Was will Putin? Teil 1

Die Macht der Narrative

In jeder Gesellschaft gibt es Narrative – also Erzählungen -, die nötig sind, um eine gemeinsame Grundlage für den öffentlichen Diskurs zu schaffen.

Das Besondere an einer Erzählung ist die Tatsache, dass sie einen Rahmen hat, in dem sich die Dinge bewegen. Gäbe es diesen Rahmen nicht, würde das Narrativ zerfließen und keinerlei Orientierung bieten.

Trotzdem lässt sich der Rahmen verschieben, und wenn das geschieht, verschieben sich auch die Dinge, die sich in diesem Rahmen befinden. Oder anders gesagt: Die Perspektive verschiebt sich.

Was vorher im Zentrum des Narrativs war, findet sich nun möglicherweise am Rande wieder. Der Fokus liegt woanders.

Die Macht von Narrativen ist nicht zu unterschätzen, sie bestimmen über Wohl und Wehe des politischen Handelns.

Ohne ein glaubwürdiges Narrativ ist es zum Beispiel unmöglich, Kriege zu führen, jedenfalls in den offenen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. Ohne eine starke Geschichte lässt sich die Mobilisierung der eigenen Streitkräfte vor der Öffentlichkeit nicht rechtfertigen.

Ich gebe ein Beispiel für ein sehr starkes Narrativ, das die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland geprägt hat und das mehr oder weniger unumstößlich ist.

Es ist ein sehr sensibles Thema, stellen wir uns also darauf ein, dass das, was ich nun schreibe, ein bisschen Ärger verursachen kann.

Denn ich werde – nur für Anschauungszwecke – zwei Vorschläge machen, wie sich der Rahmen des Narrativs verschieben ließe, was möglicherweise eine ganz andere Perspektive eröffnet.

Hier ist das Narrativ:

„Die Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg den schlimmsten Völkermord in der Geschichte begangen. Das Besondere an diesem Völkermord war die Tatsache, dass er akribisch geplant war. Die Deutschen setzten all ihr wissenschaftliches und logistisches Talent ein, um das jüdische Volk aus ganz Europa nach Auschwitz, Treblinka und Sobibor zu verschleppen, um es dort zu vernichten.

Weil die Deutschen diese schwere Schuld auf sich geladen haben, führt kein Weg daran vorbei, dass Deutschland nie wieder auf eigene Faust Krieg führen darf. Es muss sich stets mit seinen Partnern koordinieren und im Zweifelsfalle ihnen die Führung überlassen.

Außerdem trägt die Bundesrepublik eine besondere Verantwortung für den Staat Israel, der zahlreiche Überlebende der Shoa aufgenommen hat und das letzte Refugium für alle Juden auf der Welt ist, sofern sie je wieder in Bedrängnis geraten sollten.“

So weit also das Narrativ über die Schuld der Deutschen und was das für Folgen für das militärische Verhalten der Bundesrepublik hat(te..).

Keine Sorge: Ich sage nicht, dass das nicht stimmt, wie käme ich dazu. Ich sage aber trotzdem, dass dieses Narrativ einen Rahmen hat, der sich verschieben ließe und sich dann eine andere Perspektive eröffnen würde.

Versuchen wir es mal.

Sergej aus Russland

Ich fange mit einer kleinen Geschichte an.

Irgendwann in den 1990er Jahren tauchte am Institut für Kultur und Geschichte des Vorderen Orients in Hamburg ein Russe auf, ein Wissenschaftler. Nennen wir ihn Sergej, ich habe seinen wirklichen Namen vergessen.

Zwar habe ich ihn nicht oft getroffen, aber wir verstanden uns gut und wie das Klischee es will, soffen wir gerne Alkohol, wenn wir zusammensaßen.

Bei einem dieser Gelage kam Sergej auf Stalin zu sprechen, er sagte wie selbstverständlich, dass der genau so schlimm gewesen sei wie Hitler und sogar noch mehr Menschenleben auf dem Gewissen gehabt hätte.

Die Deutschen würden das falsch sehen, der Bolschewismus sei genauso eine Vernichtungsmaschinerie gewesen wie der Nationalsozialismus.

Ich glaube nicht, dass ich Sergej versuchte, vom Gegenteil zu überzeugen, warum auch.

Der Punkt ist: Natürlich wusste ich, dass im Gulag Millionen Menschen umgekommen waren, trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, diese Verbrechen eins zu eins zu vergleichen.

Das ist nicht das Narrativ, das ich bis dahin vermittelt bekommen hatte, und so schnell rüttelt man an solchen Dingen nicht.

Doch zu Anschauungszwecken – und um Sergej gerecht zu werden – verändere ich nun das Narrativ, das ich oben wiedergegeben habe, ich verschiebe also den Rahmen.

Parallel zur Shoa spreche ich vom „absichtlich“ herbeigeführten „Hunger-Terror“ der Jahre 1932/33, bei dem 5 bis 7 Millionen Menschen verhungerten, vor allem in der Ukraine, aber auch in Kasachstan.

Also, das Narrativ lautet jetzt so:

„Im Zweiten Weltkrieg standen sich mit Deutschland und Russland zwei Länder gegenüber, in denen massenmörderische Regime herrschten, die einmalig waren in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

So waren die Nationalsozialisten von der Idee besessen, alle Juden Europas zu vernichten, sie hielten sie für den Inbegriff des Bösen. 5 Millionen Juden starben in der Shoa.

Die Bolschewisten hingegen führten einen wahnwitzigen Klassenkampf, der sich unter anderem gegen die Kulaken richtete, die sämtlich liquidiert werden sollten. 5 bis 7 Millionen Bauern starben in dem absichtlich herbeigeführten Hunger-Terrror der Jahre 1932/33.

Mit der Niederlage des Dritten Reiches im Mai 1945 endete die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, das russische Pendant wütete bis zum Tode Stalins 1953 weiter.

Albrecht und Sergej sind sich einig, dass es nie wieder eine Herrschaft des Schreckens geben darf wie in jenen Jahren.“

Nichts daran ist falsch und trotzdem klingt es ganz anders als das obige Narrativ, ich habe den Rahmen ein wenig verschoben. Die Singularität der deutschen Verbrechen ist weg, und das hat Konsequenzen für die Wahrnehmung.

Nun ein weiterer Vorschlag, wie sich der Rahmen des deutschen „Schuld-Narrativs“ verschieben ließe.

Nehmen wir an, Sergej sei aus St. Petersburg (Leningrad) gewesen und er hätte mir von der Hungerblockade seiner Stadt erzählt, die seine Eltern überlebt hätten.

Ich könnte, um Sergej gerecht zu werden, das Narrativ folgendermaßen verändern:

„Die Deutschen haben unter der Herrschaft des Nationalsozialismus die schlimmsten Verbrechen begangen.

Ihrem Rassenwahn fielen vor allem die Juden zum Opfer, die als Inkarnation des Bösen galten. Zunächst wurden ihre Geschäfte boykottiert, danach wurden sie entrechtet. Im Zweiten Weltkrieg schließlich wurden sie systematisch vernichtet. 5 Millionen Juden starben in der Shoah.

Außerdem erklärten die Nationalsozialisten die Russen zu Untermenschen. Ihr Leben galt nichts.


Nationalsozialistische Propaganda.
Valdimir Putin, geboren am 7. Oktober 1952 in Leningrad.

Das schlug sich in der Kriegsführung nieder. So heißt es bei Wikipedia über die Hungerblockade von Leningrad:

Geschätzt verloren etwa 1,1 Millionen zivile Bewohner der Stadt auf Grund der Blockade ihr Leben, etwa 90 % dieser Opfer verhungerten. Die Einschließung der Stadt durch die deutschen Truppen mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen, gilt als eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des Kriegs gegen die Sowjetunion.

Wegen dieser Verbrechen trägt die Bundesrepublik eine besondere Verantwortung für den Staat Israel, der zahlreiche Überlebende der Shoa aufgenommen hat. Aus historischem Bewusstsein heraus verbietet es sich für Deutsche, an Aktionen wie Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) teilzunehmen.

Auch gegenüber den Russen tragen die Deutschen eine besondere Verantwortung. Aus historischem Bewusstsein heraus verbietet es sich für die Bundesrepublik, sich an Wirtschaftsblockaden zu beteiligen, die Russland schweren Schaden zufügen können.“



Demnächst werde ich nun das aufschreiben, was ich schon ein paar mal angekündigt habe: Nach der Frage: „Was will die NATO?“ werde ich der Frage nachgehen: „Was will Putin?“

Die Sache zieht sich deswegen hin, weil ich mit dem, was ich hier mache, verbreitete Narrative hinterfrage. Und wenn man das glaubhaft machen will, braucht man gute Argumente, die man dazu noch belegen können sollte.

All das erfordert Arbeit.

Im Kern des Narrativs zum jetzigen Konflikt steht folgende Behauptung:

„Russland hat keinerlei Grund, sich bedroht zu fühlen. Die NATO ist ein Bündnis des Friedens, sie wollte sich gar nicht nach Osten ausdehnen, sie folgte nur dem Betteln der russischen Nachbarstaaten.“

Aus meiner Sicht ist diese Haltung äußerst merkwürdig.

Mir ist nicht klar, warum sich ein Land wie Polen oder ein Land wie Deutschland bedroht fühlen soll – ganz zu schweigen von den Vereinigten Staaten von Amerika -, Russland aber nicht.

Mal schauen, was mir sonst noch dazu einfällt.

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