Leichen übersät. AFP sah am Samstag mindestens 20 Leichen – Männer in Zivilkleidung – in einer einzigen Straße in Butscha liegen. „All diese Leute wurden in den Hinterkopf geschossen, getötet“, sagte Fedoruk. Er sagte, die Opfer seien Männer und Frauen gewesen und er habe unter den Toten einen 14-jährigen Jungen gesehen. Viele der Leichen hätten weiße Bandagen, „um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren“, sagte er. In der Stadt würden immer noch Autos stehen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“, fügte er hinzu. Die Leichen lägen immer noch auf den Straßen, weil dort bislang die Pioniere ihre Arbeit nicht verrichtet hätten.

Die Kopfschüsse könnten darauf hindeuten, dass es sich hier um Politiker und wichtige Vertreter der Zivilgesellschaft handelte, die gezielt hingerichtet wurden. Wie wir allerdings wissen, konnten die Reporter von Reuters, die als erste am Ort des Geschehens waren, keine gezielten Kopfschüsse feststellen (bis auf möglicherweise einen).

Bei den anderen Opfern – ganze Familien, Kinder, Großmütter – erscheint dieses Narrativ fraglich. Sollte es stimmen, was der Bürgermeister sagt, klingt es eher nach Racheakten russischer Soldaten, die dann mit einiger Sicherheit nicht auf Befehl handelten.

Was hätte die russische Armeeführung davon, Kinder und Großmütter gezielt zu töten? Meiner Ansicht nach nichts. Willkürliche Tötungsakte vestärken eher den Willen zum Widerstand, als dass sie ihn brechen würden.

Dass die russische Armee tatsächlich von vornherein plante, „Massentötungen“ in den eroberten Städten zu veranstalten, halte ich grundsätzlich für eine gewagte These. Mir scheint es ein übertriebenes Szenario zu sein.

Es wird nicht dadurch glaubwürdiger, dass Ronzheimers Kollege Röpcke es von irgendwelchen Geheimdiensten gesteckt bekommen hat.

Eine der wichtigsten Aufgaben von Geheimdiensten besteht darin, falsche Narrative unters Volk zu bringen; Medien wie die BILD eignen sich sehr gut dafür, weil sie wissen, wo der Feind steht und sich gerne einbinden lassen in solche politischen Projekte.

Eine Frage bleibt bei all dem ohnehin unbeantwortet:

Was hat die russische Armee davon, Menschen gezielt zu töten, um die Zivilgesellschaft in Butscha zu terrorisieren, um dann die Leichen, nachdem der Rückzug beschlossene Sache ist, auf die Straße zu legen?

Mir fällt kein guter Grund ein. Es wäre einfach nur dumm.

Nun besagen die Satellitenbilder New York Times, dass die Leichen seit Wochen dort gelegen hätten.

Wirklich?

Dann bleibt trotzdem die Frage, warum diese schreckliche Geschichte erst drei Tage nach Abzug der russischen für Aufmerksamkeit sorgte; ferner bleibt die Frage, warum die ukrainische Armee die Toten tagelang auf der Straße liegen ließ

Wo waren die Pioniere?

Dieses Narrativ erscheint schwach.

Punkt 3: Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben

Es gibt zwei Hauptgründe, warum ich es für möglich halte, dass die Leichen gezielt auf die Yabluska-Straße gelegt wurden – und zwar nicht von der russischen Armee, sondern von ukrainischen Geheimdiensten/Militärs und möglicherweise Elementen, die sie beraten und unterstützen.

Einen Grund habe ich bereits oben erwähnt: Das Narrativ, das sich aus der Analyse der ukrainischen und westlichen Quellen ergibt, ist merkwürdig und widersprüchlich.

Es ist aus meiner Sicht eine konstruierte Geschichte, bei der die Geschichtenerzähler sich nicht immer ans Skript halten.

Hinzu kommt ein zweiter, sehr gewichtiger Faktor: In meiner Analyse macht es mehr Sinn für die ukrainische Seite, ein solches Massaker zu inszenieren, als es Sinn für die russische Armee macht, Kinder und Großmütter hinzurichten und auf der Straße liegen zu lassen.

Warum das so ist, werde ich morgen darlegen.

***

Butscha, Ukraine, Teil 1

2. April 2022

Ich werde nun etwas zu den Leichen schreiben, die nach Abzug der russischen Armee in dem Kiewer Vorort Butscha auf der Straße lagen (und möglicherweise noch liegen).

Es ist ein sehr schreckliches und gleichzeitig heikles Thema, zumindest dann, wenn man offene Fragen stellt und sich nicht sofort auf den Standpunkt der BILD-Zeitung stellt (und letztlich aller anderen deutschen Medien auch).



Warum es ein schreckliches Thema ist, ist offensichtlich und bedarf keiner Erklärung; heikel ist meine Herangehensweise deshalb, weil man mir leicht vorgeworfen kann, ich würde russische Grausamkeiten „relativieren“, weil ich sie nicht wie die BILD-Zeitung in aller Entschlossenheit verdamme und stattdessen offene Fragen stelle.

Anders als bei anderen Artikeln werde ich Flapsigkeiten und Witzeleien unterlassen, auch und gerade in den Bildunterschriften (ich werde irgendwann erklären, warum ich mitunter diesen flapsigen Stil wähle).

Ich werde alles sehr nüchtern analysieren, ohne jeglich Emotion.

Allein das werden manche als kaltherzig empfinden, aber sei´s drum. Es ist schlichtweg unmöglich, diese Dinge mit klarem Kopf zu analysieren, wenn man sich seinen Emotionen hingibt.

Für all jene, die sich ihren Emotionen hingeben wollen, empfehle ich die Ausgabe der BILD-Zeitung vom 4. April (siehe oben).

Zu Beginn meiner Analyse mache ich vier Aussagen, die mein weiteres Vorgehen bestimmen werden.

Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Punkt 2:

Ich halte es für möglich, dass die russische Armee dieses Massaker begangen hat.

Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.

Diese vier Punkte werde ich in nachfolgenden Teilen meiner Analyse abarbeiten, es wird sich zeigen, ob es insgesamt zwei oder drei Teile werden.

Im ersten Teil der Analyse werde ich die Dinge so gut rekonstruieren, wie es mir möglich ist. Ich gehe in Anbetracht der Brisanz des Themas ausführlich vor und zitiere viel.

Ich baue aus Pietätsgründen nur dann Bilder ein, wenn ich es für inhaltlich unbedingt nötig halte.

Dieser Bericht ist nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern es geht um knallharte Aufklärung.

Wer diese ohne Bilder nicht ertragen kann, kann sich den Artikel in Kürze per Audio anhören. Ich werde ihn einsprechen.

Eine Rekonstruktion

Ich beginne mit der ukrainischen Presse, die als erstes über die Befreiung von Butscha berichtet.

1. April 2022, 11.34 Uhr

Die ukrainische Nachrichtenplattform Ukrainska Pravda (Ukrainische Wahrheit) veröffentlicht eine Nachricht folgenden Inhalts:

Butscha bei Kiew wurde noch nicht vom russischen Militär befreit – dorthin zurückzukehren wäre gefährlich, da es in der Stadt viele Minen und Stolperdrähte gibt und Saboteure noch immer in der Stadt aktiv sein könnten.

Ukrainska Pravda zitiert Taras Shapravskyi, den Sekretär des Stadtrates:

„Die Stadt Butscha bleibt ein gefährlicher Ort, da sie immer noch besetzt ist. Wir haben Informationen vom Main Intelligence Directorate [ukrainischer Militärgeheimdienst, A.M.], die bestätigen, dass gepanzerte Fahrzeuge der „Ruschisten“ [russische Faschisten – Anm. d. Red.] und ein bedeutender Teil ihrer Streitkräfte abgezogen worden sind. Aber eine große Anzahl von Saboteuren und russisches Militär in ziviler Verkleidung ist zurückgeblieben. Daher ist es immer noch gefährlich, in die Stadt Butscha zurückzukehren. Und dies wird auch nach der Befreiung von Butscha der Fall sein. Wir gehen davon aus, dass bis zu einem Monat lang große Gebiete, darunter Häuser, Verwaltungsgebäude, zurückgelassenes militärische Gerät und sogar die Leichen, weiter vermint sein werden.“

1. April 2022, 19.26 Uhr

Rund acht Stunden später veröffentlicht Ukrainska Pravda eine Nachricht folgenden Inhalts:

Anatolii Fedoruk, Bürgermeister von Butscha in der Region Kiew, hat bestätigt, dass die Stadt am 31. März von den russischen Besatzern befreit wurde.

Die Plattform zitiert den Bürgermeister wie folgt:

„Der 31. März wird in die Geschichte unseres Ortes und der gesamten Region als Tag der Befreiung von der russischen Besatzungsmacht durch unsere ukrainischen Streitkräfte eingehen. Ich sage heute, dass dies ein Tag voller Freude ist, ein großer Sieg unserer Streitkräfte in der Region Kiew.“

3. April 2022, 12.06 Uhr

Am Samstag, den 2. April sind Reporter der Nachrichtenagentur Reuters in Butscha – so weit ich sehen kann die ersten eines westlichen Mediums.

Ihr Bericht wird am 3. April um 12.06 Uhr veröffentlicht. Sie schreiben:

Am Samstag, drei Tage, nachdem sich die einfallende russische Armee von ihrem gescheiterten Vormarsch auf Kiew (..) zurückgezogen hatte, (..) lagen noch immer tote Zivilisten verstreut auf den Straßen der ukrainischen Stadt Butscha (..). Bewohner sagten, sie seien während ihrer einmonatigen Besatzung von den russischen Truppen getötet worden.

Die Umstände dieses ungewöhnlichen Falls können sich die Reporter selbst nicht erklären, obwohl sie bis an den Ort des Geschehens vordringen konnten und offensichtlich mit dem Bürgermeister sprachen:

Verantwortliche aus der Gemeinde gewährten Reuters-Reportern Zugang zu dem Gebiet, und ein Polizist führte sie durch die Straßen, die jetzt von ukrainischen Panzern patrouilliert werden – bis zu der Straße, wo die Leichen lagen. Es war nicht klar, warum sie noch nicht beerdigt worden sind. Bürgermeister Anatoliy Fedoruk sagte, mehr als 300 Einwohner der Stadt seien getötet worden, und ein Massengrab auf einem Kirchengelände sei noch offen, Hände und Füße würden durch den roten Lehm ragen, der darauf aufgehäuft sei.

Ungewöhnlich ist, dass die Reuters-Reporter das Massengrab nicht aufsuchen (Butscha hat 36.000 Einwohner, wirklich weit weg konnte es nicht gewesen sein).

Es klingt zynisch: Aber für einen Journalisten ist es ein „Scoop“, wenn er als erstes an solch einem Ort ist und darüber berichten kann.

Die Reporter beschreiben aber die Szenerie in der Straße in einigem Detail:

Butschas noch unbeerdigte Tote trugen keine Uniformen. Es waren Zivilisten mit Fahrrädern, deren steife Hände immer noch Einkaufstüten umklammerten. Einige waren offensichtlich schon seit vielen Tagen tot, wenn nicht sogar seit Wochen. Ihnen fehlten keine Körperteile und es war unklar, ob sie durch Granatsplitter, eine Explosion oder eine Kugel getötet worden sind – bei einem aber fehlte das obere Kopfteil.

Die Reporter reden mit ein paar Anwohnern, darunter Mariya Zhelezova, 74 Jahre alt, Putzfrau in einer Fabrik, die wegen ihrer schlechten Gesundheit den Ort nicht verlassen konnte, bevor die Russen kamen. Reuters schreibt:

Auf einem Spaziergang mit ihrer 50-jährigen Tochter erinnerte sie sich unter Tränen daran, wie sie nur knapp dem Tod entkam: „Beim ersten Mal ging ich aus dem Zimmer und eine Kugel zerschmetterte das Fensterglass, sie blieb in der Kommode stecken“, sagte sie. „Beim zweiten Mal hat mein Bein fast ein paar Glassplitter abbekommen. Beim dritten Mal ging ich die Straße runter und wusste nicht, dass ein Mann mit einem Gewehr dastand, die Kugeln verpassten mich nur knapp. Als ich nach Hause kam, konnte ich nicht sprechen.“

Die Frau erzählt, dass alle Anwohner weiße Armbänder tragen mussten, das ihre habe sie abgelegt. („She removed a white cloth armband that she said residents had been ordered to wear.“)

3. April 2022, 15.06 Uhr

Die französische Nachrichtenagentur Agence France-Presse folgt mit ihrem Bericht. Sie schreibt:

Fast 300 Menschen wurden in einem Massengrab in Butscha begraben, einer Pendlerstadt außerhalb der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Das erfuhr AFP am Samstag vom Bürgermeister, nachdem die ukrainische Armee die Kontrolle über die Schlüsselstadt von den Russen zurückerobert hatte.

Der Bericht zitiert den Bürgermeister, der einige Details liefert, es ist allerdings unklar, ob der Reporter den Ort selbst aufgesucht hat:

„In Butscha haben wir bereits 280 Menschen in Massengräbern beerdigt“, sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk der Nachrichtenagentur AFP telefonisch. Er sagte, die Straßen der stark zerstörten Stadt seien mit Leichen übersät. AFP sah am Samstag mindestens 20 Leichen – Männer in Zivilkleidung – in einer einzigen Straße in Butscha liegen. „All diese Leute wurden in den Hinterkopf geschossen, getötet“, sagte Fedoruk. Er sagte, die Opfer seien Männer und Frauen gewesen und er habe unter den Toten einen 14-jährigen Jungen gesehen. Viele der Leichen hätten weiße Bandagen, „um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren“, sagte er. In der Stadt würden immer noch Autos stehen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“, fügte er hinzu. Die Leichen lägen immer noch auf den Straßen, weil dort bislang die Pioniere ihre Arbeit nicht verrichtet hätten.

Gründe für die Verzögerung gibt der Bürgermeister nicht an, es gebe aber Hoffnung, dass dieser schreckliche Zustand bald beendet ist:

Die Behörden werden die Leichen räumen, nachdem die Pioniere ihnen in „drei oder vier Tagen“ grünes Licht gegeben haben, sagte er.

3. April 2022, 19.06

Reuters berichtet über die ersten russischen Reaktionen. Zitiert wird eine Erklärung des Verteidigungsministeriums:

„Alle vom Kiewer Regime veröffentlichten Fotos und Videos, die die ‚Verbrechen‘ russischer Soldaten in der Stadt Butscha in der Region Kiew beweisen sollen, sind nur eine weitere Provokation.“

Es handele sich um eine „gestellte Veranstaltung“ („staged performance“).

Die russische Reaktion zeigt, dass Russland den Medienkrieg – der mindestens genau so wichtig ist wie der wirkliche – unwiederbringlich verloren hat, eigentlich schon von Anfang an (das gilt allerdings nur gegenüber einem westlichen Publikum).

Niemand in einem amerikanischen oder deutschen Leitmedium wird diesem Statement auch nur ein Jota Glauben schenken.

Reuters referiert trotzdem weiter die Position des Verteidigungsministeriums, die Agentur will sich nicht vorwerfen lassen, unausgewogen zu berichten:

Das russische Verteidigungsministerium sagte, dass alle russischen Militäreinheiten Butscha am 30. März verlassen hätten und dass Zivilisten sich frei in der Stadt bewegen konnten oder auch von dort evakuiert werden konnten, während sie unter russischer Kontrolle stand.

Untermalt ist der Bericht mit expliziten Bildern, auf einem ist ein zerschossenes Auto zu sehen mit der Aufschrift: „Kinder.“



Die Aussage des Bildes: Eine Familie mit Kindern hätte die Stadt verlassen wollen, sie hätte vergeblich versucht, mit der Aufschrift „Kinder“ an die Menschlichkeit der russischen Soldaten zu appellieren.

4. April 2022, gegen 9.00 Uhr

Der SPIEGEL stellt einen Bericht von 2.35 Minuten auf youtube ein, der wie folgt angekündigt wird:

Russische Soldaten haben in einem Vorort von Kiew offenbar viele Zivilisten getötet. Im zurückeroberten Butscha liegen Leichen auf offener Straße. Viele Überlebende sind traumatisiert.



In dem Bericht kommt Mariya Zhelezova vor, die Frau, die auch mit Reuters sprach, neben ihr steht vermutlich ihre Tochter Irina. Sie sagt unter Tränen:

Ich hatte solche Angst. Zweimal bin ich knapp dem Tod entkommen. Einmal schlug eine Kugel im Fenster ein, zerbrach das Glas und traf den Schrank. Beim zweiten Mal wurde ich fast von einem Granatsplitter am Bein getroffen. Und dann war ich mal zu Fuß unterwegs, ohne zu merken, dass einer mit einem Maschinengewehr in der Nähe war. Er schoss, verfehlte mich aber.

Es ist nicht klar, ob es sich um das gleiche Interview handelt, aus dem auch Reuters zitiert. Unterschiede in den Details („Glassplitter“, „Granatsplitter“) können auf Übersetzungsfehler zurückgehen.

Warum sie sagt, sie sei zwei mal knapp dem Tod entkommen und dann drei Fälle erzählt, könnte ihrer offensichtlichen Erregung geschuldet sein. Es ist weiter unklar, wer der Mann ist, der auf sie schoss.

Der SPIEGEL wählt für den Clip folgende Überschrift:

Augenzeugin über Gräueltaten in Butscha: „Zweimal bin ich dem Tod entkommen.“

Die Überschrift suggeriert, dass Mariya Zhelezova die Gräueltaten, die in dem Bericht erwähnt werden – also die Toten auf der Straße, die zu sehen sind -, selbst miterlebt hat.

Das geht aus ihren Worten allerdings nicht hervor, die „Gräueltaten“, die sie beschreibt, sind ihr selbst widerfahren (Gewehrkugel im Schrank, zersplittertes Glas, Mann mit Gewehr, der sie nur knapp verfehlt).

Die Straße, in der das Interview geführt wird, ist ganz offensichtlich nicht die Straße, in der die Leichen liegen und wo die zerstörten russischen Panzer herumstehen. Die Häuser, die zu sehen sind, sind jedenfalls völlig unversehrt.

Was immer das auch heißen mag.



Der SPIEGEL zeigt auch den Bürgermeister, der sagt:

„Auf der Yabluska-Straße liegen die Leichen hingerichteter Menschen. Ihre Hände sind mit weißen Tüchern auf dem Rücken gefesselt. Man hat ihnen in den Hinterkopf geschossen. Sie können sich vorstellen, welche Art von Kriegsverbrechen hier begangen wurde. Eines Tages wird das geschichtlich aufgearbeitet werden. Mehr möchte ich jetzt nicht sagen.“

Demnach handelt es sich um eine einzige Straße, wo Leichen liegen.

Das Narrativ

Ich fasse zusammen, was sich aus diesen unterschiedlichen Berichten für ein Narrativ ergibt, ich erzähle es im Indikativ:

Am 30. März 2022 ziehen russischen Truppen aus den Kiewer Vorort Butscha ab.

Zwei Tage später, am 1. April, warnt ein Mitglied des Stadtrates, dass die Stadt noch nicht befreit ist, weil Saboteure und russische Militärs in zivil weiter aktiv sind. Die Stadt ist wahrscheinlich vermint, auch die Leichen.

Ungeachtet dessen verkündet Bürgermeister Fedoruk am Abend desselben Tages, dass Butscha am 31. März (also am Vortag) befreit worden ist. Er nennt ihn deswegen den „Tag der Befreiung“.

Einen Tag später, am 2. April kommen Reporter von Reuters in Butscha an und berichten über die Lage.

Zum ersten Mal ist die Rede von vielen Leichen auf der Straße, es sind Zivilisten. Die Reporter werden von der Polizei zu der Straße geführt, wo die Leichen liegen. Obwohl sie vermint sein könnten, lässt die Polizei die Reporter die Verstorbenen inspizieren.

Warum sie nicht beerdigt worden sind, ist nicht klar. Ebenso unklar ist, wie die Menschen zu Tode gekommen sind: Ihnen fehlen keine Gliedmaßen, nur bei einem sehen die Reporter, dass der halbe Kopf weg ist.

Einige sind seit Tagen tot, wenn nicht sogar Wochen. Das bedeutet, dass sie die ganze Zeit dort gelegen haben müssen, oder sie wurden dorthin transportiert.

Wirkliche Augenzeugen gibt es keine.

Reuters zitiert die 74jährige Putzfrau Mariya Zhelezova, die erzählt, wie eine Kugel in ihre Wohnung eindrang und wie ein Mann auf sie schoss, aber daneben zielte.

Wer der Mann war und warum er auf sie schoss, ist unklar. Was sie mit den Toten auf der Straße zu tun hat, ist unklar.

Der Bürgermeister sagt, es gibt ein Massengrab bei der Kirche, das noch halb offen ist und wo Hände und Füße aus dem Boden ragen. Die Reporter interessiert das nicht, jedenfalls suchen sie den Ort nicht auf.

Wenige Stunden später folgt AFP mit ihrem Bericht. Bürgermeister Fedoruk sagt, dass bereits 280 Menschen in Massengräbern begraben wurden. Er sagt, die Straßen der Stadt sind mit Leichen übersäht.

AFP zählt zwanzig Leichen auf der Straße, macht zusammen 300. Bürgermeister Fedoruk sagt, dass die 20 Zivilisten alle durch Schüsse in den Hinterkopf hingerichtet wurden.

Schüsse in den Hinterkopf aus nächster Nähe verursachen für gewöhnlich schwere Verletzungen, es ist nicht klar, warum die Reporter von Reuters das nicht erkennen konnten (bis auf einen Fall).

Der Bürgermeister sagt, dass die Leichen nicht begraben wurden, weil die Pioniere in der Straße noch nicht aktiv waren (anders als die Reporter von Reuters).

Das Problem ist nun, dass die Toten vermint sein könnten und von den Räumkommandos gesichert werden müssen.

Warum die Pioniere nicht kommen, ist unklar, da die restlichen 280 Leichen, die vermint sein könnten, bereits in Massengräbern verschart worden sind. In drei oder vier Tagen ist es so weit, sagt der Bürgermeister.

Andere Militärs sind in der Straße bereits anwesend und passen auf.



Am 4. April berichtet auch der SPIEGEL über den Fall auf seinem youtube-Kanal.

Der Bürgermeister sagt, dass in der Yabluska-Straße schwere Kriegsverbrechen begangen wurden, mehr möchte er nicht sagen. Die Geschichte wird ihr Urteil abgeben.

Von Leichen in anderen Straßen spricht er nicht, das Massengrab am Friedhof bleibt unerwähnt.

Mariya Zhelezova kommt in dem Bericht vor, sie erzählt mit kleinen Abweichungen die Geschichte, die sie auch Reuters erzählt hat. Der SPIEGEL sagt, sie ist eine Augenzeugin der Gräueltaten – das ist aber nicht das, was sie selber von sich sagt.



In dem Bericht ist die Straße mit den Leichen zu sehen, um sie herum einige Zivilisten, die – so darf man vermuten – verzweifelt auf die Ankunft der Pioniere warten.

Die Szenarien

Ich werde nun Szenarien durchspielen für das, was sich in Butscha abgespielt haben könnte.

Im Vordergrund steht die Frage, warum es solche Gräueltaten im Krieg gibt, wie sie motiviert sind und welchen Zweck sie erfüllen können.

Ich fahre also mit meiner scheinbar kaltherzigen Analyse der Lage fort und bitte vorbeugend um Entschuldigung: Ich bin kein kaltherziger Mensch (den Rest siehe oben).

Punkt 2: Ich halte es für möglich, dass die russische Armee verantwortlich ist

Für westliche Leitmedien ist klar, dass die russische Armee für diese Gräueltaten verantwortlich ist.

Niemand würde auch nur auf die Idee kommen, das zu hinterfragen.

Was die möglichen Motive der russischen Armee betrifft, möchte ich stellvertretend Paul Ronzheimer zitieren, der für die BILD-Zeitung in Butscha war.



Was er sagt, werde ich dann morgen erzählen.

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