Westliche Strategen planen einen langsamen Kollaps der Islamischen Republik Iran. Haben sie sich verkalkuliert?
Im Nebel des Krieges ist es oft schwer, die wahren Ziele der Kontrahenten zu erkennen, zumal wenn auf der einen Seite die Vereinigten Staaten von Amerika stehen (wie fast immer in diesem Jahrhundert).
Beim vollumfänglichen Angriffskrieg der USA auf den Irak im Jahre 2003 ging es erst darum, die nichtexistenten Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein zu eliminieren, später ging es darum, den dschihadistischen Terrorismus zu bekämpfen, der durch den amerikanischen Angriffskrieg existent geworden war.
Die Rettung unterdrückter muslimischen Frauen spielt meist auch eine Rolle, wenn die Entsendung von Flugzeugträgern und anderem Kriegsgerät gerechtfertigt werden soll.
Im Falle des Iran, der am 28. Februar 2026 von den USA und Israel in einem „Präventivschlag“ angegriffen wurde, scheint die Sache klarer zu sein: Sehr wahrscheinlich geht es um die langsame, möglicherweise sich Jahre hinziehende Zerstörung des Landes, ohne dass die USA ihre Soldaten riskieren müssen.
Ob das gelingen wird, steht auf einem anderen Blatt.
Nicht alle Experten in Deutschland stimmen mir zu. So zum Beispiel Hasnain Kazim.
Laut Wikipedia erregte er „besondere Aufmerksamkeit“ durch seine „kritische Berichterstattung“ als Südasien- und Türkei-Korrespondent für SPIEGEL Online, ferner zeichne sich seine Arbeit durch „Engagement gegen Rassismus und Populismus“ aus.
Am Tag des Angriffskriegs auf den Iran schreibt er folgende Analyse:

Der ehemalige FDP-Mann hofft also, dass die USA und Israel – dessen Armee als die „humanste“ der Welt gilt – die Menschen im Iran vor dem Mullah-Regime befreien werden. Die lang versprochene Hilfe sei da.
Um dagegen meine These zu untermauern, möchte ich zwei Texte referieren, die ebenfalls am Tag des Angriffskriegs von Autoren verfasst wurden, die durch Fachwissen besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.
Zum einen handelt es sich um Yezid Sayigh, der zahlreiche akademische Posten in England bekleidete und heute „Senior Fellow“ am Carnegie Middle East Center in Beirut ist. Zum anderen um Hamidreza Azizi, der seit 2023 als Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin arbeitet.
Beginnen wir mit Yezid Sayigh. Ausgangspunkt seiner Analyse ist die Aufforderung von US-Präsident Donald Trump an die „iranische Öffentlichkeit“, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Wörtlich sagte Trump am 28. Februar 2026:
When we are finished, take over your government. It will be yours to take. This will be probably your only chance for generations.
Viele Beobachter, so Yezid Sayigh, interpretierten diese Aufforderung falsch. Sie glaubten, den USA ginge es um „Regime Change“ im Iran, doch das Gegenteil sei der Fall: Indem er den Sturz der Islamischen Republik in die Verantwortung der Iraner selbst lege, mache er genau das unwahrscheinlich.
Das Regime sitze fest im Sattel und würde auch dann überleben, wenn seine Führungsfiguren getötet würden:
Regardless of one’s view of the Iranian regime, it has deeply embedded paramilitary networks and a significant social constituency, who will very likely fight back against any domestic opponents even if the regime is decapitated.
Hinzu komme, dass die iranische Opposition im Land schlecht organisiert und nicht in der Lage sei, die Macht zu übernehmen, während die Opposition im Ausland zerstritten sei. Wenn Leute wie Reza Pahlevi, der Sohn des 1979 gestürzten Shahs, glaubten, sie würden eines Tages an Bord eines US-Flugzeuges als die neuen Führer im Iran einfliegen, so hätten sie sich getäuscht.
Das US-Militär werde das Land nicht besetzen, anders als im Irak 2003:
There will be no magic carpet ride for the Iranian exiles: the U.S. is not going to take physical control of Iran, which requires a massive commitment of ground troops, in order to hand power to them.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass Yezid Sayighs Szenario an Syrien in den Jahren 2011-12 erinnert, als ein Volksaufstand gegen das Baath-Regime begann und die USA wiederholt aufgefordert wurden, direkt einzugreifen.
Auch damals bemängelten Experten, dass die interne Opposition schlecht organisiert sei und einem formidablen Sicherheitsapparat gegenüberstünde, der bis zum bitten Ende kämpfen werde; zudem sei die Opposition im Ausland zerstritten.
Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen dem Iran und Syrien, zum Beispiel die Bevölkerungsgröße, die strategische Tiefe sowie die militärische Stärke des Iran. Trotzdem kann die Parallele dabei helfen zu verstehen, in welche Richtung die aktuelle US-Strategie wahrscheinlich geht: nämlich in eine über Jahre hin andauernde Zermürbung des Regimes, bis es in sich zusammenfällt.
Klar ist: Wenn das gelingt, werden Ströme von Blut fließen und Millionen Menschen auf die Flucht gehen.
In Syrien gelang dieser Zermürbungsprozess durch den Einsatz dschihadistischer Terroristen und anderer bewaffneter Kräfte, die vom Westen und seinen Partnern in der Region unterstützt wurden.
Es dauerte fast 14 Jahre, bis diese Kräfte den Sieg der syrischen Revolution deklarieren konnten – mit Abu Muhammad al-Julani an ihrer Spitze, dem Führer des Qaida-Netzwerks in Syrien. Vom Irak aus wurde er im August 2011 in seine Heimat geschickt, um das Netzwerk aufzubauen und den bewaffneten Kampf zu organisieren. Heute fungiert er unter dem Namen Ahmad al-Sharaa als Präsident des Landes.
Wörtlich sagte Abu Muhammad al-Julani am 8 Dezember 2024:
We continue to work with determination to achieve the goals of our revolution … We are determined to complete the path we started in 2011.
Für den Iran sieht Yezid Sayigh ein anderes Szenario am Horizont: Die permanente Bombardierung durch die USA und Israel werden aus dem Land einen Failed State machen, der – so die offensichtiche Kalkulation – keine Gefahr mehr für den Westen darstellen wird:
U.S. military action could degrade the Iranian regime’s ability to control its population and govern the country to the point where it breaks down.
(..)
Coupled with an already parlous economic situation, water scarcity, and socio-political polarization, this will leave Iran looking more like any one of a number of countries in chronic post-conflict breakdown—Afghanistan post-US withdrawal, Syria in Assad’s final years, and Libya and Yemen post-2014 all come to mind—than post-2003 Iraq.
Wichtig sei es zu verhindern, dass der Iran seine Abschreckungsfähigkeiten nach dem Ende der Bombardierungen wieder erlangt. Das könne zum Beispiel dann garantiert werden, wenn eine „gefügige Elite“ aus den Ruinen des Irans erwächst, die bereit ist, nachweislich das Atomwaffenprogramm aufzugeben (wenn es denn existiert…) und verbindlich erklärt, keine Mittelstreckenrakten mehr produzieren zu wollen.
Ansonsten schlägt Yezid Sayigh vor, den Iran über Jahre hinweg immer wieder zu bombardieren, so wie es die USA mit dem Irak zwischen 1991 und 2003 gemacht haben:
Failing that, the U.S., and possibly Israel or other Western allies, would conceivably selectively attack Iranian military facilities for years to come, much as they did in Iraq in 1991-2003 or as Israel has done against Hezbullah in Lebanon since their “big war” ended in November 2024.
Die Analyse von Hamidreza Azizi geht in eine ähnliche Richtung. Die ersten Angriffswellen der USA und Israels legten nahe, so der Autor, dass die militärischen Kapaziäten des Irans möglichst schnell zerstört werde sollten.
Ferner sollten diese Angriffswellen dafür sorgen, dass das Regime seine Kontrolle über das Land verliert. Beides würde den Weg eröffnen, um anschließend permanent militärisch Druck ausüben zu können:
The available evidence suggests that the operation is not designed as a limited punitive action intended to impose temporary costs. Rather, the targeting sequence and operational tempo point toward the opening phase of a structured campaign aimed at rapidly weakening Iran’s governing and military capacity, thereby creating conditions for sustained pressure in subsequent stages.
Der Angriff auf die Führungselite des Landes am ersten Tag müsse in diesem Licht gesehen werden, entsprechende Verlautbarungen aus den USA und Israel legten nahe, dass es darum geht, das Land in einen Schockzustand zu versetzen und zu paralysieren:
When viewed alongside the early focus on leadership and institutional nodes, these statements suggest that the campaign seeks to paralyze governance as much as to degrade military capability. In this sense, the operational design reflects an effort to create political shock.
Anders als Yezid Sayigh geht Hamidreza Azizi näher auf die geographische Verteilung der US-amerikanischen und israelischen Angriffe ein. Auffällig sei der Fokus auf den südlichen Iran. Das sei notwendig, um von dort die anschließenden dauerhaften Luftangriffe ungestört fliegen zu können:
From a military perspective, degrading defensive systems in southern regions would be a prerequisite for sustained air operations approaching from the Persian Gulf. The early focus on these targets therefore suggests that the current phase is preparatory rather than final. The war, in other words, appears structured to unfold sequentially rather than through a single overwhelming blow.
Ähnlich wie Sayigh stellt sich Hamidreza Azizi die Frage, was passiert, wenn das Regime nicht sofort kollabiert und eine anschließende, ungestörte Bombardierung des Landes unmöglich werde.
Dann, so seine Prognose, werde sich der Krieg regional und zeitlich ausdehnen, es werde ein „langwieriger Kampf“ um die Ordnung im Nahen Osten enststehen:
The central question now is whether the Islamic Republic can absorb the initial shock and maintain governing capacity. If it does, the war is likely to become longer, more regional, and far less predictable than its architects may have intended. The coming days will therefore determine whether this conflict evolves into a short campaign of regime collapse or the beginning of a protracted struggle reshaping the Middle Eastern order.
Drei Tage nach Beginn der Operation „Epic Fury“ scheint sich die Sorge der beiden Autoren zu bestätigen: Trotz der Ermordung von Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei und zahlreicher anderer Führungsfiguren des Regimes gleich am ersten Tag, feuert der Iran weiter Raketen in Richtung Westen.
Israel und die Golfstaaten, aber auch US-Basen in der Region, sind die Ziele.

Der Ausgang ist ungewiss, die Lage besorgniserregend. Denn die „messianische“ Führung in Israel könnte geneigt sein, Atomwaffen einzusetzen, um den Prozess zu verkürzen oder den eigenen Kollaps zu verhindern.
Aber so weit sind wir noch nicht.
Das war´s für heute. Als geübter SPIEGEL-Leser weiß ich, dass man an dieser Stelle immer an den Anfang der Geschichte zurückkommen sollte.
Deswegen schauen wir noch einmal darauf, was der ehemalige FDP-Mann Hasnain Kazim zu den weiteren Entwicklunge zu sagen hat.
In einem Posting auf Facebook bietet er folgenden Nachruf auf den getöteten Revolutionsführers Ayatollah Khamenei an:

Wir stellen fest: Wieder ist es ihm gelungen, Aufmerksamkeit für seine kritische Berichterstattung und sein Engagement gegen Rassismus und Populismus zu gewinnen.
Die westliche Hilfe für die Menschen im Iran kommt bestimmt, und sei es in 3, 5 oder 10 Jahren.
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