Warum ich alles hinterfrage

Ein persönlicher Einschub

Demnächst folgt hier ein Artikel mit dem Titel:

„Was will Putin? Teil 1“

Der Untertitel lautet:

„Warum deutsche Meinungsführer Russland nicht verstehen können (oder wollen).“

Heute möchte ich darüber berichten, wie mich mein Studium geprägt hat und wie sich das bis heute auswirkt.

Ich habe 1987 angefangen Islamwissenschaft zu studieren, und zwar in Freiburg im Breisgau. Es war eine unglaublich schöne Zeit, aber nach drei Semestern musste ich mich leider verabschieden.


Hildastraße 62, da habe ich gewohnt. Das möblierte Mansardenzimmer kostete 160 Deutsche Mark. Klo auf halber Treppe, Dusche im Keller. Neben mir wohnte ein Junkie – ob der noch lebt??

Es war für mich unmöglich, am Schreibtisch Arabisch zu lernen, es ging nur über die Praxis. Also machte ich mich im Sommer 1988 auf nach Damaskus.

Ich blieb ein Jahr und war sehr gerne dort, obwohl das Land diktatorisch regiert wurde und in den Geheimdienstkellern Menschen schwer gefoltert wurden (bis hin zum Tod).

Alle Islamwissenschaftler:innen wussten das, und trotzdem gingen viele nach Syrien zum Arabisch-Studium, denn es gehörte – trotz allem – zu den faszinierendsten arabischen Ländern in der Region.

Wenn man will, dann verdrängt man solche Dinge.


In so einer Gasse habe ich gewohnt (Bab Touma, Damaskus).

Ein Jahr später kehrte ich nach Deutschland zurück und schrieb mich am Institut für Kultur und Geschichte des Vorderen Orients in Hamburg ein.

Zwei Ereignisse führten dazu, dass sich mein Studium auf einmal in eine Art „Verteidigungskrieg“ verwandelte.

  1. Im Jahre 1988 veröffentlichte der britische Schriftsteller Salman Rushdie den Roman „Die Satanischen Verse„. Er sei blasphemisch, sagten einige Muslime. Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini nahm das zum Anlass, um sich zu profilieren: Er rief zum Mord an dem Schriftsteller auf, denn er hätte den Propheten Muhammad beleidigt. Salman Rushdie musste Jahre lang um sein Leben fürchten.
  2. Im Sommer 1990 überfiel der Irak – personifiziert durch seinen sadistischen Präsidenten Saddam Hussein – das Nachbarland Kuwait. Die USA sammelten eine Koalition der Willigen und vertrieben die irakischen Truppen ein halbes Jahr später wieder aus Kuwait.

Eigentlich war die Sache doch klar: Einen Schriftsteller zum Tode zu verurteilen, nur weil er Blasphemisches geschrieben hat, ist nichts, was ich verharmlosen wollte. Und Saddam Hussein war ein brutales Schwein, seine Diktatur wahrscheinlich noch schlimmer als die in Syrien (in beiden Ländern herrschte die nationalistische Baath-Partei).

Trotzdem konnten sich viele Islamwissenschaftler:innen – zumindest jene in meinem Umfeld – nicht dazu durchringen, Khomeini und Saddam Hussein in aller Deutlichkeit zu verurteilen, wir wollten diesen Typen nicht die alleinige Verantwortung für Krieg und Terror geben.

Woran lag das? Es lag daran, dass in der öffentlichen wie privaten Diskussion alles Übel in den Ländern des Nahen Ostens auf „den Islam“ zurückgeführt wurde, so auch das Vorgehen Khomeinis und Saddams.

Der Islam sei gewalttätig, hieß es, er sei eine Religion des Krieges, er sei frauenverachtend, er fördere die Diktatur und sei gegen die Demokratie, er sei judenfeindlich usw. usf.

Obwohl mich der gelebte Islam, wie ich ihn in Syrien, Jordanien, in der Türkei und anderswo kennengelernt hatte, nicht besonders beindruckte, gab es für mich keinen Grund, diese Religion und die Menschen, die ihr angehörten, in dieser pauschalisierten Form zu verurteilen, zu verdammen und mit gnadenloser Kritik zu überziehen.

It was too much!!

Der Islam ist – ganz offensichtlich – ein sehr wichtiger Teil der menschlichen Zivilisation, er besteht seit 1400 Jahren und hat sich vor allem in Asien und Afrika ausgebreitet. Diese Geschichte gilt es zu beachten, natürlich aber auch die Kompliziertheiten der Gegenwart, wenn man über eine Gebilde wie „den Islam“ urteilen will.

Es ist sehr komplex und das Gegenteil von einfach.

Viele Islamwissenschaftler:inn meiner Generation machten es zu ihrer Aufgabe, das verzerrte Islambild in der Öffentlichkeit zu korrigieren: Wir entwickelten die tollsten Ideen und Methoden, um Dinge, die äußerst schwer wegzureden sind, zu relativieren und zu dekonstruieren, damit sie ihre negative Stoßkraft verlieren würden.

Ich für meinen Teil fing an, mich mit etwas zu beschäftigen, das mal als islamischer Fundamentalismus, mal als Islamismus oder als politischer Islam bezeichnet wurde (und wird).

Selbst wenn ich keinerlei Sympathien für diese Ideologie hatte, versuchte ich trotzdem zu verstehen, woher dieser Impuls kam und was die Menschen bewegte.


Islamismus und Demokratie – das passt nicht zusammen. Da war ich in meiner Analyse etwas naiv. Trotzdem finde ich meinen Ansatz bis heute nicht grundsätzlich falsch.

Vor allem aber machte ich mir Gedanken, wie man einen klugen und vernünftigen Weg finde könnte, diesen Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Ich will das an dieser Stelle nicht vertiefen.

Worum es mir geht ist Folgendes: Obwohl seit dieser Zeit viele Jahre vergangen sind, reagiere ich bis heute sehr skeptisch – wenn nicht allergisch – auf pauschalisierende Urteile über nicht-westliche Länder und Zivilisationen.

Ich würde sagen: Ich bin generell sehr skeptisch, wenn 95 Prozent aller Menschen, die in der medialen und politischen Öffentlichkeit auftreten, in die gleiche Kerbe schlagen und die restlichen 5 Prozent, die sich öffentlich äußern dürfen, als Schwurbler und Verschwörungstheoretiker abkanzeln (das ist mittlerweile Usus, egal um welches Thema es geht).

Ich will immer den Kontext wissen, ich interessiere mich dafür, was sich hinter der offensichtlichen Geschichte für Wahrheiten verbergen.

Das gilt sogar für Russland, unseren neuen Feind.

Zu meinem Bedauern muss ich feststellen, dass viele Islamwissenschaftler:innen diesen skeptischen Impuls und den Drang nach Dekonstruktion nur dann bemühen, wenn es um „den Islam“ geht.

Beim Thema Russland schalten sie ihr Gehirn aus (ist vielleicht etwas platt gesagt, aber ganz falsch ist es nicht).

Ich kenne einige – und zwar auffällig viele – Islamwissenschaftler:innen, die in den Medien arbeiten und die sich an vorderster Front an der plump russlandfeindlichen Berichterstattung beteiligen, und zwar seit Jahren.

Ferner gibt es Professoren wie Reinhard Schulze, den ich früher mal geschätzt habe, die in dieser Hinsicht den genannten Islamwissenschaftler:innen in den Medien in nichts nachstehen.


Komm mal runter…

Ich bin richtig enttäuscht.

Aber macht nichts. Ich habe mir angewöhnt, aus allen Dingen, die das Leben mit sich bringt, etwas zu lernen.

Der Grund für die Russlandfeindlichkeit vieler Islamwissenschaftler:innen scheint mir im übrigen am Syrienkrieg zu liegen, in dem die russische Armee eine wichtige Rolle spielt(e).

Sie hat Assad den Arsch gerettet, als der IS im Sommer 2015 drauf und dran war, Damaskus zu erobern.


Nicht alle Syrer hatten Lust, sich vom IS die Kehle aufschlitzen zu lassen.

Der damalige amerikanische Außenminister John Kerry sagte zu dieser Episode ein Jahr später (er bezeichnet den IS als Daesh bzw. ISIL):

Wir beobachteten das Ganze, wir sahen, dass Daesh an Stärke zunahm und uns war klar, dass Assad bedroht war (..) Der Grund, warum Russland reinkam, war, dass ISIL stärker wurde. Daesh drohte damit, irgendwann Damaskus einzunehmen, und deshalb kam Russland rein, weil sie keine Daesh-Regierung wollten und Assad unterstützten.

Ich habe im Jahre 2013/2014 angefangen, mich mit verdeckter Kriegsführung zu beschäftigen, mit den Methoden von Geheimdiensten und ganz allgemein mit Propaganda.

Seitdem ist es für mich unmöglich, dem simplifizierten Narrativ zum Krieg in Syrien, das maßgeblich von Islamwissenschaftler:innen mitgeprägt wurde, zu folgen.


Was ist los mit Dir?

Dieses Narrativ ist voller Ungenauigkeiten, Auslassungen und Verzerrungen. In seiner Gesamtheit ist dieses Narrativ eine Lüge, weil es nämlich – entgegen jeder Faktenlage – die alleinige Schuld an diesem Krieg und seinen Grausamkeiten Bashar al-Assad und Russland in die Schuhe schiebt.

Etwas Ähnliches entwickelt sich gerade live vor unseren Augen in der Ukraine.

Schauen wir, wie es weitergeht.

Zum Schluss stelle ich das Exposé eines Vortrags hier rein, den ich gerne beim Deutschen Orientalistentag (DOT) im September 2022 in Berlin halten würde.

Ich habe ihn als Vorschlag eingereicht:

Was ist aus der Kritik am Schwert des „Experten“ geworden? Die Islamwissenschaft und ihre Rolle in den deutschen Medien

von Albrecht Metzger, freier Journalist, Germany

Im Zuge des Golfkriegs 1991 meldeten sich erstmals Islamwissenschafterinnen deutlich und kritisch zu Wort über die Islam-Berichterstattung in deutschen Medien. Oft werde ein verzerrtes bzw. einseitiges Bild von dieser Religion und ihrer Anhänger gezeichnet, so die Kritik – der Fokus läge auf Gewaltaspekten.

Ein Problem sei, dass es zu wenig Islamwissenschafterinnen in den Medien gebe. Alte Haudegen wie Peter Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann seien nicht mit dem nötigen Fachwissen ausgestattet und pflegten einen kolonialistischen Blick auf die Region. (Vgl. Klemm, Verena,/Hörner, Karin (Hrsg.), Das Schwert des „Experten“: Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild, Heidelberg 1993.)


Immerhin war er kein Russlandfeind, das ist schon mal was.

Dreißig Jahre später hat sich die Lage vollständig verändert: Mittlerweile sind viele Islamwissenschafterinnen, Turkologen und Iranisten in den Medien tätig, teilweise an exponierter Stelle und in gehobenen Positionen. Die Art, wie sie über die islamisch geprägte Welt berichten, hat sich mit Sicherheit verändert.

Aber sind mit solchem Fachwissen ausgestattete Journalisten tatsächlich immer in der Lage (oder auch nur willens), sich gegen stereotype Narrative zu stellen, wenn sie sich erstmal etabliert haben? Am Beispiel der Berichterstattung zum Krieg in Syrien (2011-) möchte ich dieser Frage nachgehen.

Meine These lautet (und ich formuliere sie bewusst provokant): Selbst und gerade Journalisten mit islamwissenschaftlichem Hintergrund haben in diesem Konflikt versagt. Das Bild, das sie zeichneten (und immer noch zeichnen) ist ähnlich stereotyp und undifferenziert wie dasjenige, das einst Peter Scholl-Latour zeichnete – nur in anderer Weise.

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