Neustart mit Rückblick, Teil 1

Was bisher geschah…

Im April 2020 habe ich diesen Blog gestartet, alles war sehr ambitioniert.

Ich wollte die „Tiefenstrukturen der Macht“ analysieren und sagte mir: Nichts leichter als das!

Die Kategorien waren erstellt, es konnte losgehen:

Klingt ja sehr kultiviert.

Doch dann kam Corona.

Ich hätte das Thema ignorieren sollen, denn von Viren habe ich keine Ahnung. Aber alle anderen sprachen jeden Tag – und dann den ganzen – davon, keiner konnte sich dem Sog vom Coronadialog entziehen.

So verpulverte ich meine Energie in den sozialen Medien und steckte gelegentlich richtig Prügel ein; denn nicht immer war ich auf Linie.

Masken, so sagte mir eine Ärztin im Mai 2020, könnten dem Immunsystem auch schaden, was sich jetzt zu bestätigen scheint.

Mittlerweile hat sich meine Einstellung zu Corona geändert.

Ich möchte endlich, dass die gesellschaftliche Polarisierung aufhört und weiß es zu schätzen, dass Forscherinnen, die an jeder Ecke gefährliche „Verschwörungstheoretiker“ am Werke sehen, gleichfalls auf verbale Abrüstung setzen, siehe hier (22. November 2021):

Katharina Nocun forscht über Verschwörungstheorien und versucht trotzdem, den Groll ihrer Follower gegen ungeimpfte Verschwörungstheoretiker zu zähmen.

Ich habe mich einzig aus Solidarität impfen lassen, tatsächlich glaube ich nämlich, dass mein Immunsystem resistent genug ist.

Es gibt Menschen wie mich, die jeden Tag Yoga machen und lange Rolltreppen hochlaufen und deswegen fast nie erkranken (außer in der Birne, dazu später mehr).

Wie dem auch sei.

Neben dem Corona-Desaster gab es einen zweiten, für mich persönlich gravierenderen Grund, warum ich die Aktivitäten auf diesem Blog einstellte.

Deswegen werde ich ihn jetzt in aller Ausführlichkeit referieren.

Es geht um ein Radio-Feature, in das ich viel Herzblut gesteckt hatte, das aber in letzter Minute abgesetzt wurde.

Es war nicht das erste Mal, dass kurz vor Zieleinlauf ein für mich wichtiges Werk aus möglicherweise politischen Gründen den Weg in den Mülleimer fand.


Eigentlich ist es kein Verdacht, sondern ein Fakt, aber was soll´s…

Dieser Fall wog schwerer als die anderen und stellte eine Zäsur für mich dar. Er spornte mich dazu an, endgültig einen eigenen Weg als Wissenschaftler und Journalist zu suchen.

Gleichzeitig handelt es sich um ein interessantes Beispiel, wie deutsche Medien mit schwierigen Themen umgehen und wie es ihnen – in meinem Fall mehr schlecht als recht – gelingt, sie im Nichts verschwinden zu lassen.

Diesen subtilen Vorgang, bei dem es eben nicht um bewusstes Lügen geht, sondern um eine unausgesprochene Zensur, die von selbst funktioniert, gilt es zu analysieren.

Die Erfahrung war schmerzlich, aber ich erlangte viele neue Erkenntnisse, die ich in fünf Teilen aufgeschrieben habe.

Heute kommt Teil 1, später folgen vier weitere – und dann langt es aber auch mit der Nabelschau!

Hier der vorläufige Fahrplan:

  • 6. Dezember 2021

Neustart mit Rückblick, Teil 2 – Chronik eines Amoklaufs

  • 17. Januar 2022

Mein Feature und seine Quellen, Teil 1 – Israel ohne Welpenschutz

Update (3.12.2021): Es kommt etwas anderes, als viele wahrscheinlich erwarten..

  • 24. Januar 2022

Mein Feature und seine Quellen, Teil 2 – Der ISIS und die USA

  • 31. Januar 2022

Der NDR als Symptom unserer Zeit – Ein Sender in Auflösung

***

Die Geschichte wird spannend, das kann ich versprechen, auch wenn Journalisten bei den Überschriften gerne übertreiben…

Ziel der Serie ist es, meinen ramponierten Ruf als scharfsinniger Beobachter des Zeitgenössischen zu rehabilitieren, damit ich anschließend voll durchstarten kann.

Es war einmal ein Mann…

Alles begann im Jahre 2019 n. Chr.

Ein Mann – nämlich ich – saß am Schreibtisch und sortierte die Interviews, die er in den vergangenen Jahrzehnten mit diversen Islamisten und ihren Kritikern geführt hatte. Er brauchte Kohle und wollte diesen Schatz vergolden.

Tatsächlich hatte ich seit langem die Idee, mein altes O-Tonmaterial in einem Radiofeature neu zu betrachten.

Manche der Gespräche haben historischen Wert:

Nicht wenige der Befragten sind in der Zwischenzeit durch Drohnen und andere Tötungsgeräte ermordet worden oder eine Krankheit beendete frühzeitig ihr Leben; weitere Interviewpartner sind für immer hinter Schloss und Riegel und werden so schnell kein Mikrofon mehr sehen.

Das Leben als Islamist ist kein Zuckerschlecken und ihre Kritiker müssen auch auf der Hut sein.

Abgesehen von den wertvollen Aufnahmen hatte ich in den vergangenen Jahren angefangen, den Islamismus und seine Hintergründe mit völlig anderen Augen zu betrachten.

Mich trieb also nicht nur Geldnot an, sondern auch die Gewissheit, alles durchschaut zu haben. Das wollte ich den Bundesbürgern übers Radio mitteilen.


Dschihadisten wie Omar Bakri schleusten seit 2011 Kämpfer nach Syrien ein.

Während ich nämlich früher glaubte, der Westen betrachte Leute vom Schlage al-Qaidas als seine Feinde, so muss ich heute sagen, dass es jenseits der Meere Geheimdienste gibt, die ganz gerne mit diesen Typen kooperieren.

Die Geopolitik treibt´s rein.

Ein Beispiel ist der so genannte „Tottenham Ayatollah“, den ich im Dezember 2000 in London traf und einen lustigen Kerl fand. Sein wirklicher Name ist Omar Bakri Mohammed, seine inzwischen verbotene Organisation nannte sich al-Muhajiroun.

Irgendwann wurde mir klar: Der ist gar nicht so witzig ist und die jungen Männer, die er zu Dschihadisten abgerichtet hatte, landeten tatsächlich im Kosovo und anderen Konfliktzonen.

Er selbst bezeichnete seine Kommunikationsorgane als „Mund, Augen und Ohren“ Osama bin Ladens.

Mit anderen Worten: Er war ein Sprecher al-Qaidas in London.

Damit nicht genug: In all diesen Jahren war der Ayatollah aus Tottenham offensichtlich ein Informant britischer Geheimdienste (und keinesfalls der einzige aus dem Milieu).

Zwei Tage nach den katastrophalen Anschlägen von Washington und New York (September 2001) rief ich ihn an und fragte ihn nach seiner Meinung. Er sagte, ab nun sei niemand mehr im Westen sicher, überall könnten Anschläge stattfinden – im Zug oder in der U-Bahn.

Im April 2004 wiederholte er diese fast prophetischen Worte: Die englische Hauptstadt sei bald dran, warnte er.


Ein Transkript des Interviews mit John Loftus auf FOX News findet sich hier.

John Loftus, ein früherer Ermittler im US-Justizministerium, behauptete am 29. Juli 2005 auf FOX News, der mutmaßliche Anführer der U-Bahnanschläge von London am 7. Tag desselben Monats sei ein Mitglied von al-Muhajiroun und werde vom MI6 gedeckt:

„He´s a double agent.“

Na sowas.

Erwähnenswert ist zudem, dass Omar Bakri im Januar 2012 als erster verkündete, al-Qaida werde nun in Syrien mit Selbstmordattacken beginnen (was dann auch geschah).

Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits im libanesischen Exil. Ob die Kontakte zu britischen Geheimdiensten deswegen abgebrochen sind, scheint mir fraglich – zumal er seinem Nachfolger in London weiter Ratschläge erteilte.

Diesen Nachfolger – sein Name ist Anjem Choudary – interviewte ich im Sommer 2012.

Ich wollte ihn mit einer Statistik in die Enge treiben, die seine Organisation als gewaltbereit erscheinen ließ. Aber das kratzte ihn gar nicht.

Hier die entscheidende Passage in meiner Radiosendung für den Deutschlandfunk:

Im September 2016 wurde Anjem Choudary zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er Kämpfer für den ISIS rekrutiert hatte. Die Polizei geht davon aus, dass er mit 500 bis 850 britischen Syrienfahrern in Kontakt stand.

Ein Ermittler, der ihn oft im Visier hatte, aber stets vom Inlandsgeheimdienst MI5 zurückgepfiffen wurde, sagte dem Daily Telegraph voller Empörung:

Einen ersten vorsichtigen Versuch, das etwas sensible Thema „Terroristen und ihre westlichen Busenfreunde“ einem deutschen Publikum näher zu bringen, unternahm ich 2015.

Jetzt sollte die große Nummer folgen.


Ich war baff und erfreut, dass der NDR – der immerhin die offiziöse Tagesschau produziert – mein Exposé für realisierbar hielt.

Im November 2019 schickte ich dem NDR – für den ich seit 2002 immer wieder gearbeitet hatte – ein Exposé, in dem ich vorschlug, in diesen Sumpf einzutauchen.

Zu meiner Überraschung stimmte der Sender zu.

Mein Freund Benno Köpfer, ein Islamwissenschaftler und Verfassungsschützer der frühen Stunde, erklärte sich bereit, bei laufendem Mikrofon mit mir über die gemeinsame Vergangenheit zu reden.

Er war dabei, als ich 1991 im Jemen das erste Mal einem Muslimbruder die Hand schüttelte.


Bevor ich den ersten richtigen Extremisten traf, trainierte ich mir jahrelang Mut an (Kairo, 1991).

Für den weiteren Verlauf der Geschichte ist folgendes wichtig zu wissen: Mein Exposé konzentrierte sich auf Syrien – was unschwer nachzulesen ist – , alles was später dazu kam, entwickelte sich aus dem Dialog mit den Redakteuren.

Über Jahre hatte ich Material zum Krieg in Syrien gesammelt, aus dem zweifelsfrei hervorgeht, dass die USA genau wussten, was sie taten, als sie internationalen Dschihadisten im Laufe des Jahres 2012 alle Möglichkeiten gaben, diesen Schauplatz zu ihrem neuen Afghanistan zu machen.

Die beiden Redakteure, mit denen ich über den Aufbau der Geschichte verhandelte, wünschten sich darüber hinaus einen Bezug zu Deutschland.

Sie selbst kamen auf die Idee, den Anschlag vom Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 zusätzlich zum Thema zu machen.

Das überraschte mich. Denn es ist ein sehr sensibler Stoff – zumindest, wenn man ihn unter dem Aspekt „Islamisten/Dschihadisten als Partner westlicher Geheimdienste“ betrachtet. Und das war schließlich das Anliegen meines Features.

Trotzdem stimmte ich zu, ich fand es sogar äußerst spannend!


Der Brief des NDR, den ich meinen Interviewanfragen an Behörden beilegte, die mit dem Fall Amri zu tun hatten. Wirkliches Interesse mit mir zu reden zeigte einzig Hans-George Maaßen, von 2012 bis 2018 Scheff des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Es gibt genügend Gründe, alles kritisch zu hinterfragen, was über diesen undurchsichtigen Terroranschlag an die Öffentlichkeit gelangt ist – auch und gerade die Rolle (internationaler) Geheimdienste betreffend.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich die Redakteure der Brisanz wirklich bewusst waren. Der in diesen Dingen weniger Erfahrene von beiden jedenfalls fand es vollkommen normal, dass man als Journalist versucht, Licht ins Dunkel solcher Dinge zu bringen.

Ich meldete leise Zweifel an…

Ungeachtet dessen trug ich ganz interessantes Material zusammen. So hatte ich die Möglichkeit, Einblick in Dokumente zu nehmen, die nicht für die Augen eines Investigativreporters gedacht waren.



Bei einem Dreiertreffen begutachteten wir alles, Joachim Dicks – der das Projekt im Sommer 2020 federführend übernahm – äußerte zumindest dem Anschein nach keine Bedenken.

Zu ihm möchte ich nun ein paar Worte sagen.

Zunächst eine Anmerkung: Es ist nicht alltäglich, die Hintergründe journalistischer Recherchen offenzulegen und dann auch noch Namen zu nennen. Diese Dinge sind vertraulich, wie soll man sich sonst auf eine Zusammenarbeit mit einem Autor einlassen?

Allerdings ist das hier ein Sonderfall: Wie wir sehen werden, hat sich der NDR mir gegenüber nicht nur unkollegial verhalten hat, sondern er hat mir ausdrücklich geschadet.

Noch deutlicher gesagt: Er hat mir Unrecht getan.

Auf diese Politik reagierte ich mit einem sehr ungewöhnlichen Verhalten, das erklärungsbedürftig ist.


Ich habe gerne mit ihm zusammengearbeitet, dann attackierte ich ihn schwer. Später tat es mir leid.

Dazu musss ich aber Ross und Reiter nennen, denn bliebe alles anonym, wäre die Erzählung schwer zu vermitteln.

Der NDR wird mich eh nicht mehr engagieren, das ist so sicher wie der Novemberregen in Hamburg.

Also: Kommen wir zu Joachim Dicks.

Ich erlebte ihn als sensiblen und klugen Menschen, der gleichwohl passiv aggressives Verhalten an den Tag legen konnte.

Wie mir erst im Nachhinein klar wurde, war er nicht nur ein erfahrener, sondern ein offensichtlich bundesweit anerkannter Feature-Redakteur. Das lässt sich zum Beispiel daran ablesen, dass er alleine drei der renommierten ARD-Radiofeatures betreute.

Ich hatte es also nicht mit einem heurigen Hasen zu tun. Ein Kollege von mir, der ihn kennt, sagte, Joachim Dicks könne sehr gut abschätzen, was man im öffentlich-rechtlichen Radio senden könne und was nicht.

Ungeachtet dessen hatte ich während der späteren Produktionsphase das Gefühl, dass Joachim Dicks nicht immer ganz wohl war bei dem Gedanken, als Redakteur für dieses Feature über Terrorismus und Geheimdienste am Ende gerade stehen zu müssen.

Ein Tiefschlag am Nachmittag

Zwischendurch ging er recht offen mit seinen Bedenken um, was mir gefiel. Zum Schluss aber wurden mir seine Versuche, den Inhalt zu entschärfen, zu viel. Ich musste mich gelegentlich am Riemen reißen, um nicht unwirsch zu werden.

Doch der Reihe nach.

In den ersten Monaten des Jahres 2020 führte ich diverse Interviews in Berlin, Bielefeld, Hannover, Düsseldorf, Köln, Stuttgart und Zürich. Die Sache war einigermaßen aufwändig.

Außerdem sortierte ich mein Material, das ich zum Dschihad in Syrien und Libyen gesammelt hatte. Daraus schmiedete ich ein Manuskript, das ich im August an Joachim Dicks schickte, mit folgendem Titel:


Wer Zeit und Lust, kann sich das Manuskript durchlesen, das alternative Magazin Free21 hat es später abgedruckt.

(Hier eine bösartig einseitige Beschreibung des Magazins. Ich schlage vor, dass sich jede Leserin ein eigenes Bild macht. Mir gefällt die Politik von Free21 nicht immer, aber die Ausgabe, in der ich vorkam, lohnt sich allemal. Empfehlen möchte ich ausdrücklich den Artikel des norwegischen Friedensforschers Ola Tunander.)

Ich war mächtig stolz auf das Produkt, hörte aber lange Zeit nichts vom NDR. Deswegen fuhr ich nach Hannover, um die Sache persönlich zu besprechen.

Es war ein sonnendurchfluteter Septembernachmittag, wir saßen im Garten des NDR-Geländes am Rande des Maschsees und Joachim Dicks verlor kein gutes Wort über mein Manuskript.

Das war ein echter Tiefschlag, auf den ich nicht vorbereitet war.


Unweit des Maschsees seifte mich Joachim Dicks ein. Anders gesagt: Ich ging baden.

Aber die Punkte, die er vortrug waren nachvollziehbar, sie betrafen sowohl Stil wie Inhalt.

Er sagte, ihm sei es wichtig, dass die Quellen für sich selbst sprächen, ich würde zu viel kommentierend eingreifen. Die Zuhörer müssten die Chance bekommen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Das leuchtete mir ein.

Außerdem war ihm der Text zu hart. Er bat mich um „Verwässerung“, es sei besser, bei solch kontroversen Themen in „homöopathischen“ Dosen vorzugehen, statt die Zuhörer mit dem Holzhammer zu erschlagen (es sind alles meine Worte, bis auf die in Anführungsstrichen).

Auch das konnte ich verstehen. Es war ungewöhnlich genug, dass der NDR dieses Thema aufgriff.

Das Spiel mit Tatsachen und Fiktion

Ferner bat er mich darum, über das Phänomen „Verschwörungstheorie“ zu reden, ich sollte bei Fachleuten nachfragen, wie sie meine Quellen einordneten.

Er schlug Michael Butter vor, Professor für amerikanische Literatur in Tübingen und ein großer Verschwörungsexperte.

Vom Stil her war Joachim Dicks das Manuskript zu wissenschaftlich und zu wenig künstlerisch, ihn störten die vielen Zeitungstexte, die ich zitierte, statt Musik, Atmosphäre und O-Töne sprechen zu lassen.

Einem erfahrenen Feature-Redakteur konnte ich in dieser Sache kaum widersprechen, also unterließ ich es.

Im Wikipedia-Eintrag steht – bezugnehmend auf Autoritäten des Genres – folgende Definition, die Joachim Dicks wohl recht gibt:

Das Feature lässt sich nicht streng definieren, denn es gibt vom Originalton-Feature, das im Wesentlichen aus Reportagen und Interviews besteht, bis zur Dokumentation, die auf Archivmaterial basiert, viele Spielarten.

Praktisch ist es ein Sammelbegriff für akustische Ausdrucksformen zur Übermittlung und Vertiefung von Information.

Die Übergänge zum Hörspiel sind fließend. Beim Feature überwiegen in der Regel die Tatsachen, beim Hörspiel die Fiktion. Jedoch enthalten viele Hörspiele dokumentarische und viele Features fiktive Elemente. Das Feature steht also im Spannungsfeld zwischen Information und ihrer künstlerischen Gestaltung.

Radio-Feature (Wikipedia)

Zum Schluss forderte Joachim Dicks vollkommen zurecht eine weitere Sache ein: Er sagte, es sei abgemacht gewesen, dass ich stärker in den Dialog mit Benno Köpfer gehen sollte, meinem Freund vom Verfassungsschutz in Stuttgart.

Dieser Dialog sollte atmosphärisch und akustisch untermauert sein, zum Beispiel dadurch, dass wir uns gemeinsam Clips aus dem Nahen Osten anschauten und darüber reden würden, während im Hintergrund der Sound läuft.

Tatsächlich hatten wir das abgemacht, mir war es aber nicht gelungen, das entsprechend in Szene zu setzen.


In diesem Buch lässt Benno die Katze aus dem Sack. Lest es Euch durch!

Wichtiger noch: Ich sollte Benno Köpfer stärker dazu bringen, sich inhaltlich zu äußern, er sollte die Thesen, die ich aufstellte, ausdrücklicher einordnen und möglicherweise bestätigen.

Der Sinn der Sache war natürlich klar: Wenn der NDR einen Autor darüber sinnieren lässt, ob westliche Geheimdienste mit Terroristen kooperieren, dann muss er sich von dritter Seite absichern. Benno Köpfer sollte diese Funktion übernehmen.

Das ist verständlich.

„Abgeschottet und öffentlichkeitsscheu“

Aber ich sagte von vornherein, dass Benno Köpfer meiner These niemals zustimmen könnte, selbst wenn er sie für plausibel hielte (wovon ich nicht ausgehe). Dafür ist die Bundesrepublik viel zu abhängig genau von jenen Geheimdiensten, die Thema meines Features sein sollten (CIA, MI6 + MI5).

Wie dem auch sei. Ich fragte bei Benno nach und er zeigte sich bereit, ein zweites Mal mit mir zu reden.

Wenn man bedenkt, dass die ZEIT die deutschen „Inlandsgeheimdienste“ als „öffentlichkeitsscheu“ bezeichnet und ihnen eine „abgeschottete Arbeitsweise“ attestiert, ist das alles andere als selbstverständlich.

Allein dieser Zugang hat, wie ich finde, einen gewissen Exklusivitätscharakter und lässt sich in solch einer Geschichte gut „verkaufen“.

Ich machte mich also erneut auf die Socken, ich fuhr nach Stuttgart, Tübingen, Freiburg und wieder nach Berlin.


Weiter, weiter, immer weiter!

Erwähnen möchte ich, dass ich diese zusätzlichen Recherchen aus der eigenen Tasche bezahlte, ganz abgesehen von dem enormen Zeitaufwand. Der NDR sieht für solche Features ein Reisehonorar von 200 Euro vor, das in meinem Fall auf sensationelle 300 erhöht wurde.

Was ich damit sagen will: Ein Feature ist nicht in erster Linie ein ökonomisches Unterfangen, es geht den Autoren oft um die Sache, sie stecken viel Herzblut rein.

Eine Feature-Redakteurin eines anderen ARD-Senders sagte ganz offen zu mir, dass die Arbeit an solchen Sendungen einer Art Selbstausbeutung gleichkommt (was sie selber nicht gut fand).

Als Gegenleistung erhält man ein sauber produziertes Radiostück, das im Idealfall ein kleines Kunstwerk ist und an dem man sich für lange Zeit erfreuen kann. Es ist zudem eine sehr gute Referenz – für einen freien Autor eine nicht zu unterschätzende Ressource.

Ich betone das deshalb, weil mir – wie wir im zweiten Teil sehen werden – der Kragen so richtig platzte, als der NDR mein Feature nonchalant absetzte, ohne mich vorher zu informieren.

Ich fühlte mich schlichtweg verarscht, und sowas kann ich nicht leiden.

Aber ich greife vor. Bleiben wir zunächst bei der Recherche.

Weil ich mich bei dem Thema „Verschwörungstheorie“ nicht allein auf den großen Verschwörungsexperten Michael Butter verlassen wollte, suchte ich in meiner Bibliothek nach entsprechender Literatur.

Ich entdeckte dieses Buch, das ich vor Jahren durchgeblättert hatte:

Eines der wenigen wissenschaftlich fundierten Werke zum Thema Verschwörungstheorie.

Alleine die Kapitelüberschriften bringen den Kopf zum Rauchen:


Andreas Anton ist aber ein sehr umgänglicher Typ, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg arbeitet. Bei Wikipedia steht:

Die Aufgaben des IGPP liegen in der interdisziplinären Erforschung von Phänomenen wie außersinnlicher Wahrnehmung, Veränderung von Bewusstseinszuständen, Psychokinese u. a.

Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (Wikipedia)

Das ist genau mein Ding!

Zwischen 2009 und 2010 war ich nämlich zwei mal in der Psychiatrie, zuerst hieß die Diagnose bipolare Störung, dann paranoide Schizophrenie.

Das klingt natürlich wahnsinnig wahnsinnig, für mich waren es aber interessante Erfahrungen, die beim zweiten Mal direkt mit einer Recherche im Islamistenmilieu zu tun hatten.

Also beschloss ich, die Sache im Gespräch mit Andreas Anton aufzubringen.

Der war ganz angetan, ein Reporter, der ein wandelndes Forschungsobjekt darstellt, ist ihm wahrscheinlich noch nicht untergekommen.

Er sagte Sachen, die ich gut verwenden konnte und auch Michael Butter leistete ganze Arbeit: Er brauchte gerade mal 10 Minuten (länger dauerte das Interview nicht), um sich fachlich selbst zu demontieren.


„Blühende Phantasien“ (Fresco). Frühwerke A. Metzger.

Auf Details werde ich im vierten Teil dieser Serie eingehen:

  • 24. Januar 2022

Mein Feature und seine Quellen, Teil 2 – Der ISIS und die USA

***

Ich schrieb das Manuskript größtenteils neu und war (wie immer) von mir begeistert.

Auch Joachim Dicks gefiel der Text und besonders eine Passage, in der ich darüber nachdachte, warum ich lange Zeit übersehen hatte, dass Geheimdienste offensichtlich gerne mit islamischen Extremisten kooperieren:

Der literarisch bewanderte Redakteur sagte, der plötzliche Schwenk von der Normalität ins Psychiatrische sei literarisch interessant.

Was sollte jetzt noch schiefgehen?


Ich kenne einen Redakteur im deutschen Mainstream, der waschechter Verschwörungstheoretiker ist. Arbeitet er vielleicht bei der Quick?

Trotzdem wollte ich die Lage ausloten und schickte das Manuskript an einen Freund, der Redakteur in einem nicht unbedeutenden Qualitätsmedium ist.

Er ist der einzige Journalist den ich kenne, der mitten im Mainstream hockt und trotzdem weiß, dass das Geschwafel von allgegenwärtigen „Verschwörungstheorien“ letztlich ein Ablenkungsmanöver ist, das auf eine PSYOP der CIA aus den späten sechziger Jahren zurückgeht.

(Was nicht heißen soll, dass destruktives Verschwörungsgerede keine fatale Wirkung haben kann. Ich werde irgendwann einen konkreten Fall anonymisiert erzählen.)

Früher war dieser Redakteur ganz normal.

Eines Tages beschloss er, die kritische wissenschaftliche Literatur zu den katastrophalen Anschlägen von New York und Washington aus dem Jahre 2001 unvoreingenommen anzuschauen, statt alles präventiv als „Verschwörungstheorie“ abzutun, wie es unter neugierigen Qualitätsjournalisten sonst üblich ist (hier eins von 50.000 Beispielen).


Wer der englischen Wissenschaftssprache mächtig ist….
…sollte diese Artikel lesen und danach…
..diesen Artikel über jenes Buch.

Seitdem sieht der einstmals brave Mann die Welt mit anderen Augen, er muss sich aber zurückhalten, sonst kann er seinen Dschob wohl an den Nagel hängen.

Er las sich mein Manuskript durch und schrieb:

Wenn der NDR dein Feature wirklich sendet, wäre das ja eine Sensation.

Du exponierst dich natürlich sehr, das bietet natürlich Angriffsfläche, kann aber vielleicht auch entwaffnend wirken.

Man müsste einmal die psychischen Defizite der Verschwörungstheorie-Gegner untersuchen, die glauben, dass in unserer offenen Gesellschaft alles mit rechten Dingen zugeht, das wäre sicher ein lohnendes Unterfangen.

Mainstream-Redakteur an Metzger, November 2020

Je näher der Produktionstermin rückte, umso mehr bekam ich den Eindruck, Joachim Dicks sei darum bemüht, das Manuskript weiter zu entschärfen, ohne es mich merken zu lassen.

Recht spät fing er mit der Redigatur an und markierte seine Änderungen nicht, was es mühsam machte, sie nachzuvollziehen.

Manche Veränderungswünsche fand ich absurd. So hatte ich in Bezug auf den Fall Amri folgenden Satz geschrieben (ich zitiere aus dem Kopf):

„Die Bundesregierung hält weiter an der Einzeltäterthese fest. Das ist nachweislich falsch.“

Joachm Dicks sagte, man könne nicht von „der Bundesregierung“ reden, die einzelnen Ministerien würden den Fall möglicherweise unterschiedlich bewerten.

Aber wenn ein Grünenpolitiker das macht, warum sollte ich es dann unterlassen?

„Wie gefährlich das Schweigen für Maaßen noch werden kann“, Der Tagesspiegel, 30.8.2018.

Diese Haarspalterei raubte mir die Nerven, ich hatte keine Lust mehr auf weitere „Verwässerungen“. Trotzdem gab ich nach.

Ein zweites, bedeutsameres Beispiel möchte ich etwas genauer erzählen.

Mir ist klar, dass Hans-Georg Maaßen mittlerweile als rechtsradikaler Neonazifaschist verschrien ist. Unabhängig davon fand ich es gut, dass er bereit war, sich von mir interviewen zu lassen.

In dem Brief, den ich ihm schrieb, erwähnte ich ausdrücklich die Causa Amri, er hätte also guten Grund gehabt, sich zu entschuldigen, wie es zum Beispiel Thomas de Maizière tat, der im Dezember 2016 Innenminister war.

Ich ging die Sache beim Interview vorsichtig an, zu viele kritische Fragen, so meine Befürchtung, würden ihn zum Schweigen bringen.

Eine Frage wollte ich ihm aber unbedingt stellen: Hielt er es für möglich, dass die CIA Anis Amri deckte, wie es der Grünenpolitiker Hans-Christian Ströbele vermutet?


Klingt nach übler Schwurbelei. Es liegt aber am Transkriptionsprogramm, das mein Stottern nicht richtig erfassen konnte – im Gegensatz zu Maaßens deutlichen, wengleich zweideutigen Worten (Interview Hans-Georg Maaßen, Juni 2020).

Mehr noch, könnte es tatsächlich sein, dass CIA und „andere Nachrichtendienste“ (Mossad, aber pssst!) ein Interesse daran gehabt haben konnten, dass in Deutschland endlich mal ein Anschlag stattfand, um den Leuten klar zu machen:

„Auch ihr seid direkt vom Terror bedroht, wir haben euch gewarnt. Kommt endlich mit ins Boot!“

Umständlich fabulierte ich herum und stellte mir selbst die Frage, ob „andere Nachrichtendienste“ ihren deutschen Kollegen vielleicht sogar Informationen vorenthalten könnten, damit so ein Anschlag gelingen würde.

Dann kam endlich die Frage:

„Ist das vollkommen abwegig, dass westliche Geheimdienste sowas überhaupt machen können?“

Allein darauf zu kommen, ist ungeheuerlich. Manche Dinge denkt man nicht mal, geschweige denn, dass man sie ausspricht…

Normalwerweise hätte Hans-Georg Maaßen so antworten müssen:

„Was fällt Ihnen ein, mir so eine Frage zu stellen? Natürlich ist das vollkommen abwegig. Die USA und Israel sind unsere engsten Verbündeten! Ich möchte mal wissen, was für ein Kraut Sie rauchen. Das Interview ist hiermit beendet.“



Stattdessen sagte er:

„Dazu möchte ich gar nichts sagen, das wäre reine Spekulation.“

Mir gefiel die Antwort, es war ein O-Ton, mit dem ich journalistisch arbeiten konnte, aus folgender Logik heraus:

Wenn Hans-Georg Maaßen auf die Frage mit einem klaren „Ja“ hätte antworten können, dann sah ich keinen Grund, warum er es nicht hätte tun sollen.

Wenn er aber nicht mit einem klaren Ja antworten konnte (oder wollte..), darf man vermuten, dass er auch „Nein“ hätte sagen können.

Klingt kompliziert, aber nach meiner Logik lautete seine Botschaft: „Lassen Sie mich mit dem Thema in Ruhe, es ist mir unangenehm.“

So gesehen ist es ein zitierwürdiger, weil aussagekräftiger O-Ton, jedenfalls wenn er aus dem Munde eines ehemaligen Scheffs der höchsten deutschen Verfassungsschutzbehörde kommt.

Slapstick statt Klartext

Diese Leute haben viel zu verbergen und müssen permanent überlegen, was sie wie sagen.

Gelegentlich müssen sie lügen, sonst hätten sie in dem Amt nichts verloren. Offensichtlich wollen sie es aber nicht ständig tun und wählen deswegen Zwischenwege.

Subtile Andeutungen – wie in diesem Fall – können im nachrichtendienstlichen Kontext eine größere Brisanz haben, als wenn sie aus dem Munde eines Ärztekammerscheffs kommen.

Offensichtlich hatte Joachim Dicks das auch verstanden und wollte partout vermeiden, dass Frage und Antwort in dieser Klarheit nacheinander zu hören waren.

Stattdessen baute er den Satz von Hans-Georg Maaßen wie in einer Art Slapsticknummer an verschiedenen Stellen ein, stets als Antwort auf Punkte, die Hans-Christian Ströbele vortrug.

Bei einem Feature ist das offensichtlich erlaubt.

Ich gebe zu: Das hatte was, kam aber, wenn man es genau nimmt, einer leichten Realitäsverzerrung gleich, weil Maaßens Satz in Zusammenhänge gestellt wurde, die mit ihm – dem Satz – nichts zu tun hatten.

Ein Beispiel:

Diesen speziellen O-Ton von Hans-Georg Maaßen in spielerischer Weise aus dem Zusammenhang zu reißen, kam einer weiteren Verwässerung meines Manuskripts gleich.

Aber irgendwie tat mir Joachim Dicks auf einmal leid.

Ich hatte den Eindruck, ihm sei unwohl bei der ganzen Geschichte geworden und er sah einen Shitstorm auf sich zukommen. Nebenbei hatte er angemerkt, dass mit Reaktionen aus dem Netz zu rechnen sei.

Wenn mein Eindruck stimmte, dann waren die fortlaufenden Verwässungsmaßnahmen nur verzweifelte Versuche, das scheinbar Unvermeidliche abzuwenden.

Am 18. November setzte ich mich spontan an den Rechner und schrieb folgende Nachricht:

Lieber Joachim,

ich bin ab jetzt bis morgen früh in Klausur und werde eine endgültige Fassung erstellen, versehen mit Fußnoten und sämtlichen Übersetzungen. Im Laufe des Tages werden die grob geschnittenen O-Töne folgen.

Mach Dir keine Sorgen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten:

1. Dir gefällt der Text und wir produzieren am 30. November.

2. Der Text bereitet Dir Bauchschmerzen, weil er dem NDR und vor allem Dir schaden könnte. In dem Fall wird er nicht produziert. Die Sache wird begraben.

Ich übernehme die volle Verantwortung. Eine Begründung, die plausibel ist und Dir hilft, das Gesicht zu wahren, wird mir einfallen. Zum Beispiel: Entscheidende O-Töne sind verloren gegangen. Das ist noch nicht mal gelogen: Das Interview mit Benjamin Strasser ist auf dem Gerät, das mir abhanden gekommen ist.

Ich werde Dir dann die Begründung schriftlich (und authentisch) mitteilen, so dass du etwas in der Hand hast.

Glaub mir. Ich stehe zu meinem Wort. Ich bin ein ehrlicher Mensch. Als erste Maßnahme habe ich die Ankündigung der Sendung von meinem Blog genommen.

Mein Eindruck ist: Du hast die politische Brisanz des Themas unterschätzt, möglicherweise auch meine Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit beim Recherchieren. Wie dem auch sei. Ich habe dafür Verständnis

Es gibt eine einzige Bedingung: Ich bekomme das volle Honorar ausbezahlt sowie 300 Euro Reisekosten.

Alles wird gut.

Metzger an Dicks, 18.11.2021, 14.51 Uhr

Hatte ich mich in etwas hineingesteigert? Jedenfalls war Joachim Dicks verdattert. Für ihn stand fest, dass wir die Sache durchziehen.

Für mich hieß das aber umgekehrt: Er steht ab jetzt voll hinter der Geschichte und verteidigt sie im Zweifelsfalle auch nach innen.

Zumal er sich – ungeachtet meiner gerade geäußerten Kritik – für das Stück ins Zeug legte. Er engagierte einen Regisseur, der einen besonderen Ruf in der Feature-Szene genießt: Nikolai von Koslowski.

Viel beschäftigt, aber von Joachim Dicks zum Mitmachen überredet.

Ein feiner Mensch, über den Folgendes bei Wikipedia steht:

Nikolai von Koslowski wuchs in Düsseldorf, Hannover und München auf.

Er studierte an der LMU München Kommunikationswissenschaften und begann parallel dazu in den frühen 1980er Jahren, für die Jugendfunkredaktion des Bayerischen Rundfunks „Zündfunk“ zu arbeiten.

Dort entwickelte er den für ihn später typischen Stil für Sprecherführung und Regie. Viele neue Konzepte des Zündfunks der 1980er Jahre gehen auf ihn zurück, unter anderem die Reihe „Blitzventil“.

Dabei fuhr der Journalist Lorenz Schröter mit dem Fahrrad um die Welt und schickte regelmäßig Tagebuchberichte auf Tonbandcassetten ins Funkhaus, die Koslowski dann radiophon aufbereitete.

Auch die erste Computersendung in der ARD, „Bit, byte, gebissen“ (BR 1983), war von Koslowskis Idee. Aus ihr entstand wenig später unter dem gleichen Titel ein wöchentliches Magazin über Computer für junge Hörer.

Nikolai von Koslowski (Wikipedia)

Ein echter Pionier, wie mir scheint, dazu mit Preisen überhäuft.

Nikolai von Koslowski las sich das Manuskript durch und machte einen phantasievollen Vorschlag: Er sagte, die Teile des Manuskripts, wo ich über meine persönliche Rolle in der Geschichte nachdenke, sollte ich frei ins Mikrofon sprechen, statt sie abzulesen.

Das gab dem Feature noch mal einen eigenen Rhythmus.

Am 30. November gegen 9:00 Uhr morgens traf ich im NDR Studio in der Hamburger Rothenbaumchaussee ein, um meine Passagen einzusprechen.

Es war ein nebeliger Wintertag, so wie ich ihn mag; oft sind diese Tage bedeutungsschwer und nachmittags isst man Lebkuchen.


Als ich am Tor ankam, stand ein Freak mit einem Plakat herum, auf dem sinngemäß stand: „Der NDR ist eine Fake-News-Schleuder.“ Ich war empört!

Ich freute mich auf das Zusammentreffen mit Dicks und von Koslowski. Nachdem alles fertig war, gingen wir raus und unterhielten uns ohne Maske.

Den beiden war klar, dass das Feature Wellen schlagen könnte. Nikolai von Koslowski sagte, Geheimdienste und ihr Bezug zu Terrorismus seien keine gern gesehenen Themen.

Wir phantasierten ein wenig: Wäre es vielleicht eine gute Idee, nach Ausstrahlung des Features zeitnah eine Talkrunde zu organisieren, wo einige Kontrahenten sich kritisch mit dem Inhalt auseinandersetzten?

Ich sagte, das wäre natürlich super für mich, woraufhin der Regisseur sagte: „Das wäre auch gut für den Sender.“

Was konnte er damit meinen?

Ich fragte nicht nach, aber ich denke es mir einfach: Es hätte gezeigt, dass der NDR bereit und in der Lage ist, kontroverse Themen anzugehen, ohne sich wegen eines möglichen Shitstorms gleich in die Hosen zu scheißen, wie es Mode geworden ist.

And so we parted.

Ein paar Tage später war die Produktion vollendet. Bevor ich mir das Stück anhören konnte, rief mich Joachim Dicks an, er war offensichtlich angetan.

„Das ist Deine Geschichte!“, sagte er. Auch die Musik, die ich rausgesucht hatte, gefiel ihm, es käme eine „gewisse Kuhlness“ rüber.

Spontan ging mir dieser Schnappschuss durch den Kopf:

„All we need is Radio Ga Ga, Radio Googoo, Radio Blabla…“

Wir plauderten ein wenig und waren uns einig, dass die Zusammenarbeit letztlich sehr fruchtbar war. Ich hatte viel Zeit aufgewendet, Joachim Dicks aber auch; er sagte, er würde das nicht bei jeder Geschichte machen.

Allerdings geschah schnell das, was er erwartet hatte: Es meldete sich ein anonymer Stinkstiefel, der seinen geistigen Schmutz auf der Seite von NDR Info hinterließ.

Sein Name war Roland und bereits am 9. Dezember, also drei Tage vor der Ursendung, schrieb er in die Kommentarspalte unter der Ankündigung meines Features:

Der Autor des NDR-Feature „Der Islamismus – Bin ich ein Verschwörungstheoretiker?“ hat auch einen Blogbeitrag über sein noch nicht veröffentlichtes Buch geschrieben. Zitat aus diesem Text:

„Menschen, die an die „heiligen Ereignisse“ 2001 und 2011 glauben, bezeichnen alle, die sie hinterfragen als „Verschwörungstheoretiker“, welche digital verbannt oder wenigstens korrigiert werden müssen (am besten von Correctiv).“ (Quelle: Blog von Albrecht Metzger)

Ich verbleibe in der Hoffnung, dass ihr kein Feature eines Autors veröffentlicht, dessen Halbwahrheiten und Verschwörungsmythen hinterher von den Faktencheckern u.a. von der Tagesschau und von Correctiv richtig gestellt werden müssen.

„Roland“ an den NDR, 9.12.2020, 23:01 Uhr

Ich war natürlich auf solche Kommentare vorbereitet und bereits in Kampfeslaune.

Eine wichtige Regel in der Online-Kommunikation lautet: Keinen Rückzieher machen, sondern nach vorne gehen. Wenn man dem Mob entgegenkommt und sich rechtfertigt, werden diese Leute erst richtig frech.

Also schrieb ich Roland eine Antwort und bedankte mich für seinen Kommentar. Ich bestätigte seine Befürchtungen und sagte, dass es demnächst auf meinem Blog richtig zu Sache gehen werde und zwar genau zu den Themen, die er so liebte.

Außerdem schrieb ich einen Beitrag für meinen Blog, wo ich Rolli und seine Verschwörungsinkontinenz erwähnte.

Der NDR gab meinen Kommentar nicht frei, aus mir unbekannten Gründen. Stattdessen stellten sie mein Feature am 10. Dezember online.

Ich konnte den Beitrag also endlich anhören:

Der Pressetext des NDR konzentrierte sich fast ganz auf den Fall Amri. Für mich aber war der Dschihad in Syrien mindestens genau so wichtig. In dem von mir formulierten Pressetext kam er deswegen selbstverständlich vor. Warum der NDR den Dschihad in Syrien ignorierte – und nicht nur an dieser Stelle – , hat einen wichtigen Grund, auf den ich später (24.1.2022) zurückkommen werde.

Nikolai von Koslowski schrieb mir am Abend eine nette Nachricht:

Lieber Albrecht,

ich hoffe, Du hast Dein Feature schon gehört.

Mich interessiert natürlich, wie es Dir gefällt. Bei allem ernst, finde ich es an einigen Stellen recht komisch, was ja auch mit der Thematisierung von Humor zu tun hat.

An einigen Stellen mussten wir kürzen. Bologna hat weh getan. Ansonsten hatte ich versucht in homeopathischen Dosen zu kürzen. Deine Sprecherpassagen fand ich gut gesprochen..

Du bist ein lustiger und intelligenter Typ. Das gefällt mir!

von Koslowski an Metzger, 10.12.2020, 18:59 Uhr

Meine Antwort, die ich an beide schickte:

Lieber Nikolai,

danke für deine E-Mail. Ich höre mir das Feature heute Abend gemeinsam mit einem Freund an, der es aus der Ferne mitbegleitet hat. Ich bin sehr gespannt!

Das mit dem Kürzen ist bedauerlich, aber es war abzusehen und ich habe alles in Eure Hände gegeben, also werde ich mich nicht beklagen.

Ich habe auch schon positives Feedback zur Musik bekommen, eine Frau sagte, sie war froh über die Musik, da hätte sie zwischendurch Luft holen können.

Das Feature weckt unterschiedliche Emotionen bei den Menschen, ein sehr alter Freund von mir musste weinen und sagte, vielleicht würden sich auch andere Menschen darin wieder finden mit ihren „Problemen“, bei Dir trat erstmal das „Komische“ in den Vordergrund.

Ich finde das gut, das zeigt die Vielschichtigkeit des Features. In jedem Fall finden die Leute die Sendung“komplex“, und auch das finde ich gut. Wenn so ein brisantes Thema „komplex“ rüber kommt, dann ist es eben das: komplex und nicht vereinfachend.

Das Einsprechen am Morgen in der Rothenbaumchaussee war für mich ein besonderer Moment, die ganze Szene hat mir gefallen, mit Dir, Joachim und den beiden Technikerinnen. Vielen Dank!

Es würde mich freuen, wenn sich noch einmal eine Zusammenarbeit ergäbe.

Metzger an von Koslowski und Dicks, 11.12.2020, 08:05 Uhr

Nun schaltete sich auch Joachim Dicks in die Konversation ein:

Lieber Albrecht,

dann bin ich sehr gespannt, wie Du es findest.

Die Erwartung bei einigen Kommentatoren auf unserer NDR-Feature-Seite sind jedenfalls groß; manche waren sogar ungeduldig, weil das Stück versehentlich erst einen Tag später online gestellt worden ist.

Seid beide herzlich gegrüßt

Dicks an Metzger und von Koslowski, 11.12.2020, 12:17 Uhr

Am Abend hörte ich mir das Feature gemeinsam mit zwei Freunden an. Sehr lustig ich fand ich, dass der Regisseur diese Passage mit bayerischer Blasmusik untermalt hatte:


Ich schrieb den beiden am nächsten Morgen:

Hab´s mir angehört.

Bin begeistert, gerade auch das Spielen mit der Musik. Kürzungen sind kein Problem für mich, der Stoff ist hart genug, das Bologna-Zitat hätte für endgültige Depression bei manchen Leuten sorgen können.

Mein Freund sagte, in Kollaboration sei ein Kunstwerk entstanden.

Metzger an von Koslowski und Dicks, 12.12.2020, 08:36 Uhr

Die Antwort des Regisseurs:

Ach, das freut mich!

Es ist wirklich ein sehr ungewöhnliches Stück Radio geworden!

Danke Dir, dass ich da mitmachen konnte.

Liebe Grüsse

Nikolai

von Koslowski an Metzger, 12.12.2020, 13:59 Uhr

Ich veröffentliche diese E-Mails ohne Genehmigung der beiden Kollegen, normalerweise wäre das moralisch fragwürdig.

Zum einen ist der Inhalt aber – zumindest aus meiner Sicht – durchweg positiv und in keiner Weise kompromittierend; zum anderen verfolge ich damit ein konkretes Ziel:

Ich möchte zeigen, wie erleichtert und froh ich war, dass alles reibungslos über die Bühne gegangen war, denn das Feature hatte Bedeutung für mich.

Ich wähnte den NDR – den ich logischerweise mit den Leuten gleichsetzte, mit denen ich zu tun hatte – auf meiner Seite.

Nur vier Stunden später wurde ich eines besseren belehrt. Der U-Turn des Senders kam wie aus heiterem Himmel. Bis heute weiß ich nicht, was in der Zwischenzeit passiert ist.

Gegen 18 Uhr rief mich ein Freund an und sagte, das Feature sei nicht mehr abrufbar. Ungläubig schaute ich auf die Webseite von NDR Info und fand das hier:

Hä?

Sofort schrieb ich den beiden eine E-Mail und bat um Aufklärung. Wenige Minuten später rief mich Joachim Dicks an und erzählte – offensichtlich selbst noch geschockt – was geschehen war:

Ihm sei vorgeworfen worden, die produzierte Fassung würde vom eingereichten Exposé abweichen, es hätte doch nicht um mich gehen sollen, sondern um den Fall Amri. Er hätte das vorher melden müssen.

So einen Schwachsinn hatte ich noch nie gehört!

Der NDR-Redakteur sagte, so etwas sei ihm auch noch nicht passiert, es sei aber richtig, dass er die Änderungen hätte melden müssen. Um mich offensichtlich zu beschwichtigen, sagte er, man könne aus neuen Situationen immer etwas lernen.

Ich sollte mich auf Veränderungen vorbereiten, möglicherweise müsste ich erneut ins Studio kommen, um neue Texte einzusprechen.

Ich war aber überhaupt nicht in Lernstimmung und nach monatelanger Arbeit in keiner Weise bereit, noch weiter an dem Stück rumzuwerkeln.


„Keine Angst, er will nur spielen!“ (Meistens jedenfalls…)

Für mich war ohnehin sofort klar: Es ging hier nicht um diese Lappalie, sie war nur vorgeschoben, weil ihnen auf die Schnelle nichts besseres eingefallen war.

Wegen eines „verfehlten“ Exposés sägt man nicht in letzter Sekunde ein Feature ab – schon gar nicht, wenn es die ganze Welt bereits hören konnte und der Download im Umlauf war!

Sowas ist richtig peinlich, warum sollte sich der NDR das antun?

Das Stück hatte alle regulären Prozesse durchlaufen: Die Feature-Redaktion war stets im Bilde gewesen und begleitete jeden Schritt, den ich tat, ich ging auf alle Veränderungswünsche ein. Zum Schluss gab der Justiziar sein Plazet und die Geschichte wurde veröffentlicht.

Es gab nichts mehr zu besprechen. Punkt.

Und überhaupt: Wann hätte denn das überarbeitete Feature gesendet werden sollen? Wir hatten Mitte Dezember, am 31. Dezember stellte NDR Info die Produktion solcher Stücke ein, mittlerweile gibt es nur noch Podcasts von weitaus geringerer Länge.

All das ist das Resultat von „Reformen“, die – so befürchten Mitarbeiterinnen des NDR – den Laden irgendwann obsolet machen werden. Ich werde darauf im letzten Teil dieser Serie ausführlich eingehen, er ist, wenn man so will, der traurigste von allen:

  • 31. Januar 2022

Der NDR als Symptom unserer Zeit – Ein Sender in Auflösung

***

Meine ganze aggressive Energie, die eigentlich für Armleuchter wie „Roland“ vorgesehen war, übertrug sich nun auf die Schisshasen vom NDR.

Ich sagte Joachim Dicks, ich werde die Sache auf allen Kanälen bekannt machen, und zwar rauf und runter.`

Eindringlich bat er mich, das zu unterlassen, es würde die Chancen mindern, das Stück noch zu retten.

So beendeten wir das Gespräch.

Als erstes kramte ich das Exposé hervor und las es mir durch. Dann schrieb ich Joachim Dicks eine Nachricht:

Lieber Joachim,  

im Anhang das Exposé vom November 2019. Es stimmt nicht, dass es von der jetzigen Geschichte signifikant abweicht. Die Begründung, das Feature müsse deswegen erneut geprüft werden, klingt für mich fadenscheinig.  

Ich möchte Dich bitten, diese E-Mail an diejenigen Personen weiterzuleiten, die auf diese merkwürdige Idee gekommen sind.  

Vielen Dank und viele Grüße

Albrecht

Metzger an Dicks, 12.12.2020, 18:53 Uhr

Eine halbe Stunde später schickte mir der Regisseur eine kurze Nachricht:

Bin gespannt, was der Justiziar dazu sagt, dass eine von ihm abgenommene Sendung noch gestoppt wird.

von Koslowski an Metzger, 12.12.2020, 19:27 Uhr

Meine Antwort:

Habe gerade mit Joachim telefoniert, hier ist die Begründung:

Das Exposé würde von der Sendung abweichen, das hätte Joachim den oberen Chargen mitteilen müssen (wer immer das ist..).

Das ist lächerlich!

Der NDR kriegt Druck von ganz oben, da bin ich mir sicher. Ich habe für so etwas ein gutes Gespür.

Wenn sie die Geschichte nicht senden, werde ich das rauf und runter bekannt machen (morgen wird sie jedenfalls nicht gesendet).

Anbei das Exposé vom 4. November 2019, mach dir selbst ein Bild.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Herzlich

Albrecht

Metzger and von Koslowski, 12.12.2020, 19:34 Uhr

Zwanzig Minuten später schrieb ich eine weitere Nachricht an den Redakteur:

Als weiteren Backup schicke ich Dir den Begleitbrief, den ich an alle Interviewpartner geschickt habe.

Dort steht, dass ich meine jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem Islamismus „reflektieren“ werde.

Ich möchte dich bitten, auch diese E-Mail plus Anhängen an die betreffenden Personen beim NDR weiterzuleiten.

Verbunden mit dieser Frage: Seit wann entwirft der NDR seine Geschichten am Reißbrett?

Ein Exposé ist ein Exposé, nicht die Geschichte. Es ist vollkommen klar, dass sich eine solch aufwändig recherchierte Geschichte im Laufe der Zeit entwickelt.

Hinzu kommt: Deine Intervention im September 2020 hat die Geschichte eigentlich erst zu dem gemacht, was sie ursprünglich sein sollte:

Eine persönliche Geschichte, in der ich meine Erfahrungen über das Thema reflektiere, gemeinsam mit meinem Freund, dem Verfassungsschützer Benno Köpfer.

In der ersten Fassung – die ich angehängt habe – war das gar nicht der Fall.

Insofern frage ich mich: Wo ist das Problem?

Metzger an Dicks, 12.12.2020, 19:57 Uhr

Ich bekam auf diese E-Mails keine Antwort, vielleicht weil es schon Abend war? Joachim Dicks hatte aber ohnehin die Angewohnheit, die meisten Dinge mündlich zu regeln.

Eine befreundete Redakteurin sagte mir, dieses Vorgehen sei wohl der Idee geschuldet, möglichst wenige schriftliche Dokumente zu hinterlassen, die später gegen einen selbst verwendet werden könnten. Auch das ein Resultat des digitalen Zeitalters.

Mag sein. Aber ob das in diesem Fall so klug war?

Jedenfalls blieb ich alleine mit meinen Überlegungen, wie ich weiter vorgehen sollte.

Als der nächste Tag angebrochen war, stand meine Entscheidung fest:

Attacke.


Dieser Autor scheint ein richtiges Arschloch zu sein. Aber so sind sie, die Strategen…
…ohne Skrupel, man kann viel von ihnen lernen und das Böse für das Gute einsetzen.

Wie die aussah, erfahrt Ihr in einer Woche:

  • 6. Dezember 2021

Neustart mit Rückblick, Teil 2 – Chronik eines Amoklaufs

***

Ihr werdet viel lernen über psychologische Kriegsführung – und damit sind wir mitten drin im Thema dieses Blogs.