Butscha, Ukraine, Teil 3

Eine fiktive Recherchereise

Heute ist der große Tag, an dem ich die Ergebnisse meiner fiktiven Butscha-Reise präsentieren wollte.



Ich habe die Reise abgesagt, warum, sage ich später.

Da alles im Fluss ist, verändert sich täglich mein Blick auf die Dinge.

Das ständige „laute Nachdenken“ über die Dinge bedeutet, dass ich mitten in einem Artikel wie ein fliehender Hase die Richtung wechseln kann. So ist das eben.

In Zeiten des Krieges ist das vielleicht der beste Weg, um sich nicht in eine Idee zu verbeißen, die nur funktioniert, wenn ich alles andere ausblende.

Die Gründe, warum ich diese fiktive Reise unternehmen wollte, werde ich trotzdem veröffentlichen, ich finde sie relevant.

Die Begründung macht den ersten Teil des Artikels aus, der nun folgt und so markiert ist:

Stand: 8. April 2022:

Stand: 8. April 2022, Ende.

Danach werde ich erklären, warum ich die fiktive Reise abgesagt habe.

Es geht los:

Stand: 8. April 2022:

Im dritten Teil der Serie, die sich um das „Massaker von Butscha“ dreht, arbeite ich die Punkte 3 und 4 ab, die ich bei Beginn der Serie niedergelegt hatte. Ich zitiere:

„Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte (als die Russen, A.M.) die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.“

In den vergangenen Tagen hat sich einiges getan, ich habe viele Informationen hinzugewonnen und heute Nacht, kurz vorm Schlafengehen, ist dann der Groschen gefallen bei der Frage nach der besten Methode, um Punkt 3 in den Griff zu kriegen.

Er ist ganz offensichtlich der heikelste Teil meines Versuches, dieses Massaker aus der Ferne aufzuklären.

Deswegen werde ich nun eine fiktive Recherchereise unternehmen, die sich an einem realistischen Szenario orientiert (das gleichzeitig eine Fiktion bleiben wird).

Die Reise geht nach Butscha (Ukraine), der Rechercheauftrag lautet:

„Ist es möglich, dass das Massaker von Butscha nicht von Russen begangen wurde, sondern ein inszeniertes Ereignis war?“

Er ist eine offene Recherche, das ist klar, allerdings würde ich dieser Fragestellung nie nachgehen, wenn ich nicht genügend Hebel hätte, um richtig anzusetzen.

Anders gesagt: Ich würde dieser Frage nie nachgehen, wenn es nicht genügend Gründe gäbe, es zu tun und wenn es nicht genügend Ansatzpunkte gäbe, um in dieser Frage substanziell weiter zu kommen.

Denn wenn es diese Gründe nicht gäbe, wäre es pietätlos, einfach nur aus Prinzip ein Massaker zu hinterfragen, statt die Toten ruhen zu lassen und die Täter in aller Ausdrücklichkeit zu verurteilen (man müsste ja nicht gleich in schamlosen Russenhass verfallen, um das zu tun).



Die Gründe, warum ich überhaupt auf die verrückte Idee komme, allein die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass dieses Massaker inszeniert sein könnte, sind zahlreich, aber gleich zu Anfang möchte ich einen sehr starken nennen, der nicht unbedingt offensichtlich erscheint.

Zu diesem Zwecke zitiere ich vollständig eine Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) vom 6. April 2022.

Sie lautet:

Butscha: Nicht auf Kreml-Lügen hereinfallen

Der Deutsche Journalisten-Verband mahnt die Öffentlichkeit, nicht auf die Propagandalügen des Kreml über das Massaker in der ukrainischen Kleinstadt Butscha hereinzufallen.

Alle bisher vorliegenden Erkenntnisse über den Massenmord, dem mehr als 300 Menschen zum Opfer gefallen sein dürften, legten russische Soldaten als Täter nahe.

Russische Spitzenpolitiker hingegen streiten das ab und behaupten, ukrainische Kräfte hätten ihre eigenen Landsleute umgebracht. Das wird unter anderem durch Satellitenaufnahmen eindeutig widerlegt.

DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall rät deshalb dazu, sich in den journalistischen Medien zu informieren und nicht auf Fake News der russischen Regierung hereinzufallen:

„Das gilt insbesondere für Social Media, wo sich auch die Kreml-Trolle austoben. Recherchierte journalistische Informationen hingegen gibt es bei den Angeboten der Nachrichtenportale.“

Ein Medienbericht koste weniger als ein Becher Coffee to go.

Der DJV-Vorsitzende lobt in dem Zusammenhang den Umgang der meisten deutschen Medien mit den Kriegsbildern aus Butscha und anderen Orten:

„Die Kolleginnen und Kollegen haben den Pressekodex verinnerlicht, der uns im Interesse der Mediennutzer zu einem behutsamen Umgang mit Kriegsbildern verpflichtet.“ (Siehe BILD-Zeitung oben, A.M.)

Einerseits dürfe nicht die Sensation in die Berichterstattung Einzug halten, andererseits dürften die Gräueltaten nicht verschwiegen werden. Überall:

„Das ist eine journalistische Gratwanderung, die wir jeden Tag aufs Neue bewältigen müssen.“

Aber das unterscheide den Qualitätsjournalismus von Propaganda.

Eine Formel für den Krieg

Dieser Text bringt in aller Deutlichkeit auf den Punkt, warum in Kriegen, in denen der Westen klar Stellung bezieht, diejenige Seite, die der Westen als die moralisch reine und verteidigenswerte deklariert hat, fast alles machen kann, was sie will.

Es gilt folgende Kriegsformel:

Ein moralisch reiner Akteur, der bedingungslos verteidigt werden muss, kann die schlimmsten Verbrechen begehen, ohne überführt zu werden, weil ihn niemand seiner Verbrechen überführen will. Denn der moralisch reine Akteur würde sich dann in einen moralisch befleckten Akteur verwandeln, dessen bedingungslose Verteidigung nicht mehr zu rechtfertigen wäre. Der Feind hätte gewonnen.

Dieser Umstand wird von genialen Strategen der psychologischen Kriegsführung in schamloser Weise ausgenutzt: Sie denken sich die verrücktesten Dinge aus, die sich keiner vorstellen kann oder will, um das Kriegsgeschehen zu lenken. (Hier ein eher harmloses Beispiel für diese Art psychologischer Kriegsführung.)

Solche Strategen haben freies Feld, niemand wird ihnen in die Quere kommen – selbst wenn sie in absolut zynischer Weise irgendwelche Massaker inszenieren, um sie dann dem Feind in die Schuhe zu schieben. (Hier ein Beispiel für diese Art der psychologischen Kriegsführung.)

Damit ist noch längst nicht gesagt, dass Butscha so ein Fall ist; es ist damit aber gesagt, dass niemand auch nur auf die Idee kommen würde, es für ein schmutziges Manöver zu halten.

Was der Pressetext des DJV im Kern besagt ist nämlich Folgendes:

In Butscha hat ein Massaker stattgefunden. Die Täter stehen fest: russische Soldaten. Wer das bezweifelt, entlastet die Täter und stellt sich auf ihre Seite. Er ist ein Agent des Kreml.

Anders ausgedrückt: Die Infragestellung der Wahrheit ist Verrat (frei nach George Orwell).

Tatsächlich gibt es namhafte Journalisten, die sich offen zu diesem Prinzip bekennen.

Ein Beispiel:

Russland steht seit Jahren am Pranger, allerdings gab es bis zum 24. Februar 2022 vereinzelte journalistische Stimmen, die sein Vorgehen in einen historischen Kontext stellten. Dazu gehörte Gabriele Krone-Schmalz, früher ARD-Korrespondentin in Moskau, deren Bücher im Beck Verlag erschienen.

Auch der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk veröffentlicht bei Beck. Am 27. Februar 2022 schreibt er seinem Verleger einen Brief, in dem er Gabriele Krone-Schmalz als „geistige Brandstifterin“ diffamiert.

Ein „Donaldist“ , der sich um Islamfragen und Russland kümmert.

Patrik Bahners, Redakteur bei der FAZ und in Islamfragen immerhin ein eigenständiger Kopf, kommentierte diesen Fall wie folgt:

Der wahre Gegenstand der Traktate von Krone-Schmalz ist der Westen, sind „wir“ (..). Die reißerisch aufgemachten Paperbacks redeten die nichtrussischen Mächtigen und vor allem die vermeintlich mächtigen Medien systematisch schlecht. Im schmutzigen Meinungskrieg gegen den Mainstream waren sie der Brückenkopf der verschwörungstheoretischen Gegenöffentlichkeit. Daran verdient zu haben sollte ein Grund für Rechenschaftslegung (!) sein.

Welcher investigative Journalist würde es wagen, in so einem Meinungsklima die „Wahrheit von Butscha“ auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen?

Selbst wenn er wollte, würde er es nicht können. Schon die Idee für seine Geschichte würde vom nächsthöheren Redakteur begraben werden.

Die folgende Recherchereise ist also nicht nur im physischen Sinne fiktiv – ich bin ja nicht hingereist -, sondern auch in anderer Hinsicht eine Fiktion: Sie könnte in dieser Form nie stattfinden und hat mit der medialen Realität in Deutschland nichts zu tun.

(Die oben verlinkte Dokumentation und dieser Monitor-Bericht strafen mich in gewisser Weise Lügen…)



Ungeachtet dessen lege ich jetzt los.

Am Anfang steht die Frage: Welche Zeitung wäre geeignet? Sie muss ein hohes Renommee haben, das ist Bedingung, ansonsten wird der Zugang zu Interviewpartnern in wichtigen Positionen schwerer.

Außerdem soll die Geschichte eine Wirkung erzielen, der Aufwand würde sich sonst nicht lohnen.

Zweitens muss die Zeitung ein „Buch“ (also eine Rubrik) haben, wo viel Platz ist, um die Geschichte aufzuschreiben. Das ist in diesem Fall ebenfalls Bedingung; wenn ich ein gängiges Narrativ hinterfragen will, brauche ich Platz für Argumente und Belege.

Aus meiner früheren Zeit als Journalist fällt mir das Dossier der ZEIT ein, das wäre der geeignete Ort für so ein Unterfangen (allerdings nur in der Fiktion, wie gesagt).

Stand: 8. April 2022, Ende.

Warum habe ich nicht weiter geschrieben? Weil mir Leute sagten: „Schau noch mal genauer hin.“

Es tauchten diverse Berichte auf, in denen Augenzeugen zitiert werden, die Gräueltaten der Russen beobachteten.

Der SPIEGEL machte seine Titelgeschichte daraus.


Der SPIEGEL, 9. April 2022.

Deswegen sehe ich mich gezwungen, erstmal einzulenken. Vielleicht ist es doch pietätlos, ein Massaker zu hinterfragen, das – scheinbar ohne Zweifel – die Russen begangen haben?

Im zweiten Teil der Serie schrieb ich diese Sätze:

Grundsatzlich ist klar: Die russische Armee muss als möglicher Schuldiger ins Auge gefasst werden, und zwar an erster Stelle: Sie hat die Waffen und kontrolliert die Städte, die sie erobert.

Sie führt Krieg und das Töten von Menschen gehört zur Essenz des Krieges (was pervers ist, anders kann man es nicht sagen, das nur als grundsätzliche Anmerkung).

Ferner ist es eine Tatsache, dass in Kriegssituationen Massaker passieren (können).

Trotzdem muss man sich fragen, welchen Grund die russische Armee gehabt haben könnte, diverse Menschen zu exekutieren und dann auf der Straße liegen zu lassen.

Vielleicht habe ich nicht lange genug darüber nachgedacht, was diese Gründe sein könnten?

Die Russen streiten nur ab, statt Gegenbeweise zu liefern

Florian Rötzer, Mitgründer des Online-Portals Telepolis, schreibt dazu auf dem Portal krass & konkret, das er im Januar 2022 für den Westend Verlag einrichtete:

Während vieles darauf hindeutet, dass russische Truppen in Bucha (Butscha) und wahrscheinlich in anderen Orten, wie auch amnesty international gerade in einem Bericht belegt, brutal gegen Zivilisten vorgegangen sind, ist der Grund für die Tötung hunderter Menschen weiterhin unklar. Sollte die ukrainische Zivilbevölkerung eingeschüchtert und Angst und Schrecken verbreitet werden, weswegen die Gräuel sichtbar zurückbleiben sollten? Sollte ein Exempel der „Denazifizierung“ stattfinden? Hatte man Angst vor Angriffen? Wollte man etwas rächen? War man verzweifelt wegen der hohen eigenen Verluste? Oder sollten die Morde und Exekutionen den Ukrainern in die Schuhe geschoben werden?

Weiter schreibt er:

Fassungslos macht jedenfalls, dass nur versucht wird, alles abzustreiten, als Fake zu erklären oder darauf hinzuweisen, dass auch ukrainische Soldaten Kriegsverbrechen begingen, anstatt Gegenbeweise etwa in Form von Satellitenbildern oder von Aussagen von in Buch anwesenden Soldaten anzutreten. Man hätte auch erwarten können, dass das Verteidigungsministerium wenigstens erklärt, dass die Vorfälle untersucht würden. Ist es der russischen Führung mittlerweile egal, dass Russland über den Angriffskrieg hinaus wegen der Kriegsgräuel immer weiter in die Isolation gedrängt wird?

Lassen wir das so stehen.

Betonen möchte ich, dass meine Vermutung, es könnte sich um eine schmutzige Operation der Ukrainer handeln – mithilfe westlicher Geheimdienste -, weiter Bestand hat, aber es bedürfte eines größeren Aufwandes, das plausibel zu erklären.

Die zahlreichen Ungereimtheiten dieses Falles müssten meiner Meinung nach Motivation sein für Reporter deutscher Leitmedien, die sich in Butscha aufhalten, einmal genauer nachzuhaken:

Was haben die ukrainischen Polizeitruppen genau gemacht, als sie am 31. März und 1. April die Stadt von „russischen Kollaborateuren“ säuberten?

Wie kommt es, dass erst am 3. April das Narrativ vom „russischen Massaker“ auftauchte? Diese Fragen sind relevant.

Hier ist ein Facebook-Eintrag von mir vom 6. April 2022, wo ich ein paar Dinge erwähne, die mir aufgefallen waren:

Hier das Video.

Ergänzend dazu ein Kommentar von Ivan Rodionov, der interessant und aufschlussreich ist – auch wenn die BILD-Zeitung den Ex-Chef von RT-Deutschland als „Putins langjährigen Propagandachef“ in Deutschland bezeichnet.

Wer selbst schamlos Propaganda betreibt oder sie zulässt, sollte bei anderen nicht so empfindlich sein.


Deutschlandfunk, 7.7.2021.

Lassen wir das so stehen.

Was jetzt noch fehlt, ist die Abarbeitung von Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Dieser Punkt ist sehr wichtig. Wir werden sehen, warum.

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