Nach 12 Tagen Krieg behauptet eine Autorin in der früheren Friedenspostille: Die Jugend im Iran ist guter Dinge und freut sich auf weitere präzise Bombardements
Gestern habe ich spontan eine Art Matrix entworfen, wie man journalistische Texte analysieren kann.
Anhand dieser Matrix möchte ich nun einen Artikel aus der taz unter die Lupe nehmen. Mein roter Faden sind die sechs W, aus der diese Matrix besteht:
Wer hat den Artikel geschrieben (nicht-spekulativ/faktisch). Worum es geht: Legitimation.
Was hat sie geschrieben (nicht-spekulativ/faktisch). Worum es geht: Fakten.
Wann hat sie es geschrieben (nicht-spekulativ/(analytisch). Worum es geht: Kontext.
Warum hat sie es geschrieben (spekulativ). Worum es geht: Motivation/Absicht.
Wie hat sie es geschrieben (nicht-spekulativ/analytisch). Worum es geht: Wirkung.
Wo ist der Text erschienen (nicht-spekulativ/spekulativ). Worum es geht: Glaubwürdigkeit/ Absicht.
Sofern sich die Herangehensweise bewährt, werde ich künftig weitere Artikel mithilfe dieser Matrix analysieren.
Allerdings werde ich nicht stur nach dem obigen Muster vorgehen, sondern je nach Artikel entscheiden, welche Frage ich zuerst behandele.
In diesem Fall fange ich mit folgender Frage an:
1. Was hat die Autorin geschrieben
Der Artikel in der taz ist am 10. März 2026 erschienen und trägt folgende Überschrift:
„Kapituliert, kapituliert!“
Die Unterzeile lautet:
Viele junge Menschen aus Teheran vereint nach zwölf Tagen Bombardierungen von USA und Israel ein Wunsch: dass die Islamische Republik zusammenbricht.
Schlagzeile und Untertitel geben unmissverständlich wieder, worum es in dem Artikel geht.
Der erste Absatz beschreibt die Lage im Iran nach 12 Tagen Krieg, die „vielschichtichig, fast surreal“ sei. Die Machtstruktur der Islamischen Republik sei unerwarteterweise erhalten geblieben:
Es gibt einen neuen Führer und Iran greift weiterhin Ziele in Nachbarländern an.
Im zweiten Absatz vergleicht die Autorin die Situation mit dem Zwölftagekrieg im Juni 2025, als sich mehr Menschen in Sicherheit gebracht hätten als jetzt:
Die sozialen Plattformen sind voll mit Witzen über den jungen Chamenei, der auf den alten folgt.
Im dritten Absatz beschreibt die Autorin, wie die Iraner mit der Bombardierung ihres Landes umgehen, er ist es wert, in Gänze zitiert zu werden:
Der iranische Himmel steht den Kampfjets der USA und Israels weit offen. Und sie erzeugen kaum noch Angst. Die Leute haben gelernt, die Geräusche des Krieges einzuordnen. Sobald ein Flugzeug zu hören ist, ploppen Telegram-Nachrichten auf: „Angriff“. „Es geht los“. „Gleich schlägt es ein“. „Bombe“. Einige haben echte Angst, wenn sie eine Explosion hören. Aber die meisten verspüren stille Zufriedenheit: Es gibt wieder einen Militärkommandanten weniger. Von Zerstörungen berichten die wenigsten.
Im vierten Absatz legt die Autorin nahe, dass einige Iraner die Angriffe wie ein „Videospiel“ betrachteten:
...viele Iraner sagen, das Verschwinden von Gebäuden, Infrastruktur oder Flugzeugen kümmere sie nicht. Wenn die Islamische Republik untergeht, so glauben sie, kann Iran mit seinem immensen Humankapital und reichhaltigen Ölreserven etwas Besseres aufbauen.
Im fünften Absatz beschreibt sie das Vorgehen der paramilitärischen Miliz Basidsch sowie die Wachsamkeit der „Bürger“, die auf das Signal zum Aufstand ihres „Prinzen“ warten:
Bewaffnet, schreiend und sichtbar aggressiv patrouillieren sie insbesondere in Großstädten wie Teheran, um Menschen einzuschüchtern und Proteste oder jeglichen organisierten Dissens im Keim zu ersticken. Viele Bürger harren in ihren Häusern aus und warten auf ein Signal, sich zu Massenprotesten zu sammeln, wie etwa vom exilierten Prinzen Reza Pahlavi und US-Präsident Donald Trump empfohlen.
Im sechsten Absatz zitiert sie die 28jährige Pari aus Teheran:
„Ich kann ganz ehrlich sagen: Dies ist eines der schönsten Gefühle meines Lebens [..] Ich habe keinen Zweifel, dass die andauernden Bombardierungen nicht übertrieben sind. Sie sind nötig für den Sturz des Regimes. Mein einziger Wunsch ist, dass die Islamische Republik zusammenbricht, so schnell wie möglich.“
Im siebten Absatz zitiert die Autorin weiter Pari:
"Es stimmt, wir fürchten uns,[a]ber Freiheit hat einen Preis, und wir sind bereit, ihn zu bezahlen. Mein Haus ist in einem Gebiet, wo viele Raketen und Bomben gefallen sind. Aber wir bleiben hoffnungsvoll. Ich habe Teheran nicht verlassen, aus einem einzigen Grund: Ich warte auf einen Aufruf von Prinz Reza Pahlavi, auf die Straße zu gehen und meine Pflicht für mein Land zu tun.“
Im achten Absatz zitiert die Autorin den 24jährigen Alireza aus Teheran, der sich regelmäßig mit seinen Freunden trifft, um die Nachrichten zu verfolgen:
Immer wenn wir eine Explosion hören, rufen wir zusammen: ‚Kapituliert, kapituliert.‘ Was die Leute in Iran jetzt am meisten wollen, ist, dass die Islamische Republik so schnell wie möglich kapituliert. Mit jedem Tag sehen wir mehr Zerstörung in unserem Land wegen des Abenteurertums der Islamischen Republik. Die Hauptverantwortlichen sind die Offiziellen der Revolutionsgarden und der Islamischen Republik.“
Im neunten Absatz wird weiter Alireza zitiert:
„Hier fürchten wir nur eines: dass die USA und Israel von Iran ablassen, ohne die Islamische Republik zu stürzen. Falls das passiert, werden wir für den Rest unseres Lebens Verlierer sein: Die Islamische Republik hat dann unsere Vergangenheit zerstört und die USA haben unsere Zukunft verkauft.“
Im zehnten Absatz beschreibt Reza das Vorgehen der angreifenden Staaten USA und Israel:
Er findet, bisher hätten die USA den Krieg völlig ethisch korrekt geführt. „Erst griffen sie den Kopf der Schlange an. Als die Islamische Republik mit ihren Angriffen begann, weiteten sie ihre Ziele aus. (..) Wenn man die Satellitenbilder betrachtet, haben sie präzise bombardiert. Sie hätten die Ölraffinerien und Energieinfrastruktur des Landes zerstören können, ohne Rücksicht auf unser Leben, und den Krieg schnell gewinnen können. Aber sie gehen vorsichtig vor, schrittweise.
Sollte die Islamische Republik sich für die Kapitulation entscheiden, wird das zum Nutzen des iranischen Volkes sein.“
Damit endet der Artikel.
Kommen wir zur zweiten Frage:
2. Wie hat die Autorin den Artikel geschrieben
Der Artikel kann in etwa so zusammengefasst werden:
Schuld an allem ist die Islamische Republik Iran, die mit einer aggressivem „Schlange“ verglichen wird, die immer wieder angreift.
Die USA und Israel hingegen greifen nicht an. Vielmehr nutzen sie den „offenen Himmel“ des Iran, um die zivile Infrastruktur mit präzisen Bombardierungen zu zerstören.
Das macht der iranischen Jugend aber gar nichts, sie freut sich sogar darüber, weil alles wieder aufgebaut werden kann, wenn ihr Prinz ins Land zurückgekehrt sein wird. Die iranische Jugend wartet nur auf ein Signal von ihrem Prinzen sowie von Donald Trump, um auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Danach wird alles gut.
Fazit: Die USA und Israel dürfen auf keinen Fall mit ihren präzisen Bombardierungen aufhören, solange die Islamische Republik nicht kapituliert hat.
Die dritte Frage:
3. Wann hat die Autorin den Artikel geschrieben bzw. noch wichtiger: wann ist er erschienen
Am 10. März 2026, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, sind u. a. folgende Fakten bekannt:
Die USA und Israel (ab jetzt: Angriffskoalition) haben tausende Angriffe geflogen. Dabei ist gleich zu Anfang eine Mädchenschule von einem Geschoss getroffen worden, mindestens 150 Zivilisten wurden getötet, wie die BBC am 1. März berichtet..
Am 4. März prahlt US-Kriegsminister Pete Hegseth, dass das US Militär „Tod und Zerstörung“ auf den Iran niederregnen lassen könne. Zu diesem Zeitpunkt sind laut Berichten 1.000 Zivilisten den Bombardierungen zum Opfer gefallen.
Am 7. März 2026 droht US-Präsident Donald Trump dem Iran mit der völligen Zerstörung:
"Today Iran will be hit very hard! Under serious consideration for complete destruction and certain death, because of Iran's bad behavior, are areas and groups of people that were not considered for targeting up until this moment in time,"
Die Angriffskoalition hat eine Ölraffinerie in Teheran beschossen, das US-Magazin Forbes berichtet am 8. März von schwarzem „toxischem“ Regen, der über der Hauptstadt niedergehe.
Das traditionsreiche, linksliberale US-Magazin The Nation spricht am 10. März 2026 angesichts der massiven Zerstörung der zivilen Infrastruktur von „America´s Gaza“.
Währenddessen diskutieren anglo-amerikaninische Medien seit Beginn der „Kampagne“, ob ein Bürgerkrieg im Interesse der Angriffskoalition sein könne.
Die Washington Post kommt am 6. März zu folgendem Schluss:
An Iranian civil war is not in America’s interest. Israel may welcome the chaos of regime collapse. The United States and its allies cannot.
Die Financial Times zitiert am 4. März einen israelischen Sicherheitsexperten diesbezüglich wie folgt:
“If we can have a coup, great. If we can have people on the streets, great. If we can have a civil war, great. Israel couldn’t care less about the future . . . [or] the stability of Iran.
Die vierte Frage:
4. Wer hat den Artikel geschrieben
Mahtab Gholizadeh ist eine Journalistin aus dem Iran. Geboren wurde sie am 6. April 1988. Mittlerweile lebt sie im Berliner Exil. Der Tagesspiegel schreibt über den Schmerz, den sie empfindet, seit sie ihre Heimat verlassen musste:
16 Jahre lang hat sie als Journalistin gearbeitet. Sie floh aus dem Iran, um Gefängnis und Folter zu entkommen, und hoffte, in Freiheit schreiben zu können. Doch nun ist der eigentliche Sinn ihres Lebens verschwunden. Nur ein toter Traum fällt leise in sich selbst zusammen.

Für die Gründe ihrer Flucht zitiere ich die entschprechende Passage aus der Wikipedia in Gänze:
On 7 August 2021, the Islamic Revolutionary Guard Corps' agents intruded forcibly into Mahtab Gholizadeh's house.
They investigated the apartment and captured her passport, cellphone, laptop, recorder, phonebook, external hard, and notes.
Simultaneously, she was summoned to Evin's judicial court. After, she was interrogated several times in the Islamic Revolutionary Guard Corps' office.
Eventually, with the accusations of "propaganda against the state," "endangering national security" for having interviews with the foreign media, and "spread of corruption and prostitution" for her effort for achieving the permission of entrance of Iranian women in sports stadiums, she was arrested. She was temporarily released with Rls.10 billion bail.
Ich sehe keinen Grund, das in Zweifel zu ziehen.
Aus ihrer persönlichen Sicht kann ich verstehen, dass sie keinen anderen Weg sieht, die Islamische Republik loszuwerden, als durch militärische Hilfe von außen. Aus objektiver Sicht kann ich es angesichts der Umstände in keiner Weise unterstützen und würde so einen Artikel nie veröffentlichen.
Anmerken möchte ich, dass ich die Meinung der in dem Artikel zitierten jungen Iraner nicht für repräsentativ halte. Ich kann es mir schlichtweg nicht vorstellen und fänd es angesichts der massiven Zerstörungen, die dieser Krieg verursacht, für nahezu „surreal“, um Mahtab Gholizadeh zu zitieren.
Abgesehen davon gibt es hochkarätige Stimmen wie Vali Reza Nasr, Professor an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Baltimore, die ein anderes Bild zeichnen.
Dieses in jeder Hinsicht instruktive Interview möchte ich ausdrücklich empfehlen.
(Siehe auch hier und hier und hier, wobei nicht ganz klar ist, woher das Video stammt, aber es scheint authentisch.)
5. Warum hat Mahtab Qolizadeh den Artikel geschrieben
Meine kurze Antwort lautet: wahrscheinlich aus purer Verzweiflung, oder aus falscher Hoffnung.
6. Wo ist der Text erschienen
Die ehemals friedensbewegte taz genießt ein hohes Ansehen im deutschen Blätterwald. Sie wird von drei Chefredakteurinnen verantwortet, womit sie sich ausdrücklich rühmt: „Die taz hat damit als einziger deutscher Presseverlag ein rein weibliches redaktionelles Führungstrio.“
Die taz distanziert sich an keiner Stelle von dem Text, im Sinne von: „Wir drucken diesen Artikel als Meinungsstück ab. Die Meinung der Autorin muss nicht unbedingt der Blattlinie entsprechen.“
Die taz trägt die volle Verantwortung für die Wirkung, die dieser Text entfaltet.
Sie macht mit diesem Artikel Kriegspropaganda für die Angriffskoalition und gibt ihr explizit einen Freibrief, den Iran bis zur endgültigen Befreiung in Schutt und Asche zu bomben. Ferner gibt sie der Angriffskoalition implizit einen Freibrief, den Iran in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Dafür benutzt sie eine verzweifelte Iranerin aus dem Exil, die sich offensichtlich nicht anders zu helfen weiß.
Meine Benotung für die Entscheidung der taz, diesen Artikel zu veröffentlichen, lautet: Sechs minus. Setzen!
Eigentlich würde ich aber lieber Mahtab Qolizadeh in den Arm nehmen und weinen.
***

