„Bewaffnete Gruppen bieten strategische Möglichkeiten“

Warum sich Fanatiker und Extremisten gut für die verdeckte Kriegsführung eignen

Wie ich in meinem ersten Artikel über den aktuellen Krieg berichtet habe, bereiteten US-Militärs und CIA-Offiziere die Ukraine seit 2015 auf einen Guerilla-Krieg vor, falls Russland einmarschieren sollte.

Ein Insider dieses Programms wird von YahooNews! wie folgt zitiert:

Wenn die Russen einmarschieren, werden diese [Absolventen der CIA-Programme] die entscheidende Miliz sein, sie werden die Führung des Aufstandes übernehmen (..). Wir bilden diese Jungs jetzt seit acht Jahren aus. Sie sind wirklich gute Kämpfer. Hier könnte das Programm der CIA ernsthaft Wirkung zeigen.

Was ich in dem Artikel nicht erwähnt habe, ist die Tatsache, dass im Rahmen dieses Programmes auch ukrainische Extremisten von den so genannten Asow-Brigaden ausgebildet wurden.


Das ist aber nicht so schön…..

Es ist ein heikles Thema, weil diese Brigaden derzeit in der umzingelten Stadt Mariupol kämpfen, wo sie seit Jahren aktiv sind; ihr extremistischer Hintergrund wird in den deutschen Medien vermutlich deswegen heruntergespielt, weil das die Moral des ukrainischen Widerstands beschädigen könnte.

Außerdem gebe es in Russland auch Extremisten, so das Argument, es mache also keinen Unterschied.


Ein Kickboxer ganz im Sinne der WELT.

Manche Medien glorifizieren diese Brigaden sogar, wenngleich ihr ideologischer Hintergrund nicht bei allen deutschen Politiker:innen auf Begeisterung stoßen dürfte.

Denn die Asow-Brigaden – und andere ukrainische Extremisten – benutzen mitunter Symbole, die in der Bundesrepublik Deutschland verpönt sind.


Günther Jauch war vor Jahren etwas verwirrt, als er dieses Bild zu Gesicht bekam. Der ukrainische Botschafter fand es normal: Partner sind Partner sind Partner…

Die Sache bedürfte einer Vertiefung, auch historischer Natur, aber ich lasse das an dieser Stelle. Weitere Hinter- und Abgründe kann man hier nachlesen oder sich hier anschauen.

Vielmehr möchte ich das Kapitel eines Buches zur Aufmerksamkeit bringen, das im kommenden Jahr erscheinen wird.

In diesem Kapitel geht es darum zu zeigen, dass US-Strategen seit 20 Jahren offiziell dafür plädieren, extremistische Gruppierungen zu unterstützen – darunter Leute, die die USA selbst als Terroristen einstufen.

Als Ergänzung zu dem Buchkapitel werde ich am Ende dieses Artikel darüber nachdenken, warum dessen Inhalt auch für die aktuelle Lage von Relevanz sein könnte.

Es geht los:

Die CIA präsentiert eine „weltweite Angriffsmatrix“

Am 11. September 2001 um 8.50 Uhr sitzt CIA-Chef George Tenet mit seinem Mentor David Boren, früher Leiter des Geheimdienstausschusses im Kongress, im St. Regis Hotel unweit des Weißen Hauses und will frühstücken.

Gerade sind die Omeletts gekommen.

Doch ehe der Schmaus beginnt, eilen Leibwächter des CIA-Chefs heran und stören das Idyll:

„Einer von ihnen sagte zu George Tenet: `Herr Direktor, das World Trade Tower wurde gerade von einem Flugzeug angegriffen“, erinnert sich David Boren ein paar Tage später. „Ich war verwundert, dass er das Wort ‚angegriffen‘ benutzte.“

Ganze vier Minuten vorher ist ein Flugezug in den North Tower des World Trade Centers geflogen. Niemand weiß, was los ist – außer die CIA, wie es den Anschein hat.

George Tenet jedenfalls ist nicht überrascht, er sagt zu seinem verhinderten Frühstückspartner:

Wir sind uns ziemlich sicher, dass es kein Unfall war. Es sieht aus wie ein Terrorakt.

George Tenet ahnt sogar, wer dahinter steckt:

Und weißt du was? Das Ganze trägt die Handschrift [Osama] bin Ladens.


Links George Tenet, rechts der Präsident. Die Tulpen sind Signale an eingeweihte Mitglieder okkulter Bruderschaften. Sie sagen: „Bald geht es in Mittelasien los.“

Fast auf die Stunde genau vier Tage später, am 15. September 2001 um 9.30 Uhr, sitzt George Tenet in Camp David, um ihn herum Präsident George W. Bush, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Außenminister Collin Powell und andere Sicherheitsgrößen des American Empire.

Der CIA-Chef trägt einen detaillierten Plan vor, wie sich die USA gegen Osama bin Laden zur Wehr setzen könnten.

Dazu schreibt Bob Woodward von der Washington Post:

Tenets 30minütige Präsentation (..) skizzierte eine Sicherheitsarchitektur ganz im Sinne des Präsidenten: eine weltweite Kampagne gegen den Terrorismus mit einer Eröffnungsphase, die sich auf bin Laden, al-Qaida und das Taliban-Regime in Afghanistan fokussierte.

Dieser Krieg, so der Plan, solle vor allem verdeckt und weitgehend schrankenlos geführt werden:

Tenet wollte einen umfassenden Geheimdienstbefehl, der es der CIA ermöglichen würde, die notwendigen verdeckten Operationen durchzuführen, ohne für jede spezifische Operation eine formelle Genehmigung einholen zu müssen. Tenet sagte, er brauche diese Vollmacht, damit die Agency ohne Einschränkungen arbeiten könne – und er wolle vom Präsidenten die Erlaubnis haben, echte Risiken einzugehen.


Bob Woodward arbeitete früher für den Navy Geheimdienst. Danach schrieb er viele spannende Bücher, sie dürfen als offiziell geprüfte Version der Wahrheit gelten.

Dann zieht George Tenet ein weiteres Dokument aus der Tasche – natürlich „top secret“ (Bob Woodward) –, das den Titel „Worldwide Attack Matrix“ trägt und verdeckte Operationen in 80 Ländern aufzählt, die entweder schon im Gange seien oder bald losgehen sollten:

Die Aktionen reichten von routinemäßiger Propaganda bis hin zu tödlichen verdeckten Operationen, die zur Vorbereitung militärischer Angriffe dienen sollten.

Nicht nur George W. Bush ist begeistert, sondern auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – „trotz möglicher Reibereien zwischen der CIA und dem Pentagon bei der Aufgabenverteilung und den Verantwortlichkeiten in solchen Militärkampagnen“.

Donald Rumsfeld sagt dazu später in einem Interview mit Bob Woodward:

Ich war davon überzeugt, dass wir Leute in diesen Ländern brauchten, die für uns arbeiten (..). Und die CIA hatte solche Beziehungen und würde sie weiter ausbauen können, um dieses Vorgehen zu ermöglichen. Es war für mich klar, dass das von entscheidender Bedeutung war

Damit waren die Grundlagen für den Global War on Terror (abgekürzt GWOT) gelegt, der bis heute anhält, obwohl dieser Begriff nicht mehr benutzt wird und die verdeckten anti-Terrormaßnahmen des American Empire kaum noch Schlagzeilen machen.


Beim Global War on Terror geht es vor allem um die Werte der FDP (laut Friedrich-Naumann-Stiftung).

Doch bleiben wir zunächst im Herbst des Jahres 2001.

Nachdem die CIA ihren Hut in den Ring geworfen hatte, ließ sich das Pentagon nicht bitten.

Am 12. Oktober 2001 gibt Donald Rumsfeld der Militärzeitschrift Parade Magazine ein Interview, in dem er die neue Mentalität des US-Militärs charakterisiert. Er sagt:

Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass ein Terrorist jederzeit, an jedem Ort und mit jeder Technik angreifen kann. Es ist aber physisch unmöglich, sich zu jeder Zeit und an jedem Ort gegen jede erdenkliche Technik zu verteidigen. Die einzige Möglichkeit, mit diesem Problem fertig zu werden, besteht darin, den Kampf direkt zu den Terroristen zu tragen, wo immer sie sind, und sie vor Ort zu stellen.

Auffällig ist: Kommt das Thema Terrorismus in diesen Tagen zur Sprache – und das passiert ständig -, wird im gleichen Atemzug vor dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen gewarnt. Dahinter steckt Methode: Denn es reicht die Erwähnung, dass Terroristen chemische oder biologische Waffen einsetzen könnten, um das Volk in Angststarre zu versetzen.

Ob diese Gefahr tatsächlich besteht, ist zweitrangig.

Durch den Verweis auf Massenvernichtungswaffen werden Länder, die als Sponsoren der Terroristen gelten, von alleine zu Parias der Weltgemeinschaft, die sich außerhalb des Völkerrechts bewegen.

Grenzenloser Krieg respektiert keine Grenzen

Interessanterweise sind das immer Länder, die den USA ein Dorn im Auge sind, wie etwa der Irak, Iran, Syrien oder Libyen. Dazu Donald Rumsfeld:

Es gibt eine Korrelation zwischen den Ländern, die den Terrorismus fördern, und den Ländern, die chemische und biologische Waffen einsetzen, und sie arbeiten eifrig daran, auch nukleare Waffen zu entwickeln.

Die Logik entgrenzter Kriegsführung gegen grenzenlos agierende Terroristen und deren Sponsoren hat einen wichtigen Vorteil für US-Sicherheitsstrategen:

Es liefert ihnen die Rechtfertigung, das Souveränitsprinzip auszuhebeln, das seit Gründung der Vereinten Nationen der Maßstab war im Umgang souveräner Staaten miteinander.

Donald Rumsfeld warnt alle Länder, die die Worte der US-Präsidenten nicht ernst nehmen könnten:

Er wird Terroristen finden und sie ausrotten, und er wird ein politisches Klima schaffen, das den Ländern, die sie beherbergen, klar macht, dass sie damit aufhören sollten.

Der Verteidigungsminister will damit sagen: Wer Terroristen unterstützt, hat sein Recht verwirkt, als souveräner Staat behandelt zu werden.

Spezialeinheiten sollte man nicht provozieren, schon gar nicht mit Bildunterschriften.

Ein solcher Staat muss demnach damit rechnen, Besuch von militärischen Spezialeinheiten und Geheimdiensten der USA zu bekommen, die sich auf seinem Territorium bewegen, als sei es das ihrige.

Im Laufe der nächsten Monate beginnt Donald Rumsfeld damit, das amerikanische Militär umzukrempeln.

Der Fokus liegt auf dem Ausbau militärischer Spezialeinheiten, die für die verdeckte Kriegsführung zuständig sind.

Die Art und Weise ihres Vorgehens unterliegt der Geheimhaltung, doch zwischendurch werden ausgewählte Medien in die Geheimnisse der verdeckten Kriegsführung eingeweiht.

So geschehen im Herbst 2002, als die Ergebnisse eines Symposiums des Defense Science Boards (DSB) an einige Journalisten durchgestochen wurden.

Das DSB ist ein aus Zivilisten bestehendes Gremium, das das Pentagon vor allem in wissenschaftlichen Fragen berät, mit dem Fokus auf technische Neuerungen.

Im August 2002 organisiert das Gremium ein Treffen, das folgenden Titel trägt: „DSB Summer Study on Special Operations and Joint Forces in Support of Countering Terrorism.“

Am 16. August findet ein Power Point Briefing statt, das 78 Seiten umfasst und in dem die Vorschläge des DSB zusammengefasst werden.

Sie haben es in sich. So schreibt die Presseagentur United Press International (UPI), die das Material zugespielt bekommt, in einem ausführlichen Bericht vom 26. September 2002:

Ein Pentagon-Bericht plädiert dafür, 7 Milliarden US-Dollar in den Aufbau einer neuen Eliteeinheit zu investieren. Diese Elitegruppe soll aus Anti-Terror-Agenten bestehen, um den Krieg gegen den Terrorismus präventiv und proaktiv führen zu können. Sie soll al-Qaida dazu bringen, Operationen zu starten, auf die sie nicht genügend vorbereit ist und die dazu führen wird, dass ihr Personal exponiert wird.

Im Zentrum steht die Idee, Terroristen durch verdecktes Vorgehen aus der Reserve zu locken:

Anstatt zu versuchen, die Pläne von Terroristen aufzudecken und zu vereiteln – der Ansatz, der die aktuelle Strategie charakterisiert – würde die `Proactive Preemptive Operations Group´ (bekannt als P2OG ) nach Wegen suchen, Terroristen in den Aktionismus zu treiben. Das kann geschehen, indem man ihre Geldressourcen ausdünnt oder sie mit Falschmeldungen in die Irre führt.

Die konspirative Truppe – die Rede ist von 100 Leuten – soll aus handverlesenen Spezialisten bestehen, die sich mit Propaganda, psychologischer Kriegsführung, Computernetzangriffen und verdeckten Operationen auskennen.


Spion gegen Spion.

Der Bericht beschreibt einige der geheimen Techniken, die, so darf man vermuten, heute in Gebrauch sind:

Der Bericht, der sich in Teilen wie ein fantastisches „Spion gegen Spion“-Handbuch liest, plädiert dafür, wichtige Terroristenführer mit speziellen Chemikalien zu markieren, damit sie überall auf der Erde per Laser verfolgt werden können; er plädiert ferner für die Schaffung eines speziellen, heimlich operierenden SWAT-Teams, das weltweit chemische, biologische und nukleare Waffen aufspürt und zerstört; und er plädiert für die Schaffung eines Teams aus besonders teuflischen Denkern, die sich Szenarien für Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten ausdenken, damit die Regierung Pläne entwickeln kann, solche Anschläge zu vereiteln

Ferner heißt es:

Eine DNA-Datenbank könnte erstellt werden, um dieselben Personen zu tracken, indem Proben von biologischem Material auf Gegenständen und Papieren gesammelt werden, die die Zielpersonen angefasst haben.

Im Kern geht es also darum, Terrorgruppen zu infiltrieren, zu manipulieren und sie dazu zu bringen, aktiv zu werden, um sie dann zerstören zu können. Eine teure Angelegenheit, so der Bericht von UPI:

Eine der kostspieligsten Empfehlungen bezieht sich darauf, die Fähigkeit der Geheimdienste zu verbessern, in Terrorzellen einzudringen, um Informationen zu sammeln. Die Technologien und Methoden dafür werden als geheim eingestuft, die Kosten aber nicht: Es handelt sich um 1,7 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von 5 Jahren, angefangen in 2004.

Wenn Terroristen „schwächeln“, brauchen sie Motivation…

Auch die Los Angelese Times und die Asia Times berichten über das interessante Dokument, aber niemand will aussprechen, was offensichtich scheint:

Dass die USA sich mit diesen Methoden alle Türen öffnen, um den Global War on Terror am Laufen zu halten, wenn es nötig ist.

Anders ausgedrückt: Wenn die Terroristen “schwächeln”, sind amerikanische Spezialeinheiten willens und in der Lage, sie zu weiteren Taten anzustacheln.

Chris Floyd, damals Kolumnist der Moscow Times, ist der einzige, der Klartext redet:

Sprechen wir es doch deutlich aus, damit jeder die Absicht hinter Rumsfelds Plan versteht: Die Regierung der Vereinigten Staaten plant, durch „Hinterhalt und Täuschung“ mörderische Terroranschläge auf unschuldige Menschen zu provozieren (..).

Chris Floyd liefert Ideen, wie die Provokationen aussehen könnten, die Terroristen inspirieren sollen:

Stellen wir uns die Frage, wie Terroristen zum Handeln bewegt werden können: Indem ihre Familienangehörigen getötet werden? Indem wir ihnen Beute versprechen? Indem sie mit Drogen vollgepumpt werden? Indem sie in Dschihad-Propaganda ertränkt werden? Indem wir ihre Mütter misshandeln? Oder vielleicht mithilfe von Agent Provocateurs, die Gruppen infiltrieren und Anschläge selbst planen und ausführen?

Wozu aber sollte das US-Militär so etwas tun? Chris Floyd:

Wenn Terroristen erstmal dazu gebracht worden sind, Anschläge zu verüben, dann können Maßnahmen gegen die staatlichen Akteure ergriffen werden, die diese beherbergen. Die von Rumsfeld aufgehetzten Banden dienen als Rechtfertigung, um die Souveränität von Staaten auszuhebeln. In dem Pentagon-Programm hört sich das so an: „Ihre Souveränität wird gefährdet sein.“


Alija Izetbegovic war ein Freund Amerikas. Osama bin Laden mochte er auch.

Ein zweiter Aspekt kommt hinzu: Ähnlich wie in Afghanistan in den 1980er Jahren und in Bosnien sowie im Kosovo eine Dekade später, können islamische Extremisten und Dschihadisten als Verbündete des American Empire auftreten.

Der Unterschied zu damals ist, dass jetzt offen darüber geredet wird, was ein Paradox darstellt: Denn eigentlich gilt der Terrorismus seit September 2001 als Todfeind der westlichen Zivilisation!

Schauen wir uns ein Strategiepapier aus dem Jahre 2004 an, das eine andere Sprache spricht. Es wurde vom Institute for National Security Studies der US Air Force verfasst und trägt den Titel: “Armed Groups: A Tier-One Security Priority.”

Übersetzt: „Bewaffnete Gruppen: Oberste Sicherheitspriorität.“

Das Autorenkollektiv untersucht “bewaffnete Gruppen” und teilt diese in “Aufständische, Terroristen, Milizen und kriminelle Organisationen” ein. Sie schreiben:

Bewaffnete Gruppen werden auch im 21. Jahrhundert eine ernsthafte strategische Herausforderung für uns sein, aber auch strategische Chancen bieten, die genutzt werden können, um politische Ziele zu erreichen. Es gab und wird Fälle geben, in denen es im strategischen Interesse der Vereinigten Staaten ist, mit bewaffneten Gruppen zusammenzuarbeiten.

Im Klartext heißt das: Terroristen und Extremisten jeglicher Couleur können Partner sein, wenn es in das strategische Konzept der USA passt. Die Autoren schreiben weiter:

Um das Phänomen bewaffneter Gruppen nutzen zu können und um die Gefahren zu managen, muss sehr viel Wissen über diese Akteure angesammelt werden: Dieses Wissen muss die Bedrohungen aufzeigen, aber auch die Chancen, die sich aus einer Zusammenarbeit ergeben können.


Itamara Lochard gehört zu den Autorinnen dieser Studie. Sie hat lauter bewaffnete Gruppierungen im Blick, die sich möglicherweise für das Empire aufopfern wollen.

Deswegen schlagen die Autoren vor, diese bewaffneten Gruppen – darunter wie gesagt Terroristen, – genau zu studieren, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können:

Um bewaffnete Gruppen zu verstehen, bedarf es ausgefeilter Methoden. Es ist nötig, die Unterschiede zwischen ihnen zu erkenen, aber auch die Unterschiede innerhalb von Organisationen. Es müssen systematische Profile ihrer Organisations- und Funktionsweisen erstellt werden und es bedarf spezieller Methoden, um sie zu überwachen…. Solche Profile dienen als Grundlage für die Entwicklung nachrichtendienstlicher Methoden und für die Entwicklung militärischer Special Operations (..).

Die Systematik und Akribie dieser Studie ist bemerkenswert.

Sie zeigt, dass die verdeckte Kriegsführung eine Kunst für sich ist, die sehr viel Wissen und Erfahrung erfordert. Entscheidend bei der Studie ist die Tatsache, das es sich nicht um bloße Theorie handelt.

Ihre Autor:innen kommen aus der Praxis. Eine von ihnen heißt Itamara Lochard, über die der investigative Journalist Nafeez Ahmed schreibt:

Seit 2008 ist Lochard außerordentliche Professorin an der US Joint Special Operations University, wo sie einen streng geheimen Fortgeschrittenenkurs in „Irregular Warfare“ unterrichtet, den sie für hochrangige Offiziere der US-Spezialeinheiten konzipiert hat.

Itamara Lochard unterhält laut Nafeez Ahmed eine Datenbank von 1.700 nicht-staatlichen Gruppen, die folgendermaßen kategorisiert sind (der Link von Lochards Webseite funktioniert leider nicht mehr, ich habe es vor Jahren versäumt, den Inhalt zu sichern):

  • Aufständische
  • Milizen
  • Terroristen
  • komplexe kriminelle Organisationen
  • organisierte Banden
  • böswillige Cyberakteure
  • strategische gewaltfreie Akteure

Sie unterhält diese riesige Datenbank, um Organisationsmuster, Strukturen der Zusammenarbeit, Strategien und Taktiken der Terrorbanden und Milizen zu analysieren.

Die Dinge sind im Fluss, wir behalten sie im Auge…

Wie sieht nun die Praxis aus?

Welche Konflikte gab es, in denen hochspezialisierte US-Militärs und Geheimdienstler zum Einsatz kamen und sich der Dienste von Milizen, Extremisten und Terroristen bedienten?

Wann und warum taten sie das genau?

Ich habe zu diesem Komplex tonnenweise Material gesammelt, das Besondere ist ja, dass diese Dinge meist im Offenen passieren, quasi vor aller Augen.

Es gibt aber andere Konflikte, wo die Zusammenarbeit mit Extremisten und Terroristen nicht so offensichtlich ist, sie lässt sich nur aus dem Gesamtzusammenhang herleiten.

Es ist die Absicht dieses Blogs, solche Mechanismen im Detail zu beschreiben und zu analysieren.



Für die aktuelle Lage – also was den Krieg in der Ukraine betrifft – verweise ich auf den Anfang dieses Artikels.

Ferner verweise ich erneut auf diesen Beitrag von mir vom 10./11. März 2022:

Die Dinge sind im Fluss, wir werden sie im Auge behalten…

***

Was will Putin? Teil 1

Die Macht der Narrative

In jeder Gesellschaft gibt es Narrative – also Erzählungen -, die nötig sind, um eine gemeinsame Grundlage für den öffentlichen Diskurs zu schaffen.

Das Besondere an einer Erzählung ist die Tatsache, dass sie einen Rahmen hat, in dem sich die Dinge bewegen. Gäbe es diesen Rahmen nicht, würde das Narrativ zerfließen und keinerlei Orientierung bieten.

Trotzdem lässt sich der Rahmen verschieben, und wenn das geschieht, verschieben sich auch die Dinge, die sich in diesem Rahmen befinden. Oder anders gesagt: Die Perspektive verschiebt sich.

Was vorher im Zentrum des Narrativs war, findet sich nun möglicherweise am Rande wieder. Der Fokus liegt woanders.

Die Macht von Narrativen ist nicht zu unterschätzen, sie bestimmen über Wohl und Wehe des politischen Handelns.

Ohne ein glaubwürdiges Narrativ ist es zum Beispiel unmöglich, Kriege zu führen, jedenfalls in den offenen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. Ohne eine starke Geschichte lässt sich die Mobilisierung der eigenen Streitkräfte vor der Öffentlichkeit nicht rechtfertigen.

Ich gebe ein Beispiel für ein sehr starkes Narrativ, das die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland geprägt hat und das mehr oder weniger unumstößlich ist.

Es ist ein sehr sensibles Thema, stellen wir uns also darauf ein, dass das, was ich nun schreibe, ein bisschen Ärger verursachen kann.

Denn ich werde – nur für Anschauungszwecke – zwei Vorschläge machen, wie sich der Rahmen des Narrativs verschieben ließe, was möglicherweise eine ganz andere Perspektive eröffnet.

Hier ist das Narrativ:

„Die Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg den schlimmsten Völkermord in der Geschichte begangen. Das Besondere an diesem Völkermord war die Tatsache, dass er akribisch geplant war. Die Deutschen setzten all ihr wissenschaftliches und logistisches Talent ein, um das jüdische Volk aus ganz Europa nach Auschwitz, Treblinka und Sobibor zu verschleppen, um es dort zu vernichten.

Weil die Deutschen diese schwere Schuld auf sich geladen haben, führt kein Weg daran vorbei, dass Deutschland nie wieder auf eigene Faust Krieg führen darf. Es muss sich stets mit seinen Partnern koordinieren und im Zweifelsfalle ihnen die Führung überlassen.

Außerdem trägt die Bundesrepublik eine besondere Verantwortung für den Staat Israel, der zahlreiche Überlebende der Shoa aufgenommen hat und das letzte Refugium für alle Juden auf der Welt ist, sofern sie je wieder in Bedrängnis geraten sollten.“

So weit also das Narrativ über die Schuld der Deutschen und was das für Folgen für das militärische Verhalten der Bundesrepublik hat(te..).

Keine Sorge: Ich sage nicht, dass das nicht stimmt, wie käme ich dazu. Ich sage aber trotzdem, dass dieses Narrativ einen Rahmen hat, der sich verschieben ließe und sich dann eine andere Perspektive eröffnen würde.

Versuchen wir es mal.

Sergej aus Russland

Ich fange mit einer kleinen Geschichte an.

Irgendwann in den 1990er Jahren tauchte am Institut für Kultur und Geschichte des Vorderen Orients in Hamburg ein Russe auf, ein Wissenschaftler. Nennen wir ihn Sergej, ich habe seinen wirklichen Namen vergessen.

Zwar habe ich ihn nicht oft getroffen, aber wir verstanden uns gut und wie das Klischee es will, soffen wir gerne Alkohol, wenn wir zusammensaßen.

Bei einem dieser Gelage kam Sergej auf Stalin zu sprechen, er sagte wie selbstverständlich, dass der genau so schlimm gewesen sei wie Hitler und sogar noch mehr Menschenleben auf dem Gewissen gehabt hätte.

Die Deutschen würden das falsch sehen, der Bolschewismus sei genauso eine Vernichtungsmaschinerie gewesen wie der Nationalsozialismus.

Ich glaube nicht, dass ich Sergej versuchte, vom Gegenteil zu überzeugen, warum auch.

Der Punkt ist: Natürlich wusste ich, dass im Gulag Millionen Menschen umgekommen waren, trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, diese Verbrechen eins zu eins zu vergleichen.

Das ist nicht das Narrativ, das ich bis dahin vermittelt bekommen hatte, und so schnell rüttelt man an solchen Dingen nicht.

Doch zu Anschauungszwecken – und um Sergej gerecht zu werden – verändere ich nun das Narrativ, das ich oben wiedergegeben habe, ich verschiebe also den Rahmen.

Parallel zur Shoa spreche ich vom „absichtlich“ herbeigeführten „Hunger-Terror“ der Jahre 1932/33, bei dem 5 bis 7 Millionen Menschen verhungerten, vor allem in der Ukraine, aber auch in Kasachstan.

Also, das Narrativ lautet jetzt so:

„Im Zweiten Weltkrieg standen sich mit Deutschland und Russland zwei Länder gegenüber, in denen massenmörderische Regime herrschten, die einmalig waren in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

So waren die Nationalsozialisten von der Idee besessen, alle Juden Europas zu vernichten, sie hielten sie für den Inbegriff des Bösen. 5 Millionen Juden starben in der Shoa.

Die Bolschewisten hingegen führten einen wahnwitzigen Klassenkampf, der sich unter anderem gegen die Kulaken richtete, die sämtlich liquidiert werden sollten. 5 bis 7 Millionen Bauern starben in dem absichtlich herbeigeführten Hunger-Terrror der Jahre 1932/33.

Mit der Niederlage des Dritten Reiches im Mai 1945 endete die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, das russische Pendant wütete bis zum Tode Stalins 1953 weiter.

Albrecht und Sergej sind sich einig, dass es nie wieder eine Herrschaft des Schreckens geben darf wie in jenen Jahren.“

Nichts daran ist falsch und trotzdem klingt es ganz anders als das obige Narrativ, ich habe den Rahmen ein wenig verschoben. Die Singularität der deutschen Verbrechen ist weg, und das hat Konsequenzen für die Wahrnehmung.

Nun ein weiterer Vorschlag, wie sich der Rahmen des deutschen „Schuld-Narrativs“ verschieben ließe.

Nehmen wir an, Sergej sei aus St. Petersburg (Leningrad) gewesen und er hätte mir von der Hungerblockade seiner Stadt erzählt, die seine Eltern überlebt hätten.

Ich könnte, um Sergej gerecht zu werden, das Narrativ folgendermaßen verändern:

„Die Deutschen haben unter der Herrschaft des Nationalsozialismus die schlimmsten Verbrechen begangen.

Ihrem Rassenwahn fielen vor allem die Juden zum Opfer, die als Inkarnation des Bösen galten. Zunächst wurden ihre Geschäfte boykottiert, danach wurden sie entrechtet. Im Zweiten Weltkrieg schließlich wurden sie systematisch vernichtet. 5 Millionen Juden starben in der Shoah.

Außerdem erklärten die Nationalsozialisten die Russen zu Untermenschen. Ihr Leben galt nichts.


Nationalsozialistische Propaganda.
Valdimir Putin, geboren am 7. Oktober 1952 in Leningrad.

Das schlug sich in der Kriegsführung nieder. So heißt es bei Wikipedia über die Hungerblockade von Leningrad:

Geschätzt verloren etwa 1,1 Millionen zivile Bewohner der Stadt auf Grund der Blockade ihr Leben, etwa 90 % dieser Opfer verhungerten. Die Einschließung der Stadt durch die deutschen Truppen mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen, gilt als eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des Kriegs gegen die Sowjetunion.

Wegen dieser Verbrechen trägt die Bundesrepublik eine besondere Verantwortung für den Staat Israel, der zahlreiche Überlebende der Shoa aufgenommen hat. Aus historischem Bewusstsein heraus verbietet es sich für Deutsche, an Aktionen wie Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) teilzunehmen.

Auch gegenüber den Russen tragen die Deutschen eine besondere Verantwortung. Aus historischem Bewusstsein heraus verbietet es sich für die Bundesrepublik, sich an Wirtschaftsblockaden zu beteiligen, die Russland schweren Schaden zufügen können.“



Demnächst werde ich nun das aufschreiben, was ich schon ein paar mal angekündigt habe: Nach der Frage: „Was will die NATO?“ werde ich der Frage nachgehen: „Was will Putin?“

Die Sache zieht sich deswegen hin, weil ich mit dem, was ich hier mache, verbreitete Narrative hinterfrage. Und wenn man das glaubhaft machen will, braucht man gute Argumente, die man dazu noch belegen können sollte.

All das erfordert Arbeit.

Im Kern des Narrativs zum jetzigen Konflikt steht folgende Behauptung:

„Russland hat keinerlei Grund, sich bedroht zu fühlen. Die NATO ist ein Bündnis des Friedens, sie wollte sich gar nicht nach Osten ausdehnen, sie folgte nur dem Betteln der russischen Nachbarstaaten.“

Aus meiner Sicht ist diese Haltung äußerst merkwürdig.

Mir ist nicht klar, warum sich ein Land wie Polen oder ein Land wie Deutschland bedroht fühlen soll – ganz zu schweigen von den Vereinigten Staaten von Amerika -, Russland aber nicht.

Mal schauen, was mir sonst noch dazu einfällt.

***

Warum ich alles hinterfrage

Ein persönlicher Einschub

Demnächst folgt hier ein Artikel mit dem Titel:

„Was will Putin? Teil 1“

Der Untertitel lautet:

„Warum deutsche Meinungsführer Russland nicht verstehen können (oder wollen).“

Heute möchte ich darüber berichten, wie mich mein Studium geprägt hat und wie sich das bis heute auswirkt.

Ich habe 1987 angefangen Islamwissenschaft zu studieren, und zwar in Freiburg im Breisgau. Es war eine unglaublich schöne Zeit, aber nach drei Semestern musste ich mich leider verabschieden.


Hildastraße 62, da habe ich gewohnt. Das möblierte Mansardenzimmer kostete 160 Deutsche Mark. Klo auf halber Treppe, Dusche im Keller. Neben mir wohnte ein Junkie – ob der noch lebt??

Es war für mich unmöglich, am Schreibtisch Arabisch zu lernen, es ging nur über die Praxis. Also machte ich mich im Sommer 1988 auf nach Damaskus.

Ich blieb ein Jahr und war sehr gerne dort, obwohl das Land diktatorisch regiert wurde und in den Geheimdienstkellern Menschen schwer gefoltert wurden (bis hin zum Tod).

Alle Islamwissenschaftler:innen wussten das, und trotzdem gingen viele nach Syrien zum Arabisch-Studium, denn es gehörte – trotz allem – zu den faszinierendsten arabischen Ländern in der Region.

Wenn man will, dann verdrängt man solche Dinge.


In so einer Gasse habe ich gewohnt (Bab Touma, Damaskus).

Ein Jahr später kehrte ich nach Deutschland zurück und schrieb mich am Institut für Kultur und Geschichte des Vorderen Orients in Hamburg ein.

Zwei Ereignisse führten dazu, dass sich mein Studium auf einmal in eine Art „Verteidigungskrieg“ verwandelte.

  1. Im Jahre 1988 veröffentlichte der britische Schriftsteller Salman Rushdie den Roman „Die Satanischen Verse„. Er sei blasphemisch, sagten einige Muslime. Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini nahm das zum Anlass, um sich zu profilieren: Er rief zum Mord an dem Schriftsteller auf, denn er hätte den Propheten Muhammad beleidigt. Salman Rushdie musste Jahre lang um sein Leben fürchten.
  2. Im Sommer 1990 überfiel der Irak – personifiziert durch seinen sadistischen Präsidenten Saddam Hussein – das Nachbarland Kuwait. Die USA sammelten eine Koalition der Willigen und vertrieben die irakischen Truppen ein halbes Jahr später wieder aus Kuwait.

Eigentlich war die Sache doch klar: Einen Schriftsteller zum Tode zu verurteilen, nur weil er Blasphemisches geschrieben hat, ist nichts, was ich verharmlosen wollte. Und Saddam Hussein war ein brutales Schwein, seine Diktatur wahrscheinlich noch schlimmer als die in Syrien (in beiden Ländern herrschte die nationalistische Baath-Partei).

Trotzdem konnten sich viele Islamwissenschaftler:innen – zumindest jene in meinem Umfeld – nicht dazu durchringen, Khomeini und Saddam Hussein in aller Deutlichkeit zu verurteilen, wir wollten diesen Typen nicht die alleinige Verantwortung für Krieg und Terror geben.

Woran lag das? Es lag daran, dass in der öffentlichen wie privaten Diskussion alles Übel in den Ländern des Nahen Ostens auf „den Islam“ zurückgeführt wurde, so auch das Vorgehen Khomeinis und Saddams.

Der Islam sei gewalttätig, hieß es, er sei eine Religion des Krieges, er sei frauenverachtend, er fördere die Diktatur und sei gegen die Demokratie, er sei judenfeindlich usw. usf.

Obwohl mich der gelebte Islam, wie ich ihn in Syrien, Jordanien, in der Türkei und anderswo kennengelernt hatte, nicht besonders beindruckte, gab es für mich keinen Grund, diese Religion und die Menschen, die ihr angehörten, in dieser pauschalisierten Form zu verurteilen, zu verdammen und mit gnadenloser Kritik zu überziehen.

It was too much!!

Der Islam ist – ganz offensichtlich – ein sehr wichtiger Teil der menschlichen Zivilisation, er besteht seit 1400 Jahren und hat sich vor allem in Asien und Afrika ausgebreitet. Diese Geschichte gilt es zu beachten, natürlich aber auch die Kompliziertheiten der Gegenwart, wenn man über eine Gebilde wie „den Islam“ urteilen will.

Es ist sehr komplex und das Gegenteil von einfach.

Viele Islamwissenschaftler:inn meiner Generation machten es zu ihrer Aufgabe, das verzerrte Islambild in der Öffentlichkeit zu korrigieren: Wir entwickelten die tollsten Ideen und Methoden, um Dinge, die äußerst schwer wegzureden sind, zu relativieren und zu dekonstruieren, damit sie ihre negative Stoßkraft verlieren würden.

Ich für meinen Teil fing an, mich mit etwas zu beschäftigen, das mal als islamischer Fundamentalismus, mal als Islamismus oder als politischer Islam bezeichnet wurde (und wird).

Selbst wenn ich keinerlei Sympathien für diese Ideologie hatte, versuchte ich trotzdem zu verstehen, woher dieser Impuls kam und was die Menschen bewegte.


Islamismus und Demokratie – das passt nicht zusammen. Da war ich in meiner Analyse etwas naiv. Trotzdem finde ich meinen Ansatz bis heute nicht grundsätzlich falsch.

Vor allem aber machte ich mir Gedanken, wie man einen klugen und vernünftigen Weg finde könnte, diesen Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Ich will das an dieser Stelle nicht vertiefen.

Worum es mir geht ist Folgendes: Obwohl seit dieser Zeit viele Jahre vergangen sind, reagiere ich bis heute sehr skeptisch – wenn nicht allergisch – auf pauschalisierende Urteile über nicht-westliche Länder und Zivilisationen.

Ich würde sagen: Ich bin generell sehr skeptisch, wenn 95 Prozent aller Menschen, die in der medialen und politischen Öffentlichkeit auftreten, in die gleiche Kerbe schlagen und die restlichen 5 Prozent, die sich öffentlich äußern dürfen, als Schwurbler und Verschwörungstheoretiker abkanzeln (das ist mittlerweile Usus, egal um welches Thema es geht).

Ich will immer den Kontext wissen, ich interessiere mich dafür, was sich hinter der offensichtlichen Geschichte für Wahrheiten verbergen.

Das gilt sogar für Russland, unseren neuen Feind.

Zu meinem Bedauern muss ich feststellen, dass viele Islamwissenschaftler:innen diesen skeptischen Impuls und den Drang nach Dekonstruktion nur dann bemühen, wenn es um „den Islam“ geht.

Beim Thema Russland schalten sie ihr Gehirn aus (ist vielleicht etwas platt gesagt, aber ganz falsch ist es nicht).

Ich kenne einige – und zwar auffällig viele – Islamwissenschaftler:innen, die in den Medien arbeiten und die sich an vorderster Front an der plump russlandfeindlichen Berichterstattung beteiligen, und zwar seit Jahren.

Ferner gibt es Professoren wie Reinhard Schulze, den ich früher mal geschätzt habe, die in dieser Hinsicht den genannten Islamwissenschaftler:innen in den Medien in nichts nachstehen.


Komm mal runter…

Ich bin richtig enttäuscht.

Aber macht nichts. Ich habe mir angewöhnt, aus allen Dingen, die das Leben mit sich bringt, etwas zu lernen.

Der Grund für die Russlandfeindlichkeit vieler Islamwissenschaftler:innen scheint mir im übrigen am Syrienkrieg zu liegen, in dem die russische Armee eine wichtige Rolle spielt(e).

Sie hat Assad den Arsch gerettet, als der IS im Sommer 2015 drauf und dran war, Damaskus zu erobern.


Nicht alle Syrer hatten Lust, sich vom IS die Kehle aufschlitzen zu lassen.

Der damalige amerikanische Außenminister John Kerry sagte zu dieser Episode ein Jahr später (er bezeichnet den IS als Daesh bzw. ISIL):

Wir beobachteten das Ganze, wir sahen, dass Daesh an Stärke zunahm und uns war klar, dass Assad bedroht war (..) Der Grund, warum Russland reinkam, war, dass ISIL stärker wurde. Daesh drohte damit, irgendwann Damaskus einzunehmen, und deshalb kam Russland rein, weil sie keine Daesh-Regierung wollten und Assad unterstützten.

Ich habe im Jahre 2013/2014 angefangen, mich mit verdeckter Kriegsführung zu beschäftigen, mit den Methoden von Geheimdiensten und ganz allgemein mit Propaganda.

Seitdem ist es für mich unmöglich, dem simplifizierten Narrativ zum Krieg in Syrien, das maßgeblich von Islamwissenschaftler:innen mitgeprägt wurde, zu folgen.


Was ist los mit Dir?

Dieses Narrativ ist voller Ungenauigkeiten, Auslassungen und Verzerrungen. In seiner Gesamtheit ist dieses Narrativ eine Lüge, weil es nämlich – entgegen jeder Faktenlage – die alleinige Schuld an diesem Krieg und seinen Grausamkeiten Bashar al-Assad und Russland in die Schuhe schiebt.

Etwas Ähnliches entwickelt sich gerade live vor unseren Augen in der Ukraine.

Schauen wir, wie es weitergeht.

Zum Schluss stelle ich das Exposé eines Vortrags hier rein, den ich gerne beim Deutschen Orientalistentag (DOT) im September 2022 in Berlin halten würde.

Ich habe ihn als Vorschlag eingereicht:

Was ist aus der Kritik am Schwert des „Experten“ geworden? Die Islamwissenschaft und ihre Rolle in den deutschen Medien

von Albrecht Metzger, freier Journalist, Germany

Im Zuge des Golfkriegs 1991 meldeten sich erstmals Islamwissenschafterinnen deutlich und kritisch zu Wort über die Islam-Berichterstattung in deutschen Medien. Oft werde ein verzerrtes bzw. einseitiges Bild von dieser Religion und ihrer Anhänger gezeichnet, so die Kritik – der Fokus läge auf Gewaltaspekten.

Ein Problem sei, dass es zu wenig Islamwissenschafterinnen in den Medien gebe. Alte Haudegen wie Peter Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann seien nicht mit dem nötigen Fachwissen ausgestattet und pflegten einen kolonialistischen Blick auf die Region. (Vgl. Klemm, Verena,/Hörner, Karin (Hrsg.), Das Schwert des „Experten“: Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild, Heidelberg 1993.)


Immerhin war er kein Russlandfeind, das ist schon mal was.

Dreißig Jahre später hat sich die Lage vollständig verändert: Mittlerweile sind viele Islamwissenschafterinnen, Turkologen und Iranisten in den Medien tätig, teilweise an exponierter Stelle und in gehobenen Positionen. Die Art, wie sie über die islamisch geprägte Welt berichten, hat sich mit Sicherheit verändert.

Aber sind mit solchem Fachwissen ausgestattete Journalisten tatsächlich immer in der Lage (oder auch nur willens), sich gegen stereotype Narrative zu stellen, wenn sie sich erstmal etabliert haben? Am Beispiel der Berichterstattung zum Krieg in Syrien (2011-) möchte ich dieser Frage nachgehen.

Meine These lautet (und ich formuliere sie bewusst provokant): Selbst und gerade Journalisten mit islamwissenschaftlichem Hintergrund haben in diesem Konflikt versagt. Das Bild, das sie zeichneten (und immer noch zeichnen) ist ähnlich stereotyp und undifferenziert wie dasjenige, das einst Peter Scholl-Latour zeichnete – nur in anderer Weise.

***

„Das kann ein Afghanistan 2.0 für Putin werden“

In der Ukraine droht ein schrecklicher Guerilla-Krieg

Was will Putin?

Das fragt sich die Welt seit Wochen und ringt um Antworten. Mit dem Angriff auf die Ukraine hat er Russland in eine Ecke manöviert, aus der es keinen Ausweg gibt. Ihm droht der Zerfall seines Reiches und die Anklagebank in Den Haag.

Während die Suche nach Motiven weiter geht, ist es an der Zeit zu fragen:

Was will die NATO?



In den vergangenen Wochen sind diverse Berichte aufgetaucht, aus denen hervorgeht, dass die CIA seit Jahren ukrainische Spezialeinheiten ausgebildet hat, um im Falle einer russischen Invasion einen regelrechten Guerillakrieg in der Ukraine loszutreten.

Strategische Studien eines Pentagon-nahen Think Tanks legen nahe, dass die USA großes Interesse daran hatten, dass genau das eintritt.

Denn der russische Versuch, ein Land von der vierfachen Größe Englands zu kontrollieren, mit einer Bevölkerung von 40 Millionen, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, Russland militärisch und wirtschaftlich auszubluten.

Es lockt ein Afghanistan 2.0, geformt nach dem Vorbild der 1980er Jahre, als islamische Widerstandskämpfer sowjetische Flugobjekte mit amerikanischen Stinger-Raketen vom Himmel holten.

Es folgte der Zusammenbruch der Sowjetunion, der allerdings keinen wirklichen Abschluss fand: Nach zehn Jahren Chaos setzte sich Vladimir Putin 1999 im Kreml fest und entwickelte Ambitionen, sein gerupftes Heimatland wieder auf Augenhöhe zu bringen.

Jetzt könnte sich die Gelegenheit bieten, das zu vollenden, was nach 1989 auf halbem Wege stecken geblieben ist – nämlich die endgültige Zerschlagung des russischen Imperialismus.

Schauen wir uns einige Texte an, die diese These belegen könnten.



Im April 2019 veröffentlicht die RAND Corporation – einer der wichtigsten Think Tanks Amerikas, der dem Pentagon zuarbeitet – eine lange Studie mit dem Titel: „Extending Russia“, oder: „Wie lässt sich Russland überdehnen.“

(Anzumerken ist, dass die Kurzversion der Studie einen aggressiveren Titel trägt: „Overextending and Unbalancing Russia“, oder: „Wie lässt sich Russland bis zur Schmerzgrenze überdehnen und aus der Balance bringen.“)

Die alten Feinde des Kalten Krieges, stellt RAND in bürokratischer Militärsprache fest, befänden sich wieder im „Großmachtstreit“ und die USA müssten nach Wegen suchen, dem Rivalen Schmerzen zuzufügen:

In der Erkenntnis, dass ein gewisses Maß an Wettbewerb mit Russland unvermeidlich ist, führten RAND-Forscher eine qualitative Bewertung von `kostenauferlegenden Optionen´ durch, die Russland aus dem Gleichgewicht bringen und überfordern könnten.

Größte Schwachstelle sei die Wirtschaft, die mit umfassenden Sanktionen zu überziehen sei. Hier fehle jedoch die Kooperationsbereitschaft Europas, vor allem Deutschlands.

Außerdem spricht der Bericht von „geopolitischen Maßnahmen“ (geopolitical measures), die den Rivalen aus der Balance bringen könnten; dazu gehören Waffenlieferungen an syrische Rebellen sowie Regime-Change-Maßnahmen in Belarussland und Zentralasien.

Noch wichtiger sei jedoch der schwelende Konflikt im Donbass:

Eine Intensivierung der Militärberatung und vermehrte Waffenlieferungen an die Ukraine sind die praktikabelsten dieser Optionen mit der größten Wirkung (..) Das ukrainische Militär blutet Russland bereits in der Donbass-Region aus (..). Die Bereitstellung von mehr US-Militärausrüstung und Beratung könnte Russland dazu veranlassen, seine direkte Beteiligung an dem Konflikt und den Preis, den es dafür zahlt, zu erhöhen. Russland könnte mit einer neuen Offensive reagieren und mehr ukrainisches Territorium erobern.

Im Klartext heißt das: Es ist im Interesse der USA, genau das zu provozieren.


Auch der BND weiß um die Vorteile des Guerilla-Kriegs.

Zwei Jahre später. Nachdem Präsident Wolodimir Selenskij angekündigt hat, die Krim an die Ukraine zurückzuholen, schickt Russland im März 2021 tausende Truppen an die Grenze.

William Courtney, einer der Geschäftsführer der RAND Corporation, stellt am 26. April fest:

Ein erneuter Krieg könnte hohe Verluste bringen und würde damit der Präferenz des Kremls für risikoärmere Militäraktionen zuwiderlaufen.

Der Grund für die Risikoscheue:

In den 1980er Jahren starben bei jahrelangen Kämpfen in Afghanistan mindestens 15.000 einfallende sowjetische Soldaten. Das hatte demoralisierende Wirkung. (..) Der Kreml könnte in der Ukraine die gleichen Fehler begehen wie damals die sowjetischen Machthaber in Afghanistan.



Dezember 2021. Die Lage spitzt sich weiter zu. Der gleiche Autor legt offen, dass die USA seit 2014 2.5 Milliarden US Dollar in das ukrainische Militär investiert haben, für genau diesen Fall:

Während die Ukrainer möglicherweise nicht in der Lage sind, eine groß angelegte Invasion zu besiegen, könnten sie hohe Verluste verursachen, was ein heikles Thema in Russland ist. Die Besatzungstruppen könnten ausgedünnt werden und damit anfällig sein für Angriffe von Stay-behind-Truppen.

Zufrieden stellt er fest:

Die USA, ihre NATO-Verbündeten und die Ukraine könnten dem russischen Eindringling schmerzhafte Kosten verursachen. Und für viele Jahre danach könnte Russland einer verstärkten NATO-Militärmacht gegenüberstehen.

Am 19. Dezember 2021 veröffentlicht die Washington Post einen Artikel, der zeigt, dass entsprechende Vorbereitungen bereits laufen:

Die Biden-Regierung untersucht, ob und wie die Vereinigten Staaten einen antirussischen Aufstand in der Ukraine unterstützen könnten, wenn Präsident Wladimir Putin in dieses Land einmarschiert und beträchtliches Territorium erobert.


Ein ehemaliger russischer Helikopter in Afghanistan.

Sollte die ukrainische Regierung fallen, würde das US Militär Waffen und logistische Hilfe schicken, um einen Guerilla-Krieg anzufachen. Der Autor zieht Parallelen zum Afghanistan-Krieg:

Zu den Waffen, die die Vereinigten Staaten bereitstellen könnten, gehören schultergefeuerte Flugabwehrraketen. Diese Waffen, damals als `Stingers´ bekannt, wurden von der CIA geliefert und hatten während des 10-jährigen Krieges in Afghanistan von 1979 bis 1989 verheerende Auswirkungen auf die sowjetischen Streitkräfte.

Doch nicht nur der Kalte Krieg helfe den USA dabei, eine kluge Strategie gegen Putins Russland zu entwickeln, sondern auch die Erfahrungen, die das US-Militär im so genannten Krieg gegen den Terror gesammelt hat, kämen zur Geltung.


Um die Freiheit der Ukraine zu sichern, gehen die USA äußerst subversiv vor

Wichtig sei, so der Autor, dass sich die USA an Recht und Ordnung hielten:

Die Task Force umfasst ein Rechtsteam, das untersucht, wie Unterstützung für einen ukrainischen Aufstand geleistet werden könnte, ohne gegen US-amerikanische oder internationale Gesetze zu verstoßen.

Die Biden-Administration nutzt die Washington Post als Medium, um ihre Pläne offen zu legen. Vladimir Putin sollte spätestens nach diesem Artikel wissen, was ihn im Falle einer Invasion erwartet:

US-Beamte haben davor gewarnt, dass Amerika und seine europäischen Verbündeten schwere Wirtschaftssanktionen verhängen würden, die die russische Wirtschaft lahmlegen könnten. Und die NATO kündigte letzte Woche Pläne an, Truppen in Richtung Russland zu verlegen, falls Putin Warnungen ignoriert. Das würde Russland nach einer Invasion anfälliger für den militärischen Druck des Westens machen, das Gegenteil von dem, was Putin zu erreichen hofft.

Am 13. Januar 2022 folgt Yahoo! News mit einem detaillierten Bericht, aus dem hervorgeht, dass die CIA seit 2015 ukrainische Spezialeinheiten in den USA ausgebildet hat, um sie auf einen Guerilla-Krieg vorzubereiten.


Die CIA bildet seit 2015 ukrainische Spezialkräfte aus, ihre Sprecherin sagt aber, das stimmt gar nicht.

Der Bericht zitiert einen anonymen Insider:

Die Vereinigten Staaten trainieren einen Aufstand, um Russen zu töten.

Ein anderer sagt:

Wenn die Russen einmarschieren, werden diese [Absolventen der CIA-Programme] die entscheidende Miliz sein, sie werden die Führung des Aufstandes übernehmen (..). Wir bilden diese Jungs jetzt seit acht Jahren aus. Sie sind wirklich gute Kämpfer. Hier könnte das Programm der CIA ernsthaft Wirkung zeigen.

Tammy Thorp, eine Sprecherin der CIA, verneint diese vermeintliche Verschwörungstheorie, doch Yahoo! News scheint das nicht zu stören und bringt den Artikel trotzdem.

Fünf Tage später stattet eine Gruppe von US-Senatoren Wolodimir Selenskij einen Solidaritätsbesuch ab. Senator Richard Blumenthal sagt:

Ich denke, Wladimir Putin hat den größten Fehler seiner Karriere begangen, indem er unterschätzt hat, wie mutig die Menschen in der Ukraine gegen ihn kämpfen werden, wenn er einmarschiert. (..) Wir werden lähmende Wirtschaftssanktionen verhängen, aber was noch wichtiger ist, wir werden den Menschen in der Ukraine die Waffen geben, tödliche Waffen, die sie brauchen, um ihr Leben und ihren Lebensunterhalt zu verteidigen.

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace kündigt an, nicht nur Waffen zu schicken, sondern auch militärische Ausbilder.

Der Kreml ist sich bewusst, dass amerikanische und britische Strategen einen Guerillakrieg vorbereiten. Ein Sprecher Putins beklagt sich am 18. Januar über die Waffenlieferungen und sagt:

Das ist extrem gefährlich und hilft nicht, Spannungen abzubauen.

(Sputnik ist mittlerweile in Deutschland verboten, um zu verhindern, dass diese Art von Fake-News unters Volk kommt. Der Link tot.)

Trotzdem greift Russland die Ukraine am 24. Februar an.

Einen Tag später veröffentlicht das einflussreiche amerikanische Magazin Foreign Affairs das bislang ausführlichste Exposé über die Planungen der CIA.

Der Titel des Artikels lautet: „Der kommende ukrainische Aufstand: Die russische Invasion könnte Kräfte lostreten, die der Kreml nicht kontrollieren kann“.



Geschrieben ist er von Douglas London, der 34 Jahre für die CIA gearbeitet hat, als Experte für geheime Operationen. Er schreibt:

Die Ukrainer haben die letzten acht Jahre damit verbracht, den Widerstand gegen eine russische Besatzung zu planen, dafür zu trainieren und sich auszurüsten (..) Die Ukraine weiß, dass keine US- oder NATO-Truppen zu ihrer Rettung auf dem Schlachtfeld kommen werden. Ihre Strategie beruht nicht darauf, eine russische Invasion zurückzuschlagen, sondern darauf, Moskau auszubluten, um die Besetzung unhaltbar zu machen.

Die Geographie der Ukraine sei ein Vorteil, da sie an vier NATO-Staaten grenzt (Ungarn, Polen, Rumänien, Slowakei):

Diese langen Grenzen bieten den Vereinigten Staaten und der NATO eine dauerhafte Möglichkeit, den ukrainischen Widerstand und einen langfristigen Aufstand zu unterstützen und Unruhen in Belarus zu schüren, falls die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten beschließen, die Opposition gegen das Regime von Lukaschenko heimlich zu unterstützen.

Ähnlich wie die Washington Post einen Monat vorher verweist Douglas London auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, die nahe legten, dass Russland auf verlorenem Posten sei:

Wie die Vereinigten Staaten in Vietnam und Afghanistan gelernt haben, kann sich ein Aufstand, der über zuverlässige Versorgungswege, reichlich Reserven an Kämpfern und Zufluchtswege über die Grenze verfügt, auf unbestimmte Zeit erhalten, den Kampfwillen einer Besatzungsarmee schwächen und die politische Unterstützung für die Besatzung in der Heimat erschöpfen.

„Ein Aufstand ist unvermeidlich“

Dann kommt er zur Rolle der CIA:

Die Unterstützung eines Aufstands liegt in der DNA der CIA (…) Die jüngsten Erfahrungen der CIA bei der Unterstützung und Bekämpfung von Aufständen in Afghanistan, Irak und Syrien bereiten sie gut darauf vor, sich den modernen, konventionellen Streitkräften Russlands entgegenzustellen. Die Vereinigten Staaten können ukrainischen Aufständischen dabei helfen, Ziele mit dem größten militärischen Wert und der größten psychologischen Wirkung zu treffen.

Er vermutet, dass die CIA schon länger dabei ist, die Ukraine auf diesen Krieg vorzubereiten, zusammem mit ihren Geheimdienstkollegen aus Kiew.

Douglas London ist sich im klaren, dass russische Geheimdienste die Aufständischen bereits unterwandert haben und ihnen anfangs schwere Verluste beibringen könnten. Doch die Zeit spiele gegen die Russen:

Aufständische passen sich schnell an, viel schneller als die großen, strukturierten Armeen, gegen die sie kämpfen (..). Ihre Agilität wird zu einem enormen Vorteil.

Tatsächlich rechnet er damit, dass der Guerillakrieg sich nur langsam entwickeln werde:

Ein Aufstand gegen russische Streitkräfte in der Ukraine wird einige Zeit brauchen, um Fahrt aufzunehmen und seine Ziele zu erreichen. Widerstandsbewegungen können Jahre – nicht Monate – brauchen, um zu reifen, sich zu organisieren und ein offensives Tempo zu erreichen.

Abschließend stellt er fest:

Wenn seine (Putins) Ziele maximalistisch sind – Grenzen neu ziehen oder sogar die derzeitige Regierung stürzen – ist ein Aufstand unvermeidlich. Sowohl für Putin als auch für seine Feinde wird es schwer, die jetzt entfesselten Kräfte zu kontrollieren.


Kriegsbilder können die Öffentlichkeit schockieren, wenn sie gezielt eingesetzt werden.

Wenn es stimmt, was Douglas London schreibt, dann spielt die CIA auf Zeit. Ein schneller Erfolg ist bei einem Guerillakieg jedenfalls nicht zu erwarten, vielmehr handelt es sich um eine Abnutzungsschlacht, in der es darum geht, die Moral und die Ressourcen des Feindes langsam zu zermürben.

Die schrecklichen Bilder, die solch ein Krieg produziert, müssen dabei als Waffe gegen den Feind eingesetzt werden:

Eine Einflusskampagne, ausgestattet mit schrecklichen Bildern des Gemetzels – sowohl von ukrainischen Zivilisten wie russischen Soldaten – wird darauf abzielen, in Russland Antikriegsstimmung zu säen.

Tatsächlich berichtet CBS News ein paar Tage später, dass amerikanische und britische Strategen in Jahren denken, wenn nicht Jahrzehnten:

Angesichts der Beständigkeit des ukrainischen Widerstands und seiner langen Geschichte, Russland zurückzudrängen, glauben die USA und die westlichen Mächte nicht, dass dies ein kurzer Krieg sein wird (..) Die britische Außenministerin schätzt, dass der Krieg zehn Jahre dauern wird. Abgeordnete im Kapitol wurden am Montag darüber informiert, dass er wahrscheinlich 10, 15 oder 20 Jahre dauern wird und dass Russland letztlich verlieren wird.

Unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion lässt sich auf Twitter ein interessantes Phänomen beobachten: Amerikanische und britische Ex-Militärs geben konkrete Anweisungen für ukrainische Zivilisten, wie sie ihre Städte in geeignetes Terrain für urbane Kriegsführung unwandeln können.



Einer von ihnen ist John Spencer, Chair of Urban Warfare Studies am Madison Policy Forum, ein Major im Ruhestand:

Ich bin gefragt worden, was ich den zivilen Widerstandskämpfern in der Ukraine, insbesondere in Kiew, raten würde, also Leuten ohne militärische Ausbildung, die Widerstand leisten wollen. Hier sind ein paar Dinge: Du hast viele Möglichkeiten, aber du musst klug kämpfen. Die Stadtverteidigung ist die Hölle für jeden Soldaten. Normalerweise kommen 5 Angreifer auf 1 Verteidiger (..). Verwandele Kiew und jedes städtische Gebiet, das nach Kiew führt, in ein Stachelschwein.


Sieht schon ganz gut aus.

Dann erklärt er, wie der Widerstand die Infrastruktur der Stadt – also etwa Brücken – zerstören und die Häuser in Widerstandsnester verwandeln solle:

Steht nicht NICHT im Freien (..). Schießt aus Fenstern, hinter Autos, aus den Ecken von Gassen. Baut Stellungen (am besten aus Beton), um von dort aus zu schießen.

Irgendwann könnte es ruppig werden, so Spencer:

Du musst dich darauf vorbereiten, dass die Russen Artillerie einsetzen werden, um ihren Truppen zu helfen. Stelle sicher, dass die Orte, von denen du schießt, gut ausgebaut sind. Wenn du dich in einem Gebäude befindest, mache Löcher in die Wände.

Abgesehen von den Twitter-Instrukteuren befinden sich laut Berichten von Buzzfeed bereits Veteranen aus NATO-Spezialeinheiten auf dem Weg in die Ukraine, um den Aufständischen zu helfen und andere Freiwillige zur Anreise zu animieren:

Eine Gruppe von 10 Veteranen aus Spezialeinheiten hält sich in Polen auf und bereitet sich darauf vor, in die Ukraine einzudringen.

Es handele sich um sechs US-Amerikaner, drei Briten und einen Deutschen (der dann aus dem Kommando Spezialkräfte (KSK) stammen müsste):

Sie wollen zu den Ersten gehören, die offiziell der neuen Internationalen Legion der Territorialverteidigung der Ukraine beitreten, die Selenskyj am Sonntag angekündigt hat.


Sie sieht nicht mehr so frisch aus wie früher, aber ist kampfeslustig wie eh und je.

Als erste hochrangige Politikerin, die dem „Afghanistan“-Plan ihren Segen gibt, meldet sich Hillary Clinton zu Wort. Auf MSNBC sagt sie am 1. März:

Die Bereitstellung der notwendigen Waffen hat begonnen und muss beschleunigt werden. Die Ukrainer brauchen Stinger-Raketen, um russische Flugzeuge abzuschießen, sie brauchen Javelin-Raketen, um Panzer zu stoppen, sie brauchen viel Munition, sie brauchen so viel Unterstützung wie möglich.

Dann erinnert sie an das Beispiel Afghanistan, das den Ukrainer:innen Hoffnung machen sollte:

Denken Sie daran, dass die Russen 1980 in Afghanistan einmarschierten, und obwohl kein Land hineinging, gab es viele Länder, die Waffen und Berater für diejenigen lieferten, die für den Kampf gegen Russland rekrutiert wurden. Es endete nicht gut für die Russen, es gab andere unbeabsichtigte Folgen, wie wir wissen, aber Tatsache ist, dass ein sehr motivierter und gut finanzierter und bewaffneter Aufstand die Russen im Wesentlichen aus Afghanistan vertrieben hat.

Natürlich gebe es Unterschiede, so die ehemalige Außenministerin, aber letztlich gehe es um das gleiche Prinzip:

Natürlich sollte man die Ähnlichkeiten nicht überbetonen, weil das Terrain so unterschiedlich ist, aber ich denke, das ist das Modell, auf das die Leute jetzt schauen. (..) Ich denke, wir müssen das genau beobachten, wir müssen ausreichend militärische Ausrüstung für das ukrainische Militär und die Freiwilligen bereitstellen und wir müssen die Schrauben weiter anziehen.

Amerika wäre nicht Amerika, wenn es nicht auch kritische Stimmen gäbe.

Das linke Magazin Covert Action Quarterly, das seit Jahrzehnten über verdeckte Kriegsführung berichtet, erinnert am selben Tag, als Hillary Clinton ihr Interview gibt, an den legendären amerikanischen Strategen Zbigniew Brzezinski.


Zbigniew Brzezinski schaffte es bis ganz nach oben, obwohl sein Name fast nur aus Konsonanten besteht.

Er ist der Vater der „Afghanistan“-Strategie: Im Sommer 1979, sechs Monate vor dem sowjetischen Einmarsch, ließ er die Mudschahedin bewaffnen, um die Sowjets in die Falle zu locken und dann über Jahre hinweg militärisch ausbluten zu lassen.

Die Tatsache, dass anschließend die Taliban die Macht übernahmen, kommentierte er 1998 wie folgt:

Was ist wichtiger für die Geschichte der Welt? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetimperiums? Einige aufgeregte Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?

Das Covert Action Magazine befürchtet, dass wir an einem ähnlichen Punkt in der Geschichte angelangt sind:

Brzezinski starb im Mai 2017, aber sein Geist lebt in der Biden-Regierung weiter, die seiner Blaupause gefolgt zu sein scheint und Afghanistan durch die Ukraine ersetzt hat. Ihre Strategie scheint darin bestanden zu haben, eine russische Invasion in der Ukraine herbeizuführen, mit dem Ziel, Russland in einen Sumpf zu locken und gleichzeitig seine Wirtschaft durch Sanktionen zu lähmen, was die Aussicht auf einen Sturz von Wladimir Putin erhöht.

Vollkommen neu ist, dass sich die Bundeswehr offiziell an einer solchen Mission beteiligt. Bereits am 26. Februar kündigt Bundeskanzler Scholz an, 1000 Panzerfäuste und 500 Stinger-Raketen in die Ukraine zu schicken.



Ein ganz neues Gefühl ist es auch, dass Militärs im deutschen Fernsehen auftauchen und Kriegstaktiken erklären, wie der FOCUS anmerkt:

Man hat es bis vor ein paar Tagen nicht für möglich gehalten, dass ein Experte für Militärstrategie mal ein wichtiger Gesprächspartner in einem TV-Talk über Europa werden könnte. Nun sitzt der ehemalige deutsche Nato-General Hans-Lothar Domröse bei Frank Plasberg und darf gleich zum Auftakt des Abend ran.



General Domröse wird in der Sendung erstaunlich deutlich, das Wort „Partisan“ dürften viele Deutsche zum ersten mal in einer Talkshow gehört haben:

Das kann ein Afghanistan 2.0 für Putin werden (..) Die Ukraine muss partisanenartig kämpfen. Das ist die einzige Chance, um den Russen den Angriffsschwung zu nehmen.

Bald werde die Bevölkerung aus Kellern und Straßenschluchten auf Panzer schießen, zitiert FOCUS den General, dessen Auftreten dem Magazin Respekt abverlangt:

Wenn der General mit dem dicken grauen Schnäuzer spricht, schwingen keine Emotionen mit. Nüchtern erklärt Domröse die Welt des Krieges.

Die Waffenlieferung aus Deutschland, so Domröse, würde die Moral der ukrainischen Truppe und die Partnerschaft mit Deutschland stärken.

Eine Guerilla-Krieg mit deutschen Panzerfäusten

Im Morgenmagazin der ARD wird André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbands, gefragt, ob es zu einem Guerilla-Krieg kommen könnte. Seine Antwort:

Ja, davon gehe ich schon aus, denn in den Städten selbst, im Orts- und Häuserkampf, da sind natürlich Kräfte, wie sie die Ukraine hat, mit ihren Panzerfäusten und mehr überlegen, aber auf der anderen Seite könnte das Putin motivieren, mit Feuerwalzen über diese Städte herzufallen, vergleichbar Grozny, Aleppo, und deswegen besorgt mich die aktuelle Situation natürlich auch.

Der Moderator fragt, ob es angesichts dessen richtig war, Panzerfäuste in die Ukraine zu schicken:

Ich denke, die Entscheidung war richtig und sie sind ja auf dem Weg gerade an die Front (..) und das gleiche machen ja unsere Partner.


Ein Pressesprecher des Partisanenkriegs.

Noch sind die deutschen Lieferungen zaghaft, aber das dürfte sich ändern, je mehr sich die Bundeswehr daran gewöhnt hat, eine kämpfende Armee zu sein. Auch für die Deutschen ist es ein vollkommen neues Gefühl, plötzlich von einem „Kriegskanzler“ regiert zu werden.

Dabei beschränkt sich der Abnutzungskrieg gegen Russland nicht nur auf „geopolitische Maßnahmen“, sondern wird von harten wirtschaftlichen Sanktionen flankiert – ganz wie es die RAND Corporation in ihrem Bericht vom April 2019 anvisiert hatte.


Russland ist anscheinend gar keine Bedrohung für den Westen, es hat nicht genug Kohle (also Geld).

Die wirtschaftliche und finanzielle Isolierung seines Landes soll Vladimir Putin zum Einlenken bringen – sofern er bereit ist, den Ernst der Lage zu erkennen. Emily Haber, die deutsche Botschafterin in Washington, schreibt dazu auf Twitter:

Die Sanktionen des Westens werden Russland in den Ruin treiben.

Doch auch die Ukraine wird leiden, daran führt kein Weg vorbei. Immerhin winkt die vollständige Eingliederung in westliche Strukturen, wenn alles überstanden ist.

Kori Schake, eine einflussreiche Verteidigungsexpertin vom American Enterprise Institute in Washington, schreibt dazu:

Die Eroberung der Ukraine wird unaussprechliche Brutalität erfordern, und selbst wenn Moskau erfolgreich sein sollte, strömen bereits fremde Legionäre in die Ukraine, um den Aufständischen dabei zu helfen, die russische Besatzung auszubluten. Wenn die Ukraine den Angriff Russlands abwehrt, wird sie in die NATO und die EU aufgenommen.

Sollte der hier beschriebene amerikanische Plan tatsächlich der NATO-Strategie entsprechen, befinden wir uns erst am Anfang eines langen Guerillakrieges.



Um das zu verhindern, sollte Vladimir Putin – sofern ihm das Schicksal Russlands, aber auch das der Ukraine, am Herzen liegt – seine Truppen so schnell wie möglich wieder abziehen.

Denn die Vorbereitungen für diesen Krieg laufen auf Hochtouren, niemand wird ihn stoppen können.

Das Modern War Institute in West Point redet deswegen den westlichen Strategen, die all das seit langem planen, ins Gewissen:

Selbst wenn dies zu einer russischen Niederlage führen sollte, sollten sich die Ukrainer – und die westlichen Politiker, die sie unterstützen – nicht darüber täuschen, wie schrecklich ein aufständischer Krieg sein wird.

***

Der Verschwörungspraktiker

Eine Kolumne für Neugierige

Kürzlich erschien im stern ein Interview mit Tobias Meilicke von der Beratungsstelle Veritas, was übersetzt heißt: „Beratungsstelle Wahrheit.“

Er hilft Menschen, deren Angehörige an „Verschwörungserzählungen“ glauben, bei der Wahrheitsfindung, um die Verirrten wieder aus dem Märchenwald zu holen.

Sein Ratschlag lautet: „Streiten Sie nicht über Fakten.“

Vielmehr solle man an Gefühle appellieren, denn wer vom Verschwörungsvirus befallen sei, könne anders nicht erreicht werden.

Auch der Süddeutschen Zeitung sagte Tobias Meilicke:

Meine Methode geht in die andere Richtung: Ich möchte in dieser Kolumne vor allem über Fakten reden und erst danach über „Gefühle“ (wenn überhaupt).

Mich interessiert die Praxis der Verschwörung und die Frage, wann sie nachweisbar ist und wann es bei bloßer Spekulation bleiben muss.

Zum Einstieg in das Thema habe ich meine Suchmaschine angeworfen und den Begriff „Verschwörungstheorie“ eingegeben:

Von den 980.000 Angeboten gefällt mir Platz Platz 6 am besten:

Die Sonderseite der FAZ eignet sich gut als Hinführung zu der Frage, die mich seit Jahren umtreibt und die ich nun klären möchte:

Gibt es eigentlich Verschwörungen, oder ist alles nur ausgedacht?

Denn der Begriff Verschwörungstheorie, der schon lange in aller Munde ist, hat sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie explosionsartig vermehrt.

Flankiert wird er von seinen jüngeren Geschwistern Verschwörungserzählung, Verschwörungsmythos, Verschwörungsglauben und Verschwörungswahn, die alternativ benutzt werden können, je nach Lust und Laune.

Beispiel FAZ. Eine Auswahl:

13. Januar 2022:

4. Januar 2022:

15. Dezember 2021:

13. Dezember 2021:

24. November 2021:

23. Oktober 2021:


Und so weiter und so fort.

Als Übergang passt dieser Artikel, den die FAZ mit einer rhetorischen Frage einleitet:

Ja, das ist die entscheidende Frage: Muss man ein Idiot sein, um daran zu glauben?

Oder sind vielleicht die anderen die eigentlichen Idioten, die nämlich meinen, das Leben bestünde aus reiner Theorie?

Entschuldigung, ist natürlich nicht ernst gemeint…

Trotzdem frage ich mich: Warum sollte sich der liebe Gott das Wort „Verschwörung“ ausgedacht haben, wenn alles nur Mythos und Wahn wäre?

Ich kann mir kaum vorstellen, dass der liebe Gott so etwas machen würde, er will uns doch nicht verkackeiern!


Mein Wissen kommt von oben. Die Nummer ist vertraulich.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass es Verschwörungen gibt, das Vorgeplänkel hätte ich mir sparen können, aber ich dachte, es könnte unterhaltsam sein.

In dieser Kolumne möchte ich mein Wissen mit Ihnen teilen.

Ich werde Ihnen zeigen, was Verschwörungen sind und was passiert, wenn sie gelingen und was passiert, wenn sie nicht gelingen. Außerdem werde ich Ihnen zeigen, wie man herausfinden kann, dass es sich um eine Verschwörung handelt.

Es gibt dafür einen einfachen Trick, den ich mir aus der Wissenschaft geborgt habe. Dieser Trick umfasst im wesentlichen drei Schritte:

  1. Man muss viel lesen (am besten sehr viel).
  2. Man muss sich in Quellenkritik üben.
  3. Man muss Arbeitshypothesen aufstellen und nach Beweisen suchen; wenn diese sich nicht finden lassen, war die Hypothese falsch.

Punkt 1: Das Lesen liegt mir, genau genommen liebe ich es.

Punkt 2: Quellenkritik habe ich im Geschichtsstudium gelernt und später als investigativer Journalist verfeinert.

Punkt 3: Mit Hypothesen und Theorien umzugehen habe ich im Studium der Sozialwissenschaften gelernt (Politikwissenschaft, später berufsbegleitend Kriminologie).

Dass es Verschwörungen gibt, weiß ich, weil ich als Islamwissenschaftler viel im Nahen Osten unterwegs war.

Dort wimmelt es nur so vor Verschwörungen, in Vergangenheit

…wie Gegenwart:

Es kann also losgehen.

Zwei Dinge möchte ich allerdings vorweg sagen: Verschwörungsglaube kann wirklich zu einem Problem werden, er kann Menschen verrückt machen und sie dazu bringen, jegliches Vertrauen in Staat und Gesellschaft zu verlieren.

Manche driften tatsächlich in den Wahn ab und setzen sich – im wahrsten Sinne des Wortes – Aluhüte auf.

Das ist nicht gut und deswegen werde ich auch das thematisieren.

Ich werde einen konkreten Fall erzählen – allerdings anonymisiert -, den ich aus der Nähe miterlebt habe. Der Bekannte war psychisch labil und las Literatur, die ich nur als ekelhaft bezeichnen kann und die ihn völlig aus der Bahn warf.


Ich habe reingelesen und mich sofort unwohl gefühlt.

Bis heute ist er nicht in den Kreis der Klardenkenden zurückgekehrt.

Zum Zweiten möchte ich sagen, dass mein Anliegen konstruktiv ist, nicht disruptiv. Ich glaube an die heilende Wirkung dessen, was in der Sozialwissenschaft „Exposure“ genannt wird.

To expose heißt im Englischen, eine Sache offenlegen; es bedeutet gleichzeitig, sich selbst und andere einer womöglich unangenehmen Wahrheit auszusetzen.



Derjenige, der etwas Unangenehmes offenlegt, macht sich damit angreifbar, er „exposed“ sich.

Umgekehrt mutet er den anderen etwas zu: Sie werden mit einer Sache konfrontiert, die sie in Zeiten der Unsicherheit schwer ertragen können, sie sind verletzlich und wollen das Unangenehme vielleicht gar nicht wissen.

Derzeit leben wir in solchen Zeiten. Alles ist im Fluss, niemand weiß, wohin das leckgeschlagene Schlachtschiff Erde driften wird.

Lügen aber sind Gift für eine Gesellschaft – und Verschwörungen haben immer etwas mit Lüge zu tun!

Beide gehören zusammen wie Pech und Schwefel.

„Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8,32)

Es bringt nichts, sich einem trügerischen Wohlgefühl hinzugeben und die Fakten zu ignorieren. Der Glaube, im Besitz von Veritas zu sein, mag kurzfristig Sicherheit liefern, außerdem hilft er bei der Jobsuche.

Auf lange Sicht macht er die Sache aber nicht besser.


Menschen, die an den lieben Gott glauben, können manchmal besser mit der Wahrheit umgehen also solche, die meinen, nach dem Sprung in die Kiste ist Schluss.

Trotzdem werde ich behutsam vorgehen. Denn selbst wenn uns die Wahrheit am Ende „frei machen“ wird, kann sie anfangs schockieren.

Zum Schluss möchte ich etwas ganz anderes sagen: Verschwörungen sind eine spannende Sache. Sie zu verfolgen und langsam Licht ins Dunkel zu bringen – das macht richtig Spaß!

Wer das Thema aus dieser Warte sehen kann, ist bei mir genau richtig.

***

Die angekündigte Chronik meines Amoklaufs…

…fällt erstmal aus

Gestern habe ich geschrieben, dass ich unter Druck stünde und deswegen diesen Beitrag nicht veröffentlichen werde:

  • 6. Dezember 2021

Neustart mit Rückblick, Teil 2 – Chronik eines Amoklaufs

Der Druck ist weg, der Artikel wird trotzdem nicht veröffentlicht, jedenfalls nicht morgen (oder heute, für diejenigen, die extra am 6. Dezember auf die Seite gegangen sind).

Jetzt gibt es erstmal eine Pause, voraussichtlich bis zum 31. Januar 2022.

Geplant war, wieder am 17. Januar einzusteigen, mit diesem Beitrag:


Ich möchte Euch um Verständnis bitten, dass ich meine Pläne so schnell wieder geändert habe.

Es liegt an zwei Dingen:

  1. Ich habe bis zum 7. Januar 2022 eine wissenschaftliche Arbeit fertig zu schreiben, darauf muss ich mich konzentrieren und der Text, den ich eigentlich morgen reinstellen wollte, hätte mir noch zu viel Arbeit gemacht.
  2. Wir leben in sehr bewegten Zeiten, deswegen ist es unabdinglich, dass ich auf aktuelle Ereignisse und Entwicklungen reagiere, dieses lange Vorausplanen ist doch nicht so gut. Mich kostet das aber gerade zu viel Energie, deswegen habe ich mich entschieden, die Pause bis zum 31. Januar zu verlängern.

Wichtig war es mir, noch in diesem Jahr gestartet zu sein.


Saturday, December 20, 2020 at 6:25 AM

Wie ich schon sagte: Wir leben in sehr bewegten Zeiten und manche – anders als viele, viele andere! – haben die Zeichen der Zeit erkannt, wollen aber nicht wahrhaben, was das für sie bedeutet.

Um solche Leute wird es auch in diesem Block (des Blogs) gehen.

Sie sind es, die besonders aufgescheucht sind, nicht die Bundesregierung, wie ich es gestern in einem Beitrag, den ich wieder runtergenommen habe, suggestiv behauptete.


Saturday, December 4, 2021 at 3:23 PM
Ich gebe zu, meine Foto- und meine Bildunterschriftenpolitik ist mitunter kryptisch. Die Botschaften richten sich in solchen Fällen an Leute, die diese Kryptik verstehen (sollten).

Damit verabschiede ich mich für dieses Jahr, es freut mich, wenn ihr im nächsten wieder dabei seid, es wird sehr, sehr spannend werden, Ehrenwort!

Ich freue mich schon richtig drauf.

Aber erstmal wünsche ich uns allen eine schöne Advents- und Weihnachtszeit.

Es grüßt Euch herzlich

Euer

Albrecht Metzger


Pause wegen einer zweideutigen Mordankündigung

„I hope you will not be killed in Praga“

So, ich habe nachgedacht.

Ich werde den Blog bis zum 31. Januar 2022 ruhen lassen und dann wenigstens noch einen langen Beitrag schreiben. Was danach passiert, steht in den Sternen.

Welcher Beitrag das sein wird, sage ich gleich.

Und was es mit der zweideutigen Mordankündigung auf sich hat, erzähle ich euch natürlich auch, erlebt man ja nicht alle Tage…

Zunächst aber eine kleine Geschichte aus der Welt des Filmes. Sicher kennt Ihr den Film Ben Hur mit Charlton Heston, ein echter Schinken aus den späten 50er Jahren.

Es gibt dort eine Szene, die meine Lieblingsszene ist: Ben Hur ist Ruderer auf einer Sklavengaleere und eines Tages kommt ein römischer Centurio (oder so ähnlich..) vorbei, um die Lage zu inspizieren.

Er geht die Reihen ab.



Er spürt die selbstbewusste und latent aggressive Ausstrahlung von Ben Hur, der seinen Blick nicht senkt, als der Centurio vorbeigeht.

Als der Römer im Rücken des Ruderers ist, verpasst er ihm einen Peitschenlag.

Voller Zorn dreht sich Ben Hur um starrt seinen Peiniger an: Er kann nichts machen, sein Leben ist in der Hand seines Feindes, und trotzdem hält er sein Kreuz gerade.

Der Centurio sagt:

„You have the spirit to fight back but a good sense to control it.“

Beeindruckt davon, lässt der Centurio aus Gründen, an die ich mich nicht wirklich erinnere, Ben Hur später die Eisenketten abnehmen.

Als das Schiff gerammt wird und zu sinken beginnt, haut der Sklave alle Römer kaputt und befreit seine Leidensgenossen

Na gut, so ist das eben im Film, tolle Wurst!

Aber wie ist es im richtigen Leben?

Keine Ahnung, dafür war meins bislang zu kurz, es muss noch ein bisschen was passieren, um diese Frage abschließend beantworten zu können.

***

Jetzt der lange Beitrag, den ich am 31. Januar hier reinstellen werde, er heißt:

  • Mein Feature und seine Quellen – Israel ohne Welpenschutz

Ich habe diesen Titel bewusst gewählt, weil er missgedeutet werden kann und Erwartungen weckt, die ich nicht erfüllen werde.

In diesem Beitrag werde ich nicht dafür plädieren, Israel keinen Schutz mehr zu geben und so zu tun, als sei es nicht wirklich bedroht.


Kurz vor meiner spontanen Reise nach Frankreich und Italien, mitten hinein ins Corona-Gebiet..

Vielmehr geht es in dem Artikel erneut um mich – so wie in dem Feature -, aber es geht auch um meine Mutter.

Sie wurde 1925 geboren und ist 2015 gestorben.

Reichsarbeitsdienstlager Fischerbabke (bei Stutthof).

Die psychotischen Zustände, die ich in dem Feature beschreibe, hängen damit zusammen, allerdings nicht nur.

Es gibt eine Chronologie, die mit einem Besuch auf einer Anti-Terrorkonferenz in Herzliya (Israel) im September 2008 begann und mit meinem ersten Schub im Januar 2009 endete.


„The Last Lunch“ (Federstrichzeichnung, Frühwerke A. Metzger).

Der zweite Schub kam im Juli 2010.

Schauen wir mal, wie das alles zusammengehört und wie sich das mit dem Titel vereinbaren lässt: „Israel ohne Welpenschutz.“

***

Kommen wir zu der zweideutigen Mordankündigung.

Vor einem Jahr, als ich infolge der Absetzung meines Features eine üble Kampagne gegen den NDR startete, kontaktierte mich ein ziemlich unangenehmer Typ.


Die Mischung aus Wahrheit und Phantasie ist eine der wichtigsten Ingredienzen von Desinformation und psychologischer Kriegsführung.

Er sagte, er sei Medienberater und wolle mir helfen, mein Feature – über dessen Absetzung nur dieser Kanal berichtete – zur Ursendung zu bringen. Der Heini aus dem Kanal sagt viel Falsches…


In den Kommentaren steht bei Inhaltsverzeichnis: „18:57 Verfassungsschützer sagt, ISIS und Al-Kaida wurden von den USA gegründet.“ Das ist eine bewusste Falschmeldung. Der hier abgebildete Verfassungsschützer sagt das nicht.

In den Kommentaren steht bei Inhaltsverzeichnis: „25:15 Verfassungsschützer erklärt, warum die Terroristen, wie Amri, immer ihre Pässe am Tatort zurücklassen.“ Das ist eine bewusste Falschmeldung. Der hier abgebildete Verfassungsschützer sagt das nicht.

….aber wohl auch Wahres:

Ruf doch mal an und frag nach, deine Kontakte sind leidlich, oder?

Dem Medienberater gelang es leider nicht, mein Feature zur Ursendung zu bringen, aber er gab mir Ratschläge, die sensationell waren.

Er sagte, ich solle die Washington Post kontaktieren, die hätte bestimmt Interesse an meiner Sendung…

Ich traf mich mehrfach mit ihm, nebenbei erwähnte er, dass ich wohl nicht mehr unter den Lebenden weilen würde, wenn ich echte Beweise für eine Verstrickung westlicher Geheimdienste in Terroranschläge wie den am Breitscheidplatz (19.12.2016) zusammengetragen hätte.

Da konnte ich nur zustimmen.

Wie im Vorübergehn fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, für den BND zu arbeiten.


Würde der BND so einen psychotischen Kackvogel anheuern? Ich frag mal bei der Washington Post nach…

Das letzte mal sah ich ihn in personam im Juli 2021.

Nachdem ich meinen Blog wieder gestartet hatte, schrieb er mir eine weinerliche Nachricht, sein „einziger Freund in Europa“ sei gestorben (hoffentlich hat er noch einen in Afrika..), ferner lamentierte er, dass er mir nun nicht mehr helfen könne, nachdem ich schon wieder mit dem NDR-Gedöns angefangen hätte.

Ich schrieb ihm eine Nachricht und fragte ihn, wie er denn das Konzept meines Blogs finde.

Der Idiot hat auch noch geantwortet, und zwar zu ausführlich, würde ich sagen…

Krieg, sagte er, sei ein sehr wichtiges Thema, aber ich hätte keine Ahnung davon, genau so wenig wie von der Liebe.

Ich sei nämlich eine „desintegrierte Persönlichkeit“.

Er sagte, er sei psychotherapeutisch geschult und sein Bild von mir sei „gleich“ bruchstückhaft gewesen, was eine geniale Erkenntnis ist – wie hätte es am Anfang anders sein sollen?

Was er damit andeuten wollte ist: Ich gäbe das Bild einer „gebrochenen Persönlichkeit“ ab.

Deswegen wäre er so gerne mein „Engel“ geworden, der mich vor Ungemach schützt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Rhetorik und die bewussten Uneindeutigkeiten in dieser Nachricht dergestalt gestaltet sind, dass sie zersetzend wirken sollen.

Zum Krieg schrieb er ferner noch das hier:

Und daraus folge das hier:

So, jetzt wisst ihr den Grund, warum ich eine Pause bis zum 31. Januar 2022 einlege und mir nach Veröffentlichung des „Welpenschutz“-Artikels genau überlege, wie es weitergehen soll.

***

Als ich gestern vertieft war in meine Gedanken, rief mich meine geliebte Geliebte aus Roma an. Im Januar 2022 treffe ich sie in Prag.

Ihr Vater war kurz nach Ende des GLADIO-Terrors Scheff der italienischen Carabieneri. Ich denke, ihr wird das, was mir gerade passiert, nicht vollkommen fremd sein.

Außerdem hat sie einen Humor, der vielleicht speziell für Italien ist?

Jedenfalls – als ich ihr von meiner Lage erzählte, sagte sie:

„I hope you will not be killed in Praga.“

Oh Mann, ich hab am Boden gelegen…

„Did you miss me baby

Here I am…“

I´m Alive (The Hives)

In diesem Sinne wünsche euch eine schöne Advents- und Weihnachtszeit.

Wir sehen uns im nächsten Jahr.


Neustart mit Rückblick, Teil 2

Chronik eines Amoklaufs

Der zweite Teil meiner NDR-Saga mit diesem Titel sollte am Montag erscheinen.

Aber ich stehe unter Druck und werde es erstmal sein lassen.

Es ist doch schwieriger, solche Themen (Krieg, Geheimdienste etc.) in die Öffentlichkeit zu bringen, jedenfalls auf die Weise, wie es mir vorschwebt.

Eigentlich ist es auch nicht verwunderlich, es hat erstaunlich lange gedauert, bis ich das verstanden habe.

Jedes System hat seine Bedingtheiten, jedes System hat seine Sensibilitäten, da kann eine Gesellschaft noch so offen und demokratisch sein.

Manche Methoden sollen (müssen?) eben geheim bleiben, denn wenn sie offenbar werden, laufen sie Gefahr, ihre Wirkung zu verlieren.

Einschränkend sollte ich sagen: Wenn sie einer breiten Öffentlichkeit offenbar werden.

In Subkulturen kann so ein Wissen gerne kursieren, entscheidend ist, dass es auf Leute beschränkt bleibt, die keine echte Breitenwirkung haben.

Ich denke, das ist einfach so.

Oder vielleicht ist es bald nicht mehr so?

Wer weiß das schon….

Jetzt schauen wir mal, wie es weitergeht.

Ich wünsche euch in jedem Fall ein schönes Wochenende.

Albrecht Metzger


Neustart mit Rückblick, Teil 1

Was bisher geschah…

Im April 2020 habe ich diesen Blog gestartet, alles war sehr ambitioniert.

Ich wollte die „Tiefenstrukturen der Macht“ analysieren und sagte mir: Nichts leichter als das!

Die Kategorien waren erstellt, es konnte losgehen:

Klingt ja sehr kultiviert.

Doch dann kam Corona.

Ich hätte das Thema ignorieren sollen, denn von Viren habe ich keine Ahnung. Aber alle anderen sprachen jeden Tag – und dann den ganzen – davon, keiner konnte sich dem Sog vom Coronadialog entziehen.

So verpulverte ich meine Energie in den sozialen Medien und steckte gelegentlich richtig Prügel ein; denn nicht immer war ich auf Linie.

Masken, so sagte mir eine Ärztin im Mai 2020, könnten dem Immunsystem auch schaden, was sich jetzt zu bestätigen scheint.

Mittlerweile hat sich meine Einstellung zu Corona geändert.

Ich möchte endlich, dass die gesellschaftliche Polarisierung aufhört und weiß es zu schätzen, dass Forscherinnen, die an jeder Ecke gefährliche „Verschwörungstheoretiker“ am Werke sehen, gleichfalls auf verbale Abrüstung setzen, siehe hier (22. November 2021):

Katharina Nocun forscht über Verschwörungstheorien und versucht trotzdem, den Groll ihrer Follower gegen ungeimpfte Verschwörungstheoretiker zu zähmen.

Ich habe mich einzig aus Solidarität impfen lassen, tatsächlich glaube ich nämlich, dass mein Immunsystem resistent genug ist.

Es gibt Menschen wie mich, die jeden Tag Yoga machen und lange Rolltreppen hochlaufen und deswegen fast nie erkranken (außer in der Birne, dazu später mehr).

Wie dem auch sei.

Neben dem Corona-Desaster gab es einen zweiten, für mich persönlich gravierenderen Grund, warum ich die Aktivitäten auf diesem Blog einstellte.

Deswegen werde ich ihn jetzt in aller Ausführlichkeit referieren.

Es geht um ein Radio-Feature, in das ich viel Herzblut gesteckt hatte, das aber in letzter Minute abgesetzt wurde.

Es war nicht das erste Mal, dass kurz vor Zieleinlauf ein für mich wichtiges Werk aus möglicherweise politischen Gründen den Weg in den Mülleimer fand.


Eigentlich ist es kein Verdacht, sondern ein Fakt, aber was soll´s…

Dieser Fall wog schwerer als die anderen und stellte eine Zäsur für mich dar. Er spornte mich dazu an, endgültig einen eigenen Weg als Wissenschaftler und Journalist zu suchen.

Gleichzeitig handelt es sich um ein interessantes Beispiel, wie deutsche Medien mit schwierigen Themen umgehen und wie es ihnen – in meinem Fall mehr schlecht als recht – gelingt, sie im Nichts verschwinden zu lassen.

Diesen subtilen Vorgang, bei dem es eben nicht um bewusstes Lügen geht, sondern um eine unausgesprochene Zensur, die von selbst funktioniert, gilt es zu analysieren.

Die Erfahrung war schmerzlich, aber ich erlangte viele neue Erkenntnisse, die ich aufgeschrieben habe.

Heute kommt Teil 1, später folgen weitere – und dann langt es aber auch mit der Nabelschau!

Die Geschichte wird spannend, das kann ich versprechen, es ist ein Lehrstück in Sachen Meinungsvielfalt (und deren Grenzen…) in der bundesdeutschen Demokratie.

Ziel der Serie ist es, meinen ramponierten Ruf als scharfsinniger Beobachter des Zeitgenössischen zu rehabilitieren, damit ich anschließend voll durchstarten kann.

Es war einmal ein Mann…

Alles begann im Jahre 2019 n. Chr.

Ein Mann – nämlich ich – saß am Schreibtisch und sortierte die Interviews, die er in den vergangenen Jahrzehnten mit diversen Islamisten und ihren Kritikern geführt hatte. Er brauchte Kohle und wollte diesen Schatz vergolden.

Tatsächlich hatte ich seit langem die Idee, mein altes O-Tonmaterial in einem Radiofeature neu zu betrachten.

Manche der Gespräche haben historischen Wert:

Nicht wenige der Befragten sind in der Zwischenzeit durch Drohnen und andere Tötungsgeräte ermordet worden oder eine Krankheit beendete frühzeitig ihr Leben; weitere Interviewpartner sind für immer hinter Schloss und Riegel und werden so schnell kein Mikrofon mehr sehen.

Das Leben als Islamist ist kein Zuckerschlecken und ihre Kritiker müssen auch auf der Hut sein.

Abgesehen von den wertvollen Aufnahmen hatte ich in den vergangenen Jahren angefangen, den Islamismus und seine Hintergründe mit völlig anderen Augen zu betrachten.

Mich trieb also nicht nur Geldnot an, sondern auch die Gewissheit, alles durchschaut zu haben. Das wollte ich den Bundesbürgern übers Radio mitteilen.


Dschihadisten wie Omar Bakri schleusten seit 2011 Kämpfer nach Syrien ein.

Während ich nämlich früher glaubte, der Westen betrachte Leute vom Schlage al-Qaidas als seine Feinde, so muss ich heute sagen, dass es jenseits der Meere Geheimdienste gibt, die ganz gerne mit diesen Typen kooperieren.

Die Geopolitik treibt´s rein.

Ein Beispiel ist der so genannte „Tottenham Ayatollah“, den ich im Dezember 2000 in London traf und einen lustigen Kerl fand. Sein wirklicher Name ist Omar Bakri Mohammed, seine inzwischen verbotene Organisation nannte sich al-Muhajiroun.

Irgendwann wurde mir klar: Der ist gar nicht so witzig ist und die jungen Männer, die er zu Dschihadisten abgerichtet hatte, landeten tatsächlich im Kosovo und anderen Konfliktzonen.

Er selbst bezeichnete seine Kommunikationsorgane als „Mund, Augen und Ohren“ Osama bin Ladens.

Mit anderen Worten: Er war ein Sprecher al-Qaidas in London.

Damit nicht genug: In all diesen Jahren war der Ayatollah aus Tottenham offensichtlich ein Informant britischer Geheimdienste (und keinesfalls der einzige aus dem Milieu).

Zwei Tage nach den katastrophalen Anschlägen von Washington und New York (September 2001) rief ich ihn an und fragte ihn nach seiner Meinung. Er sagte, ab nun sei niemand mehr im Westen sicher, überall könnten Anschläge stattfinden – im Zug oder in der U-Bahn.

Im April 2004 wiederholte er diese fast prophetischen Worte: Die englische Hauptstadt sei bald dran, warnte er.


Ein Transkript des Interviews mit John Loftus auf FOX News findet sich hier.

John Loftus, ein früherer Ermittler im US-Justizministerium, behauptete am 29. Juli 2005 auf FOX News, der mutmaßliche Anführer der U-Bahnanschläge von London am 7. Tag desselben Monats sei ein Mitglied von al-Muhajiroun und werde vom MI6 gedeckt:

„He´s a double agent.“

Na sowas.

Erwähnenswert ist zudem, dass Omar Bakri im Januar 2012 als erster verkündete, al-Qaida werde nun in Syrien mit Selbstmordattacken beginnen (was dann auch geschah).

Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits im libanesischen Exil. Ob die Kontakte zu britischen Geheimdiensten deswegen abgebrochen sind, scheint mir fraglich – zumal er seinem Nachfolger in London weiter Ratschläge erteilte.

Diesen Nachfolger – sein Name ist Anjem Choudary – interviewte ich im Sommer 2012.

Ich wollte ihn mit einer Statistik in die Enge treiben, die seine Organisation als gewaltbereit erscheinen ließ. Aber das kratzte ihn gar nicht.

Hier die entscheidende Passage in meiner Radiosendung für den Deutschlandfunk:

Im September 2016 wurde Anjem Choudary zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er Kämpfer für den ISIS rekrutiert hatte. Die Polizei geht davon aus, dass er mit 500 bis 850 britischen Syrienfahrern in Kontakt stand.

Ein Ermittler, der ihn oft im Visier hatte, aber stets vom Inlandsgeheimdienst MI5 zurückgepfiffen wurde, sagte dem Daily Telegraph voller Empörung:

Einen ersten vorsichtigen Versuch, das etwas sensible Thema „Terroristen und ihre westlichen Busenfreunde“ einem deutschen Publikum näher zu bringen, unternahm ich 2015.

Jetzt sollte die große Nummer folgen.


Ich war baff und erfreut, dass der NDR – der immerhin die offiziöse Tagesschau produziert – mein Exposé für realisierbar hielt.

Im November 2019 schickte ich dem NDR – für den ich seit 2002 immer wieder gearbeitet hatte – ein Exposé, in dem ich vorschlug, in diesen Sumpf einzutauchen.

Zu meiner Überraschung stimmte der Sender zu.

Mein Freund Benno Köpfer, ein Islamwissenschaftler und Verfassungsschützer der frühen Stunde, erklärte sich bereit, bei laufendem Mikrofon mit mir über die gemeinsame Vergangenheit zu reden.

Er war dabei, als ich 1991 im Jemen das erste Mal einem Muslimbruder die Hand schüttelte.


Bevor ich den ersten richtigen Extremisten traf, trainierte ich mir jahrelang Mut an (Kairo, 1991).

Für den weiteren Verlauf der Geschichte ist folgendes wichtig zu wissen: Mein Exposé konzentrierte sich auf Syrien – was unschwer nachzulesen ist – , alles was später dazu kam, entwickelte sich aus dem Dialog mit den Redakteuren.

Über Jahre hatte ich Material zum Krieg in Syrien gesammelt, aus dem zweifelsfrei hervorgeht, dass die USA genau wussten, was sie taten, als sie internationalen Dschihadisten im Laufe des Jahres 2012 alle Möglichkeiten gaben, diesen Schauplatz zu ihrem neuen Afghanistan zu machen.

Die beiden Redakteure, mit denen ich über den Aufbau der Geschichte verhandelte, wünschten sich darüber hinaus einen Bezug zu Deutschland.

Sie selbst kamen auf die Idee, den Anschlag vom Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 zusätzlich zum Thema zu machen.

Das überraschte mich. Denn es ist ein sehr sensibler Stoff – zumindest, wenn man ihn unter dem Aspekt „Islamisten/Dschihadisten als Partner westlicher Geheimdienste“ betrachtet. Und das war schließlich das Anliegen meines Features.

Trotzdem stimmte ich zu, ich fand es sogar äußerst spannend!


Der Brief des NDR, den ich meinen Interviewanfragen an Behörden beilegte, die mit dem Fall Amri zu tun hatten. Wirkliches Interesse mit mir zu reden zeigte einzig Hans-George Maaßen, von 2012 bis 2018 Scheff des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Es gibt genügend Gründe, alles kritisch zu hinterfragen, was über diesen undurchsichtigen Terroranschlag an die Öffentlichkeit gelangt ist – auch und gerade die Rolle (internationaler) Geheimdienste betreffend.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich die Redakteure der Brisanz wirklich bewusst waren. Der in diesen Dingen weniger Erfahrene von beiden jedenfalls fand es vollkommen normal, dass man als Journalist versucht, Licht ins Dunkel solcher Dinge zu bringen.

Ich meldete leise Zweifel an…

Ungeachtet dessen trug ich ganz interessantes Material zusammen. So hatte ich die Möglichkeit, Einblick in Dokumente zu nehmen, die nicht für die Augen eines Investigativreporters gedacht waren.



Bei einem Dreiertreffen begutachteten wir alles, Joachim Dicks – der das Projekt im Sommer 2020 federführend übernahm – äußerte zumindest dem Anschein nach keine Bedenken.

Zu ihm möchte ich nun ein paar Worte sagen.

Zunächst eine Anmerkung: Es ist nicht alltäglich, die Hintergründe journalistischer Recherchen offenzulegen und dann auch noch Namen zu nennen. Diese Dinge sind vertraulich, wie soll man sich sonst auf eine Zusammenarbeit mit einem Autor einlassen?

Allerdings ist das hier ein Sonderfall: Wie wir sehen werden, hat sich der NDR mir gegenüber nicht nur unkollegial verhalten hat, sondern er hat mir ausdrücklich geschadet.

Noch deutlicher gesagt: Er hat mir Unrecht getan.

Auf diese Politik reagierte ich mit einem sehr ungewöhnlichen Verhalten, das erklärungsbedürftig ist.


Ich habe gerne mit ihm zusammengearbeitet, dann attackierte ich ihn schwer. Später tat es mir leid.

Dazu musss ich aber Ross und Reiter nennen, denn bliebe alles anonym, wäre die Erzählung schwer zu vermitteln.

Der NDR wird mich eh nicht mehr engagieren, das ist so sicher wie der Novemberregen in Hamburg.

Also: Kommen wir zu Joachim Dicks.

Ich erlebte ihn als sensiblen und klugen Menschen, der gleichwohl passiv aggressives Verhalten an den Tag legen konnte.

Wie mir erst im Nachhinein klar wurde, war er nicht nur ein erfahrener, sondern ein offensichtlich bundesweit anerkannter Feature-Redakteur. Das lässt sich zum Beispiel daran ablesen, dass er alleine drei der renommierten ARD-Radiofeatures betreute.

Ich hatte es also nicht mit einem heurigen Hasen zu tun. Ein Kollege von mir, der ihn kennt, sagte, Joachim Dicks könne sehr gut abschätzen, was man im öffentlich-rechtlichen Radio senden könne und was nicht.

Ungeachtet dessen hatte ich während der späteren Produktionsphase das Gefühl, dass Joachim Dicks nicht immer ganz wohl war bei dem Gedanken, als Redakteur für dieses Feature über Terrorismus und Geheimdienste am Ende gerade stehen zu müssen.

Ein Tiefschlag am Nachmittag

Zwischendurch ging er recht offen mit seinen Bedenken um, was mir gefiel. Zum Schluss aber wurden mir seine Versuche, den Inhalt zu entschärfen, zu viel. Ich musste mich gelegentlich am Riemen reißen, um nicht unwirsch zu werden.

Doch der Reihe nach.

In den ersten Monaten des Jahres 2020 führte ich diverse Interviews in Berlin, Bielefeld, Hannover, Düsseldorf, Köln, Stuttgart und Zürich. Die Sache war einigermaßen aufwändig.

Außerdem sortierte ich mein Material, das ich zum Dschihad in Syrien und Libyen gesammelt hatte. Daraus schmiedete ich ein Manuskript, das ich im August an Joachim Dicks schickte, mit folgendem Titel:


Wer Zeit und Lust, kann sich das Manuskript durchlesen, das alternative Magazin Free21 hat es später abgedruckt.

(Hier eine bösartig einseitige Beschreibung des Magazins. Ich schlage vor, dass sich jede Leserin ein eigenes Bild macht. Mir gefällt die Politik von Free21 nicht immer, aber die Ausgabe, in der ich vorkam, lohnt sich allemal. Empfehlen möchte ich ausdrücklich den Artikel des norwegischen Friedensforschers Ola Tunander.)

Ich war mächtig stolz auf das Produkt, hörte aber lange Zeit nichts vom NDR. Deswegen fuhr ich nach Hannover, um die Sache persönlich zu besprechen.

Es war ein sonnendurchfluteter Septembernachmittag, wir saßen im Garten des NDR-Geländes am Rande des Maschsees und Joachim Dicks verlor kein gutes Wort über mein Manuskript.

Das war ein echter Tiefschlag, auf den ich nicht vorbereitet war.


Unweit des Maschsees seifte mich Joachim Dicks ein. Anders gesagt: Ich ging baden.

Aber die Punkte, die er vortrug waren nachvollziehbar, sie betrafen sowohl Stil wie Inhalt.

Er sagte, ihm sei es wichtig, dass die Quellen für sich selbst sprächen, ich würde zu viel kommentierend eingreifen. Die Zuhörer müssten die Chance bekommen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Das leuchtete mir ein.

Außerdem war ihm der Text zu hart. Er bat mich um „Verwässerung“, es sei besser, bei solch kontroversen Themen in „homöopathischen“ Dosen vorzugehen, statt die Zuhörer mit dem Holzhammer zu erschlagen (es sind alles meine Worte, bis auf die in Anführungsstrichen).

Auch das konnte ich verstehen. Es war ungewöhnlich genug, dass der NDR dieses Thema aufgriff.

Das Spiel mit Tatsachen und Fiktion

Ferner bat er mich darum, über das Phänomen „Verschwörungstheorie“ zu reden, ich sollte bei Fachleuten nachfragen, wie sie meine Quellen einordneten.

Er schlug Michael Butter vor, Professor für amerikanische Literatur in Tübingen und ein großer Verschwörungsexperte.

Vom Stil her war Joachim Dicks das Manuskript zu wissenschaftlich und zu wenig künstlerisch, ihn störten die vielen Zeitungstexte, die ich zitierte, statt Musik, Atmosphäre und O-Töne sprechen zu lassen.

Einem erfahrenen Feature-Redakteur konnte ich in dieser Sache kaum widersprechen, also unterließ ich es.

Im Wikipedia-Eintrag steht – bezugnehmend auf Autoritäten des Genres – folgende Definition, die Joachim Dicks wohl recht gibt:

Das Feature lässt sich nicht streng definieren, denn es gibt vom Originalton-Feature, das im Wesentlichen aus Reportagen und Interviews besteht, bis zur Dokumentation, die auf Archivmaterial basiert, viele Spielarten.

Praktisch ist es ein Sammelbegriff für akustische Ausdrucksformen zur Übermittlung und Vertiefung von Information.

Die Übergänge zum Hörspiel sind fließend. Beim Feature überwiegen in der Regel die Tatsachen, beim Hörspiel die Fiktion. Jedoch enthalten viele Hörspiele dokumentarische und viele Features fiktive Elemente. Das Feature steht also im Spannungsfeld zwischen Information und ihrer künstlerischen Gestaltung.

Radio-Feature (Wikipedia)

Zum Schluss forderte Joachim Dicks vollkommen zurecht eine weitere Sache ein: Er sagte, es sei abgemacht gewesen, dass ich stärker in den Dialog mit Benno Köpfer gehen sollte, meinem Freund vom Verfassungsschutz in Stuttgart.

Dieser Dialog sollte atmosphärisch und akustisch untermauert sein, zum Beispiel dadurch, dass wir uns gemeinsam Clips aus dem Nahen Osten anschauten und darüber reden würden, während im Hintergrund der Sound läuft.

Tatsächlich hatten wir das abgemacht, mir war es aber nicht gelungen, das entsprechend in Szene zu setzen.


In diesem Buch lässt Benno die Katze aus dem Sack. Lest es Euch durch!

Wichtiger noch: Ich sollte Benno Köpfer stärker dazu bringen, sich inhaltlich zu äußern, er sollte die Thesen, die ich aufstellte, ausdrücklicher einordnen und möglicherweise bestätigen.

Der Sinn der Sache war natürlich klar: Wenn der NDR einen Autor darüber sinnieren lässt, ob westliche Geheimdienste mit Terroristen kooperieren, dann muss er sich von dritter Seite absichern. Benno Köpfer sollte diese Funktion übernehmen.

Das ist verständlich.

„Abgeschottet und öffentlichkeitsscheu“

Aber ich sagte von vornherein, dass Benno Köpfer meiner These niemals zustimmen könnte, selbst wenn er sie für plausibel hielte (wovon ich nicht ausgehe). Dafür ist die Bundesrepublik viel zu abhängig genau von jenen Geheimdiensten, die Thema meines Features sein sollten (CIA, MI6 + MI5).

Wie dem auch sei. Ich fragte bei Benno nach und er zeigte sich bereit, ein zweites Mal mit mir zu reden.

Wenn man bedenkt, dass die ZEIT die deutschen „Inlandsgeheimdienste“ als „öffentlichkeitsscheu“ bezeichnet und ihnen eine „abgeschottete Arbeitsweise“ attestiert, ist das alles andere als selbstverständlich.

Allein dieser Zugang hat, wie ich finde, einen gewissen Exklusivitätscharakter und lässt sich in solch einer Geschichte gut „verkaufen“.

Ich machte mich also erneut auf die Socken, ich fuhr nach Stuttgart, Tübingen, Freiburg und wieder nach Berlin.


Weiter, weiter, immer weiter!

Erwähnen möchte ich, dass ich diese zusätzlichen Recherchen aus der eigenen Tasche bezahlte, ganz abgesehen von dem enormen Zeitaufwand. Der NDR sieht für solche Features ein Reisehonorar von 200 Euro vor, das in meinem Fall auf sensationelle 300 erhöht wurde.

Was ich damit sagen will: Ein Feature ist nicht in erster Linie ein ökonomisches Unterfangen, es geht den Autoren oft um die Sache, sie stecken viel Herzblut rein.

Eine Feature-Redakteurin eines anderen ARD-Senders sagte ganz offen zu mir, dass die Arbeit an solchen Sendungen einer Art Selbstausbeutung gleichkommt (was sie selber nicht gut fand).

Als Gegenleistung erhält man ein sauber produziertes Radiostück, das im Idealfall ein kleines Kunstwerk ist und an dem man sich für lange Zeit erfreuen kann. Es ist zudem eine sehr gute Referenz – für einen freien Autor eine nicht zu unterschätzende Ressource.

Ich betone das deshalb, weil mir – wie wir im zweiten Teil sehen werden – der Kragen so richtig platzte, als der NDR mein Feature nonchalant absetzte, ohne mich vorher zu informieren.

Ich fühlte mich schlichtweg verarscht, und sowas kann ich nicht leiden.

Aber ich greife vor. Bleiben wir zunächst bei der Recherche.

Weil ich mich bei dem Thema „Verschwörungstheorie“ nicht allein auf den großen Verschwörungsexperten Michael Butter verlassen wollte, suchte ich in meiner Bibliothek nach entsprechender Literatur.

Ich entdeckte dieses Buch, das ich vor Jahren durchgeblättert hatte:

Eines der wenigen wissenschaftlich fundierten Werke zum Thema Verschwörungstheorie.

Alleine die Kapitelüberschriften bringen den Kopf zum Rauchen:


Andreas Anton ist aber ein sehr umgänglicher Typ, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg arbeitet. Bei Wikipedia steht:

Die Aufgaben des IGPP liegen in der interdisziplinären Erforschung von Phänomenen wie außersinnlicher Wahrnehmung, Veränderung von Bewusstseinszuständen, Psychokinese u. a.

Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (Wikipedia)

Das ist genau mein Ding!

Zwischen 2009 und 2010 war ich nämlich zwei mal in der Psychiatrie, zuerst hieß die Diagnose bipolare Störung, dann paranoide Schizophrenie.

Das klingt natürlich wahnsinnig wahnsinnig, für mich waren es aber interessante Erfahrungen, die beim zweiten Mal direkt mit einer Recherche im Islamistenmilieu zu tun hatten.

Also beschloss ich, die Sache im Gespräch mit Andreas Anton aufzubringen.

Der war ganz angetan, ein Reporter, der ein wandelndes Forschungsobjekt darstellt, ist ihm wahrscheinlich noch nicht untergekommen.

Er sagte Sachen, die ich gut verwenden konnte und auch Michael Butter leistete ganze Arbeit: Er brauchte gerade mal 10 Minuten (länger dauerte das Interview nicht), um sich fachlich selbst zu demontieren.


„Blühende Phantasien“ (Fresco). Frühwerke A. Metzger.

Auf Details werde ich im vierten Teil dieser Serie eingehen:

  • 24. Januar 2022

Mein Feature und seine Quellen, Teil 2 – Der ISIS und die USA

***

Ich schrieb das Manuskript größtenteils neu und war (wie immer) von mir begeistert.

Auch Joachim Dicks gefiel der Text und besonders eine Passage, in der ich darüber nachdachte, warum ich lange Zeit übersehen hatte, dass Geheimdienste offensichtlich gerne mit islamischen Extremisten kooperieren:

Der literarisch bewanderte Redakteur sagte, der plötzliche Schwenk von der Normalität ins Psychiatrische sei literarisch interessant.

Was sollte jetzt noch schiefgehen?


Ich kenne einen Redakteur im deutschen Mainstream, der waschechter Verschwörungstheoretiker ist. Arbeitet er vielleicht bei der Quick?

Trotzdem wollte ich die Lage ausloten und schickte das Manuskript an einen Freund, der Redakteur in einem nicht unbedeutenden Qualitätsmedium ist.

Er ist der einzige Journalist den ich kenne, der mitten im Mainstream hockt und trotzdem weiß, dass das Geschwafel von allgegenwärtigen „Verschwörungstheorien“ letztlich ein Ablenkungsmanöver ist, das auf eine PSYOP der CIA aus den späten sechziger Jahren zurückgeht.

(Was nicht heißen soll, dass destruktives Verschwörungsgerede keine fatale Wirkung haben kann. Ich werde irgendwann einen konkreten Fall anonymisiert erzählen.)

Früher war dieser Redakteur ganz normal.

Eines Tages beschloss er, die kritische wissenschaftliche Literatur zu den katastrophalen Anschlägen von New York und Washington aus dem Jahre 2001 unvoreingenommen anzuschauen, statt alles präventiv als „Verschwörungstheorie“ abzutun, wie es unter neugierigen Qualitätsjournalisten sonst üblich ist (hier eins von 50.000 Beispielen).


Wer der englischen Wissenschaftssprache mächtig ist….
…sollte diese Artikel lesen und danach…
..diesen Artikel über jenes Buch.

Seitdem sieht der einstmals brave Mann die Welt mit anderen Augen, er muss sich aber zurückhalten, sonst kann er seinen Dschob wohl an den Nagel hängen.

Er las sich mein Manuskript durch und schrieb:

Wenn der NDR dein Feature wirklich sendet, wäre das ja eine Sensation.

Du exponierst dich natürlich sehr, das bietet natürlich Angriffsfläche, kann aber vielleicht auch entwaffnend wirken.

Man müsste einmal die psychischen Defizite der Verschwörungstheorie-Gegner untersuchen, die glauben, dass in unserer offenen Gesellschaft alles mit rechten Dingen zugeht, das wäre sicher ein lohnendes Unterfangen.

Mainstream-Redakteur an Metzger, November 2020

Je näher der Produktionstermin rückte, umso mehr bekam ich den Eindruck, Joachim Dicks sei darum bemüht, das Manuskript weiter zu entschärfen, ohne es mich merken zu lassen.

Recht spät fing er mit der Redigatur an und markierte seine Änderungen nicht, was es mühsam machte, sie nachzuvollziehen.

Manche Veränderungswünsche fand ich absurd. So hatte ich in Bezug auf den Fall Amri folgenden Satz geschrieben (ich zitiere aus dem Kopf):

„Die Bundesregierung hält weiter an der Einzeltäterthese fest. Das ist nachweislich falsch.“

Joachm Dicks sagte, man könne nicht von „der Bundesregierung“ reden, die einzelnen Ministerien würden den Fall möglicherweise unterschiedlich bewerten.

Aber wenn ein Grünenpolitiker das macht, warum sollte ich es dann unterlassen?

„Wie gefährlich das Schweigen für Maaßen noch werden kann“, Der Tagesspiegel, 30.8.2018.

Diese Haarspalterei raubte mir die Nerven, ich hatte keine Lust mehr auf weitere „Verwässerungen“. Trotzdem gab ich nach.

Ein zweites, bedeutsameres Beispiel möchte ich etwas genauer erzählen.

Mir ist klar, dass Hans-Georg Maaßen mittlerweile als rechtsradikaler Neonazifaschist verschrien ist. Unabhängig davon fand ich es gut, dass er bereit war, sich von mir interviewen zu lassen.

In dem Brief, den ich ihm schrieb, erwähnte ich ausdrücklich die Causa Amri, er hätte also guten Grund gehabt, sich zu entschuldigen, wie es zum Beispiel Thomas de Maizière tat, der im Dezember 2016 Innenminister war.

Ich ging die Sache beim Interview vorsichtig an, zu viele kritische Fragen, so meine Befürchtung, würden ihn zum Schweigen bringen.

Eine Frage wollte ich ihm aber unbedingt stellen: Hielt er es für möglich, dass die CIA Anis Amri deckte, wie es der Grünenpolitiker Hans-Christian Ströbele vermutet?


Klingt nach übler Schwurbelei. Es liegt aber am Transkriptionsprogramm, das mein Stottern nicht richtig erfassen konnte – im Gegensatz zu Maaßens deutlichen, wengleich zweideutigen Worten (Interview Hans-Georg Maaßen, Juni 2020).

Mehr noch, könnte es tatsächlich sein, dass CIA und „andere Nachrichtendienste“ (Mossad, aber pssst!) ein Interesse daran gehabt haben konnten, dass in Deutschland endlich mal ein Anschlag stattfand, um den Leuten klar zu machen:

„Auch ihr seid direkt vom Terror bedroht, wir haben euch gewarnt. Kommt endlich mit ins Boot!“

Umständlich fabulierte ich herum und stellte mir selbst die Frage, ob „andere Nachrichtendienste“ ihren deutschen Kollegen vielleicht sogar Informationen vorenthalten könnten, damit so ein Anschlag gelingen würde.

Dann kam endlich die Frage:

„Ist das vollkommen abwegig, dass westliche Geheimdienste sowas überhaupt machen können?“

Allein darauf zu kommen, ist ungeheuerlich. Manche Dinge denkt man nicht mal, geschweige denn, dass man sie ausspricht…

Normalwerweise hätte Hans-Georg Maaßen so antworten müssen:

„Was fällt Ihnen ein, mir so eine Frage zu stellen? Natürlich ist das vollkommen abwegig. Die USA und Israel sind unsere engsten Verbündeten! Ich möchte mal wissen, was für ein Kraut Sie rauchen. Das Interview ist hiermit beendet.“



Stattdessen sagte er:

„Dazu möchte ich gar nichts sagen, das wäre reine Spekulation.“

Mir gefiel die Antwort, es war ein O-Ton, mit dem ich journalistisch arbeiten konnte, aus folgender Logik heraus:

Wenn Hans-Georg Maaßen auf die Frage mit einem klaren „Ja“ hätte antworten können, dann sah ich keinen Grund, warum er es nicht hätte tun sollen.

Wenn er aber nicht mit einem klaren Ja antworten konnte (oder wollte..), darf man vermuten, dass er auch „Nein“ hätte sagen können.

Klingt kompliziert, aber nach meiner Logik lautete seine Botschaft: „Lassen Sie mich mit dem Thema in Ruhe, es ist mir unangenehm.“

So gesehen ist es ein zitierwürdiger, weil aussagekräftiger O-Ton, jedenfalls wenn er aus dem Munde eines ehemaligen Scheffs der höchsten deutschen Verfassungsschutzbehörde kommt.

Slapstick statt Klartext

Diese Leute haben viel zu verbergen und müssen permanent überlegen, was sie wie sagen.

Gelegentlich müssen sie lügen, sonst hätten sie in dem Amt nichts verloren. Offensichtlich wollen sie es aber nicht ständig tun und wählen deswegen Zwischenwege.

Subtile Andeutungen – wie in diesem Fall – können im nachrichtendienstlichen Kontext eine größere Brisanz haben, als wenn sie aus dem Munde eines Ärztekammerscheffs kommen.

Offensichtlich hatte Joachim Dicks das auch verstanden und wollte partout vermeiden, dass Frage und Antwort in dieser Klarheit nacheinander zu hören waren.

Stattdessen baute er den Satz von Hans-Georg Maaßen wie in einer Art Slapsticknummer an verschiedenen Stellen ein, stets als Antwort auf Punkte, die Hans-Christian Ströbele vortrug.

Bei einem Feature ist das offensichtlich erlaubt.

Ich gebe zu: Das hatte was, kam aber, wenn man es genau nimmt, einer leichten Realitäsverzerrung gleich, weil Maaßens Satz in Zusammenhänge gestellt wurde, die mit ihm – dem Satz – nichts zu tun hatten.

Ein Beispiel:

Diesen speziellen O-Ton von Hans-Georg Maaßen in spielerischer Weise aus dem Zusammenhang zu reißen, kam einer weiteren Verwässerung meines Manuskripts gleich.

Aber irgendwie tat mir Joachim Dicks auf einmal leid.

Ich hatte den Eindruck, ihm sei unwohl bei der ganzen Geschichte geworden und er sah einen Shitstorm auf sich zukommen. Nebenbei hatte er angemerkt, dass mit Reaktionen aus dem Netz zu rechnen sei.

Wenn mein Eindruck stimmte, dann waren die fortlaufenden Verwässungsmaßnahmen nur verzweifelte Versuche, das scheinbar Unvermeidliche abzuwenden.

Am 18. November setzte ich mich spontan an den Rechner und schrieb folgende Nachricht:

Lieber Joachim,

ich bin ab jetzt bis morgen früh in Klausur und werde eine endgültige Fassung erstellen, versehen mit Fußnoten und sämtlichen Übersetzungen. Im Laufe des Tages werden die grob geschnittenen O-Töne folgen.

Mach Dir keine Sorgen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten:

1. Dir gefällt der Text und wir produzieren am 30. November.

2. Der Text bereitet Dir Bauchschmerzen, weil er dem NDR und vor allem Dir schaden könnte. In dem Fall wird er nicht produziert. Die Sache wird begraben.

Ich übernehme die volle Verantwortung. Eine Begründung, die plausibel ist und Dir hilft, das Gesicht zu wahren, wird mir einfallen. Zum Beispiel: Entscheidende O-Töne sind verloren gegangen. Das ist noch nicht mal gelogen: Das Interview mit Benjamin Strasser ist auf dem Gerät, das mir abhanden gekommen ist.

Ich werde Dir dann die Begründung schriftlich (und authentisch) mitteilen, so dass du etwas in der Hand hast.

Glaub mir. Ich stehe zu meinem Wort. Ich bin ein ehrlicher Mensch. Als erste Maßnahme habe ich die Ankündigung der Sendung von meinem Blog genommen.

Mein Eindruck ist: Du hast die politische Brisanz des Themas unterschätzt, möglicherweise auch meine Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit beim Recherchieren. Wie dem auch sei. Ich habe dafür Verständnis

Es gibt eine einzige Bedingung: Ich bekomme das volle Honorar ausbezahlt sowie 300 Euro Reisekosten.

Alles wird gut.

Metzger an Dicks, 18.11.2021, 14.51 Uhr

Hatte ich mich in etwas hineingesteigert? Jedenfalls war Joachim Dicks verdattert. Für ihn stand fest, dass wir die Sache durchziehen.

Für mich hieß das aber umgekehrt: Er steht ab jetzt voll hinter der Geschichte und verteidigt sie im Zweifelsfalle auch nach innen.

Zumal er sich – ungeachtet meiner gerade geäußerten Kritik – für das Stück ins Zeug legte. Er engagierte einen Regisseur, der einen besonderen Ruf in der Feature-Szene genießt: Nikolai von Koslowski.

Viel beschäftigt, aber von Joachim Dicks zum Mitmachen überredet.

Ein feiner Mensch, über den Folgendes bei Wikipedia steht:

Nikolai von Koslowski wuchs in Düsseldorf, Hannover und München auf.

Er studierte an der LMU München Kommunikationswissenschaften und begann parallel dazu in den frühen 1980er Jahren, für die Jugendfunkredaktion des Bayerischen Rundfunks „Zündfunk“ zu arbeiten.

Dort entwickelte er den für ihn später typischen Stil für Sprecherführung und Regie. Viele neue Konzepte des Zündfunks der 1980er Jahre gehen auf ihn zurück, unter anderem die Reihe „Blitzventil“.

Dabei fuhr der Journalist Lorenz Schröter mit dem Fahrrad um die Welt und schickte regelmäßig Tagebuchberichte auf Tonbandcassetten ins Funkhaus, die Koslowski dann radiophon aufbereitete.

Auch die erste Computersendung in der ARD, „Bit, byte, gebissen“ (BR 1983), war von Koslowskis Idee. Aus ihr entstand wenig später unter dem gleichen Titel ein wöchentliches Magazin über Computer für junge Hörer.

Nikolai von Koslowski (Wikipedia)

Ein echter Pionier, wie mir scheint, dazu mit Preisen überhäuft.

Nikolai von Koslowski las sich das Manuskript durch und machte einen phantasievollen Vorschlag: Er sagte, die Teile des Manuskripts, wo ich über meine persönliche Rolle in der Geschichte nachdenke, sollte ich frei ins Mikrofon sprechen, statt sie abzulesen.

Das gab dem Feature noch mal einen eigenen Rhythmus.

Am 30. November gegen 9:00 Uhr morgens traf ich im NDR Studio in der Hamburger Rothenbaumchaussee ein, um meine Passagen einzusprechen.

Es war ein nebeliger Wintertag, so wie ich ihn mag; oft sind diese Tage bedeutungsschwer und nachmittags isst man Lebkuchen.


Als ich am Tor ankam, stand ein Freak mit einem Plakat herum, auf dem sinngemäß stand: „Der NDR ist eine Fake-News-Schleuder.“ Ich war empört!

Ich freute mich auf das Zusammentreffen mit Dicks und von Koslowski. Nachdem alles fertig war, gingen wir raus und unterhielten uns ohne Maske.

Den beiden war klar, dass das Feature Wellen schlagen könnte. Nikolai von Koslowski sagte, Geheimdienste und ihr Bezug zu Terrorismus seien keine gern gesehenen Themen.

Wir phantasierten ein wenig: Wäre es vielleicht eine gute Idee, nach Ausstrahlung des Features zeitnah eine Talkrunde zu organisieren, wo einige Kontrahenten sich kritisch mit dem Inhalt auseinandersetzten?

Ich sagte, das wäre natürlich super für mich, woraufhin der Regisseur sagte: „Das wäre auch gut für den Sender.“

Was konnte er damit meinen?

Ich fragte nicht nach, aber ich denke es mir einfach: Es hätte gezeigt, dass der NDR bereit und in der Lage ist, kontroverse Themen anzugehen, ohne sich wegen eines möglichen Shitstorms gleich in die Hosen zu scheißen, wie es Mode geworden ist.

And so we parted.

Ein paar Tage später war die Produktion vollendet. Bevor ich mir das Stück anhören konnte, rief mich Joachim Dicks an, er war offensichtlich angetan.

„Das ist Deine Geschichte!“, sagte er. Auch die Musik, die ich rausgesucht hatte, gefiel ihm, es käme eine „gewisse Kuhlness“ rüber.

Spontan ging mir dieser Schnappschuss durch den Kopf:

„All we need is Radio Ga Ga, Radio Googoo, Radio Blabla…“

Wir plauderten ein wenig und waren uns einig, dass die Zusammenarbeit letztlich sehr fruchtbar war. Ich hatte viel Zeit aufgewendet, Joachim Dicks aber auch; er sagte, er würde das nicht bei jeder Geschichte machen.

Allerdings geschah schnell das, was er erwartet hatte: Es meldete sich ein anonymer Stinkstiefel, der seinen geistigen Schmutz auf der Seite von NDR Info hinterließ.

Sein Name war Roland und bereits am 9. Dezember, also drei Tage vor der Ursendung, schrieb er in die Kommentarspalte unter der Ankündigung meines Features:

Der Autor des NDR-Feature „Der Islamismus – Bin ich ein Verschwörungstheoretiker?“ hat auch einen Blogbeitrag über sein noch nicht veröffentlichtes Buch geschrieben. Zitat aus diesem Text:

„Menschen, die an die „heiligen Ereignisse“ 2001 und 2011 glauben, bezeichnen alle, die sie hinterfragen als „Verschwörungstheoretiker“, welche digital verbannt oder wenigstens korrigiert werden müssen (am besten von Correctiv).“ (Quelle: Blog von Albrecht Metzger)

Ich verbleibe in der Hoffnung, dass ihr kein Feature eines Autors veröffentlicht, dessen Halbwahrheiten und Verschwörungsmythen hinterher von den Faktencheckern u.a. von der Tagesschau und von Correctiv richtig gestellt werden müssen.

„Roland“ an den NDR, 9.12.2020, 23:01 Uhr

Ich war natürlich auf solche Kommentare vorbereitet und bereits in Kampfeslaune.

Eine wichtige Regel in der Online-Kommunikation lautet: Keinen Rückzieher machen, sondern nach vorne gehen. Wenn man dem Mob entgegenkommt und sich rechtfertigt, werden diese Leute erst richtig frech.

Also schrieb ich Roland eine Antwort und bedankte mich für seinen Kommentar. Ich bestätigte seine Befürchtungen und sagte, dass es demnächst auf meinem Blog richtig zu Sache gehen werde und zwar genau zu den Themen, die er so liebte.

Außerdem schrieb ich einen Beitrag für meinen Blog, wo ich Rolli und seine Verschwörungsinkontinenz erwähnte.

Der NDR gab meinen Kommentar nicht frei, aus mir unbekannten Gründen. Stattdessen stellten sie mein Feature am 10. Dezember online.

Ich konnte den Beitrag also endlich anhören:

Der Pressetext des NDR konzentrierte sich fast ganz auf den Fall Amri. Für mich aber war der Dschihad in Syrien mindestens genau so wichtig. In dem von mir formulierten Pressetext kam er deswegen selbstverständlich vor. Warum der NDR den Dschihad in Syrien ignorierte – und nicht nur an dieser Stelle – , hat einen wichtigen Grund, auf den ich später (24.1.2022) zurückkommen werde.

Nikolai von Koslowski schrieb mir am Abend eine nette Nachricht:

Lieber Albrecht,

ich hoffe, Du hast Dein Feature schon gehört.

Mich interessiert natürlich, wie es Dir gefällt. Bei allem ernst, finde ich es an einigen Stellen recht komisch, was ja auch mit der Thematisierung von Humor zu tun hat.

An einigen Stellen mussten wir kürzen. Bologna hat weh getan. Ansonsten hatte ich versucht in homeopathischen Dosen zu kürzen. Deine Sprecherpassagen fand ich gut gesprochen..

Du bist ein lustiger und intelligenter Typ. Das gefällt mir!

von Koslowski an Metzger, 10.12.2020, 18:59 Uhr

Meine Antwort, die ich an beide schickte:

Lieber Nikolai,

danke für deine E-Mail. Ich höre mir das Feature heute Abend gemeinsam mit einem Freund an, der es aus der Ferne mitbegleitet hat. Ich bin sehr gespannt!

Das mit dem Kürzen ist bedauerlich, aber es war abzusehen und ich habe alles in Eure Hände gegeben, also werde ich mich nicht beklagen.

Ich habe auch schon positives Feedback zur Musik bekommen, eine Frau sagte, sie war froh über die Musik, da hätte sie zwischendurch Luft holen können.

Das Feature weckt unterschiedliche Emotionen bei den Menschen, ein sehr alter Freund von mir musste weinen und sagte, vielleicht würden sich auch andere Menschen darin wieder finden mit ihren „Problemen“, bei Dir trat erstmal das „Komische“ in den Vordergrund.

Ich finde das gut, das zeigt die Vielschichtigkeit des Features. In jedem Fall finden die Leute die Sendung“komplex“, und auch das finde ich gut. Wenn so ein brisantes Thema „komplex“ rüber kommt, dann ist es eben das: komplex und nicht vereinfachend.

Das Einsprechen am Morgen in der Rothenbaumchaussee war für mich ein besonderer Moment, die ganze Szene hat mir gefallen, mit Dir, Joachim und den beiden Technikerinnen. Vielen Dank!

Es würde mich freuen, wenn sich noch einmal eine Zusammenarbeit ergäbe.

Metzger an von Koslowski und Dicks, 11.12.2020, 08:05 Uhr

Nun schaltete sich auch Joachim Dicks in die Konversation ein:

Lieber Albrecht,

dann bin ich sehr gespannt, wie Du es findest.

Die Erwartung bei einigen Kommentatoren auf unserer NDR-Feature-Seite sind jedenfalls groß; manche waren sogar ungeduldig, weil das Stück versehentlich erst einen Tag später online gestellt worden ist.

Seid beide herzlich gegrüßt

Dicks an Metzger und von Koslowski, 11.12.2020, 12:17 Uhr

Am Abend hörte ich mir das Feature gemeinsam mit zwei Freunden an. Sehr lustig ich fand ich, dass der Regisseur diese Passage mit bayerischer Blasmusik untermalt hatte:


Ich schrieb den beiden am nächsten Morgen:

Hab´s mir angehört.

Bin begeistert, gerade auch das Spielen mit der Musik. Kürzungen sind kein Problem für mich, der Stoff ist hart genug, das Bologna-Zitat hätte für endgültige Depression bei manchen Leuten sorgen können.

Mein Freund sagte, in Kollaboration sei ein Kunstwerk entstanden.

Metzger an von Koslowski und Dicks, 12.12.2020, 08:36 Uhr

Die Antwort des Regisseurs:

Ach, das freut mich!

Es ist wirklich ein sehr ungewöhnliches Stück Radio geworden!

Danke Dir, dass ich da mitmachen konnte.

Liebe Grüsse

Nikolai

von Koslowski an Metzger, 12.12.2020, 13:59 Uhr

Ich veröffentliche diese E-Mails ohne Genehmigung der beiden Kollegen, normalerweise wäre das moralisch fragwürdig.

Zum einen ist der Inhalt aber – zumindest aus meiner Sicht – durchweg positiv und in keiner Weise kompromittierend; zum anderen verfolge ich damit ein konkretes Ziel:

Ich möchte zeigen, wie erleichtert und froh ich war, dass alles reibungslos über die Bühne gegangen war, denn das Feature hatte Bedeutung für mich.

Ich wähnte den NDR – den ich logischerweise mit den Leuten gleichsetzte, mit denen ich zu tun hatte – auf meiner Seite.

Nur vier Stunden später wurde ich eines besseren belehrt. Der U-Turn des Senders kam wie aus heiterem Himmel. Bis heute weiß ich nicht, was in der Zwischenzeit passiert ist.

Gegen 18 Uhr rief mich ein Freund an und sagte, das Feature sei nicht mehr abrufbar. Ungläubig schaute ich auf die Webseite von NDR Info und fand das hier:

Hä?

Sofort schrieb ich den beiden eine E-Mail und bat um Aufklärung. Wenige Minuten später rief mich Joachim Dicks an und erzählte – offensichtlich selbst noch geschockt – was geschehen war:

Ihm sei vorgeworfen worden, die produzierte Fassung würde vom eingereichten Exposé abweichen, es hätte doch nicht um mich gehen sollen, sondern um den Fall Amri. Er hätte das vorher melden müssen.

So einen Schwachsinn hatte ich noch nie gehört!

Der NDR-Redakteur sagte, so etwas sei ihm auch noch nicht passiert, es sei aber richtig, dass er die Änderungen hätte melden müssen. Um mich offensichtlich zu beschwichtigen, sagte er, man könne aus neuen Situationen immer etwas lernen.

Ich sollte mich auf Veränderungen vorbereiten, möglicherweise müsste ich erneut ins Studio kommen, um neue Texte einzusprechen.

Ich war aber überhaupt nicht in Lernstimmung und nach monatelanger Arbeit in keiner Weise bereit, noch weiter an dem Stück rumzuwerkeln.


„Keine Angst, er will nur spielen!“ (Meistens jedenfalls…)

Für mich war ohnehin sofort klar: Es ging hier nicht um diese Lappalie, sie war nur vorgeschoben, weil ihnen auf die Schnelle nichts besseres eingefallen war.

Wegen eines „verfehlten“ Exposés sägt man nicht in letzter Sekunde ein Feature ab – schon gar nicht, wenn es die ganze Welt bereits hören konnte und der Download im Umlauf war!

Sowas ist richtig peinlich, warum sollte sich der NDR das antun?

Das Stück hatte alle regulären Prozesse durchlaufen: Die Feature-Redaktion war stets im Bilde gewesen und begleitete jeden Schritt, den ich tat, ich ging auf alle Veränderungswünsche ein. Zum Schluss gab der Justiziar sein Plazet und die Geschichte wurde veröffentlicht.

Es gab nichts mehr zu besprechen. Punkt.

Und überhaupt: Wann hätte denn das überarbeitete Feature gesendet werden sollen? Wir hatten Mitte Dezember, am 31. Dezember stellte NDR Info die Produktion solcher Stücke ein, mittlerweile gibt es nur noch Podcasts von weitaus geringerer Länge.

All das ist das Resultat von „Reformen“, die – so befürchten Mitarbeiterinnen des NDR – den Laden irgendwann obsolet machen werden. Ich werde darauf im letzten Teil dieser Serie ausführlich eingehen, er ist, wenn man so will, der traurigste von allen:

  • 31. Januar 2022

Der NDR als Symptom unserer Zeit – Ein Sender in Auflösung

***

Meine ganze aggressive Energie, die eigentlich für Armleuchter wie „Roland“ vorgesehen war, übertrug sich nun auf die Schisshasen vom NDR.

Ich sagte Joachim Dicks, ich werde die Sache auf allen Kanälen bekannt machen, und zwar rauf und runter.`

Eindringlich bat er mich, das zu unterlassen, es würde die Chancen mindern, das Stück noch zu retten.

So beendeten wir das Gespräch.

Als erstes kramte ich das Exposé hervor und las es mir durch. Dann schrieb ich Joachim Dicks eine Nachricht:

Lieber Joachim,  

im Anhang das Exposé vom November 2019. Es stimmt nicht, dass es von der jetzigen Geschichte signifikant abweicht. Die Begründung, das Feature müsse deswegen erneut geprüft werden, klingt für mich fadenscheinig.  

Ich möchte Dich bitten, diese E-Mail an diejenigen Personen weiterzuleiten, die auf diese merkwürdige Idee gekommen sind.  

Vielen Dank und viele Grüße

Albrecht

Metzger an Dicks, 12.12.2020, 18:53 Uhr

Eine halbe Stunde später schickte mir der Regisseur eine kurze Nachricht:

Bin gespannt, was der Justiziar dazu sagt, dass eine von ihm abgenommene Sendung noch gestoppt wird.

von Koslowski an Metzger, 12.12.2020, 19:27 Uhr

Meine Antwort:

Habe gerade mit Joachim telefoniert, hier ist die Begründung:

Das Exposé würde von der Sendung abweichen, das hätte Joachim den oberen Chargen mitteilen müssen (wer immer das ist..).

Das ist lächerlich!

Der NDR kriegt Druck von ganz oben, da bin ich mir sicher. Ich habe für so etwas ein gutes Gespür.

Wenn sie die Geschichte nicht senden, werde ich das rauf und runter bekannt machen (morgen wird sie jedenfalls nicht gesendet).

Anbei das Exposé vom 4. November 2019, mach dir selbst ein Bild.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Herzlich

Albrecht

Metzger and von Koslowski, 12.12.2020, 19:34 Uhr

Zwanzig Minuten später schrieb ich eine weitere Nachricht an den Redakteur:

Als weiteren Backup schicke ich Dir den Begleitbrief, den ich an alle Interviewpartner geschickt habe.

Dort steht, dass ich meine jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem Islamismus „reflektieren“ werde.

Ich möchte dich bitten, auch diese E-Mail plus Anhängen an die betreffenden Personen beim NDR weiterzuleiten.

Verbunden mit dieser Frage: Seit wann entwirft der NDR seine Geschichten am Reißbrett?

Ein Exposé ist ein Exposé, nicht die Geschichte. Es ist vollkommen klar, dass sich eine solch aufwändig recherchierte Geschichte im Laufe der Zeit entwickelt.

Hinzu kommt: Deine Intervention im September 2020 hat die Geschichte eigentlich erst zu dem gemacht, was sie ursprünglich sein sollte:

Eine persönliche Geschichte, in der ich meine Erfahrungen über das Thema reflektiere, gemeinsam mit meinem Freund, dem Verfassungsschützer Benno Köpfer.

In der ersten Fassung – die ich angehängt habe – war das gar nicht der Fall.

Insofern frage ich mich: Wo ist das Problem?

Metzger an Dicks, 12.12.2020, 19:57 Uhr

Ich bekam auf diese E-Mails keine Antwort, vielleicht weil es schon Abend war? Joachim Dicks hatte aber ohnehin die Angewohnheit, die meisten Dinge mündlich zu regeln.

Eine befreundete Redakteurin sagte mir, dieses Vorgehen sei wohl der Idee geschuldet, möglichst wenige schriftliche Dokumente zu hinterlassen, die später gegen einen selbst verwendet werden könnten. Auch das ein Resultat des digitalen Zeitalters.

Mag sein. Aber ob das in diesem Fall so klug war?

Jedenfalls blieb ich alleine mit meinen Überlegungen, wie ich weiter vorgehen sollte.

Als der nächste Tag angebrochen war, stand meine Entscheidung fest:

Attacke.


Dieser Autor scheint ein richtiges Arschloch zu sein. Aber so sind sie, die Strategen…
…ohne Skrupel, man kann viel von ihnen lernen und das Böse für das Gute einsetzen.

Wie die aussah, erfahrt Ihr in einer Woche:

  • 6. Dezember 2021

Neustart mit Rückblick, Teil 2 – Chronik eines Amoklaufs

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