Der Islamismus – Ein „verteufelter“ Freund des Westens (1)

…und ein Problem für die Pressefreiheit?

Für diejenigen, die neu auf diesem Blog sind: Ich habe im vergangenen Jahr ein Feature über Islamismus für NDR Info entworfen, recherchiert und geschrieben.

Es sollte am 13. Dezember 2020 gesendet werden.

Am 10. Dezember 2020 wurde das Audio online gestellt, am 12. Dezember wieder herunter genommen und die Sendung für den nächsten Tag gestrichen.

Mir wurde an jenem Abend – 17 Stunden vor Ausstrahlung der Ursendung – telefonisch mitgeteilt, der produzierte Beitrag entspreche nicht dem Exposé. Er sei sehr persönlich, es hätte doch vornehmlich um neue Erkenntnisse zum Fall Anis Amri gehen sollen. Ich sollte mich auf Veränderungern vorbereiten.

Dazu hatte ich aber keine Lust. Außerdem ist diese Behauptung falsch.

Das Exposé, das vom November 2019 stammt, kann man hier nachlesen und mit dem Manuskript abgleichen, das vom Justitiariat (also der Rechtsabteilung) ein Jahr später zur Produktion freigegeben wurde. Urteilt selbst.

Die Entstehung des Manuskripts ist eng von der Feature-Redaktion begleitet worden, ich habe sämtliche Änderungswünsche akzeptiert, obwohl sie zu einer Verwässerung des Inhaltes führten.

Es gibt nämlich eine erste Version des Manuskriptes vom September 2020, die deutlich schärfer ist, vor allem der Teil über Anis Amri.

Joachim Dicks, ein erfahrener Redakteur, der allein drei der renommierten ARD-Radiofeatures produziert hat, bat mich ausdrücklich um diese „Verwässerung“. Er sagte, man müsse bei solchen Themen „homöopathisch“ vorgehen und das Publikum nicht gleich schocken.

„Es ist wirklich ein sehr ungewöhnliches Stück Radio geworden!“

Das leuchtete mir ein. Auf seine Bitte hin machte ich weitere Interviews und arbeitete das Stück komplett um. Es steckt so viel Arbeit darin wie in keinem anderen journalistischen Werk, das ich je in den Computer gezaubert habe.

Auch der Regisseur Nikolai von Koslowski, ein preisgekrönter Mann, der einen Namen in der Szene hat, machte Veränderungsvorschläge und trug maßgeblich zum Gelingen bei. Nach der Produktion fragte er mich nach meiner Meinung.

Hier meine Antwort:

Bin begeistert, gerade auch das Spielen mit der Musik. Kürzungen sind kein Problem für mich, der Stoff ist hart genug, das Bologna-Zitat hätte für endgültige Depression bei manchen Leuten sorgen können.

Daraufhin schrieb Nikolai von Koslowski:

Ach, das freut mich!
Es ist wirklich ein sehr ungewöhnliches Stück Radio geworden!

Danke Dir, dass ich da mitmachen konnte.

Die Sender fürchten sich vor Falschinformationen…

Ich fand es absurd, dass der NDR plötzlich auf die Idee kam, die Qualität des Features in Frage zu stellen und es überarbeiten zu wollen – 17 Stunden vor der seit Wochen angekündigten Ausstrahlung!

Später erfuhr ich von Kontakten aus dem NDR den angeblichen Auslöser für dieses Theater: Ein Mann names „Roland“ hatte am 9. Dezember 2020 einen Kommentar unter das angekündigte Feature geschrieben, dessen Inhalt er noch gar nicht kennen konnte.

Er warf mir vor, ich würde „Halbwahrheiten“ und „Verschwörungsmythen“ verbreiten und bezog sich auf meinen Blog. Er hoffte, der NDR würde so etwas nicht senden.

Wegen dieses anonymen Schreiberlings sei Verantwortlichen in höherer Ebene die Angst in die Glieder gefahren, so meine NDR-Kontakte weiter. Derzeit fürchteten sich alle davor, etwas Falsches zu machen, kein Medium wolle sich dem Vorwurf aussetzen, „Fakenews“ zu verbreiten.

Sollte das wirklich stimmen, ist das ein Armutszeugnis für diesen einst stolzen Sender. Er vertraut seinen eigenen, preisgekrönten Mitarbeitern nicht mehr!

Für mich war jedenfalls klar: Das Feature sollte abgesägt werden, das Angebot zur Überarbeitung schien mir vorgeschoben.

Mag sein, dass ich mich getäuscht habe, jedenfalls begann ich am Sonntag, den 13. Dezember 2020, scharf gegen den NDR zu schießen – auf allen Kanälen, die mir zur Verfügung standen. Ich stellte die Vermutung in den Raum, der BND hätte interveniert, was aber nicht wirklich ernst gemeint war.

Nicht alles ist seriös, was ich in den vergangenen Jahren in sozialen Medien fabriziert habe, das gebe ich unumwunden zu…

(Update 21. März 2021: Das meiste, was ich auf diesem Blog zu dem Fall geschrieben habe, habe ich mittlerweile vom Netz genommen und mich ausdrücklich bei allen Beteiligten entschuldigt.)

Ich stehe dazu, es war meiner Enttäuschung und meiner Empörung geschuldet.

Das Feature war sehr wichtig für mich, eine Gelegenheit wie diese, sensible Themen halbwegs offen zu diskutieren, bietet sich selten in deutschen Qualitätsmedien. Alle haben Angst, etwas falsch zu machen und von Leuten wie „Roland“ ermahnt zu werden…

Der NDR erklärte sich dann vor Weihnachten bereit, mir kurzzeitig die Rechte an dem produzierten Feature zu geben. Das heißt: Ich kann es bis zum 18. Januar hier online stellen, als Audiostream und ohne die Möglichkeit, es herunterzuladen.

Das ist der Kompromiss, den wir gefunden haben. Am 19. Januar werde ich den Audiostream löschen.

Ich bedanke mich bei allen, die mich moralisch unterstützt haben.