Butscha, Ukraine, Teil 2

Die russische Armee

Das „Massaker von Butscha“ bestimmt weiter die Schlagzeilen, mittlerweile werden Satellitenbilder als Beweise gegen die russische Armee herangezogen.

Je mehr Technik ins Spiel kommt, umso mehr besteht jedoch die Möglichkeit der Manipulation.

Wie soll ich die Authentizität von Satellitenbildern verifizieren?

Deswegen halte ich mich an die Analyse von Narrativen, sie können nicht weglaufen: Was geschrieben steht, steht geschrieben, was gesagt wurde, wurde gesagt.

Und das Narrativ von Butscha, wie ich es anhand von ukrainischen Nachrichten sowie Berichten aus westlichen Leitmedien rekonstruiert habe, ist etwas merkwürdig, um es vorsichtig auszudrücken.

Schauen wir, wie sich das auf meine weitere Vorgehensweise auswirkt.

Hier noch einmal die vier Aussagen, die ich an den Anfang meiner Analyse gestellt hatte und die wir nun nacheinander abarbeiten:

Punkt 1:

Ich halte das „Massaker von Butscha“ für eine totale Niederlage der russischen Seite. Es ist – rein politisch gesehen – eine mittlere Katastrophe, ein PR-Desaster. Warum ich das so sehe, hat unmittelbar mit der Rolle der Bundesrepublik in diesem Konflikt zu tun (aber nicht nur).

Punkt 2:

Ich halte es für möglich, dass die russische Armee dieses Massaker begangen hat.

Punkt 3:

Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben.

Punkt 4:

Sollte es sich als plausibel erweisen, dass Punkt 3 ein mögliches Szenario ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass diese Kräfte von westlichen Spezialeinheiten (Militärs; Geheimdiensten) instruiert wurden.

Ich gehe folgendermaßen vor: Heute denke ich über Punkt 2 nach, morgen über Punkt 3 und 4, und als Abschluss übermorgen über Punkt 1.

Heute wird es etwas kürzer.

Betonen möchte ich noch einmal, dass ich das Ganze nüchtern betrachten werde.

Wer es geschmacklos findet, in dieser Weise über schreckliche Kriegsereignisse nachzudenken, möge diese Episode (also die Ereignisse von Butscha) überspringen.

Grundsätzlich ist es so, dass ich auf diesem Blog moderne Kriegsführung analysiere mit dem Ziel, Krieg als Mittel der Kontrolle zu verstehen, gerade auch die verdeckten Aspekte von Kriegsführung.

Es ist kein schönes Thema, aber ich halte es für wichtig. Und spannend finde ich es doch, dass gebe ich ehrlich zu.

Also, kommen wir zurück zu Butscha.

Punkt 2: Ich halte es für möglich, dass die russische Armee verantwortlich ist

Grundsatzlich ist klar: Die russische Armee muss als möglicher Schuldiger ins Auge gefasst werden, und zwar an erster Stelle: Sie hat die Waffen und kontrolliert die Städte, die sie erobert.

Sie führt Krieg und das Töten von Menschen gehört zur Essenz des Krieges (was pervers ist, anders kann man es nicht sagen, das nur als grundsätzliche Anmerkung).

Ferner ist es eine Tatsache, dass in Kriegssituationen Massaker passieren (können).

Trotzdem muss man sich fragen, welchen Grund die russische Armee gehabt haben könnte, diverse Menschen zu exekutieren und dann auf der Straße liegen zu lassen.

Als Einstieg in die Frage, möchte ich zunächste den Kriegsreporter Paul Ronzheimer um seine Meinung bitten.

Er war in in der Stadt und wurde daraufhin von seinen Kolleginnen bei BILD-TV gefragt:

Was glaubst Du, was steckt dahinter, warum tun die Russen das, ist das gezielt, Angstmacherei, was glaubst Du: Warum werden hier Zivilisten gezielt abgeschlachtet?



Seine Antwort:

Man muss davon ausgehen, dass das der Plan der russischen Armee war, wenn wir uns anschauen, welche Pläne man hatte bei der Übernahme von Städten, da ging es darum, ganz gezielt auch Menschen zu erschießen, da ging es darum, gezielt Städte zu übernehmen, ganz gezielt Leute auszulöschen, die nicht mehr in das passen, was die russische Armee aus Kiew, aus anderen Städten machen wollte, da ging es vor allem um politische Opposition, um Leute, die wichtig sind, die ukrainische Zivilgesellschaft, das ist ja alles niedergeschrieben. Es gibt diese Pläne, Geheimdienste haben davor gewarnt, die Geheimdienste haben vor dem Krieg davor gewarnt – mein Kollege Julian Röpcke hat das damals aufgeschrieben, im Dezember [die Pläne sind vom Dezember, aufgeschrieben von Röpcke im Februar, A.M.) -, die haben davor gewarnt vor Massentötungen, die passieren können, vor Massentötungen nach Übernahme der russischen Armee. Ob diese geheimienstlichen Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem stehen, was in Butscha passiert ist, das kann ich nicht sagen, das muss untersucht werden, was genau dort passiert ist und natürlich versuchen wir auch heute wieder, mehr darüber zu erfahren, weitere Augenzeugen zu sprechen, aber am Ende muss man davon ausgehen, dass das Ganze System hatte und einen Befehl.

Auf den Punkt gemacht: Man braucht die Sache nicht weiter aufzuklären, denn Geheimdienste (im Zweifelsfalle westliche) kennen die russischen Pläne, die vorsahen, in ukrainischen Städten Massentötungen vorzunehmen, um die politische Opposition und die Ziviligeschellschaft zu zerstören.

Wer erschießt gezielt Großmütter?

Wenn wir davon ausgehen, dass die russische Armee all diese Menschen gezielt getötet hat, dann erscheint mir das der plausibelste Grund zu sein: Es ging darum, politische Störenfriede auszuschalten und die Zivilgesellschaft durch Terror im Mark zu erschüttern.

Allerdings bräuchte man dazu mehr Informationen über die Identität der Geöteten. Zitieren wir noch einmal den Bürgermeister von Butscha in dem Bericht von AFP:

„In Butscha haben wir bereits 280 Menschen in Massengräbern beerdigt“, sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk der Nachrichtenagentur AFP telefonisch. Er sagte, die Straßen der stark zerstörten Stadt seien mit Leichen übersät. AFP sah am Samstag mindestens 20 Leichen – Männer in Zivilkleidung – in einer einzigen Straße in Butscha liegen. „All diese Leute wurden in den Hinterkopf geschossen, getötet“, sagte Fedoruk. Er sagte, die Opfer seien Männer und Frauen gewesen und er habe unter den Toten einen 14-jährigen Jungen gesehen. Viele der Leichen hätten weiße Bandagen, „um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren“, sagte er. In der Stadt würden immer noch Autos stehen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“, fügte er hinzu. Die Leichen lägen immer noch auf den Straßen, weil dort bislang die Pioniere ihre Arbeit nicht verrichtet hätten.

Die Kopfschüsse könnten darauf hindeuten, dass es sich hier um Politiker und wichtige Vertreter der Zivilgesellschaft handelte, die gezielt hingerichtet wurden. Wie wir allerdings wissen, konnten die Reporter von Reuters, die als erste am Ort des Geschehens waren, keine gezielten Kopfschüsse feststellen (bis auf möglicherweise einen).

Bei den anderen Opfern – ganze Familien, Kinder, Großmütter – erscheint dieses Narrativ fraglich. Sollte es stimmen, was der Bürgermeister sagt, klingt es eher nach Racheakten russischer Soldaten, die dann mit einiger Sicherheit nicht auf Befehl handelten.

Was hätte die russische Armeeführung davon, Kinder und Großmütter gezielt zu töten? Meiner Ansicht nach nichts. Willkürliche Tötungsakte vestärken eher den Willen zum Widerstand, als dass sie ihn brechen würden.

Dass die russische Armee tatsächlich von vornherein plante, „Massentötungen“ in den eroberten Städten zu veranstalten, halte ich grundsätzlich für eine gewagte These. Mir scheint es ein übertriebenes Szenario zu sein.

Es wird nicht dadurch glaubwürdiger, dass Ronzheimers Kollege Röpcke es von irgendwelchen Geheimdiensten gesteckt bekommen hat.

Eine der wichtigsten Aufgaben von Geheimdiensten besteht darin, falsche Narrative unters Volk zu bringen; Medien wie die BILD eignen sich sehr gut dafür, weil sie wissen, wo der Feind steht und sich gerne einbinden lassen in solche politischen Projekte.

Eine Frage bleibt bei all dem ohnehin unbeantwortet:

Was hat die russische Armee davon, Menschen gezielt zu töten, um die Zivilgesellschaft in Butscha zu terrorisieren, um dann die Leichen, nachdem der Rückzug beschlossene Sache ist, auf die Straße zu legen?

Mir fällt kein guter Grund ein. Es wäre einfach nur dumm.

Nun besagen die Satellitenbilder New York Times, dass die Leichen seit Wochen dort gelegen hätten.

Wirklich?

Dann bleibt trotzdem die Frage, warum diese schreckliche Geschichte erst drei Tage nach Abzug der russischen für Aufmerksamkeit sorgte; ferner bleibt die Frage, warum die ukrainische Armee die Toten tagelang auf der Straße liegen ließ

Wo waren die Pioniere?

Dieses Narrativ erscheint schwach.

Punkt 3: Ich halte es für möglich, dass andere Kräfte die Leichen auf die Straße gelegt haben

Es gibt zwei Hauptgründe, warum ich es für möglich halte, dass die Leichen gezielt auf die Yabluska-Straße gelegt wurden – und zwar nicht von der russischen Armee, sondern von ukrainischen Geheimdiensten/Militärs und möglicherweise Elementen, die sie beraten und unterstützen.

Einen Grund habe ich bereits oben erwähnt: Das Narrativ, das sich aus der Analyse der ukrainischen und westlichen Quellen ergibt, ist merkwürdig und widersprüchlich.

Es ist aus meiner Sicht eine konstruierte Geschichte, bei der die Geschichtenerzähler sich nicht immer ans Skript halten.

Hinzu kommt ein zweiter, sehr gewichtiger Faktor: In meiner Analyse macht es mehr Sinn für die ukrainische Seite, ein solches Massaker zu inszenieren, als es Sinn für die russische Armee macht, Kinder und Großmütter hinzurichten und auf der Straße liegen zu lassen.

Warum das so ist, werde ich morgen darlegen.

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