Syrien: Das „versteckte Massaker“ (Teil 1)

Eine „friedliche“ Revolution mit hunderten Toten (März 2011 bis Sepember 2011)

Im Dezember 2024 eroberten verschiedene Milizen, angeführt von Hayat Tahrir al-Sham, dem ehemaligen syrischen Arm des Terrornetzwerkes al-Qaida, die Großstädte Syriens und brachten das Baath-Regime nach 60 Jahren Herrschaft zum Einsturz.

Seitdem wartet die Welt gespannt darauf, was passiert. Die „eingefrorene Revolution“ , wie sie ein deutscher Fachmann nannte, ist aufgetaut und muss nun zeigen, wes Kind sie ist.

Die Tatsache, dass Dschihadisten an den Hebeln der Macht sind – sie verfügen über die Kanonen, nicht die Zivilgesellschaft – lässt Spielraum für Skepsis. Denn innerhalb des transnationalen Dschihadismus ist insbesondere der syrische von einem virulenten Hass gegenüber heterodoxen islamischen Minderheiten geprägt, darunter den Alawiten, zu denen auch Ex-Präsident Bashar al-Assad gehört. Die entscheidende Stütze des Baath-Regimes war zudem ein sadistischer Sicherheitsapparat, in dem vielfach alawitische Offiziere die Strippen zogen.

Die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen gegen die alawitische Minderheit standen also seit dem „Sieg der großen syrischen Revolution“ im Raum. Zurecht, wie sich schnell herausstellte, auch wenn die Angriffe auf Alawiten und andere Minderheiten in den westlichen Medien zunächst kaum beachtet wurden.

Das änderte sich Anfang März 2025, als hunderte, wenn nicht tausende alawitische Zivilisten im Nordwesten des Landes von dschihadistischen Kämpfern getötet wurden.

Ein Bericht der Tagesschau vom 10. März 2025 trägt den Titel: „Massaker an Zivilisten in Syrien. Die Angst der Alawiten.“

Wir nehmen diese Entwicklung zum Anlass, uns noch einmal im Detail den Ursprung der „Syrischen Revolution“ anzuschauen. Denn diese Revolution ist von zahlreichen Mythen umrankt, die es zu hinterfragen gilt.

In den folgenden Woche stelle ich hier Artikel ein, die Teil eines Buchprojektes sind, das sich über Jahre hin entwickelt hat und noch weiter entwickelt – wohin, das wird die Zukunft zeigen.

In dem Buch geht es darum, wie westliche Geheimdienste und militärische Spezialeinheiten Extremisten für ihre Zwecke einsetzen. Syrien ist nur ein Beispiel von vielen, allerdings eines, das so gut dokumentiert ist wie kaum ein anderes.

Es folgt nun Teil 1 des Kapitels: „Syrien: Das „versteckte Massaker“.“

Die Buchteile, die ich hier reinstelle, sollen 10.000 Zeichen nicht überschreiten, damit die Augen der Leser nicht vor dem Ende zufallen.


Kristin Helberg ist Politikwissenschaftlerin und arbeitete sechs Jahre beim NDR in Hamburg, im Jahre 2001 ging sie nach Damaskus, „wo sie lange Zeit die einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin war“.

Sie blieb bis 2008 und berichtete für Rundfunk, Print und Fernsehen. Ihre Artikel etwa in der taz geben wertvolle – und differenzierte – Einblicke in eine Zeit, als syrische Oppositionelle noch mit friedlichen Mitteln versuchten, Veränderungen herbeizuführen, aber regelmäßig von dem Baath-Regime ausgebremst wurden. Kristin Helberg gilt nicht zu Unrecht „als eine der besten Syrien-Kennerinnen im deutschsprachigen Raum“.

Als im März 2011 der Aufstand in Deraa losbrach, wandelte sich die Journalistin zu einer scharfen Regimekritikerin, die seitdem kein grau mehr kennt. Für sie gibt es nur noch unschuldige Revolutionäre auf der einen und das böse Regime auf der anderen Seite. Die verdeckte Kriegsführung des Westens existiert bei ihr nicht, sehr wohl aber halbherzige Politiker aus Washington und Brüssel, die die Revolution im Stich gelassen hätten.

Durch zahlreiche Interviewauftritte in sämtlichen Medien sowie eigene Berichte und Bücher hat Kristin Helberg den Blick der deutschen Öffentlichkeit auf Syrien entscheidend mitgeprägt.

Zur Anschauung zitiere ich einige Passagen aus einem Aufsatz, den der Rowohlt Verlag im Jahre 2015 von ihr veröffentlichte. Sie stehen prototypisch für das Konsensnarrativ, das sich in deutschen Qualitätsmedien zur syrischen Tragödie im Laufe der Zeit entwickelte, sie könnten in dieser oder ähnlicher Form in jeder Zeitung stehen.


Foto: A. Metzger

Im Zentrum des Konsensnarrativs steht die mantrahaft vorgetragene Behauptung, der Aufstand gegen das Baath-Regime sei rein friedlicher Natur gewesen. Gewalt hätten nur Bashar al-Assad und seine Schergen angewendet.

Die Polititkwissenschaftlerin schreibt:

„Für Assad sind die Demonstranten von Anfang an Terroristen und ausländische Agenten. Um diese Propaganda wahr werden zu lassen, entlässt er Dschihadisten aus dem Gefängnis, schürt konfessionellen Hass und schickt Provokateure des Geheimdienstes, um den Aufstand in ein schlechtes Licht zu rücken.“ (S. 58.)

Das klingt nach Verschwörungstheorie, jedenfalls liefert sie weder Indizien noch Beweise. Lassen wir es zunächst so stehen.

Für den hässlichen Dschihad in Syrien – Stand: Herbst 2015 – hat sie folgende Erklärung:

„Viereinhalb Jahre lang hat das syrische Regime alles dafür getan, radikale Islamisten zu seinem mächtigsten Feind zu machen. Assads `Terroristen´waren aufmüpfige Schulkinder, Plakate malende Aktivisten, friedliche Demonstranten, Medikamente schmuggelnde Frauen, Journalisten, Ärzte und Sanitäter, christliche Filmemacher, alawitische Deserteure und national gesinnte Kämpfer. Diese gemäßigten Kräfte hat Assad mit größtmöglicher Brutalität bekämpft, während er die ab 2013 ins Land strömenden Dschihadisten geduldet, geschont und sogar gestärkt hat.“ (S. 64.)

Kristin Helberg verneint also die Möglichkeit, dass Islamisten und Dschihadisten von Beginn an Teil des Aufstandes gewesen sein könnten; sie nennt es eine fixe Idee des Regimes, das damit die „gemäßigten Kräfte“ in ein „schlechtes Licht“ hätte rücken wollen. Wichtiger noch: Sie verneint die Möglichkeit, dass „ausländische Agenten“ eine Rolle gespielt haben könnten, sie hält auch das für ein Hirngespinst des syrischen Sicherheitsapparates.

Bedeutsam ist ihre apodiktisch vorgetragene Behauptung, dass das Regime bewusst „konfessionellen Hass“ gesät hätte, um den Aufstand erst zu radikalisieren und dann militärisch bekämpfen zu können.

Schließlich verdient ein Datum unsere Aufmerksamkeit: Kristin Helberg schreibt allen Ernstes, dass Dschihadisten erst seit 2013 ins Land „strömten“ und dann von Bashar al-Assad „geduldet, geschont und sogar gestärkt“ wurden!

Wie sie auf diese Idee kommt, bleibt bis auf Weiteres ein Mysterium…


Januar 2012: al-Qaida kündigt Selbstmordattentate in Syrien an. Foto: A. Metzger @Daily Telegraph

In den folgenden Kapiteln werde ich zeigen, dass kritische Beobachter geneigt sein könnten, die Entwicklung des syrischen Konflikte anders darzustellen als Kristin Helberg.

Ich werde das anhand einer Fülle von Material machen, das im Prinzip aus drei Elementen besteht: Zum einen aus Berichten und Analysen, die veröffentlicht wurden, während sich der Konflikt entwickelte. Sie geben das wieder, was jeder – zumindest Fachleute – in Echtzeit darüber wissen konnte.

Zum zweiten handelt es sich um durchgestochene Texte amerikanischer Offizieller (E-Mails, vertrauliche Berichte) aus jenen Tagen, die deren unverblümte Sichte auf die Dinge zeigen.

Schließlich handelt es sich drittens um Texte, die den Konflikt – vor allem den scheinbar überraschenden Aufstieg des ISIS – rückwirkend betrachten und einordnen.

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